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Bauhaus in Frankreich
Welches Erbe hat das Bauhaus in Frankreich hinterlassen?

Arbeitsmigranten-Heim Coallia im 19. Arrondissement in Paris, von Périphériques etnworfen
© Luc Boegly

Ein Architekt, ein Designer und ein Grafiker erinnern an den Einfluss des Bauhauses auf ihr jeweiliges Fach und ihre eigene Arbeit.
 

David Trottin ist Architekt. Er leitet die Pariser Agentur Périphériques, die seit zwanzig Jahren nach dem Prinzip des fächerübergreifenden, kollektiven Schaffens arbeitet.

„In Frankreich ist das Bauhaus für alle Architekturstudenten ein Schlüsselmoment, in dem man sich mit der Kunst und dem Handwerk im Zeitalter der Industrialisierung beschäftigte: Sollte der Architekt angesichts des wachsenden Bedarfs der Gesellschaft an Betriebseinrichtungen und Bauwerken seine Arbeitsweise verändern oder sollten sich andere Berufsstände am Entwurf der Gebäude und Gegenstände beteiligen? Heute stehen wir vor ähnlichen Fragen, aber in einem anderen Kontext: Industrielle Produkte sind standardisiert und oft von schlechter Qualität, und es müssen immer mehr Normen respektiert werden. In unserer Zeit gilt die Industrialisierung nicht mehr als Ideal, sondern man möchte zu einfachen Dingen zurückkehren, die vorzugsweise lokal und umweltfreundlich hergestellt werden. Der Zusammenhang zwischen Design, Produktion und Herstellung wird neu definiert. Wir als Architekten wollen keine standardisierten, sondern maßgeschneiderte Produkte anbieten. Die Hersteller wollen ihr Know-how einbringen und sich von der Konkurrenz abheben. In Paris haben wir ein Heim für Arbeitsmigranten entworfen, das diesen Prinzipien entspricht: Es ist von glänzenden Terrakottaziegeln bedeckt, die in einer Fabrik hergestellt und dann von einem Handwerker emailliert werden. Wie das Bauhaus befinden wir uns im Dialog zwischen der industriellen Problematik und der handwerklichen Herstellung, indem wir auf ein kollektives, fächerübergreifendes Verständnis zurückgreifen. Wir haben unsere Agentur „Périphériques“ genannt, weil die Architektur im Zentrum unseres Vorgehens steht, aber mit anderen Berufen interagiert. Wir wollen das Know-how jedes einzelnen nutzen und uns von anderen Ansätzen bereichern lassen.“
 
Der Designer Nestor Perkal befasst sich seit mehreren Jahren mit dem Zusammenspiel von Handwerk und Design, indem er bei der Arbeit mit Keramik und Leder mit neuen Ansätzen experimentiert.

„Ich habe mich immer für den Bezug zum Handwerk interessiert, den das Bauhaus entwickelte. Die Schule förderte nicht nur den Dialog zwischen den Künsten (Bildhauerei, Fotografie, Architektur, Möbeldesign, Musik, Design etc.), sondern auch das Erlernen handwerklicher Fertigkeiten.
In den 1980er-Jahren war ich fasziniert von der italienischen Designergruppe Memphis, deren Werke ich in meiner Pariser Galerie vertrieb. Mit derselben Grundeinstellung wie das Bauhaus setzte Memphis sämtliche handwerklichen Techniken und Materialien ein, von den edelsten bis zu den alltäglichsten wie Resopal. Auch diese Bewegung charakterisierten ein ständiger Austausch zwischen Designern und Handwerkern, ein wahrer Sinn für Zusammenarbeit und sogar eine gewisse Verspieltheit, eine Freude an der Kreativität. Diese Aspekte finden sich auch in meiner eigenen Arbeit als Designer: Für mich ist Design ein Werkzeug an der Schnittstelle aller Techniken, und ich habe mich immer bemüht, die handwerklichen Methoden wieder in Mode zu bringen. Als Leiter des Centre de Recherche sur les Arts du Feu et de la Terre (CRAFT) in Limoges im Département Haute-Vienne habe ich versucht, einen Dialog zwischen Keramikkunst und zeitgenössischen Design herzustellen. Es ist interessant zu sehen, wie Handwerker mit den Schwierigkeiten von Künstlern umgehen. Die Zusammenarbeit kann für beide Seiten sehr bereichernd sein. Seit einigen Jahren stelle ich mit dem Italiener Oscar Maschera, der Leder bearbeitet, gemeinsam Werke her. Wir experimentieren mit neuen Techniken wie dem Lederzuschnitt mithilfe von Lasern: Dadurch lassen sich originelle Formen kreieren, und so produzieren wir Spiegel, Möbel, Teppiche … Auch dieser experimentelle Ansatz hat etwas damit zu tun, wie im Bauhaus gearbeitet wurde.“
 
Der deutsch-französische Grafiker und Kalligraf Philippe Dabasse arbeitet und lehrt in Paris. Er gehört dem Organisationskomitee der Rencontres internationales de Lure in der Provence an, die verschiedenen Bereichen der Grafik gewidmet sind.

„Auf dem Gebiet der Grafik hatte das Bauhaus einen gewissen Einfluss. Einer der größten deutschen Typografen des 20. Jahrhunderts, Jan Tschichold, war stark von der Ausstellung des Bauhauses 1923 in Weimar geprägt. In einer Abhandlung mit dem Titel Die neue Typographie (1928) erarbeitete er die theoretischen Grundlagen für die von der Schule vermittelten konstruktivistischen Konzepte: Universalismus, Minimalismus als Bruch mit der Tradition, industrielle Ästhetik, Asymmetrie und Bewegung in der grafischen Komposition usw. So trug er dazu bei, die moderne Grafik überall auf der Welt zu verbreiten – natürlich auch in Frankreich. Außerdem wurden von den Lehrern und Schülern des Bauhauses, wie dem Typografen Herbert Bayer oder dem Architekten Max Bill, Schriftarten entworfen. Fünf unvollendete Schriftarten der Schule wurden 2018 von Adobe mit dem deutschen Typografen Erik Spiekermann rekonstruiert und Grafikern zugänglich gemacht. Ich persönlich beziehe mich bei meiner Arbeit täglich auf das Bauhaus! Wenn ich eine Seite gestalte, wenn ich mich um ein asymmetrisches Gleichgewicht bemühe, wenn ich mich zu Einfachheit zwinge, um eine klare Botschaft zu vermitteln, wende ich ganz selbstverständlich die Lehren des Bauhauses an. Das zeitgenössische Grafikdesign, mit seinen normierten visuellen Identitäten und seinem Einsatz der Farbe, führt die Prinzipien dieser Schule weiter. Als Grafiker folge ich der Herangehensweise eines industriellen Handwerkers, die von Bauhaus entwickelt wurde. Mich interessiert insbesondere der Dialog zwischen diesem formalen Vorgehen und dem traditionellen Ansatz der Kalligrafie, bei dem die Sensibilität der Hand in der Linienführung zum Ausdruck kommt. Der Einfluss des Bauhauses bedeutet auch, nicht nur in einem einzigen Fach zu arbeiten, sondern auch in anderen Techniken, anderen Fertigkeiten nach Lösungen und Ideen zu suchen … Ich gehöre zum Planungskomitee der Rencontres internationales de Lure, die seit sechzig Jahren jeden Sommer in Lurs-en-Provence stattfinden. Wir befassen uns mit den Entwicklungen der grafischen Kulturen, indem wir Historiker und Forscher einladen, die uns einen anderen Blick auf unsere Berufe eröffnen. Dieser offene, multidisziplinäre Ansatz ist ein Erbe des Bauhauses.“
 

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