Porträt Zhang Youdai (张有待)

Zhang Youdai
Zhang Youdai | © Zhang Youdai

Zhang Youdai ist einer der ersten DJs Chinas. Zusammen mit dem Goethe-Institut stellt er zur Zeit deutsche Elektronikmusik in China vor. An Deutschland liebt er vor allem Berlin, weil es ihn an das Peking seiner Kindheit erinnert.

Zhang Youdai studierte Dramaturgie an der „Central Academy Of Drama“, seinen Abschluss machte er 1991. Schon als Student erhielt er wegen seines Faibles für Musik den Spitznamen „der mit der Kassette“, ein Wortspiel auf seinen Namen „Youdai“. 1993 fing er als Disk Jockey beim Beijing Music Radio an – somit ist Zhang Youdai ein Vorreiter der DJ-Kultur in China. Seine Leidenschaft gilt vor allem der Verbreitung von Rock-, Jazz- und Elektronikmusik in China. Heute moderiert er die Sendungen Mein Leben mit Musik beim Beijing Music Radio sowie All that Jazz und Beat Generation beim Sender Easy FM und legt an den Wochenenden im Pekinger Club Suzie Wong auf.

2006 und 2007 reiste Zhang Youdai nach Deutschland und nahm dort an der Love Parade und am Popkomm Musikfestival teil. Seit 2008 arbeitet er zusammen mit dem Goethe-Institut Peking an der Veranstaltungsreihe für „Elektronische Musik“. In dieser Zeit führte er viele Gespräche mit Musikern und Bands aus Deutschland, darunter Manuel Gerres, Carsten Jost, Jazzanova, u.a. Außerdem interviewte er zahlreiche DJs in Deutschland.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Derzeit bin ich zusammen mit dem Goethe-Institut vor allem mit der Veranstaltungsreihe „Elektronische Musik“ beschäftigt. Daran arbeite ich bereits seit einem Jahr. Jetzt soll dieses Projekt zu einem Abschluss gebracht werden. Wir wollen die während der Veranstaltungen im letzten Jahr geführten Interviews sowie die Interviews, die ich in Deutschland geführt habe, ordnen und als Buch herausgeben. Das Buch soll 2009 beim Sanlian-Verlag erscheinen. Ein derartiges Buch gibt es auf dem chinesischen Markt bisher noch nicht.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Der erste Deutsche, den ich vor langer Zeit kennen lernte, war Udo Hoffmann. Er ist der bekannteste Deutsche in der chinesischen Musikszene. Udo begann schon vor 20 Jahren in Peking Partys zu organisieren und ist mit Pekinger Musikern bestens bekannt. Früher habe ich ihn oft zu Hause besucht und mir seine Schallplatten angehört. Als er begann, ein Jazzmusikfestival zu organisieren, half ich ihm dabei, später folgte dann das „Ritan-Musikfestival“. Meine ersten Verbindungen nach Deutschland hatte ich durch Udo. Als ich später mit Elektromusik in Berührung kam, nahmen meine Kontakte nach Deutschland zu und ich lernte mehr und mehr deutsche Musiker und DJs kennen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ganz besonders hat mich Berlin beeinflusst, ich mag diese Stadt sehr. Berlin ist dem Peking meiner Kindheit sehr ähnlich, besonders Ostberlin, da ist alles ist so weitläufig und nicht so gedrängt wie das heutige Peking. Der Lebensrhythmus in Peking ist heutzutage extrem schnell, und die Menschen werden sich untereinander immer fremder. Anders in Berlin, dort habe ich ein Gefühl wie im Peking der 80er Jahre – sehr relaxed, die Menschen sind sehr ungezwungen und es gibt eine dichte künstlerische Atmosphäre. Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich dieses Gefühl bereits hinter mir gelassen und keine Ahnung, ob ich es jemals wiederfinden würde. Als ich nach Berlin kam, stellte ich fest, dass es in dieser Welt doch noch einen solchen Ort gibt. Deshalb hoffe ich, jedes Jahr zumindest einmal nach Berlin reisen zu können, um dieses Gefühl zu empfinden. Das ist dann so, als würde ich es im Kühlschrank aufbewahren, nach sechs Monaten einmal herausnehmen, daran schnuppern und es dann wieder zurücklegen. Wäre ich nicht nach Berlin gekommen, hätte ich dieses Gefühl wohl niemals wieder finden können. Das wäre sehr schade gewesen.

Beruflich habe ich viel mit Deutschland zu tun. Immer mehr Musik, die ich meinen Hörern vorstelle, kommt aus Deutschland. Ich mag deutsche Labels, wie z.B. Get Physical, sehr, von ihnen habe ich viel Material und Tipps erhalten. Z.B. brachte ich von meiner letzten 10-tägigen Deutschlandreise eine Menge Platten mit, einige habe ich selbst gekauft, einige von Labelfirmen erhalten. Den Koffer gibt es noch, sozusagen meine „Deutsche Schatztruhe“. Bis heute habe ich das ganze Musikmaterial noch nicht komplett durchforstet, ich denke, ich kann daraus noch lange neue Musik für meine Hörer entdecken.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Da gab es einen besonders interessanten Zufall: In Berlin wollte ich einen sehr berühmten DJ interviewen. Vor der Abreise rief ich deshalb aus Peking seinen Manager an, der sagte mir, dass der DJ in Amsterdam an einem Musikfestival teilnehmen würde und keine Zeit habe. Vor meiner Unterkunft in Berlin war eine große U-Bahnstation. Am Wochenende hatte ich mich um 22 Uhr mit einem Freund verabredet, um in einen Club zu gehen. Als ich aus dem Hotel herauskam, drängten sich vor eben dieser U-Bahnstation viele Menschen und es lief auch Musik. Ich ging hinüber und entdeckte dort genau den DJ „Hell“, den ich eigentlich interviewen wollte. Er trug einen langen Mantel und hatte in einem kleinen Zigarettenladen an der U-Bahnstation eine Musikanlage eingeschaltet. Die Leute drängten sich trinkend und tanzend darum herum. Mein deutscher Bekannter und ich waren wirklich überrascht. Ich erklärte dem DJ, dass ich aus Peking käme und ihn ursprünglich interviewen wollte. Er sagte: „Ok, warte einen Moment, wenn ich fertig bin, kannst Du mich interviewen“.

Das war die beste Party, an der ich in Berlin teilgenommen habe, das war genau diese typische Berliner Atmosphäre. Als derart bekannter DJ meint er, dass er an einem solchen Ort besser Musik machen könne als in einem Club, ohne jegliche Ankündigung mietet er sich ein paar Lautsprecher und stellt sie an der U-Bahnstation auf. Dieses Erlebnis hat mich sehr beeindruckt. Ich denke, dass Elektromusik genau aus diesem Grund eine so breite Basis in Deutschland hat. 

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Eigentlich hatte ich keine unerfreulichen Erlebnisse. Es passiert nur manchmal, dass mich die Bedienung, wenn ich alleine in ein Restaurant gehe, in die hinterste Ecke setzt. Das kann ich wirklich nicht ausstehen und manchmal gehe ich einfach wieder.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Natürlich schmeckt Haxe am Besten. In Berlin gibt es viele leckere Sachen, auch gar nicht teuer. Ich glaube das Beste in Berlin ist ein Döner. Angeblich ist der Berliner Döner berühmter als der türkische.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Typisch Deutsch sind deutsche Autos, Volkswagen, Mercedes und BMW.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Ich glaube, immer noch Karl Marx. Karl Marx hat die Welt sehr beeinflusst und bis heute interessieren sich in Deutschland immer noch viele Menschen für ihn. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in Berlin sogar Plakate von Karl Marx sehen würde. Als ich deutsche Freunde nach dem Grund fragte, übersetzten sie mir: „Wer den Marxismus neu kennenlernen möchte, ist eingeladen, an diesem Marxismus-Forum teilzunehmen“.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich würde gerne mit dem Programmdirektor des ZDF tauschen. Auch wenn ich in Deutschland nichts Negatives erlebt habe, so habe ich doch in China gehört, dass viele deutsche Medien ein falsches Bild von China vermitteln. Deswegen sage ich im Gespräch mit Freunden in Deutschland, dass Deutschland zwar ein demokratisches und freies Land ist, aber eigentlich in Wirklichkeit von einem anderen despotischen und diktarorischen System regiert wird, nämlich der Diktatur der Medien, sozusagen ein medialer Terrorismus. Aus diesem Grund würde ich gerne für 24 Stunden mit jemandem tauschen, der in Deutschland die Kontrolle über die Medien hat und dann mit den Vorurteilen der Deutschen gegenüber China aufräumen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Am liebsten würde ich die wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit und Präzision der Deutschen, die mit einer künstlerischen Romantik gepaart ist, nach China bringen. Ich finde, das ist in Deutschland einzigartig. Die Deutschen erledigen Aufgaben strukturiert, geplant und mit großer Ernsthaftigkeit. Dennoch hat man in Deutschland nicht das Gefühl, es würde an Kunst und Romantik fehlen. Das gefällt mir ganz besonders, davon könnten Chinesen, besonders die junge Generation Chinas, lernen.