Aktuelle Literaturszene

Aktuelle Literaturszene © Goethe-Institut │Foto: Loredana La Rocca

Was gibt es Neues in der deutschen Literaturszene? Wir informieren Sie über aktuelle Ereignisse, zu entdeckende Autoren, Neuerscheinungen und Übersetzungen ins Französische.

Seit 2005 wird der Preis der Leipziger Buchmesse an die besten deutschsprachigen Bücher in drei Kategorien vergeben: Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. Der mit 60.000 Euro dotierte Preis wird vom Bundesland Sachsen und der Stadt Leipzig unterstützt. Die Leipziger Buchmesse, nach der Frankfurter Buchmesse die zweitwichtigste Literaturmesse Deutschlands, fand in diesem Jahr vom 15. bis 18. März statt.

Fünf Autoren befanden sich in der Kategorie Belletristik im Wettbewerb: Isabel Fargo Cole für ihren ersten Roman Die grüne Grenze (Edition Nautilus), der 1973 in der DDR spielt, Anja Kampmann für Wie hoch die Wasser steigen (Rowohlt Verlag), der mit großer Sprachgewalt die Identitätskrise des Menschen im 21. Jahrhundert beschreibt, Esther Kinsky für Hain. Geländeroman (Suhrkamp Verlag), wo poetische Beschreibungen italienischer Landschaften das Leitmotiv der Erinnerung thematisieren, Georg Klein für Miakro (Rowohlt Verlag), ein Werk mit fantastischen Akzenten, in dem Technik und Mensch verschmelzen, und schließlich Matthias Senkel mit Dunkle Zahlen (Matthes & Seitz Berlin), ein ironischer und anarchischer Roman, der den Leser 1985 in die Welt der Programmierer entführt.

Esther Kinskys Roman hat die Jury überzeugt: „Wenn es an Hain etwas besonders zu rühmen gilt, dann ist es der Versuch, einen Weltzugang zu schaffen, der so keiner anderen Kunst und keiner Wissenschaft gelingt.“

In diesem Newsletter erfahren Sie mehr über die Preisträgerin sowie die anderen Finalisten - und  wir stellen Ihnen eine Auswahl an Neuerscheinungen und aktuellen Übersetzungen ins Französische vor.

Fokus: Preis der Leipziger Buchmesse 2018

  • Esther Kinsky © Matthes und Seitz Berlin
    Esther Kinsky
  • Am Fluss © Matthes und Seitz Berlin
    Am Fluss
  • Hain. Geländeroman © Suhrkamp
    Hain. Geländeroman
  • Banatsko © Matthes und Seitz Berlin
    Banatsko

Esther Kinsky

Esther Kinsky wurde 1956 in Engelskirchen geboren und ist Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin. Für ihre Übersetzungen aus dem Russischen, Polnischen und Englischen erhielt sie Auszeichnungen und wurde als Thomas-Kling-Poetikdozentin an die Universität Bonn berufen. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Für ihren Roman Am Fluss (Matthes & Seitz, 2014), 2017 in französischer Übersetzung erschienen bei Gallimard unter dem Titel La rivière, erhielt sie den Preis der SWR-Bestenliste 2015 sowie den Adelbert-von-Chamisso-Preis.

« Hain. Geländeroman »

Suhrkamp Verlag, Februar 2018

Italienische Reisen eigener Art unternimmt die Ich-Erzählerin in Esther Kinskys Geländeroman, in dem Landschaftsmeditation, Kindheitserinnerungen und Trauer zusammenkommen. Nicht nach Rom, Florenz oder Siena zieht es sie, sondern in abseitige Landstriche – nach Olevano Romano etwa, eine Kleinstadt nordöstlich von Rom, oder in die Valli di Comacchio, die Lagunenlandschaft im Delta des Po. Zwischen diesen Geländeerkundungen führt die dritte Reise die Erzählerin zurück in ihre Kindheit: Wie bruchstückhafte Filmsequenzen tauchen die Erinnerungen an zahlreiche Fahrten durch das Italien der 1970er Jahre auf, dominiert von der Figur des Vaters.

Preis der Leipziger Buchmesse
Suhrkamp
Rezensionen (Perlentaucher)
In der Onleihe als e-Book ausleihbar

Neuerscheinungen

Wie hoch die Wasser steigen © Hanser Verlag

Wie hoch die Wasser steigen

Anja Kampmann, Hanser Verlag, Januar 2018

Wenzel Groszak, Ölbohrarbeiter auf einer Plattform mitten im Meer, verliert in einer stürmischen Nacht seinen einzigen Freund. Nach dessen Tod reist Wenzel nach Ungarn, bringt dessen Sachen zur Familie. Und jetzt? Soll er zurück auf eine Plattform? Vor der westafrikanischen Küste wird er seine Arbeitskleider wegwerfen, wird über Malta und Italien aufbrechen nach Norden, in ein erloschenes Ruhrgebiet, seine frühere Heimat. Und je näher er seiner großen Liebe Milena kommt, desto offener scheint ihm, ob er noch zurückfinden kann.

Dunkle Zahlen © Matthes und Seitz Berlin

Dunkle Zahlen

Matthias Senkel, Matthes & Seitz Berlin, Februar 2018

Moskau 1985: Die internationale Programmierer-Spartakiade hält die akademischen Eliten des Landes in Atem. Hier messen sich aufstrebende Mathematiker in den Techniken der Zukunft, die nur noch einen Tastendruck entfernt scheint. Architekten und Agenten, dichtende Maschinen und sogar Stalins leibhaftiger Schatten treffen in dieser wilden und manchmal fantastischen Erzählung aufeinander: ein schillerndes Mosaik der Sowjetunion kurz vor der folgenreichen Vernetzung der Welt.

Miakro © Rowohlt

Miakro

Georg Klein, Rowohlt, Februar 2018

Die Männer, die im Mittleren Büro ihren Dienst versehen, arbeiten, Pult neben Pult, am weichen Glas. Am Ende des Tages marschieren sie geschlossen zum aktuellen Nährflur, wo die bleiche Wand eine Speise für alle bereitstellt. Danach schlüpft jeder in seine Ruhekoje.
Dort aber liegt Büroleiter Nettler seit einigen Nächten wach. Ein rätselhafter Binnenwind zieht ihm das Gestern, Heute, Morgen ungezählter Arbeitsjahre neu herbei. Allmählich geraten die Selbstverständlichkeiten des Bürolebens ins Wanken. Das Licht des Phantastischen leuchtet hell über die Grenzen des Erwartbaren hinaus.

Die grüne Grenze © Edition Nautilus

Die grüne Grenze

Isabel Fargo Cole, Edition Nautilus, September 2017

Ein junges Künstlerpaar zieht von Berlin aufs Land. Es ist 1973, das Dorf heißt Sorge und liegt in der Sperrzone der DDR im Harz. Editha ist Bildhauerin mit staatlichen Aufträgen, Thomas ist Schriftsteller und will nun den Roman über die Grenze schreiben. Ein historischer Roman bietet sich an, denn der Harz ist schon immer Grenze gewesen, verstrickt zwischen religiösen und politischen Machtsphären, Germanen und Slawen, Mensch und Natur. Als Thomas und Editha kurz vor der »Wende« von einer verdrängten Vergangenheit heimgesucht werden, flüchtet Eli in den Wald – und über mehr als eine Grenze.

Prawda: eine amerikanische Reise © S. Fischer Verlag

Prawda: eine amerikanische Reise

Felicitas Hoppe, S. Fischer Verlag, Februar 2018

Im Westen endlich was Neues: die Wahrheit über Amerika. Zehntausend so komische wie hochpoetische Meilen reist Hoppe von Boston über San Francisco bis Los Angeles und zurück nach New York. Hellwach und hellsichtig begibt sie sich als literarischer Wirbelsturm auf die Spuren von Ilf und Petrow, zweier russischer Schriftsteller, die 80 Jahre vor ihr unterwegs waren und zu Kultfiguren wurden. 'Prawda' (russisch: Wahrheit) lässt die Leser Dinge sehen, wie sie über das unglaublichste Land der Erde noch nie geschrieben wurden: eine literarische Weltentdeckung.

Eine Liebe, in Gedanken © Luchterhand

Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau, Luchterhand, März 2018

Hamburg, 1964. Antonia und Edgar scheinen wie füreinander gemacht. Im Krieg geboren und mit Härte und Verdrängung aufgewachsen, wollen sie die Welt kennenlernen, anders leben und lieben als ihre Eltern. Edgar ergreift die Chance, für eine Außenhandelsfirma ein Büro in Hongkong aufzubauen. Toni soll folgen, sobald er Fuß gefasst hat. Nach einem Jahr der Vertröstungen löst Toni die Verlobung. Sie will nicht mehr warten und hoffen, sondern endlich weiterleben. Tonis und Edgars Leben entwickeln sich auseinander, doch der Trennungsschmerz zieht sich wie ein roter Faden durch beide Biografien.
 

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt © S. Fischer Verlag

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Peter Stamm, S. Fischer Verlag, Februar 2018

Das eigene Leben noch einmal erleben. Soll man sich das wünschen? Christoph verabredet sich in Stockholm mit der viel jüngeren Lena. Er erzählt ihr, dass er vor 20 Jahren eine Frau geliebt habe, die ihr ähnlich, ja, die ihr gleich war. Er kennt das Leben, das sie führt, und weiß, was ihr bevorsteht. So beginnt ein beispiellos wahrhaftiges Spiel der Vergangenheit mit der Gegenwart, aus dem keiner unbeschadet herausgehen wird.

Unter der Drachenwand © Hanser Verlag

Unter der Drachenwand

Arno Geiger, Hanser Verlag, Januar 2018

Veit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom „Brasilianer“, der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe.

Übersetzungen ins Französische

Comment un adolescent maniaco-dépressif inventa la Fraction Armée Rouge au cours de l'été 1969 © Grasset

Comment un adolescent maniaco-dépressif inventa la Fraction Armée Rouge au cours de l'été 1969

Frank Witzel, Grasset, April 2018 — frz. Übersetzung von Olivier Mannoni

Originaltitel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Frank Witzel ist es in dieser groß angelegten fantastischen literarischen Rekonstruktion des westlichen Teils Deutschlands gelungen, ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden zu errichten. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart: das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie, ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt.

Lucia et l’âme russe © Métailié

Lucia et l’âme russe

Vladimir Vertlib, Métailié, April 2018 — frz. Übersetzung von Carole Fily

Originaltitel: Lucia Binar und die russische Seele

Lucia Binar ist 83, und sie ist verärgert. Die Große Mohrengasse, in der sie seit langem lebt, soll aus Gründen der politischen Korrektheit in 'Große Möhrengasse' umgetauft werden. Und die soziale Einrichtung, die sie versorgt, hat versagt: Ihr Essen wurde nicht geliefert. Mit viel Humor erzählt Vladimir Vertlib die Geschichte einer alten Dame, die entschlossen ist, ihre Würde zu bewahren.

Tous les chats sautent à leur façon © Gallimard

Tous les chats sautent à leur façon

Herta Müller, Gallimard, Februar 2018 — frz. Übersetzung von Claire de Oliveira

Originaltitel: Mein Vaterland war ein Apfelkern

„Ich stehe (wie so oft) auch hier neben mir selbst." In einem langen Gespräch mit Angelika Klammer erzählt sie von ihrem ungewöhnlichen Lebensweg, der vom Kind, das Kühe hütet, bis zur weltweit bekannten Schriftstellerin im Stadthaus in Stockholm führt. Sie erzählt von der Kindheit in Rumänien, vom Erwachsenwerden und dem erwachenden politischen Bewusstsein, von den frühen Begegnungen mit der Literatur, den Konflikten mit der Diktatur des Kommunismus und dem eigenen Weg zum Schreiben.

Peur © Delcourt

Peur

Dirk Kurbjuweit, Delcourt, Februar 2018 — frz. Übersetzung von Denis Michelis
 
Originaltitel: Angst

Das saturierte Leben vom Architekten Randolph Tiefenthaler scheint mit dem Kauf der schönen Berliner Altbauwohnung seine Erfüllung zu finden. Doch bald wird der Nachbar aus dem Souterrain unheimlich. Tiefenthaler vertraut lange auf den Rechtsstaat, der aber zeigt sich hilflos gegenüber dem Stalker. Die zerstörte Sicherheit erschüttert Tiefen­thaler im Innersten. Dirk Kurbjuweit schildert mit beklemmender Spannung, wie Ohnmacht eine Familie zur Selbstjustiz treibt.

Certains souvenirs © Albin Michel

Certains souvenirs

Judith Hermann, Albin Michel, Januar 2018 — frz. Übersetzung von Dominique Autrand

Originaltitel: Lettipark

Was geschieht, wenn wir jemandem begegnen? Wie nah können wir den Menschen sein, die wir lieben?  Durch einen Blick, eine Berührung entsteht eine plötzliche Nähe, oder Menschen entfernen sich voneinander. Menschen kreuzen unseren Lebensweg, begleiten uns, machen uns glücklich und bleiben unfassbar. In ihren Erzählungen spürt Judith Hermann diesen alles entscheidenden Momenten nach, unserer Einsamkeit und Wut und Sehnsucht.

Les nuits sont calmes à Téhéran © Slatkine & Cie

Les nuits sont calmes à Téhéran

Shida Bazyar, Slatkine & Cie, Januar 2018 —
frz. Übersetzung von Barbara Fontaine

Originaltitel: Nachts ist es leise in Teheran

Vier Familienmitglieder, vier Jahrzehnte, vier unvergessliche Stimmen. Aufwühlend und anrührend erzählt Shida Bazyar eine Geschichte, die ihren Anfang 1979 in Teheran nimmt und den Bogen spannt bis in die deutsche Gegenwart. Shida Bazyar gelingt ein dichtes, zartes und mitreißendes Familienmosaik. Und ein hochaktueller, bewegender Roman über Revolution, Unterdrückung, Widerstand und den unbedingten Wunsch nach Freiheit.

Urgences et sentiments © Métailié

Urgences et sentiments

Kristof Magnusson, Métailié, Februar 2018 — frz. Übersetzung von Gaëlle Guicheney

Originaltitel: Arztroman

Anita Cornelius ist Notärztin an einem großen Berliner Krankenhaus und liebt ihren Beruf. Adrian, ihr Exmann, ist Arzt am selben Krankenhaus. Sie haben sich erst vor kurzem in bestem Einvernehmen getrennt. Anita könnte sich vormachen: alles ist in bester Ordnung. Ist es aber nicht. Weder privat noch beruflich. Kristof Magnusson erzählt mit großer Kenntnis aus dem Alltag einer Notärztin und gleichzeitig aus dem Alltag ihrer Patienten. Vor allem aber erzählt er witzig und unterhaltend aus dem Leben einer Frau Anfang vierzig, die mehr will als Routine und 'schöner Wohnen'.

Un jour j'ai dû marcher dans l'herbe tendre © Le ver à soie

Un jour j'ai dû marcher dans l'herbe tendre

Carolina Schutti, Le ver à soie, Februar 2018 —
frz. Übersetzung von Jacques Duvernet; Literaturpreis der Europäischen Union 2015

Originaltitel: Einmal muss ich über weiches Gras gelaufen sein

Maja, die als kleines Kind zu ihrer Tante in ein abgelegenes Dorf kommt, fühlt sich einsam. An ihre Mutter, eine Weißrussin, kann sie sich kaum noch erinnern. Bei der Tante ist sie zwar gut versorgt, aber Maja spürt eine tiefe innere Sehnsucht nach etwas früh Verlorenem. Ausgerechnet Marek, ein ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter vermittelt ihr Wärme und Geborgenheit. Maja zieht als junge Frau in eine Stadt und erlebt die Liebe zu Erich und zu Bert, dessen Kind sie erwartet. Doch Sprachlosigkeit und unausgesprochene Geheimnisse lassen sie auch hier nicht los…