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Fokus: Das Kapital
Die Ökonomie der Zeit

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Uhrwerk | © www.colourbox.com

Bis heute leben wir in Arbeitsgesellschaften, in West und Ost. Wer Marx nur als Vordenker der Arbeiterbewegung erinnert, vergisst, dass es ihm ursprünglich um die freie Gestaltung der Lebenszeit ging.

Von Andreas Arndt

Als endliche Wesen stehen die Menschen unter der Herrschaft der Zeit und die Zeit, die sie individuell zur Verfügung haben, ist begrenzt. Für sich betrachtet ist diese Tatsache zunächst trivial. Ein jedes Ding hat nicht nur seine Zeit (Bibel, Buch der Prediger 3, 1-8) – wie im Rhythmus der Lebensalter und der Jahreszeiten –, sondern jeder Prozess, jede Handlung verbraucht auch etwas von der knappen, endlichen Ressource „Zeit“. Wir können nur das tun – einschließlich des Nichtstuns – wofür wir noch Zeit „haben“, d.h. unser Leben ist eingespannt in den Rahmen der uns überhaupt zur Verfügung stehenden Zeit. Das Tun des einen kann bedeuten, das andere lassen zu müssen. Wie die Arbeit, so hat demnach auch die Nichtarbeit ihre Zeit. Sie muss, auch unter dem Primat der Arbeit, wenigstens so viel Zeit einnehmen, wie für die physische und psychische Reproduktion der Individuen erforderlich ist. Wenn Arbeit es durch Steigerung der Produktivität allererst ermöglicht, arbeitsfreie Zeit als disponible Zeit für die Gesellschaft und für die Individuen zu gewinnen, so gilt umgekehrt auch, dass Nichtarbeit wenigstens zum Teil auch Bedingung der Arbeit ist.

Die Bewertung der Arbeit im Verhältnis zur Nicht-Arbeit war einem radikalen geschichtlichen Wandel unterworfen. Hatte die klassische Antike die Arbeit vom Standpunkt der Nichtarbeit aus eher negativ bewertet, so kehrt sich dieses Verhältnis unter den Vorzeichen der bürgerlichen Gesellschaft in der Neuzeit tendenziell um: Die Nichtarbeit wird von der Arbeit aus abgewertet. Um diese Frage geht es auch in Marx’ Ausführungen zur Ökonomie der Zeit, die weniger Beachtung gefunden haben als sie verdienen. Marx’ Intention geht offenbar dahin, hier wieder eine Umwertung herbeizuführen und Arbeit (Reich der Notwendigkeit) und Nichtarbeit (Reich der Freiheit) in ein neues Verhältnis zu setzen.

Reich der Freiheit - Kult der Arbeit

„Ökonomie der Zeit, darein löst sich schließlich alle Ökonomie auf“, schreibt Marx in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie. An dieser These hat er zeitlebens festgehalten. Die „Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen“ gemäß der zur Verfügung stehenden gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeit war für ihn ein „Naturgesetz“ jeder Produktionsweise. Die Zeitökonomie besteht letztlich darin, die zur Reproduktion der Gesellschaft notwendige Arbeitszeit ins Verhältnis zur gesamtgesellschaftlich zur Verfügung stehenden Arbeitszeit zu setzen. Dabei geht es nicht nur um das Bedürfnis nach materiellen Gütern, sondern auch um das Bedürfnis nach freier Zeit. „Das Reich der Freiheit“, so heißt es im dritten Band des Kapital, „beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. [...] Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. [...] Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.“

Die traditionelle Arbeiterbewegung und der traditionelle Marxismus haben über dem (seinem Ursprung nach bürgerlichen) Kult um die Arbeit und Arbeitsproduktivität die Frage nach Alternativen zur Arbeitsgesellschaft weithin gar nicht aufkommen lassen. Kurz gesagt: Die Bedürfnisse wurden auf die materiellen Bedürfnisse im engeren Sinne reduziert und dabei das Bedürfnis nach freier Zeit nicht mehr angemessen in Anschlag gebracht. Dabei hat, wie wir zum Teil schmerzhaft lernen mussten, die bloße Fixierung auf die Steigerung der materiellen Produktion für die lebendige Arbeit und für die Natur verhängnisvolle Konsequenzen. Die permanente Steigerung der Produktivität führt verstärkt und nachhaltig zur Freisetzung von Arbeitskräften, die – was in allen Industrieländern festzustellen ist – langfristig nicht mehr in der Lage sind, auf dem Markt eine neue Beschäftigung zu finden, zumindest keine, mit der sie ihr Lebensniveau dauerhaft sichern könnten. Auf der anderen Seite bedeutet die ständige Steigerung der Produktivität, dass immer mehr Energien und Rohstoffe verbraucht werden müssen, um die Profitrate halten zu können. Freisetzung der Arbeit und Zerstörung der Natur gehen Hand in Hand.

In der kapitalistischen Produktionsweise verwirklicht sich die Ökonomie der Zeit demnach auf antagonistische Weise. Die gesellschaftlich zur Verfügung stehende Arbeitszeit wird durch das Bedürfnis nach Profitmaximierung so verteilt, dass ein Teil der Arbeitskräfte für immer längere Zeit von der Arbeit ausgeschlossen wird, während der andere Teil durch die rationalisierungsbedingte Intensivierung der Arbeit physisch und psychisch immer stärkerem Druck ausgesetzt ist. Ein Mediziner brachte es auf den Punkt, als er sagte, die eine Hälfte der Patienten im arbeitsfähigen Alter sei krank, weil sie keine Arbeit habe, die andere, weil sie von der Arbeit krank werde. Die gesellschaftlichen Folgekosten – von den Kosten für die Sicherung der Überlebensbedürfnisse der Erwerbslosen bis hin zu den Kosten für die Behandlung der durch Arbeitslosigkeit und Überarbeitung entstehenden Krankheiten – werden größtenteils denen aufgebürdet, die noch ihre Arbeitskraft verkaufen können. Versuche, hieran etwas durch eine Umverteilung der Arbeitszeit, also durch eine veränderte Ökonomie der Zeit, zu ändern, werden gewöhnlich zurückgewiesen.Tatsächlich greift eine veränderte Zeitökonomie tief in die Unterordnung der Zeit unter die Bedürfnisse der Profitmaximierung ein. Nicht umsonst hat Marx eine allgemeine Verkürzung des Arbeitstages als ersten Schritt zur Etablierung des Reichs der Freiheit angesehen.

Was wäre ein gutes Leben?

Eine gesellschaftliche Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise ist darauf angewiesen, sich – im wörtlichen Sinne – Zeit „zu nehmen“, d.h. die Ökonomie der Zeit schrittweise unter die Regie gesellschaftlicher Interessen zu stellen. Dies setzt indessen voraus, dass Arbeit und Produktivität nicht mehr zum Fetisch gemacht, sondern von der Nichtarbeit, dem potentiellen Reich der Freiheit her neu bewertet werden, um die gesellschaftlichen Bedürfnisse überhaupt definieren zu können. Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue hat in einer von der marxistischen Arbeiterbewegung weitgehend ignorierten Schrift dem vielfach proklamierten „Recht auf Arbeit“ (das ja heute noch eingefordert wird) ein „Recht auf Faulheit“ entgegengestellt. (Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit) Auch hier geht es nicht um die abstrakte Negation der Arbeit, sondern um die Bewertung der Arbeit von einer erfüllten Nicht-Arbeit her. So erinnert Lafargue daran, dass die Aufwertung der Arbeit erst im Zuge ihrer gewaltsam durchgesetzten Disziplinierung im Manufaktur- und Fabrikwesen erfolgte. Die Kritik dieser gesellschaftlichen Form der Arbeit ist daher – unbeschadet der bleibenden Notwendigkeit der Arbeit überhaupt – auch immer ein Infragestellen der Arbeit als Prinzip.

Auch Marx ging es darum, Arbeit zu begrenzen. Zu überwinden sei die bestimmte gesellschaftliche Form der Arbeit im Kapitalismus, die Lohnarbeit, um den Stoffwechsel mit der Natur in Übereinstimmung mit den objektiven Möglichkeiten der Entwicklung der Arbeit selbst so zu regeln, dass unnötige Härten und Abhängigkeiten für die gesellschaftlichen Individuen vermieden werden. Bei Marx wird zwar die Befreiung von Arbeit als Ergebnis der Entwicklung der Arbeit, der Steigerung ihrer Produktivität gedacht, aber nun innerhalb einer „Ökonomie der Zeit“. Bedingung hierfür ist, dass Arbeit nicht als Quelle von Wert, sondern als Vermittlerin stofflichen Reichtums angesehen wird. So kann auch die Arbeitszeit anders bewertet werden als in der klassischen Ökonomie. Sie gilt nicht mehr als Substanz des ökonomischen Wertes, sondern als Akzidenz der Produktion von Gebrauchsgütern, die nach Maßgabe der Regulierung dieser Produktion minimiert werden kann. Marx’ Konzept der Ökonomie der Zeit stellt die Frage, was tatsächlich ein gutes Leben für die gesellschaftlichen Individuen wäre. Diese Frage ist noch immer gesellschaftskritisch, überall.

Andreas Arndt, Jahrgang 1949, ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er forscht unter anderem zu Schleiermacher und Hegel, ist Vorsitzender der Internationalen Hegel-Gesellschaft und Autor von Karl Marx. Versuch über den Zusammenhang seiner Theorie. Bochum: Germinal, 1985.

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