Blixa Bargeld im Interview Obskure Aspekte des Ersten Weltkriegs

Einstürzende Neubauten mit Frontmann Blixa Bargeld (links)
Einstürzende Neubauten mit Frontmann Blixa Bargeld (links) | Foto: © Mote Sinabel

Die deutsche Kultband Einstürzende Neubauten geht ab November 2014 auf Tour und lässt in einer experimentellen Performance Stimmen aus Kriegsgefängnissen des Ersten Weltkriegs erklingen. Ein Gespräch mit Frontmann Blixa Bargeld. 

Lange war es ruhig um die Einstürzenden Neubauten. Lament ist der Titel ihres neuen Longplayers, der am 8. November 2014 in Belgien Live-Premiere feierte. Noch bevor das Gespräch richtig beginnt, macht Blixa Bargeld deutlich, dass es sich bei dem Album Lament nur um das Tondokument einer Performance handelt, die erst das visuelle Erlebnis vervollständigt.

Als die belgische Stadt Diksmuide mit dem Vorschlag auf ihn zukam, eine Veranstaltung zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg zu gestalten, war er nicht sofort begeistert. Die Band hat sich für den Auftrag entschieden.

Auch beim Gespräch in Paris wirkt Blixa Bargeld zunächst etwas distanziert, aber es wird schnell deutlich, dass er seine anfängliche Distanz zum Ersten Weltkrieg nicht lange aufrechterhalten hat. Während der Arbeit an der Performance schickte er Wissenschaftler auf die Suche nach noch unbekannten, obskuren Aspekten des Themas – und sie wurden fündig.

Herr Bargeld, mit „Lament“ haben Sie und die Einstürzenden Neubauten eine Performance zu Ereignissen geschaffen, die schon 100 Jahre zurückliegen. Lag Ihnen das Thema Erster Weltkrieg denn am Herzen?

Es war nicht meine Herzensangelegenheit, nein (er lacht).

Trotzdem haben Sie zugesagt.

Von irgendwas muss man ja leben.

Was ich auf „Lament“ gehört habe, finde ich trotzdem sehr beeindruckend und mitreißend.

Ich wollte mich nicht unbedingt ein Jahr lang mit Krieg und Tod auseinandersetzen. Das ist ja nicht gerade psychisch erheiternd, das färbt ab. Entweder man hält sich das vom Leib und distanziert sich die ganze Zeit über davon, dann wird die Performance entsprechend nicht an Tiefe gewinnen. Oder man muss sich emotional darauf einlassen, und dann wirde es unangenehm.

Und was haben Sie gemacht?

Beides (er lacht). Ich habe erst mal versucht, es mir vom Leib zu halten und als es nicht mehr ging, musste ich mich drauf einlassen.

Als ich den Anfang der Performance gehört habe, die Kriegsmaschinerie, habe ich richtig Angst bekommen. Wie war das für Sie beim Einspielen?

Überhaupt nicht so. Kriegsmaschinerie basiert auf Statistiken, die zeigen, wie die Verteidigungshaushalte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg alle deutlich in die Höhe schnellten – ähnlich wie jetzt. Ein anderes Element des Stücks beruht auf meinem Ärger über die Formulierung, dass ein Krieg „ausbricht“. Der Krieg ist weder gefangen, noch ist er eine Seuche wie Ebola, deshalb bricht er nicht aus. Entweder der Krieg bewegt sich oder er bewegt sich nicht, aber auf keinen Fall ist er ein Gefangener, der aus dem Käfig ausbricht oder ähnliches. Während Kriegsmaschinerie entsteht auf der Bühne eine Art Leviathan, ein Koloss aus größeren Metallteilen. Was man hört, ist genau diese Arbeit, dieses Zusammensetzen und Sich-Bewegen.

Wenn Sie sagen, dass der Krieg nicht ausbricht – heißt das, dass er immer präsent ist?

Es wäre zumindest eine viel interessantere Überlegung, es auf diese Weise zu sehen. Wenn zum Beispiel über das „Dritte Reich“ gesprochen wird, werden Formulierungen gebraucht, mit denen man jegliche Schuld von sich weist: „Nein, da stecken nicht irgendwelche Mächte oder Generäle dahinter, die schon lang beschlossen haben, dass dieses Ereignis jetzt wieder Schwung aufnehmen sollte. Das ist ein Monster, das aus seinem Käfig ausbricht!“ Diese Formulierung ist mir nicht geheuer.

Ich frage mich, wie sich diese Gedanken in der Musik wiederfinden. Warum behandeln Sie ein Thema wie den Ersten Weltkrieg künstlerisch? Hat Musik Vorteile gegenüber der klassischen Geschichtsschreibung?

Als wir die Arbeit am Projekt begonnen haben, war es natürlich schon abzusehen, dass das ganze Jahr 2014 unter diesem thematischen Bombardement stehen, in der Erinnerungsmühle Erster Weltkrieg stattfinden wird. Nicht nur in Deutschland, in Frankreich natürlich genauso, in England wahrscheinlich auch, in Italien geht es 2015 los. Ich musste also etwas finden, das im November 2014, zum Zeitpunkt der Uraufführung, noch nicht komplett platt getrampelt sein wird.

Ich hatte zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, einen Historiker und eine Literaturwissenschaftlerin, die damit beauftragt waren, obskure Aspekte des Ersten Weltkriegs ausfindig zu machen. So kamen wir auf die Harlem Hell Fighters oder die Walzenaufnahmen aus dem Lautarchiv der Humboldt-Universität. Beides ist so abseitig, dass wir einen Aspekt beleuchten können, der bis dahin noch weitestgehend unentdeckt war.

Da sie direkt mit einem Historiker zusammengearbeitet haben, drängt sich die Frage auf, wie Sie das Verhältnis von der Kunst zur Geschichte sehen. Denken Sie, dass man als Künstler, als Musiker eine gewisse Verantwortung gegenüber der Geschichte hat, mit ihr zu arbeiten?

Ich weiß nicht, was Musik kann oder was sie nicht kann. Ich bin ein Vertreter der seltenen Gattung des Avantgarde-Entertainers, und ich lege Wert darauf, dass der Unterhaltungsanteil nicht vergessen wird.

Ich möchte immer, dass die Dinge bis zu einem gewissen Grad zum Aufbau der Persönlichkeit beitragen, dass jeder Besucher oder Zuhörer für sich selbst etwas herausziehen kann. Ich wollte aber auch kein Schulbuch und keine Dokumentation schreiben oder die didaktische Ebene dominieren lassen. Ich hätte zum Beispiel mit dem Versuch, eine Ansammlung von Protestsongs zu schreiben, die in irgendeiner Form Kritik an Krieg als solchem, am Ersten Weltkrieg insbesondere üben und sich darüber beschweren, dass niemand etwas daraus gelernt hat, in ein Fettnäpfchen treten können.

Ein anderes Fettnäpfchen wäre, sich das alles weit vom Leibe zu halten und eine Art Dokumentartheater über den Ersten Weltkrieg zu schreiben, das man dann in den Schulen im Geschichtsunterricht vorspielen kann. Natürlich wollte ich weder das eine noch das andere.

Haben Sie eine Ahnung, warum Diksmuide ausgerechnet auf Sie zugegangen ist?

Das werde ich öfter gefragt (er lacht) . Dann frage ich immer zurück: Wen hätten Sie denn gefragt? Rammstein ja wohl nicht, oder? Bis ins Jahr 2015 sind viele Künstler daran beteiligt. Ich nehme mal an, sie wollten gerne einen deutschen Künstler oder eine deutsche künstlerische Entität dabei haben und da gibt es nicht so viele, die in Frage kommen. Innerhalb Deutschlands kenne ich allein sechs Gruppen und Einzelkünstler, die damit beauftragt wurden, etwas über den Ersten Weltkrieg zu schreiben. In dieser Erinnerungsmühle gibt es gar nicht so viele Künstler, die sie gerne beauftragen würden. Am Ende gibt es da wahrscheinlich alles, von Tanz bis Theater. Im Goethe-Institut findet ja auch gerade eine Ausstellung dazu statt.

Ist das etwas Negatives?

Nee, das ist nicht negativ. Es gibt diesen berühmten Spruch: Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Man kann natürlich die einzelnen Veranstaltungen unterschiedlich bewerten und ich bin sicher, da gibt es bessere und schlechtere. Die Schlechteren sind die, bei denen die Erinnerungsarbeit darauf abzielt, die Dinge abzuschließen: Schublade zu, diese Geschichte ist beendet.

Das wirklich Interessante ist allerdings der Bezug zum Hier und Jetzt. Eine Sache, die mir bei der Arbeit am Projekt aufgefallen ist – und das ist keine neue These – ist, dass der Zweite Weltkrieg nur die Fortsetzung des Ersten war. Wenn man noch ein paar Schritte weitergeht, lässt sich fragen, inwiefern der Kalte Krieg und die Stellvertreterkriege, inwieweit die Verwerfungslinien, die heute innerhalb Europas wieder sichtbar werden, immer noch Teil desselben Konfliktes sind.

Wahrscheinlich können wir im Jahr 2100 darauf zurückblicken und sagen: Die Zeit zwischen 1910 und 2020, das war die Zeit der Weltkriege. Dann heißen sie nicht mehr der Erste oder der Zweite Weltkrieg, sondern dann ist es ein komplexes Gebilde, das sich bis sonst wohin fortsetzt. Ich wünsche mir natürlich, dass das nicht so ist. Aber während wir zum Beispiel an den Willy-Nicky-Telegrams gearbeitet haben, kamen die uns vor wie E-Mails zwischen Angie und Vladi (Angela Merkel und Wladimir Putin, Anm. der Redaktion). Das ist alles präsent.

Die Einstürzenden Neubauten 2014 auf Tour

8. November Diksmuide, Belgien
9. November Zinkhütter Hof, Aachen, Deutschland
10. November Capitol, Hannover, Deutschland
11. November Tempodrom, Berlin, Deutschland
13. November Les Docks, Lausanne, Schweiz
16. November Muffatwerk, München, Deutschland
17. November Le Trianon, Paris, Frankreich
19. November Koko, London, UK
20. November Le Guess Who?, Utrecht, Niederlande
27. November Center For Urban Culture, Ljubljana, Slowenien
28. November Auditorium Manzoni, Bologna, Italien
29. November Auditorium RAI, Turin, Italien
30. November Auditorium Parco Della Musica, Rom, Italien
3. Dezember CRR Konser Salonu, Şişli, Türkei
11. Dezember GlavClub, Moskau, Russland
12. Dezember A2 Club, St. Petersburg, Russland