Lea Schneider, Lyrikerin und Übersetzerin Found in Translation

Lea Schneider
Lea Schneider | Foto/Copyright: Jasmin Oertel

Chinesische Gegenwartslyrik ist in Deutschland, einmal abgesehen von eingeweihten Kreisen, so gut wie unbekannt. Lea Schneider, eine junge Sinologin und Mitglied des Lyrikkollektivs G13, will das ändern. Für die im Oktober 2016 erschienene Anthologie „Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik“ hat sie zwölf zeitgenössische chinesische Lyrikerinnen und Lyriker in Zusammenarbeit mit Peiyao Chang ins Deutsche übersetzt. Ihre Texte sind so kunstvoll, wie man es von Lyrikübersetzungen kaum gewohnt ist. Doch eigentlich haben wir es schon immer geahnt: Gedichte werden am besten von Dichtern übersetzt.
 

Im Vorwort zu „Chinabox“ schreiben Sie, dass chinesische Lyrik in Deutschland traditionell nur zwei Kategorien kennt: Pflaumenblüte oder Dissident. Woher kommt das?

Die exotisierende Wahrnehmung Chinas à la Pflaumenblüte ist tatsächlich nichts Neues. Sie zieht sich durch das komplette Schauen des Westens auf China. Chinabox ist deshalb auch aus einer Unzufriedenheit heraus entstanden, weil ich selbst deutsche Übersetzungen chinesischer Gedichte gelesen habe und dachte: „Das kann es doch nicht sein!“ Die Kategorie „Dissident“ hingegen trifft nicht nur auf Literatur zu, sondern auch auf die Bildende Kunst. Man muss nur den Namen Ai Weiwei nennen und weiß sofort, woran ich dabei denke. Diese westliche Wahrnehmung ist ein großes Diskussionsthema (unter chinesischen Lyrikerinnen und Lyrikern; AdR) und es herrscht eine große Frustration deswegen. Ich fand es aber interessant, dass das vielen mittlerweile auch egal ist, weil sich bestimmte Relationen verschieben. Der Westen ist nicht mehr so wichtig für China. Die Autorinnen und Autoren, mit denen ich gesprochen habe, haben sich gefreut, dass sie übersetzt werden, aber für ihr Standing ist das nicht entscheidend. Es war lehrreich zu sehen, dass Europa nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Ebenso frappierend war es zu bemerken, wie wenig ich – und ich habe Sinologie studiert – eigentlich an Literatur lese, die im Original nicht deutsch-, englisch- oder französischsprachig ist. Deswegen ist eine gute Übersetzung für mich auch ein politischer Akt, weil sie im besten Fall so komplex ist wie das Original. Und ich glaube tatsächlich, dass man heute immer noch zeigen muss, dass in anderen Sprachen als Deutsch und Englisch komplexes Denken und Schreiben stattfindet.

Wie haben Sie die lyrischen Strukturen und Formen der chinesischen Originale im Deutschen wiedergegeben?

Ich arbeite in der Regel so, dass ich zuerst eine Interlinearübersetzung mache und zwar sowohl eine in der Lautumschrift pinyin, damit ich die Klanglichkeit vor Augen habe, als auch eine ins Deutsche. Dann gehe ich nach und nach durch den Text. Es gibt Gedichte, die habe ich in zwei Tagen übersetzt, andere haben wochenlang herumgelegen. Die schlechteste Übersetzung ist immer ein Kompromiss, denn das Original ist ja auch kein Kompromiss. Jeder gute Text ist einer, der sich für etwas entschieden hat, deswegen muss das auch jede gute Übersetzung tun.  Schwierige Textstellen habe ich versucht zu lösen, indem ich möglichst viel von der jeweiligen Autorin oder dem jeweiligen Autor gelesen habe, um zu verstehen, was deren Sound ist. Das habe ich dann versucht, im Deutschen zu reproduzieren. Wenn ich mit meinen Übersetzungen fertig war, hat sie Peiyao Chang, eine taiwanesisch-deutsche Autorin und meine Ko-Übersetzerin, gegengelesen. Für popkulturelle Anspielungen oder ähnliches war es entscheidend, mit ihr zusammenzuarbeiten. Ohne sie hätte das Buch nicht so werden können, wie es ist. Seitdem bin ich  überzeugt von Übersetzertandems.

Wie empfinden Sie die Übersetzungstätigkeit im Vergleich zu Ihrem eigenen Schreiben?

Für mich war ganz viel Euphorie dabei, denn übersetzen heißt ja erst einmal, ganz genau zu lesen. Ich habe nie so gründlich und genau gelesen, wie wenn ich übersetzt habe. Das ist toll, denn man versteht plötzlich etwas, was im Text passiert, und ist begeistert davon, dass das möglich ist. Das hätte ich nicht so erfunden oder gefunden, wenn ich es nicht übersetzt hätte. Es gibt ganz oft Momente, in denen Dinge gar nicht „lost in translation“, sondern eher „found in translation“ sind. Mein eigenes Schreiben ist ebenfalls ganz stark ein Lesen, insofern ist die Übersetzungsarbeit sehr intensiv in meine eigenen Texte eingegangen. Irgendwann habe ich sogar angefangen, Antwortgedichte zu schreiben, die ich später in „Gegengedichte“ umgetauft habe. Manche sind eine Collage aus den Originalen und den Übersetzungen, manche greifen bestimmte Bilder auf, manche sind nur eine Gegentirade, weil ich irgendwann mit dem Original unzufrieden war. Daraus ist ein ganzer Zyklus entstanden, in dem das Original neben meiner Übersetzung und dem Gegengedicht steht. Auf der anderen Seite habe ich gemerkt, dass es mir wahnsinnig schwerfällt zu schreiben, wenn ich übersetze, weil das meine ganze Aufmerksamkeit, Kraft und Zeit braucht. Es gibt aber noch viele andere chinesische Lyrikerinnen und Lyriker, die ich gerne übersetzen würde. Das ist wirklich eine „never ending story“.

Chinabox, Neue Lyrik aus der Volksrepublik, Verlagshaus Berlin.

Mit Gedichten von Zang Di (臧棣), Han Bo (韩博), Lü Yue (吕约), Jiang Tao (姜涛), Wang Pu (王璞), Sun Wenbo (孙文波), Ming Di (明迪), Jiang Hao (蒋浩), Zhou Zan (周瓒), Zheng Xiaoqiong (郑小琼) and Yan Jun (颜峻).

Illustrationen: Yimeng Wu
Herausgeberin: Lea Schneider
Übersetzung: Marc Hermann, Daniel Bayerstorfer, Peiyao Chang, Lea Schneider