Porträt Helwig Schmidt-Glintzer

Helwig Schmidt-Glintzer
Helwig Schmidt-Glintzer | © Helwig Schmidt-Glintzer

„Die Sinologie ist eine europäische Wissenschaft“, meint Prof. Helwig Schmidt-Glintzer, der China und seine Geschichte seit über 40 Jahren erforscht. Sein neustes Buch über Vorstellungen vom „Schicksal“ in China könne daher auch zu einem tieferen Verständnis der europäischen Geistesgeschichte beitragen.

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer wurde 1948 in Bad Hersfeld geboren. Er studierte Sinologie, Philosophie, Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaft an den Universitäten Göttingen und München. 1973 wurde er zum Dr. phil. promoviert, 1979 habilitierte er sich für das Fach Sinologie an der Universität Bonn. 1981 wurde er zum Ordinarius (Lehrstuhl) für Ostasiatische Kultur- und Sprachwissenschaft an der LMU München ernannt. 1993 folgten dann die Ernennung zum Universitätsprofessor an der Universität Göttingen sowie die Übernahme des Amtes des Direktors der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Derzeit ist er außerdem Vorstandsvorsitzender der Deutschen Vereinigung für Chinastudien e.V. (DVCS), Berlin. Zu seinen wichtigsten Publikationen gehören u.a. Geschichte der chinesischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C. H. Beck: München 1999; Kleine Geschichte Chinas. C. H. Beck: München 2008. Im Mai 2009 erscheint sein neuestes Buch.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

In der letzten Zeit habe ich ein Buch über Religionen in China geschrieben: Wohlstand, Glück und langes Leben. Chinas Götter und die Ordnung im Reich der Mitte. Das Buch wird im Mai 2009 im Verlag der Weltreligionen bei Suhrkamp erscheinen. Es geht in dem Buch darum, welche Vorstellungen in China von der Welt der Götter und vom Schicksal der Menschen entwickelt worden sind. Bei Konfuzius ist die Rede davon, dass man über die Götter nichts sagen kann, und dass man sich daher vor allem um das Leben kümmern soll. Es geht mir um die Frage, wie die Menschen in China in dieser Welt versuchen, ihr Glück zu organisieren. Dabei spielen natürlich Götter immer eine Rolle. Es geht um die sozialen Beziehungen und um den Umgang mit den Göttern und dabei natürlich auch um die Frage, ob die Götter die Herrschaft bestimmen können oder nicht. Hier gibt es einen Gegensatz zur Entwicklung in Europa, wo die Götter keinen Einfluss auf die Herrschenden haben. Das Buch ist an ein Publikum gerichtet, welches sich für China interessiert, aber auch für ein Publikum, das sich mit der Frage beschäftigt, was das Besondere an der europäischen Kultur ist. Das kann man gerade im Kontrast zu China besser verstehen.

Darüber hinaus leite ich als Direktor der Herzog August Bibliothek die Geschicke dieser großen alten europäischen Bibliothek. Meine Beschäftigung mit China war stets die Beschäftigung eines Europäers mit China, so wie die Sinologie eine europäische Geistes- und Kulturwissenschaft ist. Das haben in Europa viele vergessen und sie meinen, die Beschäftigung mit anderen Kulturen sei sozusagen eine Nischenbeschäftigung. Meine Arbeit in der Herzog August Bibliothek hat daher auch den Sinn, deutlich zu machen, dass zur Beschäftigung mit der Welt, mit den Menschen und mit der Geschichte eben auch die Beschäftigung mit anderen Kulturen gehört. Die Menschen in Europa haben sich schon sehr früh für China interessiert, Höhepunkte dieses Interesses gab es seit dem 16. Jahrhundert immer wieder, so bei Leibniz. Es ist wichtig, das zu reflektieren, weil es nicht um objektive Wissenschaft geht, sondern auch um subjektive Wahrnehmung. Und diese hat sich immer verändert, genau so wie sich in China das Bild von der übrigen Welt verändert. Das ist ein Teil unserer wissenschaftlichen Beschäftigung und dient natürlich auch dazu, dass wir uns miteinander besser verständigen können.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Das weiß ich so genau gar nicht. 1967 habe ich mich dafür entschieden, mich mit China zu beschäftigen, mit Konfuzius und mit der klassischen Philosophie. Aber es gab wahrscheinlich vorher schon Begegnungen mit chinesischen Schriftzeichen: Mir fällt ein, dass ich als Kind ein Bild an der Wand hatte, eine Kopie eines Holzschnittes mit einer Inschrift aus einem chinesischen Arzneibuch aus dem Jahre 1159, auf dem Frösche dargestellt waren. Und eben chinesische Zeichen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Natürlich hat das mein Leben total geprägt. Seit dem Studium habe ich mich eigentlich immer wieder und zum Teil fast ausschließlich mit China beschäftigt, mit chinesischer Geschichte, mit chinesischer Religion, mit Buddhismus in China. Ich habe in einer sozusagen sinologischen Welt gelebt.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Oh, das ist eine schwierige Frage. Viel hat mit Essen zu tun, und dann gab es auch bestimmte Spaziergänge, z.B. in Chengdu, südlich der Stadtmauer und in Chongqing am Zusammenfluss der Flüsse, wo man die Stufen herunter zum Yangtse geht. Das sieht wahrscheinlich heute ganz anders aus als 1980/81, als ich Weihnachten in Chongqing verbrachte. Das war schon eine sehr faszinierende Welt, weil man das Gefühl hatte, dass es das schon hunderte von Jahren so gegeben hat.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Daran kann ich mich nicht wirklich erinnern. Ich hatte irgendwo einmal sehr scharf gegessen, das war auch in Chongqing. Das hat meinen Magen sehr durcheinander gebracht. Es gab so eine Art Schlangen, die ich essen musste. Das war eher unangenehm.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Ich habe früher sehr gerne „Guotie“ (in Öl angebratene Maultaschen) mit „Dasuantou“ (Knoblauch) gegessen.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Eine gewisse Fähigkeit, sich auf Veränderungen einzustellen. Also „chabuduo“ (fast gleich, ähnlich), „mamahuhu“ (so lala) und was damit zusammenhängt. Sozusagen nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern eher eine Fähigkeit, sich mit komplizierten Dingen irgendwie dann doch zu arrangieren.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die chinesische Literatur und Schrift. Hier meine ich nicht nur die klassische Literatur, sondern auch das Schreiben mit Tusche und Pinsel, die Welt der Schriftzeichen, die besondere Weise der Verschriftung von Sprache.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich würde schon gern mit einem Politiker tauschen, vielleicht mit Wen Jiabao. Er ist mir irgendwie sympathisch.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Qigong, also bestimmte gymnastische Körperübungen. Dazu die Atemtechnik. Das ist etwas, was ich sinnvoll finde: durch bestimmtes Atmen die eigene Existenz in den Kosmos einzubinden. Die Vorstellung von diesem Qi, das finde ich eine gute Idee. Merkwürdigerweise habe ich mich lange gegen solche Praktiken gesträubt, vielleicht weil es mir auch klar war, dass ich doch nie Chinese würde. Ich habe aber eine Vorstellung davon, dass bestimmte Techniken des Aus- und Einatmens verbunden mit Bewegungen, eine gute Auswirkung auf einen selber haben. Inzwischen mache ich täglich selbst solche Übungen.