Fokus: Begehren Begehren – eine Einführung

Begehren
Begehren | © www.colourbox.com

Von der etymologischen Bedeutung des Wortes „Begehren“ über Erotik und Liebe, Macht und Sünde hin zu Begehren als Antrieb – eine philosophische Einführung der Schriftstellerin und Malerin Beate Rygiert.

Eins: Zur Bedeutung

Begehren: mhd. [be]gern, ahd. gerōn ist abgeleitet von dem Adjektiv mhd., ahd. ger „begehrend, verlangend“ (vgl. gern und Gier). Dazu gehört das heute veraltete Substantiv

Begehr (mhd. Beger „Begehren, Bitte“), von dem begehrlich (mhd. begerlich) abgeleitet ist.
aus: DUDEN Etymologie, Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache

Über einen abstrakten Begriff zu reflektieren ist, als wolle man einen Sonnenstrahl mit der Hand einfangen. Denn in einer Welt, die sich ständig im Wandel befindet, – und nicht nur die Welt im Allgemeinen, sondern wir Menschen im Besonderen, – sind auch die Begriffe unserer Sprache in ihrer Bedeutung alles andere als beständig. Fragte der Dschinn in dem Märchen Aladin und die Wunderlampe nach seinem Erscheinen noch: „Meister, was ist Euer Begehr?“, so würde er sich heute vermutlich so ausdrücken: „Hey, Boss, was willst du von mir?“. Begehr als Wunsch, als Bitte, als Anliegen. Und doch trifft keines der alternativen Begriffe den Gehalt des laut Duden veralteten Substantivs Begehr. Denn begehren ist stärker als wünschen, ein Wunsch kann schließlich auch um seiner selbst Willen geäußert werden, er drängt nicht so sehr auf seine Erfüllung wie das Begehren. Im Begehren steckt mehr Dringlichkeit, mehr Energie zum Erlangen des Begehrten. Was man begehrt, scheint man dringend zu brauchen – und dennoch trifft auch dieses Wort nicht den richtigen Sinn. Man kann durchaus begehren, was man objektiv betrachtet nicht unbedingt braucht. Wer begehrt, strebt nach etwas, verlangt nach etwas. Liegt der Sinngehalt irgendwo in der Mitte zwischen wünschen und fordern? Aber wo genau sollte das sein?

In seinem Begehren möchte der Mensch mitunter am liebsten zu den Sternen greifen, und vielleicht ist ja an dem etymologischen Erklärungsansatz etwas dran, nach dem das italienische „desiderare“ auf den lateinischen Begriff „sidus“, der Stern, zurückgehen soll, mit der Vorsilbe „de“ gleichsam in die Ferne gerückt: der nicht vorhandene Stern, der abwesende Stern, der fehlende Stern, dem unser Begehren gilt.

Zwei: Begehren, Erotik, Liebe

Ich begehre Liebe, wie man Schlaf begehrt.
Georges Braque, Aufzeichnungen; Vom Geheimnis der Kunst

Der Begriff „begehren“ als Wunschäußerung ist also aus der Mode gekommen. Geblieben ist seine Konnotation im Zusammenhang mit der geschlechtlichen Liebe, und daran wird auch jeder zunächst denken, wenn heute dieses Wort fällt. Begehren als Reaktion auf sexuelle Attraktion, und – im Gegensatz zum altmodischen Begehr – durchaus möglich auch gegen den bewussten Willen desjenigen, der dieses Begehren fühlt. Ist Begehren als körperlicher Reflex auf einen erotischen Reiz, und das, was man begehrt, die sexuelle Vereinigung? Oder ist es mehr? Vereinigung im übergeordneten Sinne als Paar, als Zwei-in-Einem, als Wesensverwandtschaft, als Überwindung der Vereinzelung? Oder der Partner als Beute, als Trophäe, als Statusobjekt, Schmuckstück und Vorzeigeobjekt? Und entsteht um diese gesellschaftlich nicht adäquate Motivation des Begehrens darum eine ganze Kette von gedanklichen Assoziationen, von Konventionen geordnet und sogenannte romantische Gefühle nach sich ziehend – die Gefühle, die wir Verliebtheit oder gar Liebe nennen? Schon Platon lässt in Das Gastmahl Sokrates ausführen, Liebe und Begehren seien dasselbe, und zum Zusammenhang zwischen Eros und Begehren lässt er ihn sagen: Eros sei doch erstens Liebe zu etwas, und zweitens Liebe zu dem, woran man Mangel leide.

Ist Begehren also ein Erleben von Mangel? Kann man etwas begehren, was man bereits besitzt? Nein, erklärt Sokrates im Gastmahl. Man kann lediglich begehren, bzw. sich wünschen, dass man das, was man besitzt, nicht verlieren möge. Kann man folglich nur lieben, was man fürchtet, wieder zu verlieren? 

Drei: Begehren und Macht

„Je unschuldiger ein Mädchen ist, desto weniger weiß sie von den Methoden der Verführung. Bevor sie Zeit hat, nachzudenken, zieht Begehren sie an, Neugier noch mehr und Gelegenheit macht den Rest.“ 

Giacomo Casanova, Memoiren, Band 5, Kapitel 18

Hat heute der Begriff Begehren eine eindeutig erotische Konnotation, so stellt sich unweigerlich die Frage, wie diese Form des Begehrens in unserer Gesellschaft ausgelöst wird. Wie lenke ich als Mann den begehrlichen Blick einer Frau auf mich? Wie schaffe ich dies am Besten als Frau?

Der amerikanische Soziologe John Levi hat Interessantes herausgefunden, als er den Zusammenhang zwischen Macht und Attraktivität untersuchte: Frauen fühlen sich demnach zu solchen Männern mehr hingezogen, die ihnen in persönlichen Belangen überlegen erscheinen – solchen Männern also, denen sie mehr Macht zugestehen, als sich selbst, und denen sie im Überlebenskampf offenbar eher zutrauen, für sie zu sorgen, als Männern, denen sie sich überlegen fühlen. Männer dagegen begehren laut Levi solche Frauen mehr, denen auch Dritte einen hohen Status zumessen, die allerdings ihnen die Macht nicht streitig machen wollen. Ganz klar: Sexuelles Begehren und Macht hängen eng miteinander zusammen. 

Aber damit nicht genug: Viele Menschen, Männer eher als Frauen, benötigen für die erotische Stimulanz, die die direkte Ausübung von Macht bietet, gar nicht mehr den Umweg über einen Liebespartner. Die Macht an sich und das, was sie mit ihr verbinden, genügt, um ihr Begehren anzutreiben und in ihr eine fast erotische Befriedigung zu empfinden – wie dies bei Politikern häufig zu beobachten ist. So wie Erotik und Begehren durch verdeckte Machtspiele manipuliert werden können – die scheinbar machtlose Frau, die mithilfe einer ganzen Schönheitsindustrie dafür sorgt, dass der vordergründig mächtige Mann, bestätigt darin, dass auch Dritte sie bewundern, sie begehrt – so endlos ist dieser Kampf um Macht und Liebe, weil ja stets nur das begehrt werden kann, dessen man sich nicht sicher ist. Und so finden sich Männer wie Frauen in einem Hamsterrad wieder: Sie sehnen sich nach Sicherheit, Macht und Liebe und wissen doch ganz genau, dass ihre Begehrenswertigkeit in dem Augenblick schwindet, in dem sich ihr Wunsch erfüllt.

Keine Industrie macht sich die Begehrlichkeiten und Sehnsüchte der Menschen so zunutze wie die Werbung. Deren Aufgabe ist es, eine Nachfrage zu erzeugen, wo vorher möglicherweise noch gar keine war, oder die bereits existierenden Begehrlichkeiten zu lenken. Werbung führt uns vor Augen, was wir nicht haben, jedoch besitzen könnten und gaukelt uns vor, dass wir glücklicher wären, wenn wir dem künstlich geweckten Begehren nachgäben. Karl Marx nannte dies Entfremdung von uns selbst: All unser Begehren wird laut ihm reduziert auf das Verlangen nach Besitz, es entstehen stets wachsende Aneignungswünsche, die nicht erfüllt werden können, und uns so zu Sklaven der Industriegesellschaft machen.

Auch auf diese Weise wird Macht ausgeübt – durch die Manipulation unseres Begehrens. Bereits Epikur unterschied zwischen natürlichem, notwendigem Begehren auf der einen Seite und der künstlich erzeugten und daher nichtigen Begierde. Seiner Meinung nach finden wir nur dann Ruhe und Glück, wenn wir uns auf das Begehren beschränken, das wirklich aus uns selbst entspringt.

Vier: Begehren als Sünde

Der heilige Mensch begehrt, nicht zu begehren.

Lao Tse, Tao te King, Buch 2, Kapitel 64

Die Gefahren der Manipulation sind ein Grund, warum die großen Weltreligionen dem menschlichen Begehren mit Skepsis, um es gelinde auszudrücken, begegnen. Um die gesellschaftliche Ordnung zu bewahren, sind gleich drei der zehn Gebote des Alten Testaments dem Verbot des Begehrens gewidmet: Das sechste Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen“ nennt die Sache direkt beim Namen. Was aber ist der Unterschied zum neunten Gebot „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“? Wird im sechsten Gebot die Tat verurteilt, so geht das neunte einen entscheidenden Schritt weiter, denn hier wird bereits der Gedanke, das Begehren an sich noch vor der Tat, verurteilt. Ebenso verhält es sich mit dem zehnten Gebot, das sich auf das Begehren des Besitzstandes eines anderen bezieht. Allein ein „Das-hätte-ich-gerne“ in Gedanken wird damit zur Sünde.

Belässt es das Alte Testament mit dem strikten Verbot ohne jede Erklärung, so finden sich in den Lehren des Taoismus zahlreiche Beispiele, die belegen sollen, warum das Begehren den Menschen blind für die Folgen seiner Handlungen und langfristig unglücklich macht, da es nie zu stillen ist.

Der Hinduismus nennt das Begehren einen Durst, der in seiner Dringlichkeit verhindert, dass der Geist zur erlösenden, göttlichen Ruhe und damit zur Erleuchtung findet. Begehren wird mit Unwissenheit gleichgesetzt, ja, sie ist neben Dummheit und Hass eine der drei Kardinalssünden des hinduistischen Glaubens. Begehren ist eine Form von Lebensdurst, ein Verlangen nach Objekten der Sinne, das durch spirituelle Übung überwunden werden kann und muss, da es ein Hindernis für die persönliche Entwicklung darstellt. In der Bhagavad Gita heißt es: „Wessen Sinne auf die Objekte gerichtet sind, dem entsteht ein Interesse an ihnen; aus Interesse entsteht Begehren; Begehren gibt Ursache zum Zorn. Aus Zorn entsteht Geistestrübung; aus Geistestrübung Erschütterung der Besonnenheit; wo Besonnenheit verlorengeht, ergibt sich auch der Verlust der Urteils- und Entschlusskraft. Das aber ist der geistige Ruin.“

Ganz ähnlich sehen es die Lehren des Buddhismus: Trishna bzw. Tanha heißt jenes Begehren, das durch die Berührung eines Sinnesorgans mit einem entsprechenden Objekt entsteht und Anhaftung und Leiden bewirkt. Damit binden sich die Wesen an den Daseinskreislauf. Durch das Üben von Großzügigkeit kann Trishna bzw. Tanha verringert und überwunden werden.

Fünf: Begehren als Antrieb

Niemand kann begehren, glücklich zu sein, gut zu handeln und gut zu leben, ohne dass er zugleich begehrt, zu sein, zu handeln und zu leben, das heißt wirklich zu existieren.“ 

Baruch Spinoza, Ethik, Buch IV, 21. Lehrsatz

Ist das die Antwort? Jede Form von Begehren durch Meditation und Übung zu überwinden? Des nächsten Weib und Hab und Gut und auch sonst nichts zu begehren? Begehrt derjenige, dem dies gelingt, nicht stattdessen die Überwindung des Menschseins?

Friedrich Nietzsche äußerte die Meinung, es gäbe keine moralischen oder unmoralischen Begierden, sondern nur moralische Ausdeutungen, also Interpretationen des Begehrens. Dieses in Bausch und Bogen aus moralischen Gründen zu verurteilen, darin sah Sigmund Freud gar eine große Gefahr. In seiner Schrift Das Unbehagen in der Kultur erklärt er, dass ein Verlangen nicht wirklich unterdrückt werden könne, denn sobald es unterdrückt werde, äußere es sich in anderer Form. Daraus entstehe Kultur, aber auch Barbarei.

Es scheint, als gehöre das Begehren zur Natur des Menschen. Die Frage ist, wie er mit diesem energiegeladenen Impuls umgeht, ob aus ihm Kultur entsteht oder Barbarei.

Spinoza sprach vom „Begehren im Sinne von Streben nach etwas“, als durchaus produktiver Kraft, die uns antreibt, Dinge zu vollbringen, die wir vorher nicht beherrschten. Dem unstillbaren Begehren zahlreicher Menschen in der Vergangenheit, zu fliegen, verdanken wir, dass wir uns heute mittels einer ausgeklügelten Technik in die Lüfte erheben können. Mit anderen Worten: Hätte die Menschheit von Anfang an dem Impuls des Begehrens widerstanden, säßen wir, salopp gesagt, wohl heute noch auf den Bäumen. Der Mensch begehrte von Anfang an, sich den Überlebenskampf zu vereinfachen und Träume zu erfüllen – und noch viel mehr: Was treibt den Maler an, wenn er seine Leinwand mit Farbe füllt, was den Komponisten, der Töne und Klänge kombiniert, was den Schriftsteller, der Geschichten immer neu entwirft, die doch bereits alle erzählt worden sind? Was bewegt Tänzer, unerhörte Anstrengungen auf sich zu nehmen, um mit ihren Körpern etwas auszudrücken, was sie mit anderen Mitteln nicht vermögen? Was all die Philosophen, die in diesem Text erwähnt wurden? Allen ist gemeinsam, dass eine Art Begehren sie antreibt, das sie nicht zu benennen wissen, der Wunsch, über sich selbst hinauszutreten und etwas zu vollbringen, von dem sie vorher nicht genau wussten, was es sein würde und ob sie es schaffen könnten. Die Sehnsucht, nach den sprichwörtlichen Sternen zu greifen, dem lateinischen „sidus“, um aus der Trennung ein Ganzes zu machen, und sei es auch nur für einen Augenblick.