Interview mit Eva Lüdi Kong Heraus aus dem „China-Käfig“

Die Malerei zeigt die vier Hauptfiguren von „Die Reise in den Westen“: Sun Wukong, Xuanzang, Zhu Wuneng und Sha Wujing. Die Balkenmalerei befindet sich in dem langen Korridor des Sommer Palastes in Peking.
Die Malerei zeigt die vier Hauptfiguren von „Die Reise in den Westen“: Sun Wukong, Xuanzang, Zhu Wuneng und Sha Wujing. Die Balkenmalerei befindet sich in dem langen Korridor des Sommer Palastes in Peking. | Foto: Rolf Müller (CC BY-SA 3.0), via Wikipedia

Selten wird deutschen Übersetzungen chinesischer Werkes so große Aufmerksamkeit zuteil wie im Falle von „Die Reise in den Westen“. Die Rezensionen waren sich weitestgehend einig, dass die Übersetzung von Eva Lüdi Kong eine wichtige Lücke der Weltliteratur in deutschen Bücherregalen fülle und eine „große Tat“ sei. Die vielleicht größte Anerkennung kam jedoch aus den chinesischen Sozialen Medien. Ein Post, in dem eine Verlagsredakteurin einige Absätze der deutschen Übersetzung zurück auf Chinesisch übersetzte, wurde tausendfach weitergeleitet und hundertfach begeistert kommentiert.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dem Stoff „Die Reise in den Westen“?

Ursprünglich hatte ich nur eine vage Vorstellung von diesem Werk. Während meines Selbststudiums der chinesischen Sprache zu Gymnasialzeiten fiel mir auf, dass unter den klassischen Romanen Chinas, die Franz Kuhn für den Insel-Verlag übersetzt hatte, die Reise in den Westen fehlte. Ich nahm mir die Lektüre für später vor – wenn mal jemand den Roman übersetzt haben sollte. Rückblickend ist es verwunderlich, dass ich damals nicht auf die Teilübersetzung aus dem Englischen gestoßen bin, die unter dem Titel „Der rebellische Affe“ oder „Monkeys Pilgerfahrt“ bereits 1947 erschienen und wiederholt neu aufgelegt worden war. Einen direkten Zugang zu dem Werk fand ich erst in China, nachdem ich dort schon mein erstes Studium abgeschlossen hatte. 1998 fand ich in der Shanghaier Buchhandlung für Klassische Literatur (上海古籍书店) eine kommentierte Ausgabe aus dem 17. Jahrhundert und war fasziniert von den geistigen Welten, die gleich im ersten Kapitel ausgebreitet werden: Die Vorstellung des zyklischen Ablaufs aller Dinge, aber auch die in Gedichten verwobenen buddhistischen Ideen, und nicht zuletzt die leichtfüßige Erzählweise mit den humorvollen und geistreichen Dialogen. Die angefügten Kommentare aus der Qing-Zeit erlaubten mir zudem von Anfang an einen direkten Zugang zu den tieferen Ebenen des Werks.

Sie haben der Übersetzung des Romans insgesamt 17 Jahre gewidmet. Wie wichtig war es, sich diese Zeit zu nehmen?

Als ich mit der Übersetzung des ersten Kapitels begann, dachte ich nicht daran, mir jemals das ganze Buch vorzunehmen. Anfangs war es eher ein Einfühlen in den Text. Die Idee einer Gesamtübersetzung kam erst im Laufe der Zeit, und mir wurde klar, dass mir dafür die Grundlagen fehlten. Um das Werk in seinen geistigen, kulturellen und literarischen Zusammenhängen zu studieren, schrieb ich mich im Jahr 2000 an der Zhejiang-Universität für einen Master der Klassischen Chinesischen Literatur ein. Da ich die Übersetzungsarbeit aus freien Stücken unternahm, stellte sich die Frage nach der Zeit gar nicht. Es war nur eine Frage des Interesses, der persönlichen Hingabe. Mal saß ich ganze Tage an der Übersetzung, mal las ich Sekundärliteratur oder bildete mich über vorkommende Themenfelder weiter: Tang- und Ming-zeitliche Architektur, Bekleidung, Amtshierarchie, Waffen, Palastriten, Gottheiten, Buddhismus und Daoismus. Diese intensive Beschäftigung mit dem Werk eröffnete mir neue Zugänge zu Weltsichten und Lebenseinstellungen, das war enorm bereichernd. Daher war es in vielerlei Hinsicht wichtig, nicht nur die Übersetzung, sondern auch meine Beschäftigung mit dem Werk lange reifen zu lassen. Als ich zwei Jahre vor Abgabe des Manuskripts mit der fast vollständigen Übersetzung einen daoistischen Priester aufsuchte, der sich selbst eingehend mit dem Werk beschäftigt hatte, meinte dieser: „Nur noch zwei Jahre – das reicht nirgendwo hin. Machen Sie erst mal das Bestmögliche draus. Doch bleiben Sie dran! Dann werden Sie später im hohen Alter entweder die Unsterblichkeit erlangen, oder Sie haben dann immerhin etwas für den kulturellen Austausch getan“.

Der Roman ist in ganz Ostasien fester Bestandteil der Populärkultur und Grundlage für Filme, Kinderserien, Comics und Computerspiele – angesichts seines Umfangs und der vielen philosophischen und historischen Referenzen wirkt das fast wie ein kleines Wunder. Was macht den Stoff so leicht zugänglich und adaptierbar?

Die Geschichte der Westreise des Mönches Xuanzang (玄奘) wurde über Jahrhunderte hinweg immer wieder erzählt, sie ist ein gemeinsames Kulturgut. Der Roman basiert auf der Tradition der Geschichtenerzähler, die ihre Zuhörer auf Märkten und Schauplätzen mit Spannung, Humor und Phantasie zu fesseln wussten. Dies ist gewiss ein wichtiger Zug der Erzählung. Sie ist in einem leichten, mündlichen Erzählstil geschrieben, zu der die spirituellen Bezüge eine parallele Ebene bilden. Man kann sie aufnehmen und vertiefen, kann aber auch darüber hinweglesen und einfach Spannung und Action genießen: gefährliche Kämpfe gegen Räuber und Dämonen, abenteuerliche Befreiungsaktionen aus den Fängen fressgieriger Ungeheuer und lüsterner Dämoninnen, Rettungen ganzer Königreiche oder unterdrückter Volksgruppen. Das märchenartige Motiv der Reise von Königreich zu Königreich, wie auch die mythologischen Dimensionen von Himmel und Hölle, Land und Wasser, Diesseits und Jenseits üben an sich eine Faszination aus, an der heute gerade auch virtuelle Welten und Computerspiele gerne anknüpfen. Dazu kommt die Faszination, welche die Hauptfiguren ausüben, der flinke, geistreiche Affenkönig Sun Wukong (孙悟空), der lustbetonte Eber Bajie (猪八戒) und der gütige, moral- und kaisertreue Mönch Tripitaka (唐三藏). Es sind Figuren der Identifikation. Besonders die Figur des Affenkönigs ist sicherlich ein wichtiger Grund für die große Popularität des Romans. Der Affenkönig verkörpert das freie Individuum, das sich vor keiner Autorität beugt, und gegen dessen subversive Kraft selbst der Jadekaiser im Himmel – das mythologische Abbild der chinesischen Staatsherrschaft – machtlos ist.

Haben Sie das Buch schon einmal Kindern vorgelesen? Welche Stelle kommt da besonders gut an?

Chinesische Kinder kennen die Geschichte auswendig, bevor man überhaupt vorzulesen beginnt. Meine deutsche Übersetzung habe ich bislang noch nicht an Kindern erprobt. Ich denke aber, dass vor allem die Szenen mit dem Affenkönig begeistern, die sieben Anfangskapitel des Romans, die ja auch in dem wunderbaren Zeichentrickfilm „Aufruhr im Himmel“ von 1964 farbenprächtig dargestellt sind: seine draufgängerische Forderung nach einer Waffe beim Drachenkönig im Ozean, sein rebellischer Auftritt in den Himmelssphären oder in der Unterwelt, wo die etablierte Ordnung immer wieder durch seine kecke Unerschrockenheit ins Wanken gerät.

Der Roman ist im traditionsreichen Reclam-Verlag erschienen. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Nach einer ersten Verlagssuche zu Beginn des Projekts hatte ich eigentlich lange keine ernsthaften Versuche unternommen, einen Verlag zu finden. Erst auf der Frankfurter Buchmesse 2009, wo China Gastland war, wandte ich mich erneut mit ein paar Probekapiteln an einige Verlage. Auf Reclam wäre ich nicht gekommen, weil ich nur an die „Kleinen Gelben“ dachte, in denen das Werk doch gar nicht Platz haben konnte. Irgendwann kam dann der Hinweis: Fragen Sie doch mal bei Reclam! Dort sei ein Lektor, der sich für chinesische Literatur interessiere. Das war Dieter Meier, der bereits mehrere Werke der klassischen chinesischen Literatur herausgegeben hatte. Im Unterschied zu den meisten anderen Lektoren war ihm die „Reise in den Westen“ bekannt, er wusste um den Stellenwert des Werkes und fühlte sich auch persönlich davon angesprochen. Es brauchte aber scheinbar noch einige Überzeugungsarbeit im Verlag, bis ich im September 2011 schließlich Bescheid erhielt, dass die Übersetzung nun ins Programm aufgenommen sei.

Die Erstauflage vom Oktober 2016 war schnell vergriffen und Ihre Übersetzung stieß auch in den Medien auf großes Interesse, das noch einmal befeuert wurde, nachdem Sie den Preis der Leipziger Buchmesse erhielten. Es sieht ganz so aus, als würde „Die Reise in den Westen“ nun auch außerhalb von Sinologenkreisen Bekanntheit erlangen, oder?

Inzwischen sind bereits über 6000 Exemplare verkauft, die 4. Auflage ging im April 2017 in Druck. Wir können also davon ausgehen, dass das Buch längst über den Kreis von Sinologen und Chinainteressierten hinaus rezipiert wurde. Es gab schon bald nach der Veröffentlichung begeisterte Rezensionen von Lesern, die sich vor allem am Phantastischen des Stoffes ergötzten, ohne ein spezielles Interesse an China zu bekunden. Und genau dies ist eigentlich das Wünschenswerte: Dass die chinesische Literatur aus dem „China-Käfig“ herauskommt, zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Weltliteratur wird. Außerdem kommen wir heute, aufgrund der aktuellen Weltlage, um China nicht mehr herum. Dies wirkt sich auch auf die Rezeption der chinesischen Kultur aus: Unser großes Wissensdefizit gegenüber der aufstrebenden Großmacht wird spürbar, man hat das Bedürfnis sich zu informieren.