Kulturelles Gedächtnis Oral History-Forschung in China

Cui Yongyuan interview Veteranen des Antijapanischen Krieges
Cui Yongyuan interview Veteranen des Antijapanischen Krieges | © Luochuan, Chongqing Evening News/ImagineChina

Gibt die Gründung eines Forschungszentrums für Oral History durch den bekannten TV-Moderator Cui Yongyuan (崔永元) an der Communication University of China dieser Form der historischen Forschung in China neuen Auftrieb?

Im Februar 2012 schlossen die Communication University of China in Peking und ihr „hervorragender Alumnus“, der bekannte CCTV-Moderator Cui Yongyuan (崔永元), einen Kooperationsvertrag ab. Verkündet wurde die Gründung des Cui Yongyuan-Forschungszentrums für Oral History und der Plan, ein Museum für Oral History an dieser Universität zu errichten. Den Grundstock dafür bilden über 50.000 Stunden Oral-History-Aufnahmen, 5 Millionen historische Bilddokumente und 300.000 wertvolle historische Objekte.

Die Sammlung von Zeitzeugendokumenten durch Cui Yongyuan und sein Team ist derzeit zweifellos eines der meist beachteten und höchste Erwartungen weckenden Oral-History-Projekte auf dem chinesischen Festland. Das hat einerseits mit der Berühmtheit Cui Yongyuans als Moderator beim staatlichen Fernsehen zu tun und auch mit dem guten Ruf der von ihm gestalteten Programme wie zum Beispiel Die Wahrheit beim Namen nennen. Besonders, weil sich sein Humor, sein Tiefgang und seine Intelligenz stets deutlich vom Zynismus anderer Moderatoren beim staatlichen Fernsehen abheben.


Oral History scheint in China Konjunktur zu haben: Etwa zeitgleich mit der Initiative Cui Yongyuans, an seiner Alma Mater die Oral History-Forschung voranzutreiben, brachte das Programm Koryphäen des Internetportals Tencent QQ in der Reihe Alte Zeitungshasen ein langes Interview mit Zuo Fang (左方), dem Begründer der Wochenzeitung Southern Weekly. Und seit September 2011 bringt der dem Taiwan Affairs Office des Staatsrats unterstehende Verlag Jiuzhou Press eine in Taiwan am Institut für Neuere Geschichte der Academia Sinica kompilierte Reihe mit über dreißig Folgen zur Oral History heraus.

Der Begriff „Oral History“ wurde von Professor Allan Nevins von der Columbia University geprägt. 1948 wurde an der Columbia University das Oral History Research Office mit Mitteln der US-Bundesregierung und der Ford Foundation eingerichtet. 1957 wurde das Chinese Oral History Project begründet. Es konzentrierte sich besonders auf bekannte Politiker, Militärs und Wissenschaftler der Republik China, die um das Jahr 1949 in die USA, besonders in die Region New York, migriert waren. Ein ehemaliger Mitarbeiter dieses Projekts und Schüler Nevins, der chinesischstämmige Historiker Te-Kong Tong (唐德刚), ist vielen Lesern am Festland als einer der Gelehrten bekannt, die sich zuerst mit chinesischer Oral History befassten. The Memoirs of Li Tsung-jen und Oral Autobiography of Hu Shi gehören zu seinen Hauptwerken. Te-Kong Tong hat Oral History so beschrieben: „Oral History ist nicht eine von einer Person erzählte und von einer anderen Person aufgezeichnete Geschichte, sondern mündliche Erzählung als historisches Material.“ Damit ist gemeint, dass Oral History-Dokumente genauso kritisch wie jedes andere historische Material zu behandeln sind, dass die Fakten stimmen müssen und es historisch eingeordnet werden muss.

Te-Kong Tong rief 1991 die Society of Oral History on Modern China ins Leben, deren Befragung von Zeitzeugen des Antijapanischen Widerstandskriegs besondere Beachtung verdient. Die Nanjinger Studiengesellschaft zur Geschichte des Nanjing-Massakers durch japanische Aggressionstruppen begann erst kürzlich damit, die Gründung einer Sektion für Oral History vorzubereiten – und zwar, nachdem sich der Bürgermeister von Nagoya im Februar 2012 mit seiner Leugnung des Nanjing-Massakers hervorgetan hatte. Dazu schrieb allerdings die Yangzi Evening News am 23.2.2012: „Derzeit gibt es nur noch gut zweihundert Überlebende des Nanjing-Massakers, die alle über 80 sind. Die Schwierigkeiten bei der Aufzeichnung dieser Oral History sind beträchtlich.“ Diese pragmatische Einstellung zur Geschichte, die hinter dem Verhalten der Studiengesellschaft durchscheint, ist enttäuschend, und sie rückt die Bedeutung der Bemühungen von Leuten wie Te-Kong Tong und Cui Yongyuan aus dem akademischen und privaten Bereich um die Rettung des historischen Gedächtnisses mittels Oral History in ein besonderes Licht.

Der Politikwissenschaftler Liu Jianping (刘建平) hat in seinem Aufsatz Die Entwicklung und kulturelle Identität von Oral History im heutigen China (erschienen in: On Modern History of China. Presenting Positive Knowledge and Thoughts, Social Sciences Academic Press, Oktober 2011) den Entwicklungsweg von Oral History am Festland so skizziert: „Seit Mitte der 1980er Jahre taucht eine individualisierte Art Geschichte zu schreiben auf, die sich im Wesentlichen des Mediums der mündlichen Erzählung bedient.“ Dazu gehören Ba Jins (巴金) ab 1980 sukzessiv erschienene Gedanken unter der Zeit und das Mitte bis Ende der 80er Jahre publizierte Werk von Mei Zhi (梅志) über ihren Mann Hu Feng (胡风) Vergangen wie Dunst – Aufzeichnungen zu dem Hu Feng widerfahrenen tiefen Unrecht sowie auch einige offizielle Projekte auf mündlichen Berichten basierender Memoiren von pensionierten staatlichen Führungspersönlichkeiten und Revolutionskadern.

Laut Liu Jianping verdienen der Autor Feng Jicai (冯骥才) und der Schriftsteller und Redakteur Li Hui (李辉) am ehesten, als Pioniere der chinesischen Oral History mit Bedeutung für die Zeitgeschichte bezeichnet zu werden: Feng Jicai begann 1986 ein Oral-History-Projekt zu den Erfahrungen der einfachen Bevölkerung während der Kulturrevolution, das 1991 in die Anthologie Zehn Jahre im Leben von hundert Menschen mündete. Li Hui brachte ab 1988 in Fortsetzungen die Elegie aus der literarischen Welt – der Hergang des von der Hu Feng-Gruppe erlittenen Unrechts heraus.

Schon damals verkündete Feng Jicai: „Was die Kulturrevolution betrifft, hatte ich nie Interesse an den sogenannten Oberschicht-Interna. Was mich beschäftigt, sind die seelischen Erfahrungen des einfachen Volks ... nur die Erfahrungen des Volks sind die Erfahrungen einer Epoche.“ Liu Jianping bewertet dies so: „Hierin drückt sich vielleicht eine Verachtung des Geheimaktensystems aus, vielleicht ist es auch eine bewusste Entscheidung für das Konzept der Volksgeschichtsschreibung, der Oral History, oder noch eher der Enthusiasmus für eine Konstruktion von Geschichte anhand von individuellen Lebensläufen. Denn eines ist sicher: Wenn niemand dem Volk, das nicht über schriftliche Ausdrucksfähigkeit verfügt, zuhört und seine Erfahrungen aufzeichnet, dann bleibt es sprachlos und seine hautnahen Erfahrungen werden für immer aus der Geschichte ausgeklammert sein.“

Ein wichtiges Charakteristikum der Oral-History-Bewegung seit den 90er Jahren und besonders seit der Jahrtausendwende ist die immer stärkere Standardisierung im Zuge ihres Entwicklungsprozesses, verursacht durch die Beteiligung spezialisierter Forschungseinrichtungen und Wissenschaftler. So brachte die Peking University Press 1999 eine Reihe mündlich erzählter Biographien auf den Weg, und 2002 begann die China Social Sciences Press mit der Herausgabe der von Fachwissenschaftlern betreuten Reihe mündlich erzählter Autobiographien, im Jahr darauf folgte dort die Schriftenreihe Oral History. Im Dezember 2004 wurde das erste chinesische hochrangige Symposium zu Oral History in China abgehalten und die Chinesische Forschungsgesellschaft für Oral History gegründet.

Insgesamt gesehen beschränkt sich das Oral-History-Fieber am chinesischen Festland weitgehend auf private Initiativen. Bekannte Autoren und Medienleute sowie marktorientierte Zeitungen und Internetportale haben sich hierbei besonders hervorgetan. Die offiziellen Wissenschaftsinstitutionen betonen zwar die Bedeutung „des Aufbaus einer marxistischen Oral History“, doch in der Praxis leisten private Wissenschaftler wie Ding Dong (丁东) mehr. Als 2010 das von Cui Yongyuan und seinem Team über acht Jahre gedrehte Projekt Mein Widerstandskrieg: Dreihundert Betroffene und ihre Oral History ausgestrahlt wurde, gingen die Erstsenderechte an das Sohu-Portal. Ende 2010 erfolgte die zeitgleiche Ausstrahlung durch 85 regionale Fernsehsender, nachdem die Programmmacher mit jedem dieser Sender einzeln Verhandlungen geführt hatten. Der Doku-Kanal von CCTV sendete diese Dokumentation erst im April 2011. Das zeigt, wie zögerlich und langsam das staatliche Fernsehen ist, wenn es um die Akzeptanz vermeintlich sensibler historischer Stoffe geht. Ideologische Risiken sind nach wie vor ein wichtiger Faktor, der die Entwicklung der Oral History in China behindert.

Auf der anderen Seite sind die Finanzierung und die kommerzielle Verwertung der Ergebnisse der privaten Oral History-Initiativen schwierig. Bei den Oral-History-Arbeiten Cui Yongyuans und seines Teams stehen zwar der Nutzen für die Allgemeinheit und der wissenschaftliche Wert im Vordergrund, doch für einen Teil der Ergebnisse müssen geeignete kommerzielle Verwendungen gefunden werden, die Gewinn abwerfen müssen, wenn sich das Projekt nachhaltig weiterentwickeln soll.

So wurden bei der Berichterstattung der Website der Communication University of China über die Vertragsunterzeichnung mit Cui Yongyuan an erster Stelle die als Sponsoren auftretenden Firmen und Künstler aufgelistet, ein klares Zeichen für die Abhängigkeit gemeinnütziger akademischer Forschungsprojekte von Geldgebern. Die Oral-History-Studien Cui Yongyuans und seines Teams weisen auch Anknüpfungspunkte zur Geschichte der Außenbeziehungen und des Auslandsstudiums sowie der Unternehmensgeschichte auf. Im März 2011 veranstaltete deshalb die gemeinnützige Cui Yongyuan-Stiftung ein Symposium zur Oral History chinesischer Unternehmer mit Festakt zum Projektstart, an dem über zwanzig bekannte chinesische Unternehmer teilnahmen, unter ihnen Liu Chuanzhi (柳传志), Jack Ma Yun (马云), Liu Yonghao (刘永好) und Yu Minhong (俞敏洪). Dem Vernehmen nach zog sich Cui Yongyuans Team nach der Spende großer Beträge aus Unternehmerkreisen für die Bearbeitung und wissenschaftliche Sichtung der Oral History der Unternehmer davon zurück und konnte einen Teil der Gelder für das Oral-History-Projekt zum Widerstandskrieg gegen Japan abzweigen. So klug diese Strategie ist, so stellt sich doch die Frage, wie sicherzustellen ist, dass Sponsorengelder von Unternehmern nicht die Objektivität und Neutralität der Oral-History-Leute beeinträchtigen.