Future Perfect In Aubervilliers verändert Theater Leben

In der Pariser Vorstadt Aubervilliers erzählen acht Laienschauspieler in einem Theaterstück von ihrer Flucht und ihren Erfahrungen in Frankreich. Bis zur Premiere hatten sie keine Aufenthaltserlaubnis, das hat sich nun geändert.
 

In der Pariser Vorstadt Aubervilliers erzählen acht Laienschauspieler in einem Theaterstück von ihrer Flucht und ihren Erfahrungen in Frankreich. Bis zur Premiere hatten sie keine Aufenthaltserlaubnis, das hat sich nun geändert.

Eine sanfte und schüchterne Stimme auf einer kahlen Bühne: Souleyman S. singt das Kinderlied Alouette (Lerche) im Theater von Aubervilliers. Sein Gesang unterbricht eine bedrückende Stille. Die Szene gehört zu einem Theaterstück, das über die Flucht nach Europa erzählt. Die acht Schauspieler des Stücks kommen aus Bangladesch, aus Burkina Faso und von der Elfenbeinküste. Das Publikum sah auf der Bühne, wie Mamadou D. das Mittelmeer in einem wankenden, alten Boot überquerte. Und wie Adama B. nach hartem Ringen mit sich selbst, entschied seine Ausweispapiere am Flughafen in Rom zu zerreißen.

Im Mai 2015 feierte das Stück Pièce d'actualité n°3 im Theater von Aubervilliers La Commune Premiere. Die Geschichten der acht Darsteller haben die Dramaturgin und Autorin Barbara Métais-Chastanier, der Filmemacher Camille Plagnet und der Regisseur Olivier Coulon-Jablonka in ein Theaterstück verwandelt. Denn Adama B., Moustapha C., Ibrahim D., Souleyman S., Mohammed Z., Inza K., Mamadou D. und Méité S. sind keine gewöhnlichen Schauspieler: sie sind Bewohner des besetzten Hauses in der Avenue Victor-Hugo 81 in Aubervilliers. Sie haben keine gültigen Papiere, sie sind Sans-papiers.

Alles begann im Frühjahr 2014 als das Theater La Commune mit den pièces d’actualité (Bühnenstücke aus der Gegenwart) neue Formen der Produktion ins Leben rief. Diese Stücke greifen aktuelle Themen und Wirklichkeiten in Aubervilliers auf. „Heutzutage ist oft unklar, an wen sich das Theater eigentlich richtet“, sagt Frédéric Sacard, stellvertretender Direktor von La Commune. Mit dieser Reihe, die von der Stadt und ihren Bewohnern inspiriert sei, versuche La Commune den Dialog zwischen Bürgern und Theater wieder zu öffnen.

 

  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3
  • Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3 © Willy Vainqueur
    Schauspieler bei der Aufführung des Theaterstücks Pièce d’actualité n°3

Ein besetztes Haus mitten in Aubervilliers

Die drei Theatermacher waren wochenlang in den Straßen von Aubervilliers unterwegs - einer Vorstadt im Norden von Paris mit 76.000 Einwohnern und einer der ärmsten Kommunen Frankreichs. Sie waren auf der Suche nach Material für ein Theaterstück. „Es gab viele mögliche Inspirationsquellen für das Stück, etwa die großen chinesischen Lagerhallen oder die Rechenzentren“, erzählt Olivier. Die drei hatten auch von den Hausbesetzern in der Avenue Victor-Hugo 81 gehört. Die 80 Bewohner kämpften dafür, legal in dem seit Jahren leerstehenden Arbeitsamt wohnen zu können. Im August 2014 hatten Männer aus afrikanischen Ländern und aus Bangladesch dort Quartier bezogen. Sie waren vorher von anderen Orten vertrieben worden, und mussten monatelang auf der Straße leben. Erst im Januar 2015 zogen auch Frauen, manchmal mit Kindern in das besetzte Haus ein.

Die drei Künstler trafen sich mit den Bewohnern und fragten sie: „Wir möchten Theater mit Euch machen. Was haltet Ihr davon?“ Zuerst gab es einige Vorbehalte, doch nach mehreren Treffen willigten zwölf Bewohner im Herbst 2014 ein, sich vom Team interviewen zu lassen. Jeder Austausch dauerte mehrere Stunden. Diese Berichte waren für die drei Theatermacher das Rohmaterial, aus dem sie mehrere Monate lang ein Manuskript entwickelten. Bevor die Proben anfingen, tauschten sich Autoren und Bewohner über den Text aus. Dabei erfuhren die künftigen Schauspieler zum ersten Mal von den Geschichten der anderen. Denn über die schwierige und gefährliche Reise nach Europa redeten sie in ihren Alltagsgesprächen nicht.

Das Stück erzählt auch von der Zeit nach der Flucht, den Jahren im Untergrund in Frankreich. Das Lied Lerche im Bühnenstück steht für diese neue Etappe, für diese Existenz ohne Papiere, angekommen in Europa. Einige Bewohner stiegen aus den laufenden Vorbereitungen wegen ihrer Arbeit aus. Manche hatten auch Angst davor, was mit diesem Projekt auf sie zukommen könnte. Acht Bühnendarstellerblieben dabei. Theater hatten sie noch nie zuvor gespielt. Außerdem besaß niemand legale Papiere. Das bedeutet die Polizei könnte die Hausbesetzung jederzeit auflösen, die Bewohner aus dem Haus werfen und in andere illegale Netzwerke zerstreuen.
Trotzdem hielten die Theaterdirektion und die Künstler an dem Projekt fest. Sie bereiteten das Theaterstück vor und unterstützten die acht Schauspieler gleichzeitig dabei, ihre Anträge für Aufenthaltspapiere zu bearbeiten, zusammen mit lokalen Vereinen und dem Kollektiv des besetzten Hauses.


Theaterspielen befreit die Sprache

Im Mai 2015 fanden drei Wochen lang jeden Tag Proben im Theater statt, eine Arbeit, die sich deutlich von den gewohnten Jobs der Sans-papiers unterscheidet. Einige, wie Adama und Mamadou stellten fest, dass die Theaterarbeit und das Auswendiglernen des Textes, harte Arbeit ist. Alle teilten verbindende, manchmal anstrengende Momente, geprägt von großer Authentizität. Olivier erzählt, dass sich das Machtgefälle, das sonst omnipräsent im Alltag im besetzten Haus ist, während der Proben manchmal auflöste. Das Theater schaffe „eine Wirklichkeit, in der Du mit offenem Herzen sprichst“ unterstreicht Méité.
Aber nicht nur das. „Das Theater hat uns wirklich frei gemacht. Denn du gehst nach draußen, und gehst trotzdem nicht zur Arbeit: Du gehst ins Theater. Man fühlt sich eben frei!“ erzählt Inza. Bevor die Proben begonnen hatten, war das Theater für alle ein Ort, den es zu meiden galt, weil sich dort vor allem Weiße aufhalten. Das Risiko bei Kontrollen erwischt zu werden, war zu groß.

Am Abend der Premiere ist der Präfekt von Seine-Saint-Denis anwesend. Er verspricht allen Bewohnern des besetzen Hauses eine Aufenthaltserlaubnis. „Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich wäre“ erzählt die Direktorin von La Commune, Marie-José Malis, und sie setzt fort, „das Theater hat buchstäblich ihr Leben verändert.“ Die acht Schauspieler und 28 weitere Bewohner erhalten ihre Papiere im Laufe des Sommers 2015. Die anderen warten noch auf eine Aufenthaltserlaubnis, ein Arbeitsversprechen ist dafür Voraussetzung.


Bis zum Herbst 2015 wird das Stück mehrfach in Aubervilliers gespielt, außerdem in Avignon, Marseille und Riga. Gleichzeitig stieg die Zahl derer, die Zuflucht und eine bessere Zukunft in Europa suchen, deutlich an. Das wirkliche Leben von dem das Stück Pièce d’actualité n°3 erzählt, spiegelt mehr denn je eine globale Wirklichkeit wieder, unterstreicht Frédéric Sacard.
 

Leben mit Aufenthaltspapieren in Frankreich
 

Und die acht Schauspieler? Einige von ihnen möchten endlich nach Hause fahren und ihre Familien besuchen. Das ist erst jetzt mit der Aufenthaltserlaubnis möglich. Wenn sie wieder in Frankreich sind, wollen sie Dinge in Angriff nehmen, die ohne Papiere unmöglich waren: eine Bankkonto eröffnen und eine Wohnung finden. Und haben sie Lust weiter Theater zu spielen? „Wir sind auf den Geschmack gekommen, wir hoffen, damit weitermachen zu können“ sagt Méité. „Und vor allem soll unsere Botschaft nicht auf taube Ohren stoßen.“

Am Ende der Vorstellung hörte das Publikum ein zweites Lied. Es ist ein Stück von Tiken Jah Fakoly, einem Musiker von der Elfenbeinküste. Die Schauspieler hatten es ausgewählt, um zu singen, was ihnen so sehr am Herzen liegt: „Öffnet die Grenzen“.