Porträt Yu Hua (余华)

Yu Hua
Yu Hua | © Yu Hua

Der Autor der Romane Brüder und Leben würde aus Deutschland gerne die deutliche Trennung von Beruf und Privatleben nach China übernehmen.

Yu Hua wurde 1960 in Hangzhou in der Provinz Zhejiang geboren. Sein Vater war Arzt und er wuchs somit im Umfeld eines Krankenhauses auf. Bevor er anfing zu schreiben, arbeitete Yu Hua fünf Jahre in einer Kreisstadt als Zahnarzt. Dazu sagte er einmal, dass die Mundhöhle ein Ort ohne jede Aussicht sei, und da er gerne mehr von der großen und bunten Welt habe sehen wollen, habe er zu schreiben begonnen. Mit dem Erscheinen seines Romans Leben wurde er mit einem Schlag bekannt und avancierte zu einem der einflussreichsten Schriftsteller in China. 1994 wurde dieser Roman von Zhang Yimou (张艺谋) unter dem gleichen Titel verfilmt. Einige Leute bezeichnen seinen Stil als grausam und brutal, was vielleicht mit seinen Erfahrungen in der Kindheit zusammenhängt. Das Urteil der chinesischen Kritiker über sein Buch Brüder fiel sehr kontrovers aus. Doch Yu Hua lässt sich davon nicht beirren und ist davon überzeugt, dass beim Schreiben nur eines zählt: beharrlich weiterschreiben und sich nicht von anderen Leuten beeinflussen lassen. Trotz der Kritik erzielte Brüder einen Auflagenrekord von einer Million Exemplaren.

Yu Hua ist auch einer der international am meisten beachteten chinesischen Schriftsteller. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. 1996 lernte Yu Hua in Peking den Sinologen Ulrich Kautz kennen, der seitdem seine Werke ins Deutsche übersetzt und mit ihm zusammen auf Lesereise geht. Im August 2009 erschien Brüder im Fischer Verlag. Yu Huas Romane Leben und Der Mann, der sein Blut verkaufte sind bereits seit 1998 und 2000 in Deutschland auf dem Markt. Im Oktober 2009 wird Yu Hua als Mitglied der chinesischen Schriftstellerdelegation zur Frankfurter Buchmesse reisen und an verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

In letzter Zeit bin ich mit einem kleinen Büchlein beschäftigt, ungefähr 200 Seiten. Anhand von zehn verschiedenen chinesischen Begriffen beschreibe ich die Veränderungen im modernen China und all das, was hier vor sich geht. Die Stichworte sind z.B. Volk, Fälschung, Unterschied ... . Ein Teil der Aufsätze ist bereits ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt und in ausländischen Zeitungen veröffentlicht worden. Die Welt bereitet auch gerade einen Abdruck vor. Und vom 26. September bis zum 2. Oktober werde ich für die französische Liberation in einer Kolumne Tagebuch schreiben. Danach werde ich auf der Frankfurter Buchmesse sein und anschließend noch eine Lesereise dranhängen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Das erste Mal war ich im Jahr 2000 in Deutschland. Damals war mein deutscher Verlag noch Klett & Cotta und nicht der Fischer Verlag, bei dem ich jetzt veröffentliche. Sie hatten mich zu einer Lesereise eingeladen und ich fuhr mit Ulrich Kautz in sieben Städte. Das war sehr interessant damals. Besonders die Zugfahrten. Ich finde, Zugfahren ist in Deutschland eine wunderbare Sache, man kommt durch viele sehr schöne Orte. Seitdem bin ich häufig in Deutschland gewesen.

Aber der erste Deutsche, den ich kennengelernt habe, war der Leiter des Goethe Instituts, Michael Kahn-Ackermann. Damals nahm ein Freund mich zu ihm nachhause mit, ich empfand seine Wohnung als sehr groß und luxuriös, heute sind solche Wohnungen in China schon nichts Besonderes mehr.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Die deutsche Chinaforschung ist in Europa führend und an vielen guten Universitäten gibt es Sinologielehrstühle. In den 80er Jahren hat sich besonders Deutschland dabei hervorgetan, chinesische Literatur in Europa bekannt zu machen. Doch nach der Sache mit dem 4. Juni 1989 waren viele Verlage nicht mehr bereit, chinesische Bücher zu verlegen und nur sehr wenige junge Deutsche wollten Chinesisch lernen. Der Sinologieprofessor Wolfgang Kubin hat mir erzählt, wie schwer es damals war, Studenten für das Fach Sinologie zu gewinnen. Auch in Frankreich und Italien waren negative Auswirkungen des 4. Juni zu spüren, doch wurde in diesen Ländern weiterhin viel chinesische Literatur veröffentlicht. In Deutschland hat man dagegen erst Mitte der 90er Jahre wieder begonnen, chinesische Literatur herauszugeben und das auch nicht in großen Mengen. Das Interesse der deutschen Leser an chinesischer Literatur ist nicht sehr groß. Wenn in Deutschland chinesische Romane herauskommen, dann interessieren sich dafür nur Sinologen, Studenten, die Chinesisch lernen und eine kleine Zahl an China interessierter Leser. Ich finde, dass das nicht genug ist, doch der Weg dahin, dass auch Literarturliebhaber chinesische Werke lesen, ist noch weit. Das liegt nicht an den Lesern, sondern an den Verlagen, die kein Vertrauen in chinesische Werke haben. Auf meine ganz persönliche Arbeit und mein Leben hat dies allerdings keinerlei Einfluss. Für einen Schriftsteller ist die wichtigste Sprache immer die Muttersprache, mich beeinflussen höchstens die chinesischen Leser.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Die Woche, die ich im Jahr 2006 zusammen mit meiner Frau in München verbracht habe.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Ein Mal bin ich mit dem falschen Zug gefahren. Der Chinese, der mir die Zugfahrkarte besorgt hatte, war nicht besonders gewissenhaft. Ich hatte ihn gefragt, ob ich umsteigen müsse und er hatte mir geantwortet, dass es nicht nötig sei. Ich machte mir also keine weiteren Gedanken. Ich stieg in den Zug und als ich merkte, dass ich im falschen Zug saß, war es schon 13 oder 14 Uhr. Gegen Abend kam ich dann nach mehrmaligem Umsteigen schließlich mit vier, fünf Stunden Verspätung doch noch an meinem Zielort an. Ich kann ja kein Englisch, doch zum Glück hatte ich ein Handy und konnte mich so mit demjenigen, der mich abholte, abstimmen.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Eisbein. Das habe ich zum ersten Mal im Jahr 2000 gegessen, Herr Kautz hatte es für mich bestellt.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Ich würde sagen Berlin. Denn man nimmt den Osten und den Westen Deutschlands ganz unterschiedlich wahr und Berlin hat von beidem etwas, sowohl von Ostdeutschland als auch von Westdeutschland.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Natürlich die Musik, die deutsche klassische Musik ist herausragend. Johann Sebastian Bach, der Komponist, den ich am meisten liebe, ist Deutscher.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Eigentlich würde ich gern mit jemanden tauschen, der nicht berühmt ist, um das ganz normale deutsche Leben kennenzulernen. Egal, welcher Beruf, es könnte auch ein Häftling sein, es wäre ja nur für einen Tag.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Deutschen trennen zwischen Privat- und Berufsleben. Wenn z.B. ein Verleger und ein Schriftsteller sehr gut befreundet sind, muss der Verleger nicht unbedingt die Bücher des Schriftstellers herausgeben und auch der Schriftsteller muss sein Werk nicht in diesem Verlag veröffentlichen. Das beeinträchtigt in keiner Weise die Beziehung der beiden. In China ist das nicht möglich. Chinesen vermengen Freundschaft und Arbeit und das ist etwas, was ich für falsch halte. Für einen chinesischen Schriftsteller ist es deshalb viel einfacher in Deutschland Beachtung zu finden als für einen deutschen Schriftsteller in China, denn in vielen wichtigen deutschen Printmedien gibt es Buchrezensionen. Sie nehmen viel Platz ein und haben großen Einfluss auf die Leser, denn die Kritiker müssen beim Verfassen ihrer Rezensionen auf die Zeitung, die Leser und auf ihren eigenen Ruf Rücksicht nehmen. In China werden Buchkritiken entweder als erkauft oder als Freundschaftsdienst angezweifelt. Aus diesem Grund trauen die Leser den Rezensionen nicht, in China gibt es auch fast keine Rubriken für Buchbesprechungen. Deshalb finde ich, dass die Trennung zwischen Privat- und Berufsleben eine sehr gute Sache in Deutschland und in der westlichen Welt ist, von der wir lernen können.