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Gegen die digitale Ausgrenzung
Ein neuer Multimediaraum

Während der Modernisierungsarbeiten empfängt die Bibliothek von Montreuil ihre Benutzer im hinteren Teil eines umgebauten Geschäfts. Im Frühjahr werden die Räumlichkeiten der Bibliothek wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein.
Während der Modernisierungsarbeiten empfängt die Bibliothek von Montreuil ihre Benutzer im hinteren Teil eines umgebauten Geschäfts. Im Frühjahr werden die Räumlichkeiten der Bibliothek wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein. | © Bibliothèque Robert Desnos

Agathe Vovard ist Bibliothekarin in der Robert Desnos Bibliothek in Montreuil in Seine-Saint-Denis. Mehr als 30 Prozent ihrer Arbeitszeit widmet sie der Thematik "Job und Weiterbildung" und arbeitet somit gegen die digitale Ausgrenzung vieler Benutzer der interkommunalen Bibliothek.

Von Charlotte Noblet

In dem Film „Ich, Daniel Blake" des Jahres 2016 thematisiert Ken Loach das Thema der arbeitslosen Bevölkerung. Sein Protagonist wird mit der Digitalisierung der britischen Verwaltung konfrontiert und um damit zurechtzukommen, geht er in die Bibliothek. Gibt es bei Ihnen in der Bibliothek in Montreuil viele Daniel Blakes?

Das gehört tatsächlich zu unserem Alltag: Es kommen viele zu uns, die sich gegenüber Computerprogrammen und dem Internet hilflos fühlen. Diese Menschen kommen in die Bibliothek, um ihre Verwaltungsangelegenheiten zu erledigen, sei es bezüglich Arbeit, Wohnung, Steuern, Sozialhilfe, Anträge auf Staatsbürgerschaft oder sogar Fahrkarten. Heutzutage wird hauptsächlich auf digitalem Wege mit den französischen Verwaltungen kommuniziert. Wir erhalten viele Anfragen, nicht nur um Zugang zu einem Computer zu bekommen, sondern auch um EDV-Kenntnisse und Fragen rund ums Internet zu beantworten.

Agathe Vovard empfängt die Besucher der Bibliothek in Montreuil. Agathe Vovard empfängt die Besucher der Bibliothek in Montreuil. | © Bibliothèque Robert Desnos Welche Fragen haben die Bibliotheksbenutzer häufig, wenn sie bezüglich Internet und EDV-Kenntnissen Unterstützung brauchen?
 
Zunächst einmal darf man nicht annehmen, dass vor Computern nur Senioren unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Auch die „digital natives", also jene Jugendliche, die mit dem Internet aufgewachsen sind, brauchen Hilfe, um online ein Bild zu suchen, den Entwurf ihrer Präsentation auszudrucken, eine E-Mail mit Anhang an ihren Lehrer zu schicken oder eine PDF-Datei zu erstellen.

In Montreuil leben viele Menschen, deren Muttersprache nicht Französisch ist. Diese kommen in die Robert Desnos Bibliothek, um Unterstützung bei administrativen Abläufen am Computer, vor allem hinsichtlich ihrer Jobs zu erhalten. Sie müssen sich oft mit der Website der Agentur für Arbeit vertraut machen, sei es, um online die Daten zu aktualisieren, um ihre Zuschüsse zu erhalten, Felder auszufüllen, die ihren Kompetenzen entsprechen, sich auf Stellenanzeigen im Internet zu bewerben oder Anträge für Sozialhilfe oder Lohnzulagen zu stellen. Zu guter Letzt bitten viele Benutzerinnen und Benutzer um Unterstützung beim Verfassen ihrer Lebensläufe sowie Anschreiben und kommen in die Bibliothek, um ihre Dokumente kostenlos auszudrucken.
 
Im Film von Ken Loach setzt sich Daniel Blake vor einen Computer und bittet seine Nachbarn um Hilfe. Ist diese Szene realistisch?
 
In Bezug auf die hohe Auslastung der Computer, ja! In Montreuil sind die zwölf Computerarbeitsplätze im Erwachsenenbereich sehr gefragt. Manchmal kann es bis zu einer Stunde dauern bis man sich vor einen Computer setzen kann. Wir haben daher eine Sharing-Regel eingeführt. So muss man sich bei den Bibliothekaren für eine auf sechzig Minuten begrenzte Sitzung anmelden. Bei der Anmeldung haben die Benutzer meist weitere Fragen und Bitten. Diese Anfragen kommen noch zusätzlich zu unseren alltäglichen Aufgaben die Bibliotheksbenutzer zu betreuen hinzu.
 

Daniel Blake vertritt die vielen Nutzer, die angesichts der Digitalisierung der Verwaltungsservices ratlos sind.
Screenshot des Filmtrailers zu « Moi Daniel Blake » von Ken Loach
Daniel Blake vertritt die vielen Nutzer, die angesichts der Digitalisierung der Verwaltungsservices ratlos sind.

 
Setzen Sie sich auch mit den Bibliotheksbenutzern zusammen, um ihnen bei ihren Vorhaben im Internet zu helfen?

Das hängt zum einen davon ab, wie viel Andrang in der Bibliothek herrscht, und zum anderen von den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Dieses neue Aufgabenfeld, die Bibliotheksbenutzer bei digitalen Anforderungen zu unterstützen, wird von den Fachkräften unterschiedlich begrüßt. Einige werfen die Frage der Vertraulichkeit und des Schutzes der persönlichen Daten der Bibliotheksbenutzer auf. Andere hinterfragen die Rolle der Bibliothekare bei der Unterstützung von Verwaltungsaufgaben. Wenn man Verwaltungsformulare ausfüllt, dringt man leicht in das Privatleben der Menschen ein. Nicht jeder fühlt sich dabei wohl, sich ein Passwort für jemanden auszudenken, der angesichts komplizierter Regeln nicht weiterweiß, und es auf ein Stück Papier zu schreiben.
 
Welche Unterstützung bietet Ihre Bibliothek den Bürgern bezüglich der wachsenden Digitalisierung?
 
Manchmal führen Bibliothekare im Alltag die Aufgaben von Sozialarbeitern durch, ohne dafür ausgebildet worden zu sein, um auf die dringendsten Anfragen der Bibliotheksbenutzer einzugehen. Diese Entwicklung wird in der Branche viel diskutiert und beunruhigt einige Kollegen, die adäquate Weiterbildungen fordern. In jedem Fall haben wir festgestellt, dass die Bibliotheksbenutzer, sei es wegen der Welt, in der wir leben, oder wegen der wirtschaftlichen Lage, immer häufiger Unterstützung bezüglich administrativer Schritte am Computer von uns benötigen. Die Bibliothek hat deshalb 2017 eine öffentliche „Schreib-Sprechstunde“ eingerichtet, die jeden Freitagnachmittag stattfindet und dreißigminütige Termine anbietet. Der Leiter dieser Sprechstunde berichtete uns bald, dass er sehr viele Anfragen zum Verfassen von Lebensläufen und Motivationsschreiben erhält. Mit den Partnern vor Ort haben wir uns Gedanken gemacht, um eine gemeinsame Antwort darauf geben zu können. Daraufhin haben wir Workshops zum Verfassen von Lebensläufen entworfen. Sie finden donnerstags in Montreuil-Bagnolet statt, abwechselnd in der Bibliothek und im Arbeitshaus, das als Aufgabe hat, die Arbeitssuchenden zu betreuen.
 
Nehmen viele Menschen an diesem Schreibworkshop teil, um finanzielle Unterstützung zu bekommen, wie in dem Film „Ich, Daniel Blake"?
 
Nein, durch die Zusammenarbeit mit dem Arbeitshaus, die im Jahr 2017 begonnen hat, sind wir mit solchen Fällen nicht konfrontiert, da der Rahmen dieser Workshops nicht durch Verordnungen gesetzlich geregelt ist, wie es in Kooperation mit dem Arbeitsamt der Fall wäre. Die Menschen nehmen freiwillig an den Workshops des Arbeitshauses teil.
 
Sind wir also weit von solchen Sachbearbeitern im Arbeitsamt entfernt, wie Ken Loach sie auf fast groteske Weise dargestellt hat, die roboterartige Reden halten und die Menschen entmutigen und zur Verzweiflung bringen?
 
Dies hängt vielleicht mit der Einzigartigkeit von Montreuil zusammen. Dort ist das Netzwerk von Vereinen und Institutionen im sozialen Bereich und insbesondere bezüglich der Thematik „Beschäftigung“ besonders groß. Die Rollen der verschiedenen Akteure sind zwar miteinander verflochten, aber alle arbeiten auf das gleiche Ziel hin, nämlich die Menschen bestmöglich zu betreuen. So plant das Arbeitshaus in Montreuil-Bagnolet in diesem Jahr zum Beispiel ein kleines Dokumentationszentrum in ihren Räumlichkeiten. Dies soll als Partnerzentrum der Messe für Beruf und Ausbildung „Cité des métiers“ in Paris dienen. Wir werden jedoch der Ansprechpartner sein, was unsere Rolle als Referent für die Thematik „Beschäftigung" auf dem Gebiet stärkt. Wir denken daher gemeinsam darüber nach, Angebote „anders" zu unterbreiten. In der Bibliothek arbeiten wir sogar mit der Agentur für Arbeit zusammen. So haben wir letztes Jahr ein Treffen aller Arbeitsvermittler in Montreuil veranstaltet. Es war eine Gelegenheit, ihnen unser Gebäude zu zeigen und unsere Dienstleistungen im Zusammenhang mit Beschäftigung und Ausbildung vorzustellen, damit sie die Informationen an Interessierte weitergeben können. Auch sie entdecken manchmal, dass die Bibliothek nicht nur ein Ort ist, an dem man Bücher ausleihen kann! Und die Berater der Agentur für Arbeit können uns nützliche Bücher für die Arbeitssuchenden empfehlen.
Eine Sprechstunde für das Verfassen von Texten, ein Lebenslauf-Workshop im Arbeitshaus, die Ausrichtung eines Treffens der Arbeitsvermittler: Laufen die Teilnehmer nicht Gefahr, sich in der Breite des Angebots etwas zu verlieren?

Es stimmt, dass wir versuchen, alles zu tun, um dieses Bild der Bibliothek als Tempel der Bücher und des heiligen Wissens zu durchbrechen. Wir wollen, dass jeder es wagt, die Tür zur Bibliothek zu öffnen. Deshalb arbeiten wir mit verschiedenen Akteuren zusammen, um unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen. Unsere Bibliothek ist momentan noch im Umbau, aber es sollte möglich sein, im Frühjahr unseren neuen Multimediaraum einzuweihen, ein geschlossener Raum mit zehn neuen Computern, der neue Animationen zeigen kann. Wir werden so noch aktiver, gemeinsam mit anderen Partnern der Region, an der beruflichen Eingliederung und Beschäftigung der Bevölkerung arbeiten können.
 
Sie setzen sich also für eine Bibliothek als lebendigen Ort des öffentlichen Lebens ein?

Ganz genau! Im Übrigen haben wir regelmäßig „externe Aktionen“, um die Aktivitäten der Bibliothek bekannter zu machen. Jedes Jahr betreibe ich außerdem einen Stand auf der Berufsmesse von „Est-Ensemble“.  Im vergangenen Jahr haben wir auch an der Messe für Beruf und Ausbildung „cité des métiers éphémère“ in unserer Region teilgenommen, auf der wir ein Zentrum für analoge und digitale Informationsquellen präsentiert haben. Es gab auch eine "Job"-Tagung für Migrantinnen, die am städtischen Integrationsprogramm 2019 teilnehmen. Unsere nächste „externe Aktion“ wird im Kino stattfinden: Wir freuen uns Anfang des Jahres über die Veröffentlichung des Dokumentarfilms „Chut…!" von Alain Guillon und Philippe Worms in unserer Bibliothek. Der Film kommt am 26. Februar in die Kinos!
 

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