Khaled al-Khani Malen gegen die Diktatur

Wie erleben zeitgenössische Künstler den Krieg? Im Gespräch mit dem syrischen Künstler Khaled al-Khani, der seit 2011 im Exil in Paris lebt, nimmt das Wort Krieg eine konkrete Dimension an.

Es ist ein warmer Frühlingstag. Die Terrassen der Cafés im 12. Arrondissement von Paris sind gut besucht. Krieg ist hier nicht mehr als ein abstrakter Begriff. So fern wie der Erste Weltkrieg, dessen Ausbruch sich dieses Jahr zum 100. Mal jährt. Die Fenster der Wohnung des syrischen Malers Khaled al-Khani sind weit geöffnet. Heiteres Stimmengewirr dringt von draußen in die winzige Ein-Zimmer-Wohnung des international anerkannten Künstlers, der sein gesamtes Vermögen in die syrische Revolution gesteckt hat. Auf der zum Sofa hergerichteten Schlafcouch nimmt das Wort Krieg mit einem Mal eine konkrete Dimension an. Seit 2011 lebt Khaled al-Khani als politischer Flüchtling in Paris. In seiner Heimatstadt Hama blieben die Fenster meist geschlossen. Aus Angst vor dem Geheimdienst. In Paris kann er endlich frei sprechen. Wobei das mit der Verständigung so eine Sache ist. Fremdsprachen seien nicht so seine Stärke, sagt Khaled al-Khani entschuldigend.

Eine Bildsymbolik, die an Oskar Kokoschka und Max Beckmann erinnert

Um das Anliegen des Künstlers zu verstehen, muss man jedoch kein Arabisch können. Seine Bilder sprechen für sich. Sie erinnern an den Leidensweg Christi. Die Übersetzerin, eine gute Freundin, die Khaled al-Khani noch aus Syrien kennt, bestätigt diesen Eindruck. Die Malerei von Khaled al-Khani, der aus einer muslimischen Familie stammt, sich jedoch selbst als Atheist bezeichnet, ist von den mittelalterlichen, byzantinischen Fresken der in Syrien vertretenen christlich orthodoxen Kirche beeinflusst. Seine Bilder symbolisieren die Leiden und die Befreiung des syrischen Volkes. Die „Passion Christi“ als ewig wiederkehrendes Schicksal der Menschheit, so wie wir sie auch bei dem österreichischen Maler Oskar Kokoschka finden, der die Gräuel des Ersten Weltkrieges 1916 in einem gleichnamigen Lithografie-Zyklus verarbeitete. Ebenfalls von einer neuen Form der Geißelung Christi sprach der deutsche Maler Max Beckmann, der im Ersten Weltkrieg als freiwilliger Sanitätshelfer diente und seine Erfahrungen im Feldlazarett in zahlreichen Zeichnungen und Radierungen festhielt.

Malen als Ausweg aus der Diktatur?

Khaled al-Khani war sieben Jahre alt, als sein Vater, ein Kritiker des Regimes von Hafiz al-Assad, 1982 in dem Massaker von Hama ermordet wurde. Seine Mutter hat nach dem Tod ihres Mannes angefangen zu malen. Khaled al-Khani tat es ihr gleich. Malen als Therapie. Malen als Ausweg aus der Diktatur. Malen für eine bessere Zukunft. Als Khaled al-Khani die Malerei zu seinem Beruf machen will, ist seine Mutter zunächst dagegen. Ihr Junge soll einen anständigen Beruf erlernen. Khaled al-Khani lässt sich jedoch nicht von seiner Entscheidung abbringen, studiert Malerei in Hama und Damaskus und hat Erfolg mit seinen Bildern. Wendet man Nietzsches Unterscheidung in „monologische Kunst“ und „Kunst vor Zeugen“ auf das Werk von Khaled al-Khani an, so sind aus den anfänglich nach innen gekehrten Bildern, die der Verarbeitung des Erlebten dienten, im Laufe der Jahre Bilder geworden, die der Welt die Gräueltaten des Assad-Regimes vor Augen führen. Eine ähnliche Entwicklung finden wir auch im Werk vieler Maler im Ersten Weltkrieg. So zum Beispiel bei Otto Dix, der als Freiwilliger im Kriegsdienst das Erlebte in spontanen Zeichnungen unmittelbar verarbeitete und erst in der Nachkriegszeit begann, das Thema Krieg in seinen Bildern bewusst für die Öffentlichkeit darzustellen.

Kämpfen für ein freies Syrien

Khaled al-Khani ist heute der ganze Stolz seiner Familie, auch wenn sie ihn vor dem syrischen Geheimdienst verleugnen muss. Während er in Paris in Sicherheit ist, lebt der Großteil seiner Angehörigen weiterhin in Syrien, wo der Bürgerkrieg bis heute andauert. Als der Arabische Frühling Anfang 2011 auch in Syrien die Massen auf die Straßen trieb, konnte Khaled al-Khani seine Kritik am Regime erstmals außerhalb seiner Malerei artikulieren. Er nutzte seine gesellschaftliche Stellung als gut situierter Künstler, um die Revolution voranzutreiben. Als Khaled al-Khani 2011 Syrien verließ, um zu einer seit langem geplanten Ausstellung nach Deutschland zu reisen, glaubte er fest daran, dass die Tage des Assad-Regimes gezählt seien. Er irrte sich. Sein Visum lief ab, Baschar al-Assad aber blieb an der Macht und so beantragte Khaled al-Khani als einer der ersten syrischen Oppositionellen politisches Asyl. Wie Ludwig Meidner, der 1912/13 in seinen apokalyptischen Landschaften den Krieg malte, bevor dieser überhaupt ausgebrochen war, hat auch Khaled al-Khani den Aufstand des syrischen Volkes in seinen Bildern thematisiert, bevor er Wirklichkeit wurde. Es folgten Bilder des Neuanfangs, wie die temporäre Installation the Beginning, die der Künstler 2013 im Auftrag der Kunsthalle zu Kiel schuf. In seiner Malerei gibt es bereits das freie Syrien, für das Khaled al-Khani aus dem Exil heraus kämpft.