Fokus: Kulturelles Gedächtnis Wang Gang: „Ich möchte meine Leser nicht mit Grausamkeiten ködern“

Wang Gang
Wang Gang | © Wang Gang

Acht Jahre schrieb Wang Gang (王刚) an einem Buch, das die Kulturrevolution anders reflektieren sollte, als es die ältere Schriftstellergeneration getan hatte.

Der Schriftsteller Wang Gang (王刚) stammt aus Urumqi, der Hauptstadt der Autonomen Region Xinjiang, wo er während der Kulturrevolution seine Jugend verbrachte. 2004 erschien sein Roman Ying Ge Li Shi (der Titel bedeutet „English“, in chinesischen Zeichen ausgedrückt), an dem er acht Jahre gearbeitet hatte. In dem Buch dokumentiert der Autor die Kulturrevolution aus der Perspektive eines von der englischen Sprache begeisterten Jugendlichen. Bereits früher hatte Wang Gang erfolgreich Drehbücher wie Dream Factory und A World Without Thieves verfasst. Wang Gang blickt außerdem auf eine gut zehnjährige Tätigkeit als Geschäftsmann zurück, eine Erfahrung, die er in seinem jüngsten Buch The Curse of Forbes verarbeitet hat. Zur Zeit schreibt er an einer Fortsetzung. Im Oktober 2009 sprach er mit der australischen Journalistin Samantha Kierath über Ying Ge Li Shi und seine Erinnerungen an die Kulturrevolution. Ying Ge Li Shi erschien 2009 in Englisch und wird derzeit ins Deutsche übersetzt.

2008 wurde der Roman für den wichtigsten chinesischen Literaturpreis, den Mao-Dun-Literaturpreis, nominiert. Die Begründung lautete wie folgt:

„In Urumqi, der Stadt am Fuße des „Himmelsgebirges“, treffen Jungen und Mädchen auf einen aufopferungsvollen Englischlehrer. Der Teenager Love Liu ist von dessen Menschlichkeit und Eleganz so eingenommen, dass er eine tiefe Affinität zur englischen Sprache entwickelt. Zusammen durchleben der Lehrer und sein Schüler bittere Zeiten. English erzählt von wahrer Liebe, die sich in dieser speziellen Zeit hinter Konformität verbirgt, von widerstreitenden Gefühlen und einer bewegenden Geschichte. Vor den scharfsinnigen, ruhelosen aber auch unbefangenen Augen des Jungen entfaltet sich ein Panorama der Geschichte und der menschlichen Schicksale. In Wang Gangs Roman verbindet sich ein hoher künstlerischer Anspruch mit einer aus dem Leben gegriffenen Geschichte. Ein Buch, das sich gut liest und unter die Haut geht.“

SK: Wie kamen Sie auf die Geschichte von English? Ist das über längere Zeit in Ihnen gereift?

WG: Eigentlich habe ich schon 1996 begonnen, an dem Buch zu arbeiten. Nur fehlte mir anscheinend immer der Antrieb, es etwas zügiger fertig zu schreiben. Vieles in dem Buch entspricht Tatsachen. Mein damaliger Englischlehrer hieß tatsächlich Wang Yajun, daher trägt er auch in der englischen Ausgabe den direkt übersetzten Namen „Second Prize Wang“. Seine Figur ist stark an die Realität angelehnt.

Als ich 1999 in meine Heimatstadt Urumqi zurückkehrte, lief mir eines Tages auf der Straße ein Klassenkamerad aus der Mittelschule über den Weg. Ob ich denn gehört hätte, dass Lehrer Wang gestorben sei, fragte er mich. Die Nachricht erschütterte mich sehr, und es drängte mich nun, das Buch so schnell wie möglich zu Ende bringen. In jenem Winter kehrte ich auch auf mein ehemaliges Schulgelände zurück. Im Winter ist die Schneedecke in Urumqi makellos weiß, besonders auf dem Campus, auf dem so viele Bäume stehen. Bei strahlendem Sonnenschein taut manchmal der Schnee auf den Dächern und gefriert unter den Dachtraufen zu Eiszapfen. Dieser Anblick hat viele Kindheitserinnerungen in mir wachgerufen. 1999 war ich bereits 39 Jahre alt. Während ich über den Campus lief, sehnte ich mich danach, die Lehrer von damals treffen zu können. In meiner Vorstellung waren sie so jung wie ehedem. Auf meinem Spaziergang über das Gelände wurde mir jedoch bewusst, dass ich selbst nun zum alten Eisen gehörte, denn die Lehrkräfte, die an mir vorbeiliefen, waren durch die Bank jünger als ich. Damals trieben die Bilder und Geschichten vergangener Tage wie Schneeflocken auf mich zu.

Wenn man einen Roman schreiben will, kann man sich natürlich nicht allein auf Erinnerungen stützen, man muss auch eigene Ideen einbringen. Beispielsweise über die Kulturrevolution, während der sich die Chinesen gegenseitig abschlachteten. Indem ich davon spreche, dass sich die Chinesen gegenseitig abgeschlachtet haben und nicht davon, dass die Schlechten die Guten umgebracht haben, bringe ich eine Haltung gegenüber dieser Katastrophe zum Ausdruck, die von der älterer Schriftsteller in der Vergangenheit abweicht.

SK: Können Sie uns genauer erklären, worin Sie sich von den früheren Autoren unterscheiden?

WG: Früher waren die Schriftsteller allgemein der Auffassung, die Kulturrevolution sei einfach eine Kampagne gewesen, bei der die Bösen den Guten übel mitgespielt hätten. Die Bösen waren absolut böse und die Guten absolut gut. Die Guten waren die Opfer und die Bösen die Übeltäter. Ich habe aber das Gefühl, dass man während der Kulturrevolution nicht klar ausmachen konnte, ob jemand nun ein guter oder ein schlechter Mensch war. Mir ist aufgefallen, dass sich sehr viele alte Leute in ihren Erinnerungen an die Kulturrevolution zu den Opfern zählen und lang und breit darüber berichten, was ihnen von den anderen angetan wurde. Mir fiel allerdings auf, dass sie in der Kulturrevolution auch vieles getan haben, was anderen schadete. Sie reden nur von dem Unrecht, das ihnen selbst widerfahren ist, zeigen aber niemals Reue. Als wären sie in dieser Kampagne nur von anderen verletzt worden und nur Opfer gewesen. Diese Haltung findet man bei Schriftstellern wie Ba Jin (巴金), Lao She (老舍), Cao Yu (曹禺) oder Ding Ling (丁玲). Sie waren zwar einerseits Opfer der Kulturrevolution, aber gleichzeitig hatten sie keineswegs eine weiße Weste. In den Memoiren und Aufsätzen, die sie später schrieben, hielten sich Selbstreflexion und Reue jedoch sehr in Grenzen. Jeder von ihnen ist schuldig gewesen, aber sie haben es nicht zugegeben. Ich denke, in diesem Punkt unterscheiden wir uns deutlich von den Deutschen. Aus diesem Grund wollte ich etwas schreiben, das sich vollkommen von den Büchern unserer Vätergeneration unterscheidet.

SK: Das Buch erzählt von Ereignissen aus einer ganz anderen Ära, von schwierigen Zeiten. Hat es Sie emotionale Überwindung gekostet, darüber zu schreiben?

WG: Tatsächlich bestand eine der größten Hürden darin, dass mir, als ich begann, an die Kulturrevolution zurückzudenken, äußerst brutale und grausame Erlebnisse wieder in den Sinn kamen. Beispielsweise wurde eine Lehrerin an unserer Mittelschule damals von ihren Schülern erst tot geprügelt und dann auf die Müllkippe neben der öffentlichen Toilette unseres Wohnblocks geworfen. Sie erlaubten dem Ehemann nicht einmal, die Leiche seiner Frau zu holen. Mehr als zehn Tage lang stank und verweste die Leiche dort. Auch konnte ich jeden Tag vor unserem Wohnhaus beobachten, wie die Schüler aus der Oberstufe - Jungen und Mädchen im Teenageralter - Jugendlichen von einer anderen Schule mit Knüppeln die Köpfe einschlugen, bis das Hirn austrat. Oder ich sah, wie die Erwachsenen aus unserem Hofhaus Teer in einem großen Topf aufkochten und jemanden, den sie aufgegriffen hatten, in den Topf warfen. Solche Sachen konnte ich tagtäglich sehen. Aber das größte Problem stellte sich mir beim Schreiben, als ich mich entschied, nicht über diese Dinge zu sprechen, weil ich bei den Lesern nicht den Eindruck erwecken wollte, ich wolle sie mit Grausamkeiten ködern. Fakt ist, dass die Autoren unserer Vätergeneration diese Gewalt und Brutalität schon zur Genüge beschrieben haben, ganz gleich, ob sie diese nun mit eigenen Augen gesehen oder sie sich nur ausgedacht hatten. Aber ich stellte fest, dass mich die Bücher, welche die Grausamkeiten so rückhaltlos beschrieben, gar nicht tief berührten. Denn das waren einfach nur Abgründe, von denen nicht einmal klar war, ob sie der Wahrheit entsprachen. Der Grund, warum ich es anders als sie machen wollte, war, dass sie nur Grausamkeit zu bieten hatten, aber nichts darüber hinaus. Da es immer die Verbrechen der anderen waren, blieb das Abgründige wirkungslos. Wenn ich aber nicht über die Gewalt schrieb, über was sollte ich dann schreiben? Das war es, was mir damals Kopfzerbrechen bereitete. Zum Glück habe ich dieses Problem in dem Buch, wie es Ihnen nun vorliegt, gelöst.

SK: Wie wurde das Buch in Ihrer Heimat aufgenommen?

WG: Ich habe von einem Arzt gehört, der in dem größten Krankenhaus von Xinjiang arbeitet und ebenfalls schon über vierzig ist. Als ihm das Buch von seinem Vater ans Herz gelegt wurde, hatte er es nicht weiter beachtet. Später las er es in einer schlaflosen Nacht durch. Danach kaufte er 28 Exemplare, um sie unter seinen Freunden zu verteilen. In Xinjiang haben sehr viele Leute das Buch gelesen. Auch in meiner alten Schule, der 8-1-Mittelschule, hat das Buch die Runde gemacht. Ein bekanntes Gebäude, das in dem Buch vorkommt, das sogenannte „Shanzi-Haus, war schon abgerissen. Nachdem die Mitglieder der Schulleitung das Buch gelesen hatten, ließen sie hinter dem ehemaligen Gebäude eine Stele mit den Schriftzeichen „Shanzi-Haus“ aufstellen und setzten ihm so ein Denkmal.

SK: Man hat aber keine Verbindung zu Ihrem Buch hergestellt, oder steht der Architekt des Gebäudes, der Name Ihres Vaters, auch auf dem Gedenkstein?

WG: Durch die Lektüre des Buches wurde ihnen einfach bewusst, dass man das Gebäude nicht hätte abreißen sollen, und sie bedauerten den Abriss. Also setzten sie wie ich ein Zeichen der Reue: Ich habe ein Buch geschrieben, sie haben ein Denkmal errichtet.

SK: Können Sie uns erzählen, was oder wer Sie in Ihrem literarischen Schaffen am stärksten geprägt hat?

WG: Da gibt es einen chinesischen Autor namens Liu Xinwu (刘心武). Seine erste Kurzgeschichte, die 1977 in der Zeitschrift People`s Literature veröffentlicht wurde, trug den Titel Der Klassenlehrer. Mein Klassenlehrer in der Mittelschule hat mir die Erzählung damals empfohlen. Die Geschichte hat mich zu jener Zeit sehr aufgewühlt. Später habe ich noch viele seiner Romane gelesen, die mir einiges gebracht haben. Viele meiner Kollegen aus China betonen immer, ihre besten Lehrer seien Ausländer gewesen. Bei mir ist es anders, ich denke, die guten Lehrer, die ich hatte, waren Chinesen.