Fokus: Das Kapital Die diabolische Hand – Joseph Vogl über die Entzauberung des Marktes

Links: Buchcover, rechts: Joseph Vogl
Links: Buchcover, rechts: Joseph Vogl | Links: © diaphanes,rechts: © Stephanie Kiwitt

In seinem Essay Das Gespenst des Kapitals analysiert Joseph Vogl unser Wissen über die Ökonomie und fragt, wie man angesichts der Krisen auf den Märkten von der ökonomischen Welt als von einem sinnhaften, vernünftigen System sprechen kann.

Ungeachtet all der Krisen, die Weltwirtschaft und Weltfinanzsystem erschüttern, scheint immer noch die Vorstellung verbreitet zu sein, dass der Markt nicht nur ein Ort des rationalen Ausgleichs ist, sondern auch selbststabilisierende Kräfte entfaltet. Weite Teile der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften basieren auf dieser Annahme. In seinem Essay Das Gespenst des Kapitals analysiert Joseph Vogl unser Wissen über die Ökonomie und fragt, wie man angesichts der Krisen auf den Märkten von der ökonomischen Welt als von einem sinnhaften, vernünftigen System sprechen kann. 

Das kapitalistische Wirtschaftssystem basiert auf der Idee, dass in der Marktwirtschaft selbstregulative und -stabilisierende Kräfte wirksam sind. Angebot und Nachfrage, so die Theorie, werden durch den Preis zum Ausgleich gebracht, Güter effizient und gerecht verteilt. Eingreifen sollte der Staat deshalb nur dort, wo es zum sogenannten Marktversagen kommt, wie etwa bei Kulturbetrieben. Von diesen Ausnahmen abgesehen gilt die Marktwirtschaft als die effizienteste Form der Organisation von Austauschbeziehungen. Krisen werden nicht dem System selbst, sondern marktexternen Faktoren wie einer verfehlten Wirtschaftspolitik zugeschrieben. 

Wettbewerb in allen Lebensbereichen 

Die wirkmächtige Vorstellung eines selbstregulativen, rationalen Marktes steht im Zentrum des Essays von Joseph Vogl. Er prägt für diese Idee den Begriff der „Oikodizee“ und lehnt sich damit an den im 18. Jahrhundert von Leibniz geprägten Begriff der Theodizee an, der Rechtfertigungslehre also für die Allmacht Gottes trotz all des Unheils und offenkundigen Bösen in der Welt. Vogl beschreibt, wie die ökonomische Wissenschaft mit Anleihen aus der Theologie eine umfangreiche Rechtfertigungslehre aufgebaut hat, die allen Wirtschafts- und Finanzkrisen zum Trotz die Vorstellung eines auf Vernunft gegründeten Marktgeschehens konstruiert hat und bis heute verteidigt. 

Mit enormen Folgen: Denn die Herrschaft dieser kaum noch hinterfragten Idee führt nach Auffassung Vogls zum größten „sozialen Massenexperiment“ der Gegenwart, der Übertragung des Wettbewerbsprinzips auf alle Bereiche der Gesellschaft. Da der freie Markt als Garant für die effiziente Verteilung von Ressourcen gilt, werden zunehmend auch nicht-ökonomische Bereiche wie der Gesundheits- oder der Bildungssektor nach Marktprinzipien organisiert und der Mensch in all seinen sozialen Beziehungen einer ökonomischen Perspektive unterworfen. 

Die Anfänge der Oikodizee 

Dass der rationale Markt vor allem eine wirkmächtige Behauptung ist und nicht die Realität beschreibt, zeigt Vogl anhand der Entstehung dieser Idee in ökonomischen Diskursen des 18. Jahrhunderts. Insbesondere in den Schriften des schottischen Moralphilosophen Adam Smith findet die Oikodizee ihre heute noch bekannteste Metaphorisierung: Gleich einer „unsichtbaren Hand“, so schreibt Smith in seiner Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Wohlstands der Nationen, bringt der Markt die egoistischen Interessen der Einzelnen zum Ausgleich und wendet sie zum Gemeinwohl. Dieser stetige Drang zur Harmonie, so Smith und die ökonomische Theorie in seiner Folge, sei ein Naturgesetz des Sozialen. Mehr noch: Der Markt bringe Gesellschaft überhaupt erst hervor. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung sei daher nicht nur das beste denkbare, sondern zugleich das moralisch gebotene Wirtschaftssystem. Dem Staat komme lediglich die Aufgabe zu, für ideale Marktbedingungen zu sorgen. In das Marktgeschehen eingreifen dürfe er keinesfalls – auch nicht in guter Absicht. 

„Die Zukunft ist immer schon eingepreist“ 

Die Ökonomie aber hat sich seit den Zeiten Adam Smiths grundlegend verändert. Vogl beschreibt, wie die Zirkulation von ungedecktem Geld als globales Zahlungsmittel und die Aufhebung fester Wechselkurse für Währungen in den 1970er-Jahren die moderne Finanzökonomie entstehen ließen, durch die Wertschöpfung nicht mehr nur aus produzierten Gütern, sondern allein aus Geld möglich wurde. Auf Endlosigkeit angelegte Verschuldungsketten finanzieren Investitionen der Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Stetig komplexere Finanzinstrumente machen kaum noch nachvollziehbare Transaktionen profitabel, die Vogl am Beispiel des Terminhandels so beschreibt: „Jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet noch haben will, verkauft diese Ware an jemanden, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie tatsächlich auch nicht bekommt.“ 

Weil Finanzmärkte zum Spekulieren auf zukünftige Preisentwicklungen zwingen, setzt insbesondere ab den 1970er-Jahren eine fieberhafte Suche nach Formeln zur Berechnung zukünftiger Kursentwicklungen ein. Diese „mit Nobelpreisen prämierte Verwandlung von Ratespielen in Finanzwissenschaft“ überträgt die Vorstellung eines rationalen Marktes von den Gütermärkten auf die Finanzmärkte. Denn Berechnungen dieser Art sind überhaupt nur unter der Annahme möglich, dass Marktbewegungen inneren Gesetzmäßigkeiten unterliegen und nicht vollkommen willkürlich verlaufen. Die für das Gleichgewicht des Marktes entscheidende Regulierung von Angebot und Nachfrage über den Preis, so lehren es die Finanzwissenschaften heute, wird über die Berechenbarkeit von Risiken gesichert: Denn als sicher geltende Investitionen bringen die Aussicht auf geringen Profit, da sie teurer sind, risikobehaftete Investitionen versprechen dagegen eine hohe Rendite. „Die Zukunft“, so Joseph Vogl, „ist immer schon eingepreist.“ 

Der perfekte Sturm – Ende der Oikodizee? 

Doch es gibt entscheidende Unterschiede zwischen Gütermärkten und Finanzmärkten: Letztere zwingen gerade durch ihre Spekulativität zur Konformität. Steigende Aktienkurse führen nicht zu einem Rückgang der Nachfrage, sondern steigern sie eher noch. Sinkende Preise dagegen verstärken die Fluchtbewegung und beschleunigen so den Absturz. 

So führen „Preisschwankungen auf Finanzmärkten zu vernünftigen Anpassungsreaktionen, diese zu kohärenten Ordnungsfiguren und diese über positive Rückkoppelungen zu einem ‚perfekten Sturm‘.“ Das so wirkmächtige Gleichgewichtstheorem der klassischen Ökonomie wird ins Gegenteil verkehrt: Die Handlungen Einzelner werden nicht, so wie Adam Smith formuliert, über den Marktmechanismus ins Positive gewendet, vielmehr produzieren die Finanzmärkte „mit rationalen Entscheidungsprozessen systematisch Unvernunft“. Krisen wären dann keine Anomalien, sondern Teil des Systems und folglich nicht zu verhindern. In Anlehnung an Smiths Bild der unsichtbaren Hand schreibt Vogl: „Wenn hier die Wirksamkeit einer unsichtbaren Hand im Spiel ist, manifestiert sich in ihr eine diabolische Natur.“

Die Stabilität unserer Ökonomien hängt entscheidend vom reibungslosen Funktionieren der Finanzmärkte ab. Die globalisierte Finanzökonomie aber ist politisch kaum mehr zu steuern – auch als Folge der umfangreichen Deregulierungsprozesse der 1980er-Jahre, die nur aus dem Kontext des Glaubens an selbstregulative Märkte möglich waren. Der mangelnde politische Einfluss steht im deutlichen Missverhältnis zur Verteilung der Risiken – die Kosten für die Rettung des Finanzsystems tragen alle. Dem, so Vogl, müssen wir etwas entgegensetzen, und dafür bedarf es dringend einer Entzauberung des Marktes und eines Endes der Oikodizee. 

Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals. diaphanes 2010/2011, ISBN 978-3-03734-116-.