Porträt Yuan Shun (袁顺)

Yuan Shun
Yuan Shun | © Yuan Shun

Der Künstler Yuan Shun (袁顺) lebte viele Jahre in Berlin und erhielt 2001 als „Berliner“ bildender Künstler das Istanbul-Stipendium des Berliner Senats. 2009 sind seine Werke daher u.a. in der Gruppenausstellung Die Berliner Istanbul Stipendiaten 1998-2009 zu sehen.

Yuan Shun wurde 1961 in Shanghai geboren. Sein künstlerisches Talent wurde schon früh entdeckt, so dass bereits 1973 ein Werk des 12-Jährigen an einer Ausstellung in Osaka, der japanischen Partnerstadt Shanghais, teilnahm. Von 1979 bis 1983 studierte Yuan Shun traditionelle chinesische Malerei am Fine Art College der Volksbefreiungsarmee in Peking, wo er neben der künstlerischen auch eine militärische Ausbildung erhielt. Von 1991 bis 1994 lebte Yuan Shun in Polen, von wo er regelmäßig nach Berlin fuhr, um sich von der brodelnden Kulturszene der Nach-Wende-Zeit inspirieren zu lassen. 1994 erfolgte der Umzug nach Berlin. Seit 2005 lebt Yuan wieder in Peking. Er arbeitet in einem Atelier in der Nähe des 798 Kunstareals, zeitweise zusammen mit der Berliner Künstlerin Jutta Bobbe.

Yuan Shuns Werke umfassen Fotografie, Installationen, Video und Performance, seine Ausbildung in traditioneller chinesischer Malerei, aber auch seine Erfahrungen bei der Armee spielen dabei in seinen Werken eine große Rolle. Viele seiner Arbeiten kreisen um die Themen Landschaft, Stadt und Architektur, so kreiert er zum Beispiel Modelle von Landschaften, Mischungen aus Natur, Spuren menschlicher Eingriffe und surrealer Elemente und fotografiert sie oder baut sie in Videoinstallationen ein. 2009 werden Yuan Shuns Werke im Rahmen der 20-jährigen Städtepartnerschaft Berlin-Istanbul u.a. in diesen beiden Städten zu sehen sein.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Derzeit bereite ich einige Ausstellungen im Ausland vor: Von März bis April findet in Istanbul eine Gruppenausstellung statt, daran nehmen Künstler teil, die in den letzten 20 Jahren das Istanbul-Stipendium der Kulturverwaltung des Berliner Senats erhalten haben. Ich bin als einer der Berliner Künstler dabei. Außerdem arbeite ich an Projekten für die Gruppenausstellung Beijing Map Games in Terni in der Nähe von Rom sowie für die Venedig Biennale im Juni. Im September steht eine Ausstellung für zeitgenössische chinesische Kunst in Brüssel an. Im Herbst wird dann die anfangs erwähnte Ausstellung von Istanbul in Berlin zu sehen sein.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Als ich ungefähr 14 Jahre alt war, hat mir mein Lehrer einen Bildband von Adolf Menzel geliehen. Adolf Menzel wurde daraufhin zu meinem Lieblingsmaler, ich kopierte fast alle Skizzen aus dem Buch, ja sogar Skizzen von Knien und Füssen. Es war als würde ich gemeinsam mit Adolf Menzel auf Reisen gehen. Als ich später in der Alten Nationalgalerie in Berlin alle Originale sah, war das ein Gefühl großer Vertrautheit!

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Die Gründlichkeit in der Denkweise der Deutschen, die deutsche Philosophie und die Logik haben mich sehr beeinflusst. Bevor ich nach Deutschland ging, war meine Denk- und Lebensweise eher zerstreut und chaotisch. Nachdem ich nach Deutschland gekommen war, veränderte sich meine Arbeits- und Lebensweise, ich arbeitete planvoller, logischer und strukturierter. Gleichzeitig begann ich auch Chinas Traditionen aufs Neue zu entdecken, z.B. die Philosophie des Laozi oder Sunzis Kunst der Kriegsführung.

Allerdings standen die traditionellen chinesischen Kunstformen während meiner Zeit in Berlin nicht im Mittelpunkt meines Interesses. Im Gegenteil, ich ging damals förmlich auf in moderner Kunst mit Installationen und Performances. Mit Kalligraphie und Tuschemalerei beschäftigte ich mich erstmal nicht mehr. Wenn ich in Deutschland Kalligraphie unterrichtete, kam es öfters vor, dass Deutsche die von meinen Schülern geschriebenen Zeichen schöner fanden als meine eigenen...

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Zu den schönsten Erlebnissen zählen die Stipendien, die ich erhalten habe. Insgesamt waren es vier Stipendien, zwei des Künstlerhauses Worpswede, eines vom Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf bei Berlin und im Jahr 2001 das Künstlerstipendium der Berliner Kulturverwaltung für Istanbul.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

In Deutschland war ich auf der Beerdigung eines sehr guten Freundes, außerdem wurde ich in Deutschland geschieden. Aber ein etwas konkreteres unerfreuliches Erlebnis hatte ich, als ich aufgrund eines Missverständnisses von der Polizei festgenommen und einige Stunden auf der Polizeiwache festgehalten wurde. Ich wollte damals an einem Bahnhof in Ostberlin Fahrkarten zurückgeben, mit dem Ergebnis, dass mich der Fahrkartenverkäufer für einen vietnamesischen Fahrkarten-Schwarzhändler hielt und die Polizei rief.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Ich liebe deutsche Knödel, Sauerkraut und Schweinshaxe und dazu Bier.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Diese Frage möchte ich mit den Worten Bertolt Brechts beantworten, „Nothing but grey“. Das soll aber nicht heißen, dass Grau keine gute Farbe ist. Zum Beispiel fuhr ich damals von Polen nach Berlin, um eine Einzelausstellung von Anselm Kiefer anzuschauen. Er hat besonders gut mit Grau gearbeitet. Genauso Joseph Beuys, er hat aus grauem Filz Uniformen und anderes gestaltet. Außerdem habe ich in einer Ausstellung im Deutsche Guggenheim Berlin Werke von Gerhard Richter gesehen. Eines davon besteht aus acht grauen Flächen und sieht wirklich klasse aus. Grau besitzt für mich eine Qualität des Ewigen und Beständigen.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich denke die deutsche Oper. Zwar kann ich Opern nur schlecht verstehen, da die gesungenen Texte schwer verständlich sind, aber sie gefallen mir und ich habe schon viele Opern gesehen, manchmal mehr als drei Aufführungen im Monat. Wagner und Nietzsche stehen in derselben Tradition. Die deutsche Opern-Musik ist sehr anregend für Geist und Seele, sogar in den Kostümen und im Bühnenbild liegt eine sehr große Ausdruckskraft.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit Goethe. Als ich seinen ehemaligen Wohnsitz in Weimar besuchte, zeigte mir ein Angestellter ein kleines Loch in einer Holztür. Angeblich beobachtete Goethe durch dieses kleine Loch jeden Tag eine junge Frau im Fenster gegenüber. Damals war er schon über 80 Jahre alt. Ich hätte zu gern sein ewig jugendliches Gemüt und möchte gerne für einen Tag dieses so romantische Leben genießen... Ich habe auch Briefe gesehen, die Goethe geschrieben hat. Dabei konnte ich mir lebhaft vorstellen, wie draußen eine Pferdekutsche vorfährt, Goethe eine Gänsefeder in die Tinte taucht und einen Liebesbrief zu schreiben beginnt. Erstaunt stellte ich fest, dass es auch in Deutschland Kalligraphie gibt und zwar ganz wunderschöne!

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Gewissenhaftigkeit und das Umweltbewusstsein.