„Transit“ Verloren in der Gegenwart...

Christian Petzold, Franz Rogowski, Paula Beer, Hans Fromm
Christian Petzold, Franz Rogowski, Paula Beer, Hans Fromm | Foto (Ausschnitt): © obs/ZDF/Marco Krüger

Christian Petzold verfilmt Anna Seghers Roman „Transit“ und erzählt eine zeitlose Variante der Exilgeschichte an Originalschauplätzen in Marseille. Wir waren bei den Dreharbeiten in Frankreich dabei.
 

Eine tuschelnde Menge drängt sich im Vorraum des amerikanischen Generalkonsulats von Marseille, Menschen jeden Alters, eine Frau mit zwei Hunden, alle machen einen nervösen, unruhigen Eindruck, während sie mit ihren Papieren in der Hand Schlange stehen und sehnlichst darauf warten, endlich vorgelassen zu werden. Plötzlich eilt eine junge elegante Frau in roter Bluse in den Warteraum. Sie wirkt gehetzt und aufgeregt, scheint jemanden unter den Wartenden zu suchen, ihre Augen wandern flüchtig über die Menge. So prompt wie sie erschien, verschwindet sie auch wieder. Wenig später taucht ein junger schlicht gekleideter Mann am Eingang auf und wird von der Empfangsdame mit Nachnamen ausgerufen, woraufhin er ungläubig an der verblüfften Warteschlange vorbei nach vorne stürzt, beflügelt von der Aussicht auf das sehnlichst erwünschte und lang erwartete Transitvisum...
 
Das ist eine Szene aus dem Film Transit, den Regisseur Christian Petzold (Phoenix, Barbara, Yella, Die innere Sicherheit, Gespenster, Wolfsburg) im Sommer 2017 in Marseille drehte und sich dabei von Anna Seghers gleichnamigem Roman inspirierte. Er erzählt von der besonderen Beziehung, die ihn schon jahrelang mit diesem Roman verbindet: „Transit war das Lieblingsbuch von mir und meinem Freund Harun Farocki. Wir haben das einmal im Jahr gelesen. Denn ich finde, dass dieser Roman von Anna Seghers eigentlich unsere Geschichte ist: dieses In-die-Welt-Geworfensein.“ Mit Farocki erstellt Christian Petzold dann auch eine erste Drehbuchfassung und orientiert sich dabei, wie er bekennt, eher an Jean-Luc Godards Außer Atem als an der Haltung von Seghers Roman, die männliche Protagnisten zwar äußerst präzise beschreibt, Frauenfiguren hingegen fast zu Phantomen degradiert, die oft geradezu transparent wirken. Die Handlung von Seghers Roman, in dem die Schriftstellerin ihre eigenen Exilerfahrungen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verarbeitet, dient Petzold als Folie, die er über das heutige Marseille legt. Die zeitlosen, klassischen Kostüme rücken das Geschehen in einen unbestimmten Zeitkontext. Petzold sieht in der Flüchtlingsgeschichte von damals eine Art „Gespenstergeschichte“, die durchaus einen Bezug zum heutigen Marseille hat. „Für die Exilanten wird die Zeit angehalten und dreht sich nicht mehr weiter. Die Vergangenheit, die sie haben, interessiert niemanden. Eine Zukunft haben sie nicht, sie leben nur im Jetzt. Und das Jetzt nimmt sie nicht auf.“ Diese Gegenwart, die den Menschen jedoch kein Leben bietet, wird zum unentrinnbaren Paradox, das sie letztlich zu Gespenstern macht. Zu Enttäuschten, Ausgestoßenen, die keine Sprache mehr haben und von einem Ort zum nächsten ziehen.  Damals wie heute. Denn die Situation der Exilanten, die in den 1940er-Jahren vor dem Nazi-Regime aus Europa auf den amerikanischen Kontinent flüchteten, ist ja der Flüchtlingsbewegung unserer Zeit durchaus nicht unähnlich, allein die Flüchtlingsströme änderten ihr Ziel.

  • Franz Rogowski Foto (Ausschnitt): © ZDF - Marco Krüger
    Franz Rogowski
  • Paula Beer bei den Dreharbeiten zu „Transit“ Foto (Ausschnitt): © ZDF - Marco Krüger
    Paula Beer bei den Dreharbeiten zu „Transit“
  • Paula Beer - Christian Petzold - Franz Rogowski Foto (Ausschnitt): © Christian Schulz
    Paula Beer - Christian Petzold - Franz Rogowski
  • Paula Beer und Franz Rogowski während der Dreharbeiten Foto (Ausschnitt): © Cordula Treml
    Paula Beer und Franz Rogowski während der Dreharbeiten
  • Die Crew von „Transit“ in Marseille Foto (Ausschnitt): © Cordula Treml
    Die Crew von „Transit“ in Marseille

Paula Beer und Franz Rogowski in den Hauptrollen

Marie, die weibliche Hauptfigur aus Transit, ist ebenfalls so eine Getriebene, die auf der Flucht nicht nur ihren Mann, sondern mit ihm auch ihr altes Leben verlor, dass sie nun verzweifelt zurückerlangen möchte. Sie bindet sich an einen anderen Mann, lernt in Marseille einen dritten kennen, die namenlose Hauptfigur des Romans, der sich in sie verliebt und wegen ihr seine Fluchtpläne mehrfach ändert. Paula Beer spielt die Marie und beschreibt sehr anschaulich, wie sie sich dieser komplexen, da so schwer zu fassenden Figur zu nähern versuchte: „Für mich war es wichtig, diese Figur zu verstehen, wie sie war, bevor unser Film anfängt, etwa vor acht Monaten. Ich glaube, dass sie sich stark verändert hat und sich am Ende der Geschichte ihrem alten Selbst wieder ein bisschen annähert.“ Vor allem die intensiven Gespräche mit Regisseur Petzold und Hauptdarsteller Franz Rogowski halfen ihr im Vorfeld der Dreharbeiten sehr bei der Findung der Figur, die so in einem Gesamtkontext entstehen konnte. „Ich hatte das Gefühl, es war eine offenere Annäherung an die Figur, als ich es bisher immer erlebt hatte.“ Und Erfahrung hat die junge Schauspielerin jede Menge, denn mit ihren 22 Jahren kann Paula Beer bereits auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblicken. Mit 14 wurde sie in Chris Kraus’ Spielfilm Poll entdeckt und dreht seitdem vorwiegend Kinofilme. Der internationale Durchbruch kam 2016 mit ihrer Hauptrolle in François Ozons Frantz, für den sie den Nachwuchsdarstellerpreis bei den Filmfestspielen von Venedig erhielt. Christian Petzold stieß eher zufällig auf Paula Beer, als er nämlich Ozon mit den deutschen Dialogen für Frantz zur Hand ging und sich daraufhin die Casting-Aufnahmen der jungen Schauspielerin ansah. Ab da war für ihn klar, dass sie seine Marie in Transit sein sollte. Mit beiden Hauptdarstellern arbeitet Petzold zum ersten Mal. Franz Rogowski sah er im Film Love Steaks und war sofort von ihm begeistert.

„Filme gucken und Filme herstellen ist oft gar nicht so weit voneinander entfernt.“

In der Vergangenheit entwickelte der Regisseur eine Art Treue zu gewissen Darstellern, wie Nina Hoss, Benno Fürmann, Julia Hummer oder auch Barbara Auer, mit denen er mehrere Filme drehte. So wirkt Barbara Auer denn auch in Transit in einer Nebenrolle mit, genauso wie der Deutsch-Katalane Alex Brendemühl, der Petzold in Nicole Garcias jüngstem Film, Die Frau im Mond (2016), auffiel, wo er neben Marion Cotillard in einer subtil angelegten Rolle brilliert. Brendemühl, der in Transit den mexikanischen Konsul spielt, beschreibt die Arbeit mit Christian Petzold als sehr angenehm und schätzt vor allem die Ruhe und Besonnenheit des Regisseurs im Umgang mit den Schauspielern. Dies bestätigt auch Paula Beer und erklärt, dass Petzold jede Szene etwa zwei Stunden lang mit den Schauspielern probt, wo man Dinge ausprobiert, ändert, diskutiert und dann anpasst, so dass der Dreh selbst dann relativ schnell von statten geht. Oft dreht Petzold jede Einstellung sogar nur ein- oder höchstens zweimal. Mit Kameramann Hans Fromm verbindet ihn eine über 20-jährige Arbeitsbeziehung, und auch einige der anderen Teammitglieder arbeiten schon seit vielen Jahren mit dem Regisseur zusammen. Der Aufbau eines erprobten Arbeitskollektivs ist auch Petzolds Ziel, er nennt es jedoch bewusst nicht Familie, sondern „Partisanengruppe“. Zur Einstimmung auf den jeweiligen Film verbringt Christian Petzold mit der gesamten Gruppe gewöhnlich eine Woche vor den Dreharbeiten, um zu diskutieren und Filme zu gucken. Auch während des Drehs in Marseille versammelt sich das Team an drei bis vier Abenden auf dem Dach des Hotels, um gemeinsam Kino zu gucken. „Wir schauen uns Filme an, die gar nicht unbedingt inhaltlich etwas mit unserem Film zu tun haben, sondern mit dem Kino allgemein. Wir sprechen dann einfach übers Kino. Denn Filme gucken und Filme herstellen ist oft gar nicht so weit voneinander entfernt.“
 

Transit

  • voraussichtlicher Filmstart in Deutschland: Herbst 2018
  • Regie: Christian Petzold
  • Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Barbara Auer, Justus von Dohnanyi, Matthias Brandt, Alex Brendemühl