Aktuelle Literaturszene

Aktuelle Literaturszene © Goethe-Institut │Foto: Loredana La Rocca

Was gibt es Neues in der deutschen Literaturszene? Wir informieren Sie über aktuelle Ereignisse, zu entdeckende Autoren, Neuerscheinungen und Übersetzungen ins Französische.

Die Frankfurter Buchmesse ist die wichtigste internationale Literaturmesse. 2017 wurde Frankreich zum Ehrengast ernannt.
Der Deutsche Buchpreis wurde wie jedes Jahr verliehen: Unter den Finalisten waren der thrillerhafte Romeo oder Julia von Gerhard Falkner, der allegorische Roman Das Floß der Medusa des österreichischen Schriftstellers Franzobel, Schlafende Sonne von Thomas Lehr, welches als erster Teil einer Trilogie ein ambitioniertes und nachdenkliches Werk darstellt, Die Kieferninseln von Marion Poschmann, ein poetischer und strahlender Roman, Außer sich, der Debütroman mit einer lebendigen und verstörenden Schrift von der jungen Autorin Sasha Marianna Salzmann, und abschließend ein witzig-spannender Roman über Europa: Die Hauptstadt, von Robert Menasse aus Wien. Es war dieses letzte Werk, für das sich die Jury entschied und ihre Wahl wiefolgt begründete: „Das Humane ist immer erstrebenswert, niemals zuverlässig gegeben: Dass dies auch auf die Europäische Union zutrifft, das zeigt Robert Menasse mit seinem Roman Die Hauptstadt auf eindringliche Weise. Dramaturgisch gekonnt gräbt er leichthändig in den Tiefenschichten jener Welt, die wir die unsere nennen. […] Mit Die Hauptstadt ist der Anspruch verwirklicht, den Robert Menasse an sich selbst gestellt hat: Zeitgenossenschaft ist darin literarisch so realisiert, dass sich Zeitgenossen im Werk wiedererkennen und Nachgeborene diese Zeit besser verstehen werden.“

In diesem Newsletter erfahren Sie mehr über den Preisträger sowie die anderen Finalisten - und  wir stellen Ihnen eine Auswahl an Neuerscheinungen und aktuellen Übersetzungen ins Französische vor.

Fokus: Deutscher Buchpreis 2017

  • Die Hauptstadt © Suhrkamp
    Die Hauptstadt
  • Robert Menasse, lauréat du Prix du Livre Allemand 2017 Photo (détail) : Arne Dedert; © dpa
    Robert Menasse, lauréat du Prix du Livre Allemand 2017

Robert Menasse

Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über Hermann Schürrer: Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb. Menasse lehrte anschließend sechs Jahre – zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie – an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, unter anderem über Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien. Menasse, der die politischen und kulturellen Entwicklungen in seinem Land kritisch mitverfolgt, veröffentlicht seinen Standpunkt regelmäßig in der österreichischen und deutschen Presse. Mit dem Preisgeld, das Menasse 1998 mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik erhielt, stiftete er im Jahre 2000 den Jean-Améry-Preis für Essayistik.

„Die Hauptstadt“

Suhrkamp Verlag, September 2017

In Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen. Beamtin Fenia Xenopoulou soll das Image der Europäischen Kommission aufpolieren. Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee weckt ein Gespenst aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. Kommissar Brunfaut muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen. Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank zur Zukunft Europas Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.

Deutscher Buchpreis
Internetseite Suhrkamp
Rezensionen (perlentaucher.de)

Neuerscheinungen

Romeo oder Julia © Berlin Verlag

Romeo oder Julia

Gerhard Falkner, Berlin Verlag, September 2017

Kurt Prinzhorn ist zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck eingeladen, wo ihm Merkwürdiges widerfährt. Während einer Moskau-Reise wenige Tage später kommt es zu neuen Unerklärlichkeiten, und auch in Madrid, wo Prinzhorn einer früheren Geliebten wiederbegegnet, reißt die Kette seltsamer Geschehnisse nicht ab – bis ihm durch Zufall das Puzzle der Erinnerung zu einem Bild zusammenfällt, das ihn weit in die eigene Biografie zurückführt. Am nächsten Morgen klingelt die Polizei an der Tür seiner Berliner Wohnung, denn unter dem Fenster von Prinzhorns Zimmer in Madrid wurde eine tote Frau gefunden.

Die Kieferninseln © Suhrkamp Verlag

Die Kieferninseln

Marion Poschmann, Suhrkamp Verlag, September 2017

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Bashō in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide.

Das Floß der Medusa © Paul Zsolnay Verlag

Das Floß der Medusa

Franzobel, Paul Zsolnay Verlag,
Januar 2017

18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa 20 Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?

Schlafende Sonne © Carl Hanser Verlag

Schlafende Sonne

Thomas Lehr, Carl Hanser Verlag, August 2017

Rudolf Zacharias reist nach Berlin. Dort will der Dokumentarfilmer die Vernissage seiner früheren Studentin Milena Sonntag besuchen. Thomas Lehrs Roman spielt an einem Sommertag des Jahres 2011 – und zugleich in einem ganzen Jahrhundert. Denn in ihrer Ausstellung zieht Milena nicht nur eine künstlerische Lebensbilanz, sondern die ihrer Zeit. Mit sprachlicher Kraft werden historische Katastrophen neben die privaten Verwicklungen dreier Menschen gestellt, führen die Spuren von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bis ins heutige Berlin.

Außer Sich © Suhrkamp Verlag

Außer Sich

Sasha Marianna Salzmann, Suhrkamp Verlag, September 2017

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims. Und noch später verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. Alissa macht sich auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht.

Lichter als der Tag © Schöffling & Co

Lichter als der Tag

Mirko Bonné, Schöffling & Co, Juli 2017

Raimund Merz kennt Moritz und Floriane von Kindheit an. Als Inger zu ihnen stößt, die Tochter eines dänischen Künstlers, bilden die vier eine verschworene Gemeinschaft, bis sich beide Jungen in das Mädchen verlieben. Jahre später kreuzen sich die Wege der vier erneut – für Raimund die Chance, sich der Leere seines Lebens ohne Inger zu vergegenwärtigen. Ver­zweifelt sucht er nach einem Weg zurück zu sich selbst und zu einer Aussöhnung mit der Vergangenheit. Mirko Bonnés großer Liebesroman überträgt das Wahlverwandtschaften­-Thema in die heutige Zeit.

Peter Holtz © S. Fischer Verlag

Peter Holtz

Ingo Schulze, S. Fischer Verlag, September 2017

Vom Waisenkind zum Millionär - wie konnte das so schiefgehen? Peter Holtz will das Glück für alle. Er nimmt die Verheißungen der westlichen Welt beim Wort. Schon als Kind praktiziert er die Abschaffung des Geldes. Als CDU-Mitglied (Ost) kämpft er für eine christlich-kommunistische Demokratie. Doch er wundert sich: Der Lauf der Welt widerspricht aller Logik. Seine Selbstlosigkeit belohnt die Marktwirtschaft mit Reichtum. Hat er sich für das Falsche eingesetzt? Oder für das Richtige, aber auf dem falschen Weg? Und vor allem: Wie wird er das Geld mit Anstand wieder los?

Tyll © Rowohlt

Tyll

Daniel Kehlmann, Rowohlt, Oktober 2017

Tyll ist die Neuerfindung einer legendären Figur, Till Eulenspiegel: ein großer Roman über die Macht der Kunst und die Verwüstungen des Krieges, über eine aus den Fugen geratene Welt. Tyll Ulenspiegel wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einem Dorf geboren, in dem sein Vater, ein Müller, als Magier und Welterforscher schon bald mit der Kirche in Konflikt gerät. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das vom Dreißigjährigen Krieg verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg.

Übersetzungen ins Französische

Monsieur Kraft ou la théorie du pire © Autrement

Monsieur Kraft ou la théorie du pire

Jonas Lüscher, Autrement, September 2017 – frz. Übersetzung von Tatjana Marwinski
Originaltitel: Kraft

Rhetorik-Professor Richard Kraft ist unglücklich in seiner Beziehung und steckt finanziell in der Zwickmühle. Als er eingeladen wird, an einer wissenschaftlichen Preisfrage teilzunehmen, ergreift er seine Gelegenheit. Ein zynischer Roman über einen Mann, der in den Trümmern seines Lebens steht und über eine Elite, die bereit ist, alle Tabus zu brechen.

La rivière © Gallimard

La rivière

Esther Kinsky, Gallimard, August 2017 – frz. Übersetzung von Olivier Le Lay
Originaltitel: Am Fluss

Eine Frau lässt sich in einem Londoner Vorort, nahe des kleinen Flusses Lea nieder. In einem Dialog beschreibt sie diese Nicht-Orte, die seltsame Anwesenheit von Charakteren und Gefühlen, die im Wasser treiben. Mit ihrer feinsinnigen Sprache und ihrem dichten, poetischen Schreibstil gelingt es Esther Kinsky, eine fesselnde Reise zwischen Traum und Realität zu konstruieren.

La fin de la solitude © Slatkine & Cie

La fin de la solitude

Benedict Wells, Slatkine & Cie, August 2017 – frz. Übersetzung von Juliette Aubert
Originaltitel: Das Ende der Einsamkeit

Liz, Marty und Jules sind unzertrennlich. Bis zu dem Tag, an dem sie ihre Eltern bei einem tragischen Autounfall in Südfrankreich verlieren. Sie befinden sich in demselben kalten, seelenlosen Internat, werden einander schnell zu Fremden und isolieren sich. Jules, der Einsamste, erfindet sogar einen imaginären Freund namens Alva.
 

Le royaume du crépuscule © Les Presses de la Cité

Le royaume du crépuscule

Steven Uhly, Les Presses de la Cité, September 2017 – frz. Übersetzung von Corinna Gepner
Originaltitel: Königreich der Dämmerung

Vom Winter 1944 bis zum Frühjahr 1987, zwischen dem zerrissenen Deutschland und dem aufkeimenden Israel: die Sage von Opfern, Henkern und ihren Hinterlassenschaften. Geheimnisse, unfassbare Gefühle, Wunder des Zufalls und historische Gräueltaten: Daraus besteht dieses polyphone Werk, das das Fresko des 20. Jahrhunderts mit einem neuen Licht erhellt.

Cox ou la course du temps © Albin Michel

Cox ou la course du temps

Christoph Ransmayr, Albin Michel, August 2017 – frz. Übersetzung von Bernard Kreiss
Originaltitel: Cox oder der Lauf der Zeit

Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Wird es Cox gelingen, den Wettlauf gegen die Zeit zu gewinnen?

Essai sur le fou de champignons: une histoire en soi © Gallimard

Essai sur le fou de champignons : une histoire en soi

Peter Handke, Gallimard, Oktober 2017 – frz. Übersetzung von Pierre Deshusses
Originaltitel: Versuch über den Pilznarren - Eine Geschichte für sich

In diesem letzten Teil seines Polyptychons, das der literarischen Erforschung des Alltags gewidmet ist, erzählt der Schriftsteller das Leben eines Pilz liebenden Freundes, der Wälder in Orte der Verzauberung verwandelt.

Brandenbourg © Actes Sud

Brandenbourg

Juli Zeh, Actes Sud, September 2017 – frz. Übersetzung von Rose Labourie
Originaltitel: Unter Leuten

Windkraftanlagen können sich lohnen – aber für wen? Hinter den sauberen Fassaden eines Brandenburger Dorfes wird ein Schachspiel gespielt, bei dem Berliner mit einer romantischen Idee vom Landleben auf einheimische, rohe Bauern und ihre Familien treffen. Alte Ressentiments – aus der Zeit des Mauerfalls – erwachen und lassen Rachegedanken entstehen...

Otages © Métailié

Otages

Sherko Fatah, Métailié, August 2017 – frz. Übersetzung von Olivier Mannoni
Originaltitel: Der letzte Ort

In der irakischen Wüste werden Osama, ein ehemaliger korrupter Grabräuber, und der Archäologe Albert als Geiseln genommen. Angesichts ihrer Entführer und ihres bedauernswerten Alltags scheint das Schlimmste für sie die Auseinandersetzung mit sich selbst zu sein.