Future Perfect Klimabewusstsein durch Rap?

Die Gruppe vor dem Musikstudio
Die Gruppe vor dem Musikstudio | Foto (Ausschnitt): © Reporterre

In einem benachteiligten Viertel in der Nordstadt von Marseille hat die Zeitschrift Reporterre Umweltbewusstsein und Alltagsprobleme zusammengebracht. Eine Brücke zwischen beiden spannt der Rap.

Im Saal befinden sich ungefähr 30 Personen, wobei die Hälfte Bewohner des Viertels la Busserine im Norden von Marseille sind. Hier soll der Öffentlichkeit ein Rapmusikvideo vorgestellt werden. Anwesend sind auch einige der neun Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren, die dieses Stück im Sozialzentrum L’Agora komponiert und gedreht haben. Wer nicht hier ist, verpasst etwas: Die Simulation eines internationalen Klimagipfels in Form eines Rollenspiels, ein Praxis-Workshop, um die Mechanismen des Treibhauseffekts zu erklären, und eine Vorführung zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse durch den Verein les Petits Débrouillards im zweiten Teil des Abends begeistern das junge Publikum genauso wie das Essen zum Abschluss. „Zum ersten Mal sehen wir hier ein Bio-Büffet!“, ruft eine Frau, die oft herkommt.

„Ein schöner Kontrapunkt zum negativen Image der Jugendlichen aus den Nordvierteln“

Wer sich aus der Stadt auf den Weg zum Sozialzentrum gemacht hat, hat fast Unmögliches geleistet. Denn die Nordviertel sind eine Enklave, vom Rest Marseilles durch eine Autobahn getrennt, aus dem öffentlichen Verkehrsnetz so gut wie ausgeschlossen und mit dem Fahrrad nicht erreichbar. Aber für Rémi Carrodano, den Vorsitzenden der Bürgerinitiative Climat Aix-Gardanne, stellt ein Rap über das Klima eine nur allzu gute Gelegenheit dar, Unmögliches zu versuchen: „Der Rap ist ein wichtiges Ausdrucksmittel, er erlaubt es, eine stärkere Botschaft zu überbringen als das traditionelle französische Chanson.“

Der experimentelle Musikclip Je survole la terre et je vois… (zu deutsch etwa „Ich fliege über die Erde, und ich sehe...“) jedenfalls fand einstimmig Anklang und wurde sogar von mehreren Radiosendern gespielt. Jefferson vom Verein Petits débrouillards, der sich zur Simulation als Generalsekretär der Vereinten Nationen verkleidet hat, sagt, dass er „eins draufkriegt“, als er den Clip entdeckt: „Die Texte sind gut gesetzt, und basieren auf einem ebenfalls gut gesetzten Rhythmus. Die Bilder sind gut, man schaut sich das Video leicht an.“ Auch Catherine Vestieu, Leiterin eines Kulturvereins und Stadträtin für die 15. und 16. Bezirke von Marseille, ist begeistert: „Die Qualität ist außerordentlich und bietet einen schönen Kontrapunkt zum negativen Image der Jugendlichen aus den Nordvierteln.“

Zurück im Saal lädt einer der Zuschauer die Versammlung ein, beim weltweiten Klimamarsch, der am 29. November auch in Marseille stattfindet, teilzunehmen. Warum nicht aus dem Rap-Stück die inoffizielle Hymne der Marseiller Mobilisierung machen? Die jungen Künstler sind schüchtern und zeigen sich wenig enthusiastisch. Hinter den Kulissen erklärt Nasser, dass er viel Arbeit als Gymnasiast und mit seinem Job als Betreuer hat. Aurélie Moulin, die Geschichts- und Erdkundelehrerin, die die Rap-Schreibwerkstatt leitet, gibt zu, dass die Schüler anfangs auch vom gesamten Projekt nur mäßig begeistert waren: „Die Verbindung zwischen Rap und Umwelt ist nicht offensichtlich“, gesteht sie.

Die Journalistin Émilie Massemin, deren Projekt Climat et quartiers populaires (Klima und Arbeiterviertel) auch die Rapwerkstatt beinhaltet, erinnert an das Anliegen: „Man hört die Stimme dieser Bürger zu Umweltthemen nie, wir wollten Ihnen das Wort geben.“ Als die Vertreterin der Umwelttageszeitung Reporterre in der Agora aufkreuzte, um einen Artikel über das Klima vorzuschlagen, erhielt sie einen eher eisigen Empfang. Die Jugendlichen hatten sich nie zuvor Gedanken über das Thema gemacht. „Es gibt wenig grün, unsere Viertel wurden bei der Umweltgestaltung vernachlässigt“, bestätigt Lehrerin Aurélie.

„Heute gibt es nur noch die Krise“

Im Musikvideo drücken sich die Rapper in ihrer eigenen Sprache aus: „Erderwärmung, Treibhauseffekt, Versalzung der Böden sind nicht gerade Hip-Hop-Begriffe. Den Jugendlichen sollte nicht unser wissenschaftliches Vokabular aufgezwungen werden. Klar, das Ergebnis klingt weniger nach UN-Klimakonferenz, aber es ist vermutlich sensibler und kreativer“, erläutert Aurélie. Gleichzeitig könne über das Thema Umwelt ein gewisses Image des Raps abgebaut werden; dieser sei sehr kommerziell ausgerichtet und spiegele die Wirklichkeit des vor Ort Erlebten nicht besonders wieder.

Die jungen Rapper haben alles selbst gemacht, vom Verfassen der Texte bis hin zur Aufnahme und zum Schnitt. Weitere Schritte sollen folgen, jedoch nicht sofort. So erklärt Nasser, dass er lieber wie gewohnt über sein Viertel rappen möchte. Auf die Frage, ob ihm das Schreiben gefallen hat, antwortet er „Schnell erledigt.“ Worüber würde er morgen schreiben? „Über (s)eine Mutter.“

„Es stimmt schon, dass man nicht oft an die Umwelt denkt, das hat nichts mit der Musik zu tun. Ich denke nur daran, wenn ich etwas auf die Erde werfe“, gesteht Miad ein. Er ist gekommen, um seinen Freunden zu gratulieren; selbst konnte er nicht an dem Projekt teilnehmen. Auch Sophie Camard, Kandidatin bei den anstehenden Regionalwahlen, hat den Weg auf sich genommen, denn „es ist etwas Besonderes, die Jugendlichen der Nordviertel über Umwelt sprechen zu hören.“ Das Mitglied der Grünen gibt zu, dass es schwierig ist, hier eine Umweltkampagne durchzuführen: „Es ist verständlich, dass die Ökologie hier nicht das wichtigste Anliegen ist.“ Man müsse sich für Soziales und Ökologisches gleichzeitig einsetzen – und „zeigen, dass das Klima das tägliche Leben der Leute hier betrifft.“

Für Sophie Camard ist der Bruch mit der Politik „hier besonders weit fortgeschritten.“ Mohamed erzählt von Vierteln wie diesem, in dem er aufgewachsen ist: „Früher waren diese Gegenden politisiert, es gab Orte der Diskussion und des Lernens, Vereinsstrukturen, politische Parteien, Gewerkschaften. Heute gibt es nur noch die Krise und keinen Mittler mehr, um sie zu erklären. Diese Orte wurden von den Politikern komplett vernachlässigt.“ Ist es da nicht unpassend, über Umwelt zu sprechen? – „Im Gegenteil. Austausch und Erklärung sind wichtig. Sonst muss man sich nicht wundern, dass die Leute gleichgültig sind.“

Von der Verhandlungssimulation behält Miad: „Wenn man die Zahlen des Schiefergases und all diese Dinge sieht, wird einem klar, dass es wichtig ist.“ Für ihn, der sich zwar im Wählerverzeichnis eintragen ließ, aber ohne Überzeugung, bleibt ein ernsthaftes Problem bestehen: „Was mich persönlich stört, ist, dass ich nicht erkennen kann, was man tun kann. Das ist etwas für Politiker, und die Politik interessiert keinen.“