Aktuelle Literaturszene

Aktuelle Literaturszene © Goethe-Institut │Foto: Loredana La Rocca

Was gibt es Neues in der deutschen Literaturszene? Wir informieren Sie über aktuelle Ereignisse, zu entdeckende Autoren, Neuerscheinungen und Übersetzungen ins Französische.

Als Anfang März zunächst der Salon Livre Paris und schließlich die Leipziger Buchmesse abgesagt wurden, war die Buchwelt noch weit davon entfernt, sich das Ausmaß der Krise vorzustellen, die sie und die Welt als Ganzes bald treffen würde. Innerhalb weniger Wochen versuchte die Branche in aller Eile zu reagieren und ihr Überleben zu organisieren, und es wurden viele Initiativen ins Leben gerufen, um das literarische Leben aufrecht zu erhalten.

In diesem ganz besonderen Zusammenhang haben wir beschlossen, unseren Literatur-Newsletter, der im März traditionell der Leipziger Buchmesse und der Verleihung des gleichnamigen Preises gewidmet ist, trotz allem zu veröffentlichen. Denn ein bisschen Normalität kann nicht schaden!
Obwohl die Buchmesse abgesagt werden musste, gab die Jury am 12. März in einer Live-Übertragung die Namen der Preisträger bekannt. In diesem Newsletter erfahren Sie mehr über den Preisträger sowie die anderen Finalisten – und  wir stellen Ihnen eine Auswahl an Neuerscheinungen und aktuellen Übersetzungen ins Französische vor.

Abschließend möchten wir Sie auf zwei Online-Angebote des Goethe-Instituts aufmerksam machen, die Ihren Literaturdurst in dieser Zeit der Isolation stillen können:

  1. Die virtuelle Bibliothek des Goethe-Instituts in Frankreich, die Onleihe, ermöglicht Ihnen die kostenlose Ausleihe von Büchern, Hörbüchern, Zeitungen und Zeitschriften in digitaler Form. 
  2. Mit dem literarischen Podcast des Goethe-Instituts Paris, Audiolitté, können Sie Lesungen und Debatten, die Sie bei uns verpasst haben, einfach zu Hause nachhören. 

Wir wünschen Ihnen bonne lecture und vor allem: Passen Sie auf sich auf!

Fokus: Preis der Leipziger Buchmesse 2020

  • Lutz Seiler Foto (Ausschnitt): Amrei Marie
    Lutz Seiler
  • Stern 111 Foto (Ausschnitt) : Leipziger Messe / Sandro Gärtner
    Stern 111

Lutz Seiler

Bekannt wurde der deutscher Schriftsteller Lutz Seiler zunächst als Lyriker. Er wurde in der DDR in Thüringen geboren und ist dort aufgewachsen. Während seiner Armeezeit begann er sich für Literatur zu interessieren und selbst zu schreiben. Bis Anfang 1990 studierte er Geschichte und Germanistik an der Martin-Luther-Universität in Halle. 2004/2005 war er Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Seiler lebt als freier Schriftsteller in Wilhelmshorst und Stockholm. Für seinen Debütroman Kruso wurde er 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Stern 111

Stern 111, Lutz Seiler, Suhrkamp Verlag

Nach dem Fall der Mauer verlassen Inge und Walter Bischoff ihr altes Leben. Sie folgen einem lang gehegten Traum, von dem selbst ihr Sohn nichts weiß. Dieser verweigert das elterliche Erbe und flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des „klugen Rudels“ aufgenommen wird, welches dunkle Geschäfte macht, einen Guerillakampf um leerstehende Häuser führt und eine Kellerkneipe betreibt. Er schlingert durch das Chaos der Nachwendezeit, stets in der Hoffnung, seine einzige Liebe Effi wiederzusehen.

Begründung der Jury:      

„In Lutz Seilers kunstvollem Roman wird groß und genau die Neuordnung der Dinge in einem plötzlich regellosen Raum beschrieben, und das in der Verquickung von Geschichtsschreibung und Privatmärchen. Auf die Zeitläufe legt der Autor eine sinnliche Zeitschreibung: die eines werdenden Dichters und jungen Mannes, der sich elternlos finden muss, sich auf den Weg macht in ein poetisches Dasein.“



Die vollständige Begründung der Jury lesen
Suhrkamp Verlag
Rezensionen (Perlentaucher)
Das Buch in der Onleihe ausleihen

Neuerscheinungen

Power © Dumont Buchverlag

Power

Verena Güntner, DuMont Buchverlag, Februar 2020

Die junge Kerze lebt in einem kleinen Dorf und verteidigt dies gegen den Bevölkerungsschwund. Als eines Tages der Hund Power verschwindet, verspricht Kerze ihn wiederzufinden. Ihrer Suche schließen sich nach und nach immer mehr Kinder an. Als diese schließlich im Wald verschwinden, erklärt die Dorfgemeinschaft den Ausnahmezustand. Verena Güntner erzählt in ihrem Roman die Geschichte einer Radikalisierung und davon, was mit einer Gemeinschaft geschieht, die den Kontakt zu ihren Kindern verliert.

Serpentinen © Ullstein Buchverlage

Serpentinen

Bov Bjerg, Ullstein/Claassen, Januar 2020
 
Ein Vater unterwegs mit seinem Sohn. Ihre Reise führt zurück zur Kindheit des Vaters. Ständiger Reisebegleiter ist das Schicksal der männlichen Vorfahren, die sich allesamt das Leben nahmen. Der Vater erkennt, dass sein Weg keine Erlösung gebracht hat. Vielleicht helfen die Rückkehr und das Erinnern. Genau, mutig und lang nachwirkend erzählt Bov Bjerg vom Kampf eines Vaters gegen die Dämonen der Vergangenheit. Nur wenn er seinen Sohn so liebt, wie er selbst nie geliebt wurde, kann die Reise glücken.

Picknick im Dunkeln © Hanser Literaturverlage

Picknick im Dunkeln

Markus Orths, Hanser Literatur-Verlag, Januar 2020

Zwei Männer treffen sich in vollkommener Finsternis. Sie tasten sich voran, führen irrwitzige Gespräche und teilen die Erinnerungen an zwei völlig unterschiedliche Leben. Die Männer? Stan Laurel und Thomas von Aquin. Der begnadete Komiker trifft auf den großen Denker des Mittelalters. Warum hier? Warum jetzt? Warum gerade sie? Genau dies müssen sie herausfinden, um ans Licht zu gelangen. Eine philosophische Reise und eine urkomische, todernste Geschichte über die großen Fragen des Lebens.

Luna Luna © Secession-Verlag

Luna Luna

Maren Kames, Secession Verlag, 2019
 
Der Lyrikband Luna Luna ist ein dunkler Text – rasant, rasend und atemlos. Es geht um die dünne Wand zwischen Traum und Trauma, um dünne Haut, ums Verlieren und Verletzen, um einen Krieg, der vielleicht nie stattgefunden hat und doch in jeder Pore präsent ist. Über allem hängt die Luna, ein Fixpunkt für die Höhe der Sehnsucht, leuchtend, wahnsinnig und selbst rastlos. Eine Luna, die am Ende in einem Sturz aus ihrer Umlaufbahn heraus aufs Wasser fällt wie ein glühender Ofen.

Ein Mann seiner Klasse © Ullstein Buchverlage

Ein Mann seiner Klasse

Christian Baron, Ullstein/Claassen, Januar 2020
 
Christian Baron erzählt von seiner Kindheit, seinem prügelnden Vater und seiner depressiven Mutter. Er beschreibt, was es bedeutet, in diesem reichen Land in Armut aufzuwachsen. Wie es sich anfühlt, als Junge männliche Gewalt zu erfahren. Was bleibt. Und wie es ihm gelang, seinen Weg zu finden. Mit großer Intensität zeigt Christian Baron Menschen in sozialer Schieflage und Perspektivlosigkeit. Er erklärt nichts und offenbart doch so Vieles von dem, was in unserer Gesellschaft im Argen liegt.

Die rechtschaffenen Mörder © S. Fischer Verlag

Die rechtschaffenen Mörder

Ingo Schulze, S. Fischer Verlag, März 2020
 
Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Dresdner Antiquar; bei ihm finden Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte. Auch in den neuen Zeiten, als die Kunden ausbleiben, versucht er, seine Position zu behaupten. Doch plötzlich steht ein aufbrausender, unversöhnlicher Paulini vor uns, der beschuldigt wird, an fremdenfeindlichen Ausschreitungen beteiligt zu sein. Die Geschichte nimmt eine virtuose Volte: Ist Paulini ein Reaktionär oder ein Revolutionär, eine tragische Figur oder ein Mörder?

Die Verwandelten © Wallstein Verlag

Die Verwandelten

Thomas Brussig, Wallstein Verlag, Februar 2020

In einem Kaff in der Provinz begibt sich Weltbewegendes: In der Waschanlage verwandeln sich zwei übermütige Jugendliche in Waschbären. Was wie ein Witz anmutet, den niemand glauben kann, wird unabweisbare Realität, der man sich stellen muss. Keine kleine Zumutung für ihre Familien, die Mitschüler und vor allem für sich selbst. Thomas Brussig entwickelt aus einer fantastischen, aberwitzigen Ausgangssituation einen spannenden Roman, der mit großer Souveränität über unsere moderne Gegenwart erzählt.

Allegro Pastell © Kiepenheuer & Witsch

Allegro Pastell

Leif Randt, Verlag Kiepenheuer & Witsch, März 2020
 
Tanja wird bald 30 und wartet auf eine explosive Idee für ihr neues Buch. Ihr Freund, der Webdesigner Jerome, versucht sein Leben zunehmend als spirituelle Einkehr zu begreifen. Die Fernbeziehung der beiden wirkt makellos. Sie bleiben über Text und Bild eng miteinander verbunden. Ihr Umfeld spiegelt ihnen ein Leid, gegen das beide weitgehend immun bleiben. Doch der Wunsch, ihre Zuneigung zu bewahren, ohne, dass diese schmerzhaft existenziell wird, stellt das Paar vor eine große Herausforderung.

Übersetzungen ins Französische

Ustrinkata © Quidam

Ustrinkata

Arno Camenisch, Quidam, Februar 2020
– Übers. Camille Luscher
 
Es ist der letzte Abend in der Helvezia, der Alkohol fließt in Strömen und noch einmal sitzen alle in der Kneipe. Arno Camenisch hört ihren tragisch-komischen Geschichten genau zu. Auf unverkennbar eigenwillige Art und mit seinem präzisen Sinn für den Klang und die Eigentümlichkeiten ihrer Sprache hält er diese von Tod und Vergessen, von Naturgewalten und menschlichen Abgründen bedrohte Welt lebendig. Es geht alles zu Ende, aber so lange einer noch erzählt, ist das letzte Glas nicht ausgetrunken!

Une poignée de vies © Éditions J. Chambon

Eine Handvoll Leben

Marlen Haushofer, Éditions J. Chambon, Januar 2020
–  Übers. Jacqueline Chambon

Zwei Jahrzehnte sind vergangen, als Betty unerkannt in das Haus ihrer Familie zurückkehrt, das sie einst verlassen hat, um eine Ehe und eine Affäre aufzugeben und nach ihrem Begriff der Freiheit leben zu können. Nun kommt sie zurück, wird konfrontiert mit ihrer Vergangenheit und den Folgen ihres Handelns und steht ihrem ahnungslosen Sohn gegenüber... Ein Porträt einer Frau, welches unglaublich subtil und einfühlend ist, und zugleich geprägt von einer ausgesprochenen Modernität und Aktualität.

Le roman de la vie de Tyll Ulespiègle © Actes Sud

Tyll

Daniel Kehlmann, Actes Sud, Februar 2020
–  Übers. Juliette Aubert
 
Tyll ist die Neuerfindung einer legendären Figur: ein großer Roman über die Macht der Kunst und die Verwüstungen des Krieges, über eine aus den Fugen geratene Welt. Tyll  findet sich in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges wieder, und anhand seiner Figur schildert Daniel Kehlmann ein Panorama des Krieges, bei welchem Dichtung und Realität miteinander verschwimmen und zu einem mitreißenden und modernen Epos der Geschichte werden.

Sanction © Gallimard

Strafe

Ferdinand von Schirach, Gallimard, Februar 2020
–  Übers. Rose Labourie
 
Ferdinand von Schirach beschreibt in Strafe zwölf Schicksale. Er zeigt, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden und wie voreilig unsere Vorstellungen von „gut“ und „böse“ oft sind. Dabei verurteilt er nie. In distanzierter Gelassenheit und zugleich voller Empathie erzählt er von Einsamkeit und Fremdheit, von dem Streben nach Glück und vom Scheitern. Seine Geschichten sind Erzählungen über uns selbst und laden zum Nachdenken über die verschiedenen Formen gesellschaftlicher Gewalt ein.

Le champ © Sabine Wespieser

Das Feld

Robert Seethaler, Sabine Wespieser, Januar 2020
–  Übers. Elisabeth Landes
 
In Robert Seethalers neuem Roman geht es um die letzten Dinge: um das, was sich nicht fassen lässt. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem großen Bild menschlicher Koexistenz.
Wenn die Toten sprechen könnten, wovon würden sie erzählen? Wäre es eine Geschichte oder die Erinnerung an einen Moment, an ein bestimmtes Gefühl, oder eine Regung? Was bleibt von einem Leben?

Au point du jour © Gallimard

Tagesanbruch

Hans-Ulrich Treichel, Gallimard, November 2019
–  Übers. Barbara Fontaine
 
Tagesanbruch führt ins Zentrum von Hans-Ulrich Treichels Schreiben, ganz nah heran an die Schmerzpunkte von Verlust und Verlorenheit. Es ist die eindringliche, tieftraurige Erzählung einer Frau, die am Totenbett ihres Kindes endlich all das auszusprechen versucht, was sie niemals ausgesprochen hat; ein Monolog, der zur Bilanz und zur Erinnerung wird – und am Ende muss sie doch bekennen, dass ihr die Worte versagen. Denn manche Dinge, die verschweigt man sogar den Toten.

Walter Nowak à terre © Castor Astral

Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolf, Castor Astral, Januar 2020
–  Übers. Sarah Raquillet
 
Jeden Tag schwimmt Walter Nowak seine Bahnen im Freibad. Eines Morgens bringt eine Begegnung ihn aus der Fassung – mit fatalen Folgen: Ausgestreckt findet er sich wenig später auf dem Boden seines Badezimmers wieder, bewegungsunfähig und auf sich allein gestellt. Zunehmend verliert er die Kontrolle, Bilder aus der Vergangenheit stürzen auf ihn ein. Während nach und nach alles vor seinen Augen verschwimmt, ziehen seine Gedanken immer engere Kreise und nähern sich einem verborgenen Zentrum.

Le Bosquet © Grasset

Hain

Esther Kinsky, Grasset, Februar 2020
–  Übers. Olivier Le Lay
 
Drei Reisen unternimmt die Ich-Erzählerin in diesem Geländeroman. Alle drei führen sie nach Italien in abseitige Landstriche und Gegenden. Esther Kinskys Streifzüge und Wanderungen – im Gedächtnis ebenso wie in der Gegenwart – sind italienische Reisen eigener Art. Sie erkunden mit allen Sinnen äußeres Terrain und führen doch ins Innere, zu Abbrüchen der Trauer und des Schmerzes und zu Inseln des Trostes. Der einfühlsame, präzise Blick der Reisenden entlockt jedem Gelände Geheimnis und Schönheit.