Porträt Michael Schiefel

Michael Schiefel
Michael Schiefel | Foto: Jörg Grosse-Geldermann © Michael Schiefel

Die Einladung zum Jazz-Festival nach Hongkong 2009 öffnete für den Jazz-Sänger aus Berlin ein Tor zu China.

Der Jazz-Sänger Michael Schiefel, geboren 1970 in Münster, macht sich bereits seit vielen Jahren als Solo-Sänger auch über Deutschland hinaus einen Namen. So trat er Mitte März 2010 zum wiederholten Male in China auf. Charakteristisch für ihn ist die „Loop-Technik“: Mittels eines Loop-Geräts vervielfältigt und verfremdet Michael Schiefel die eigene Stimme, so dass er mit sich selbst mehrstimmig im Chor singen kann und stimmlich ein ganzes Ensemble zu ersetzen vermag. Sein Repertoire reicht dabei von der Soundlandschaft bis zu lyrischen Songs. Michael Schiefel singt in verschiedenen Bands und zeigt damit die Bandbreite seines Repertoires: Sei es im Bereich Funk und Jazz mit der Band JazzIndeed, im Bereich Modern Jazz mit dem Vibraphonisten David Friedman oder mit der Big Band Thärichens Tentett. Seit 2001 lehrt Michael Schiefel als Professor für Jazzgesang an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Der Sänger lebt in Berlin.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Am meisten habe ich mich in letzter Zeit mit dem Reisen beschäftigt. Ich bringe gerade eine neue Solo-CD raus, die vom Reisen handelt. Sie heißt My Home Is My Tent. Ich war in letzter Zeit nicht nur in China unterwegs, sondern auch an anderen Orten, z.B. auf Tournee in Indien, im Nahen Osten, Amerika und Europa, und deswegen ist das Nicht-zu-Hause-sein im Moment sehr prägend für mich.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Angefangen hat für mich alles in Hongkong mit einer Einladung zu einem Jazz-Festival. Dort habe ich den Jazz-Sänger Coco Zhao (赵可) kennengelernt. Es folgten weitere Einladungen nach Peking und Shanghai, denen ich gefolgt bin und so ist dann alles Weitere entstanden.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Mein Leben hat China auf alle Fälle beeinflusst, bei der Musik kann man den Einfluss noch nicht hören, dafür ist es noch zu früh, aber er ist da. Auch meine Herangehensweise an neues Material hat sich angepasst. Aus Interesse hab ich anfangs in China versucht, „große klassische (chinesische) Komponisten“ zu googeln – ohne viel Erfolg. Dann habe ich festgestellt, dass es hier eher um bestimmte überlieferte Melodien geht und nicht so sehr darum, wer sie geschrieben hat, wohingegen man in Europa über die Namen großer Komponisten die klassische Musik ganz gut kennen lernen kann.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Das ist schwer zu sagen. Es gab für mich immer einen ständigen Wechsel zwischen Wohlfühlen und ‚ganz von den Socken‘ sein und das hat mir Spaß gemacht. Das EINE schönste Erlebnis herauszusuchen ist schwer. Mich hat besonders ein Kulturort in Shenzhen beeindruckt, das OCT Loft. Die Begegnung mit einem der Veranstalter dort war, glaube ich, bisher das Schönste für mich. Ich denke, es sind ohnehin die Begegnungen mit den Menschen, die einem am besten gefallen.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Eine schwierige Frage, etwas wirklich Unerfreuliches gab es in der Form bisher eigentlich nicht… In Shanghai bin ich mal in einen Buchladen gegangen und habe gesehen, wie ein Wärter und eine Frau, die ein Buch kaufen wollte, sich lautstark angeschrien haben. Worum es ging, weiß ich nicht, ich verstehe ja die Sprache nicht. Wenn man an einen neuen Ort kommt und die Sprache nicht kennt, kann es passieren, dass man diesen Ort als besonders toll und harmonisch empfindet. Dann kommen Momente, die einen wieder auf den Boden der Tatsachen holen und man merkt, hier ist auch alles nur ein normales Miteinander und die Leute sind auch manchmal genervt. Das war so ein Moment.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Ja, ganz klar „Soup Dumplings". Die mag ich total. Ich mag Dumplings ohnehin gerne, aber „Soup Dumplings" finde ich ganz besonders toll.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Ich glaube es ist typisch chinesisch etwas verschlüsselt zu kommunizieren. Oft sagen Leute etwas und ich verstehe erst zwei Monate später, warum sie es gesagt haben. Das ist in Deutschland nicht so. Deutschland ist meiner Meinung nach ein sehr direkt kommunizierendes Land.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Mich beeindrucken vor allem zwei Dinge: Einerseits, dass China eine so alte bestehende Kultur ist. Die Schriftzeichen faszinieren mich zum Beispiel sehr. Andererseits finde ich es beeindruckend, wie China aktuell mit dem Kulturwandel umgeht; wie das Land darum kämpft, diesen Wandel zu schaffen. Gerade wenn man bedenkt, wie viele Menschen organisiert werden müssen und was hier alles passiert. Man kann nicht einfach ein offenes Lob aussprechen; gerade aus unserer Sicht läuft einiges schief; aber beeindruckend finde ich es trotzdem.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Wenn ich es mir so überlege, vielleicht mit Coco Zhao. Manches an seinem und meinem Leben ähnelt sich. Das heißt, ich könnte sicher manches von seinem Leben sehr gut nachvollziehen und verstehen und anderes wiederum gar nicht. Diese Mischung würde mich schon reizen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Das gemeinsame Essen ist eine sehr gute Idee. Bei uns in Deutschland ist das schon sehr extrem geworden mit dem Nicht-Zusammen-Essen. Ich mag auch das Alleinsein, aber beim Essen finde ich es ganz klar eine bessere Idee, in einer großen Gruppe zu sein.