Urbane Gemeinschaftsgärten Die Sehnsucht nach Lebendigkeit – Urbane Gemeinschaftsgärten

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gutes Leben ist Zeit
Foto: Inga Kerber

Die Soziologin Christa Müller erklärt den Gartenboom in deutschen Großstädten unter anderem mit der gesellschaftlichen Suchbewegung nach entschleunigten, kollektiven Räumen, die die Natur nicht mehr aus der Stadt ausschließen.

Das Tempo in funktional ausdifferenzierten, zunehmend digital gesteuerten Gesellschaften nimmt permanent zu. „Beschleunigungsgesellschaft“ ist derzeit eine der treffendsten Zeitdiagnosen. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht die Wettbewerbsgesellschaft durch eine „unabschließbare Steigerungslogik“ gekennzeichnet. Sie generiert nicht nur ökologische, sondern auch soziale und psychische Folgeschäden.

Permanenter Mangel an Zeit ist dabei nur ein Teil des Problems, ein anderer, womöglich gravierenderer, ist der Mangel an Lebenszufriedenheit. Dies ist ein Paradox, denn die permanente Effizienzsteigerung war ursprünglich eng gekoppelt an das Fortschrittsversprechen eines „besseren Lebens“, das durch den Zugang zu monetären Mitteln und die Befreiung von schwerer körperlicher Arbeit getragen war.

Sie verwandeln Parkgaragendächer in lebensfreundliche Umgebungen

Jedoch ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein „gutes Leben“ Zeit. Zeit vor allem für gelingende Beziehungen: zu sich selbst, zu anderen, zur Natur. In lebendiger Interaktion mit der Welt zu sein wird derzeit von einer neuen urbanen Gartenbewegung öffentlich erprobt. Sie verwandeln Brachflächen, Parkgaragendächer und andere vernachlässigte Orte in grüne, lebensfreundliche Umgebungen. Aus Europaletten, Industrieplanen und Bäckerkisten bauen sie mithilfe einer breiten Beteiligung aus dem Viertel mobile Gemeinschaftsgärten auf, zum Beispiel auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof oder auf dem Gelände einer ehemaligen Kölner Brauerei.

Sie halten Hühner und Bienen, säen, ernten, kochen, reproduzieren Saatgut, bauen Lehmöfen und Lastenfahrräder aus Schrottteilen, nutzen Hafencontainer zu Werkstätten und Gartenbars um, bringen sich gegenseitig handwerkliches Wissen bei und beleben Formen der Begegnung, die die Natur ebenso wie Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft einschließen.

  • Zeit zum Lesen Foto: Inga Kerber
    Zeit zum Lesen
  • Jeder Hinterhof kann zum Garten werden Foto: Inga Kerber
    Jeder Hinterhof kann zum Garten werden
  • Blumen in einer recycelten Kiste Foto: Inga Kerber
    Blumen in einer recycelten Kiste
  • Hinterhofgarten Foto: Inga Kerber
    Hinterhofgarten
  • Erfahrene Stadtgärtnerin Foto: Inga Kerber
    Erfahrene Stadtgärtnerin
  • Frisch geerntete Kartoffeln Foto: Inga Kerber
    Frisch geerntete Kartoffeln
  • Selbst gepflückte Blumen Foto: Inga Kerber
    Selbst gepflückte Blumen
  • Apfelernte Foto: Inga Kerber
    Apfelernte
  • Es gibt viel zu tun Foto: Inga Kerber
    Es gibt viel zu tun
  • „Nicht klauen” Foto: Inga Kerber
    „Nicht klauen”
  • Keine Tomate gleicht der andern Foto: Inga Kerber
    Keine Tomate gleicht der andern
  • Zeit zum Auspflanzen Foto: Inga Kerber
    Zeit zum Auspflanzen
  • Einweckgläser Foto: Inga Kerber
    Einweckgläser

 

Zeit an Wachstumsprozesse in der Natur verschenken

Die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die inmitten der westlichen Großstädte reinszeniert und mit urbanen Lebensstilen vermischt wird, ermöglicht den Zugang zu einer anderen Rationalität. In Gemeinschaftsgärten lohnt es sich, Zeit an Wachstumsprozesse in der Natur zu verschenken und damit auch an die eigene sinnliche Erfahrungswelt. Im Garten wird Zeit nicht effizient eingesetzt (effizienter wäre es, billige Lebensmittel vom globalen Markt im Supermarkt zu kaufen und Externalisierungsvorteile zu realisieren). Im Garten vermittelt sich ein anderes Verständnis von Wohlstand.

Gemeinschaftsgärten ermöglichen Entschleunigung. Sie bieten den Beteiligten Gelegenheit, zu sich zu kommen, sich konzentriert einer Sache zu widmen und Zeit als gedehnte Gegenwart zu erfahren. In den östlichen Weisheitsschulen ist gerade die Fähigkeit, in der Gegenwart ganz und gar präsent zu sein, eine der wesentlichen Voraussetzungen für das, wonach Menschen suchen: Zufriedenheit, Glück, in Kontakt mit der Welt sein.

Gärtnern ermöglicht Erfahrungen mit Zeitzyklen der Agrarkultur

Für viele Großstadtbewohner ist der Gemüsegarten damit ein Antidot zu Aufmerksamkeits- und Gegenwartsverlust, Multitasking und Secondscreening, Beschleunigung und Zeitverdichtung. Er dient dem "erschöpften Selbst", wie der französische Soziologe Alain Ehrenberg es nennt, als Refugium. Der Garten verlangt nicht nach Zeitverkürzung, ganz im Gegenteil, er fordert die ihm eigene Zeit ein und die Gärtner auf, sich auf die Wachstumsprozesse anderer Lebewesen einzulassen. Gärtnern ermöglicht Erfahrungen mit Zeitzyklen und Sinnhorizonten der Agrarkultur. Aus ihr stammt die sprachliche Korrespondenz von Zeit und Wetter, wie sie zum Beispiel im spanischen tiempo oder im französischen temps anklingt. Die Agrarkultur, die in urbanen Gärten praktiziert wird, ist zyklisch. Jedes Jahr beginnt der Kreislauf neu mit der Vorbereitung des Bodens und dem Säen. Man ist der Natur ausgesetzt, den klimatischen Verhältnissen, den Jahreszeiten und den Tag-Nacht-Zyklen. Diese Zeitdimensionen sind faszinierend für hochgradig virtualisierte Individuen, für die alles gleichzeitig möglich und steuerbar scheint, nicht zuletzt, weil sie erkennen lassen, dass wir selbst in Lebenszyklen eingebunden sind und dass es klug ist, sich den Gegebenheiten gelegentlich einfach hinzugeben.

Sehnsucht nach einer anderen Stadt

Jedoch geht es hier keineswegs um eine verklärende Romantisierung des Landes vom sicheren Hafen der Stadt aus, hier geht es vielmehr um die Sehnsucht nach einer Stadt, die das Land nicht ausbeutet und vergiftet, sondern die es wertschätzt und mit ihm kooperiert.

Seit der Neuzeit bestimmt die Unterscheidung von Natur und Kultur die westliche Wahrnehmung der Welt. In den urbanen Gärten wird sie höchst produktiv unterlaufen: durch den liebevollen Bau von Insektenhotels, das umsichtige Anlegen von Bienenweiden, die engagierte Debatte über artgerechte Tierhaltung, auch in der Stadt. All diese harmlos wirkenden Praxen sind der Versuch, Dinge wieder zusammenzubringen, die zuvor getrennt wurden: Produktion von Konsum, Stadt von Land, Kultur von Natur.

Die Leitunterscheidungen der Industriemoderne kollabieren. Das könnte für viele eine gute Nachricht sein.

Bilder
Alle Fotos dieses Artikels sind Aufnahmen von Inga Kerber und stammen aus dem Bildband Stadt der Commonisten. Neue urbane Räume des Do it yourself von Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner, erschienen 2013 im transcript Verlag.
 
Literatur
Baier, Andrea/ Müller, Christa/ Werner, Karin. 2013. Stadt der Commonisten. Neue urbane Räume des Do it yourself. Bielefeld: transcript.
Müller, Christa (Hg.). 2011. Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München: oekom.
Rosa, Hartmut. 2013. Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Berlin: Suhrkamp.