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Bestandsaufnahme
Perspektiven für eine nachhaltige Stadtplanung in Frankreich

Die Cité Fertile in Pantin
Die Cité Fertile in Pantin | Foto (Ausschnitt): Adrien Roux - Cité Fertile

Angesichts der herrschenden Umweltprobleme beschreiten französische Städte und deren Bewohner neue Wege zu deren Lösung. Sanierung von städtischen Strukturen und Gebäuden, Abfallreduzierung, partizipatives Management, sanfte Mobilität, regionale Landwirtschaft, smart cities… Ein Überblick über Initiativen, die mit der Zeit für mehr Nachhaltigkeit in der Stadtplanung sorgen sollen. 

Von Aurélie Le Floch

Seit der Nachkriegszeit fußte die Stadtplanung in Frankreich auf dem Gedanken, dass natürliche Ressourcen (Energie, Wasser, Böden) unerschöpflich sind, und räumte dem Automobil einen hohen Stellenwert ein. Angesichts der aktuellen Herausforderungen – wie die Erderwärmung, Luftverschmutzung und das rapide Schwinden der Artenvielfalt – stoßen solche Stadtmodelle jedoch an ihre Grenzen. Seit einigen Jahren zeichnet sich in der Stadtgestaltung und Raumplanung eine neue Tendenz ab, die auch die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte dieser Probleme berücksichtigt und die Stadtbewohner aktiv miteinbezieht.

Im Rahmen dieser nachhaltigen Stadtplanung hat die lokale Ebene (Regionen, Kommunen, Stadtviertel, Interessengemeinschaften) eine tragende Rolle, und es gründen sich Initiativen zu diversen Themen: Förderung der sanften Mobilität, umweltfreundliches Bauen, ein neues Grünflächen-Management usw. Im Gegensatz zu Modellen, die seit dem 19. Jahrhundert entwickelt werden, wird hierbei keine ganzheitliche Lösung für die Probleme der heutigen Zeit geboten. Vielmehr geht es darum, konkrete, praktische Maßnahmen zu erproben und anhand von deren Ergebnissen zu eruieren, ob sie sich auch zur Anwendung auf anderen Flächen eignen – mit dem Ziel, die Stadt widerstandsfähiger zu machen.
 
Den politischen Startschuss für eine nachhaltige Stadtplanung gab die von den französischen Städten unterzeichnete Charta für Nachhaltigkeit der europäischen Städte, alias Charta von Aalborg (1994), gefolgt von einem nationalen Konzept für eine nachhaltige Stadt (plan national Ville durable, 2008) und den sogenannten Grenelle-Gesetzen (2009–2010). Rund 30 Ökostädte erhalten derzeit Unterstützung vom Staat, um sie – mit Blick auf ihre örtlichen Besonderheiten – umweltfreundlicher zu gestalten: Küstenstädte wie Brest und Marseille, oder grenznahe Städte wie Straßburg, wo auf Initiative der künftigen Bewohner ein eigenes Ökoviertel entsteht.
 

 

Die weitere Ausdehnung der Städte beherrschen und das Miteinander fördern

Damit Städte nicht in den landwirtschaftlich genutzten oder den natürlichen Raum hineinwachsen, plädiert die nachhaltige Städteplanung für die Sanierung städtischer Strukturen. Stillgelegte Flächen, wie zum Beispiel alte Industriegebiete, Brachflächen, Standorte von leerstehenden oder gesundheitsschädigenden Gebäuden, erfüllen einen neuen Zweck. Da man bei der Schaffung neuer Wohnquartiere auf die bereits vorhandene Infrastruktur (Trinkwasser, Abwasser, Elektrizität) zurückgreifen kann, birgt dieses Vorgehen auch wirtschaftliche Vorteile.

Darüber hinaus bietet die Stadtsanierung den Bewohnern neue Dienstleistungen und Lebensräume in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung, beispielsweise Coworking Spaces. Die vielfältige Nutzung eines solchen Quartiers reduziert den motorisierten Verkehr zwischen Gewerbegebieten, Bürokomplexen, Wohngebieten, Kultur- und Sporteinrichtungen, welche nun zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sind. Indem diese Bewegung der sozialen Isolation entgegenwirkt und menschennahe Gemeinschaftsprojekte fördert, knüpft sie an jene Geselligkeit an, die einst das Leben in historischen Stadtkernen prägte.

Ressourcen besser nutzen, Abfälle besser entsorgen

Da die Baubranche für 43 Prozent des französischen Energieverbrauchs und für knapp 25 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich ist, bildet sie einen entscheidenden Ansatzpunkt der nachhaltigen Stadtplanung. Ab Ende 2020 sollen sämtliche Neubauten eine positive Energiebilanz aufweisen, das heißt mehr Energie produzieren als sie verbrauchen. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es verschiedene Ansätze: Wärmedämmung an Häusern, Installation von Solarzellen oder Kleinwindanlagen, Verwendung stromsparender Haushaltsgeräte… Gleichzeitig fließen öffentliche Gelder in die Renovierung älterer Gebäude, um diese nachträglich zu dämmen oder um leistungsstärkere Thermen einzubauen. Diese Maßnahmen tragen außerdem dazu bei, die Energiekosten für die einkommensschwächsten Haushalte zu senken.

Eine weitere Möglichkeit, Ressourcen zu sparen, besteht im Abfallmanagement. Durch das veränderte Konsumverhalten hat sich die Menge des anfallenden Mülls in Pariser Haushalten während der letzten 50 Jahre verdoppelt. Deshalb setzt sich die Stadt seit 2006 für eine Politik der Reduzierung, Wiederverwendung und Verwertung von Abfällen ein. Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung, Kompostierung, Recycling, Reparatur von beschädigten Geräten, Kampagnen zur Verringerung von Verpackungsmüll: Zahlreiche Aktionen wurden von den Behörden, aber auch von Stadtbewohnern und Vereinen wie La Maison du Zéro Déchet ins Leben gerufen.

Den Verkehr und die Versorgung der Städte überdenken

Jahrzehntelang prägte das Automobil das Bild der Städte. Doch der stetig zunehmende Straßenverkehr brachte Treibhausgas-Emissionen, Luftverschmutzung und Lärmbelästigung mit sich. Seit einigen Jahren stellen die französischen Städte deshalb auf umweltfreundlichere Verkehrsträger um, die einander ergänzen sollen (neue, öffentliche Nahverkehrsnetze, Fahrräder, Carsharing, kurze Wege, Fährverkehr…): Es ist die Rede von der nachhaltigen Mobilität. Mit Blick auf diese Fortbewegungsmittel wird der städtische Raum umgestaltet, und es entstehen neue Fahrradwege oder Fußgängerzonen. Auch mittels der digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz lässt sich die Qualität des Personenverkehrs verbessern. So hat zum Beispiel Nantes, eine der fortschrittlichsten smart cities, die App Nantes dans ma poche entwickelt, die ihre User in Echtzeit über Verkehrslage, Parksituation, Luftverschmutzung usw. informiert.
 
Ein anderer Weg, den Fahrzeugverkehr zu verringern, ist die Verlagerung landwirtschaftlicher Nutzflächen in die Stadt hinein oder an den Stadtrand, etwa in Form von Gemeinschaftsgärten und regionaler Landwirtschaft. Um die Verbreitung der urbanen und biologischen Landwirtschaft zu fördern, hat der Verein Terre de Liens Parcel ins Leben gerufen – eine App, die berechnet, wie viele Menschen durch eine bestimmte Anbaufläche pro Jahr ernährt werden können. Unter dem Motto Vom Samen bis zum Teller macht die Cité Fertile, ein Projekt der Stadt Pantin, im Département Seine-Saint-Denis, Kinder aus umliegenden Schulen mit nachhaltigem Gartenbau vertraut. Parallel dazu ist seit 2020 der Einsatz von Pestiziden auf städtischen Grünflächen gesetzlich verboten, was positive Auswirkungen auf die Qualität des Wassers und der Umwelt hat.
 
Die Cité Fertile in Pantin Die Cité Fertile in Pantin | Foto (Ausschnitt): Adrien Roux - Cité Fertile
All diese unterschiedlichen Projekte legen den Fokus auf die Mitwirkung der Stadtbewohner, denn nur so lassen sich alte Gewohnheiten ändern: Ob Behörden, Wirtschaftsunternehmen oder Privatpersonen – nachhaltige Stadtplanung ist ein Thema, dass alle angeht.
 

Wie sich Städte gegen wiederkehrende Hitzeperioden wappnen

Als Folge des Klimawandels könnten die durchschnittlichen Sommertemperaturen in Großstädten im Laufe der nächsten Jahrzehnte ohne Weiteres die 40-Grad-Marke überschreiten. Da nämlich die Hitze vom Asphalt gespeichert und nachts wieder abgegeben wird, hat sie in dicht besiedelten Innenstädten kaum eine Chance, aus dem Boden zu entweichen, und erzeugt dort sogenannte Hitzeinseln. Nachts kann es deshalb in Großstädten bis zu 10 Grad wärmer sein als auf dem Land. Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, lässt die Stadt Lyon probeweise ihre Fahrbahnen automatisch bewässern, wodurch sich der Asphalt um 5 bis 8 Grad abkühlt. In Angers wiederum setzt man auf eine breit angelegte Begrünung: Ganze 20 Prozent des Stadtgebietes sind mit Bäumen bepflanzt, die, indem sie Schatten spenden und Wasserdampf an ihre Umgebung abgeben, dazu beitragen, die Hitze zu mildern.

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