Porträt Karsten Gundermann

Karsten Gundermann
Karsten Gundermann | Foto: ML

In seinem jüngsten Projekt Le Cinesi verbindet der Komponist Barockmusik und Pekingoper. Uraufführung ist im Juni 2010 in Potsdam.

Der Komponist Karsten Gundermann wurde 1966 in Dresden geboren. Schon in jungen Jahren besuchte er eine Kinderkomponistenklasse und schrieb im Alter von 16 Jahren ein Libretto auf das Märchen Die Nachtigall von Hans Christian Andersen in Form einer Peking-Oper. Zugang zur traditionellen chinesischen Musik fand Karsten Gundermann über die Sächsische Landesbibliothek in Dresden, in der es einen reichen Notenschatz und eine umfangreiche Schallplattensammlung chinesischer Opern gab. Weitere Unterstützung erhielt er von dem ebenfalls aus Dresden stammenden Autor des Buches Die Musik der Peking-Oper, Gerd Schönfelder.

1992 gelang es ihm, als erster ausländischer Student an der National Academy of Chinese Theatre Arts in Peking aufgenommen zu werden. Während dieses Studienjahres erarbeitete er seine Peking-Oper Die Nachtigall. Regie führte Gundermanns Lehrer, Kui Sheng (奎生), mit dem er bis heute zusammenarbeitet. Das Stück, welches 1993 in Peking uraufgeführt wurde, ist eine Verbindung europäischer und chinesischer Musiktradition und war sowohl im Ausland als auch in China ein Publikumserfolg. Am 31. Juli 2010 wird das Stück beim Rheingau Musik Festival in Frankfurt am Main aufgeführt. Heute lebt Karsten Gundermann als freischaffender Komponist in Hamburg. Durch zahlreiche Projekte, darunter die Komposition Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten nach Goethe im Jahr 2003, pflegt er weiterhin den Kontakt zu China. Im Juni 2010 wird seine kompositorische Bearbeitung von Le Cinesi bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci uraufgeführt.

 

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Mit den Proben für das Stück Le Cinesi, einer Barockoper mit Musik von Gluck und einem Libretto von Pietro Metastasio von 1735. Es wurde damals in Deutschland als Chinoiserie aufgeführt. Wir sind gerade dabei, das Stück in Zusammenarbeit zwischen der China National Peking Opera Company und dem deutschen Barockensemble L’arte del mondo neu zu inszenieren. Zu Glucks Zeiten standen deutsche Schauspieler auf der Bühne und mimten Chinesen. Jetzt stehen deutsche und chinesische Darsteller gemeinsam auf der Bühne und werden auch von deutschen und chinesischen Musikern gemeinsam begleitet. Bei der Wiederbelebung dieser Barockoper wird man dann nicht nur Barockmusik hören, sondern auch chinesische Musik wie sie zu Zeiten des Barocks in China geklungen hat.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Als ich 14 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal die Gespräche von Konfuzius in der Ralf-Moritz-Übersetzung und das Daodejing gelesen. Konfuzius hat mich begeistert, obwohl ich damals nicht alles verstand, hatte ich schon ein Gefühl dafür, dass er ein außergewöhnlicher Denker war.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Als Künstler habe ich vor allen Dingen eines gelernt, und zwar die Hochschätzung des Handwerks. Es reicht nicht aus, wenn man geniale Ideen hat, sondern man braucht großes handwerkliches Geschick, um diese Ideen niveauvoll umzusetzen. In diesem Zusammenhang habe ich in den chinesischen Meistern gute Vorbilder gefunden.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Das war die Uraufführung meiner ersten Peking-Oper Die Nachtigall im Jahr 1993.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Es gibt kein direktes Erlebnis, an dem ich das festmachen könnte. Zurzeit nehme ich mit großer Sorge die von Jahr zu Jahr zunehmende Umweltverschmutzung wahr. Jahrelang leckte das Gaswerk neben der Theaterakademie, man roch es im ganzen Campus und die Schauspieler probten Tag für Tag im Gasgestank. Das Problem ist inzwischen behoben, doch der Smok im Süden Pekings scheint mir Monat für Monat zuzunehmen.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Ja, etwa 1000 Lieblingsspeisen habe ich sicher – unglaublich, wie erfindungsreich die chinesische Küche ist. Wenn ich mich aber auf ein Gericht festlegen müsste, würde ich „Huntun“ aus meinen Studentenzeiten wählen.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Ich denke, dass die Chinesen ein unglaublich begabtes Händlervolk sind. Als typisch chinesisch würde ich die Freude am Verhandeln zum eigenen Vorteil bezeichnen. Wenn man es schafft, doch noch ein Prozent rauszuschlagen, vermag das den Chinesen eine große innere Befriedigung zu geben und sie sehr glücklich zu machen. Das habe ich bei keinem anderen Volk so stark beobachtet.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die Peking-Oper.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich wäre gerne mal für einen Tag mit Vollmacht in der Bibliothek der Verbotenen Stadt. Dort befinden sich noch Tausende ungehobener Schätze an alten kaiserlichen Opern-Libretti und Noten, die noch nicht öffentlich zugänglich sind. Dort würde ich wirklich gern mal einen Blick hineinwerfen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Was ich an China vorbildlich finde und uns Deutschen sehr wünschen würde, ist die Begeisterung am Lernen. Ich habe bei den Chinesen unglaublich viel Freude und Kraft gefunden, neue Dinge zu lernen, Fremdes aufzunehmen und sich irgendwie nutzbar zu machen. Von dieser Lernenergie würde ich uns Deutschen auch ein bisschen wünschen.