Porträt Xi Chuan (西川)

Xi Chuan
Xi Chuan | © Xi Chuan

Xi Chuan, einer der wichtigsten Lyriker im heutigen China, ist Kurator der Plakataktion Poesie in die Stadt während der Sommermonate 2009. Wenn er könnte, würde er gern einen Tag mit dem Dichter Hölderlin tauschen.

Xi Chuan (eigtl. Liu Jun, 刘军) wurde 1963 in Xuzhou in der Provinz Jiangsu geboren, 1985 machte er seinen Abschluss in Englischer Literatur an der Peking Universität. Heute gilt er als einer der wichtigsten Lyriker in China. Xi Chuan war u.a. Gastprofessor an der New York University und an der University of Victoria in Kanada, zur Zeit unterrichtet er Klassische Chinesische Literatur an der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Peking. Zusammen mit dem Lyriker Tang Xiaodu (唐晓渡) gibt er das Magazin Contemporary International Poetry heraus.

Schon während seiner Studentenzeit schrieb Xi Chuan Gedichte und gründete ein Lyrikmagazin. Seine bekanntesten Werke sind die Lyrikbände Der erfundene Stammbaum, Das ist gemeint, Gedichte von Xi Chuan, Private Vorlieben, der Essayband Schlendern und Plaudern: Die Indienreise eines Chinesen. Außerdem hat Xi Chuan Arbeiten von Czeslaw Milosz und Jorge Luis Borges ins Chinesische übertragen.

Xi Chuans Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, u.a. ins Englische, Französische, Deutsche und Italienische. Er erhielt verschiedene Preise, darunter den Lu Xun-Literaturpreis, und Stipendien ausländischer Organisationen wie der US-amerikanischen Freeman Foundation. 2004 und 2008 war Xi Chuan Gast beim Internationalen Literaturfestival in Berlin und im April 2009 bei der Leipziger Buchmesse. Für den deutschen Sinologen Wolfgang Kubin ist Xi Chuan ein „sehr bemerkenswerter und herausragender Dichter“.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich bin gerade aus Deutschland zurückgekommen, wo ich mit der Plakataktion Poesie in die Stadt beschäftigt war. In diesem Jahr ist China der Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse, der Verbund deutschsprachiger Literaturhäuser verbreitet in diesem Sommer in 11 Städten auf Plakaten und Citylight-Postern chinesische Gedichte. Bis Ende August werden in diesen Städten überall auf den Straßen, in U-Bahnhöfen, an Haltestellen, auf Bussen und vor Kirchen chinesische Gedichte präsentiert.

Ich bin der Kurator dieser Plakataktion und ich finde, dass wir früher vor allem Symbole der alten chinesischen Kultur ins Ausland gebracht haben, und das gegenwärtige China dabei zu kurz kam. So wurde den Menschen der Eindruck vermittelt, dass China ein altes China sei. Doch wie das heutige China ist, wie das heutige China denkt und wo es seine Kreativität entfaltet, das weiß die Welt nicht. Deshalb habe ich dieses Mal zehn posthermetische Lyriker ausgewählt, nämlich Chang Yao (昌耀) , Ouyang Jianghe (欧阳江河), Yu Jian ( 于坚), Han Dong (韩东), Yin Lichuan (尹丽川), Yan Jun (颜俊), Zhai Yongming (翟永明), Hai Zi (海子), Chen Dongdong (陈东东) und Xiao Kaiyu (萧开遇). Abgesehen davon, dass Werke der ersten sechs genannten Dichter auf den Plakaten präsentiert werden, werden Gedichte von allen zehn Lyrikern zur Buchmesse als Hörbuch erscheinen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Das erste Mal war ich im Jahr 2000 in Deutschland, denn 1999 habe ich an einem internationalen Essay-Wettbewerb teilgenommen, der von der deutschen Zeitschrift Lettre International und der Weimar 1999 - Kulturstadt Europas in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut ausgeschrieben worden war. Mein Aufsatz erhielt als einer der zehn besten Beiträge einen Preis, und man lud mich dann zu einem dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland ein. Ich war in einem kleinen Ort in den neuen Bundesländer südlich von Berlin, Wiepersdorf heißt der Ort, dort liegt das Schloss Wiepersdorf, in dem ich auch gewohnt habe. Auf den früheren 5-D-Mark-Scheinen war dieses Schloss abgebildet. Seitdem hatte ich immer wieder Gelegenheit nach Deutschland zu fahren und war inzwischen schon neun oder zehn Mal dort.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Die Deutschen sind bei der Arbeit äußerst gewissenhaft. Meine deutschen Kollegen bei der Plakataktion Poesie in die Stadt schicken mir ständig wegen Kleinigkeiten E-Mails oder rufen mich an. Sie haben mich mit ihren Telefonaten sogar bis in die Wüste nach Dunhuang verfolgt. Aber letztlich beeinflusst das mein Schaffen nicht allzu sehr, ich arbeite selbst eigentlich sehr gewissenhaft, und wenn ich Leute treffe, die noch gewissenhafter als ich sind, dann schätze ich ihren Einsatz sehr.

Auch mein Leben wurde nicht sehr stark beeinflusst. Wenn ich so um die Zwanzig wäre, wäre das vielleicht anders, aber ich bin bereits über 40 Jahre und fest verwurzelt. Ich schätze die Deutschen lediglich sehr.

Besonders schätze ich die Einstellung der Deutschen zur Literatur. In China treffe ich immer nur auf eine gleichgültige oder zynische Einstellung zur Literatur, wohingegen die Deutschen wirklich ernsthaft über literarische Fragen diskutieren. Besonders interessant finde ich, dass manch einer, wenn er zu viel getrunken hat, noch eifriger diskutiert und obwohl er anfängt, Schwachsinn zu reden, spricht er doch die tatsächlichen Probleme an.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Von einem schönsten Erlebnis kann man nicht reden, ich war ja dort nie verliebt. Im Jahr 2000 war ich bei der „Love Parade“ dabei, das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Während der Parade veränderte Berlin mit einem Schlag sein Aussehen, der so saubere Park war vollgemüllt und total überfüllt. 1,3 Millionen Menschen drängten sich auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor, das war wirklich sehr spannend. Aber kaum war die Veranstaltung zu Ende, war Berlin auch schon wieder sauber, und das ist etwas, wo die Deutschen ganz eigen sind, die Spuren vom Vortag werden sofort beseitigt, der Abfall wird sogar in der Nacht noch weggeräumt. Das hat mich sehr beeindruckt.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Ich wäre in Deutschland beinahe ums Leben gekommen, und das wegen eines Neonazis. Ich fuhr von dem Künstlerhaus Wiepersdorf, in dem ich wohnte, mit dem Fahrrad zu einem anderen kleinen Ort, rechts und links der Straße war nur Wald und ich war weit und breit der einzige Mensch. Da kam von hinten ein Auto und überholte mich während ich weiter am Straßenrand radelte. Eigentlich hätte es in der Mitte der Straße fahren müssen, doch es fuhr so dicht an mir vorbei, dass der Rückspiegel an mein Bein stieß und dadurch meine am Lenker hängende Tasche mit dem Bund Eisenschlüssel vom Wiepersdorfer Schloss gegen den Spiegel schlug und ihn zerbrach. Normalerweise müsste der Fahrer in so einer Situation anhalten, aber er raste davon, und ich lag auf der Straße. Ich fuhr dann in die Richtung, in die das Auto gefahren war, in den nächsten Ort und hielt dort nach einem Auto mit kaputtem Rückspiegel Ausschau. Ich habe ziemlich lange aber erfolglos gesucht. Wahrscheinlich ist der Fahrer durch diesen Ort gleich weiter woandershin gefahren. Als ich wieder Zuhause war, sagte mir ein deutscher Schriftsteller, der auch in dem Schloss wohnte, dass ich auf einen Neonazi gestoßen sei.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Deutsche Wurst ist sehr gut, besonders die aus Bayern. Von den anderen Speisen kenne ich zum großen Teil die Namen nicht.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Ich finde, die deutsche Sprache ist typisch Deutsch. Ich verstehe zwar kein Deutsch, aber wenn ich sie Deutsch sprechen höre, dann finde ich, dass sie in sich das Gute und das Schlechte von Deutschland birgt. Außerdem empfinde ich auch eine große Neugierde für die deutsche Sprache, wie sie es geschafft hat, so viele Philosophen, Dichter und Romanautoren hervorzubringen.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Für mich sind das zunächst einmal die deutschen Dichter, z.B. so jemand wie Goethe. Man muss Gedichte und Romane nicht so schreiben wie Goethe, und man kann auch sagen, dass seine Art zu schreiben überholt sei, aber jene gewisse schöpferische Kraft, Tiefe und Fülle, die Goethe einem Dichter verleihen kann – selbst, wenn man nicht solch ein Dichter ist, so kann man sich doch fragen, ob man an die Kraft Goethes heranreicht; die muss ich einfach bewundern.

Selbstverständlich hat Deutschland nicht nur Goethe hervorgebracht, sondern auch sehr viele andere gute Dichter wie z.B. Hölderlin und Paul Celan, und es ist ja auch so, dass wir sehr viele deutsche Gedichte ins Chinesische übersetzt haben. Wohingegen die Deutschen noch sehr wenig über die chinesische Dichtung wissen.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit Hölderlin. Ich habe den Turm am Fluss, in dem Hölderlin in Tübingen gelebt hat, besucht. Es heißt ja, dass Hölderlin zu jener Zeit schon wahnsinnig gewesen sei und ich würde gerne einmal wissen, welches Durcheinander in dieser Zeit in seinem Kopf herrschte.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Hochachtung der Deutschen vor der Kultur. Ich bin der Meinung, dass man in China zurzeit zu pragmatisch ist und dass dieses Land zwar einen gewissen Respekt für populäre Kultur aufbringt, aber keinerlei Respekt vor wahrer Kultur hat. China ist eine Großmacht, und das alte China hat eine ganze Reihe von Wertvorstellungen hervorgebracht, doch heute fehlt es an echtem Respekt für Kultur, und das halte ich für ein sehr großes Problem.