Der Dokumentarist und Fotograf Zhao Liang „Meine Sprache sind Bilder“

Still from Behemoth (2015) by Zhao Liang, China/France, 90 mins
Still from Behemoth (2015) by Zhao Liang, China/France, 90 mins | Institut National de l'Audiovisuel

Eine Landschaft wie gemalt in Grau-und Brauntönen, doch ihre Geometrie irritiert. Dann plötzlich eine Explosion, Ascheregen. Wie das mythische Ungeheuer Behemoth fressen sich Maschinen durch die Erde, werden Landschaften umgegraben, verschlingen die Steppe, vertreiben die an deren Rändern lebenden Menschen samt Schafen. Dazu erhebt sich der elegische Obertongesang der Tuwa. Auf dem Filmfestival in Venedig 2015 feierte „Behemoth“ (悲兮魔兽) seine Weltpremiere.

„Ich wollte etwas zum Thema Umwelt machen, denn an diesem Problem kommt man in China nicht vorbei. Am augenfälligsten fand ich bei meinen Recherchen die riesigen Kohletagebaue in der Inneren Mongolei. Die visuelle Qualität des Ortes war ausschlaggebend, hier zu drehen. Hinzu kam die Knochenarbeit der Menschen hier, einer Arbeit, auf der unser heutiger Wohlstand errichtet ist.“ Nahaufnahmen zeigen die Arbeiter im Kohlestaub, der sich nicht mehr von den Gesichtern waschen lässt oder in der Gluthitze des Stahlwerkes, der sie fast ungeschützt ausgesetzt sind. Die Bilder lassen den Atem stocken, während sich der Soundtrack der Schmerzgrenze nähert. Staub und Hitze zerfressen die Lungen der Arbeiter. Und wofür? Für die Errichtung eines Paradieses, wie der Geisterstadt Ordos (鄂尔多斯), einer gigantischen Fehlplanung. „Ich ließ mich von einem über 600 Jahre alten Buch inspirieren. Darin ist es dem Autor gelungen, die Gegensätze von Hölle und Paradies zu vereinen. Etwas Ähnliches schwebte mir vor.“ Wie in Dantes Göttlicher Komödie lässt sich der Erzähler über die grauschwarzen Halden des Fegefeuers führen, filmt die glutrote Hölle des Stahlwerkes und schließlich das Paradies unter blauem Himmel. Dazwischen der Mensch, nackt und schutzlos in weiter Landschaft. Aber „als Konsument ist jeder von uns Teil dieses Monsters“. Unwillkürlich zuckt man zusammen vor der Simplizität dieses Gleichnisses, und dann reißen einen die grausam-schönen Bilder fort.


Zhao Liang (赵亮) gehört zu den spannendsten chinesischen Dokumentaristen der jüngeren Zeit. 1971 geboren, studierte er an der Lu Xun Fine Art Academy (鲁迅美术学院) und lebt seit Anfang der 1990er Jahre in Peking. Von da an durchquerte er mit der Kamera das Land. In Filmen, Fotografien und Videoinstallationen zeigt er ein China abseits der gängigen Reiserouten und des quirligen städtischen Alltags. Seine Verantwortung als Dokumentarfilmer liege darin, den Dingen auf den Grund zu gehen, von deren Existenz viele Menschen nicht einmal ahnten. Er erzählt von marginalisierten Gruppen, die mitten unter uns leben, von jungen Heroinabhängigen (Paper Airplane, 纸飞机,1997-2001), von der gewaltsamen Auflösung der Künstlerkolonie am Rande des Alten Sommerpalastes (Farewell to Yuanmingyuan, 告别圆明园,1995- 2006), vom kleinen Grenzhandel zwischen China und Nordkorea (Return to the border, 在江边, 2005) oder einer Polizeieinheit in Liaoning (Crime and Punishment, 罪与法, 2007), die über die Grenzen von Recht und Ordnung wacht, diese aber oftmals überschreitet. Es war diese Tiefe seines Blicks auf die Gesellschaft und die Menschen, verknüpft mit der Schönheit seiner Bilder, die Sylvie Blum, seine langjährige Produzentin beim ersten Zusammentreffen berührte.

Zhao Liang arbeitet meist mehrere Jahre an einem Projekt, in denen er auch andere Formen der Präsentation aufgreift, um sich mit dem Material auseinanderzusetzen. So entstehen Foto-und Videoinstallationen, die eigenständig in nationalen wie internationalen Ausstellungen ihren Platz behaupten.


Zhao Liang ist mehr als nur der Beobachter mit der Kamera, er interagiert mit den Menschen vor seiner Kamera, baut persönliche Beziehungen zu seinen Darstellern auf. Von seinen Protagonisten wird er dabei auch als filmende Autorität angesehen, soll Verantwortung übernehmen, wo er doch selbst, als Teil derselben Umgebung, oft machtlos ist. Dieser Gratwanderung ist er sich durchaus bewusst: Natürlich musst du helfen, so der Filmemacher, aber du darfst auch nicht vergessen, dass du hier bist, um zu filmen. Dieser Mischung von künstlerischem Blick und Sensibilität der Wirklichkeit gegenüber begegne man nicht oft, meint die Produzentin.

Sein internationaler Durchbruch war die Einladung zum Filmfestival nach Cannes 2009: In Petition (上访) begleitet Zhao Liang zwölf Jahre lang eine Mutter und ihre Tochter, die wie viele Petenten in die Hauptstadt gekommen waren, um hier Beschwerde über die ungerechte Behandlung durch lokale Behörden einzureichen. Sie lebten in einem aus Pappen und Zeltplanen errichteten Dorf und hofften auf Gerechtigkeit.

2011 dann kam er mit Together (在一起) zur Berlinale. Der Film erzählt vom Umgang mit HIV-Infizierten während eines Filmdrehs und dokumentiert die Suche des Filmemachers nach Leuten, die HIV-positiv sind und bereit sind, ihre Geschichte vor der Kamera zu erzählen. Es war der erste seiner Filme, der offiziell in China gezeigt werden konnte. Das Gesundheitsministerium war einer der Mitproduzenten. Doch sah man dem Film an, dass zu viele Kompromisse nötig waren.

Behemoth war der einzige Wettbewerbsbeitrag Chinas in Venedig 2015. Er ist Gleichnis, Dokumentation und Filmessay in einem. Schon der Versuch dieser Einordnung zeigt, dass er sich von den vorangegangenen Werken des Regisseurs unterscheidet und dass er es dem Zuschauer einmal mehr nicht leicht macht. „Ich will mich nicht wiederholen. Ich entwickle mich weiter und bin immer auf der Suche nach neuen Formen künstlerischen Ausdrucks.“