Nora Bossong
Ernst Stadler

"Heute Nacht erschien mir wieder das Gesicht der Wahrsagerin. Es kam mir hässlicher vor, als es an jenem Abend in dem schäbigen Pariser Wohnhaus gewesen ist, ihr Blick böswillig, ich möchte meinen: mich physisch angreifend. Die Frau, ein Wesen aus Runzeln und fiebrigen Augen, schickt mich durch einen rot gestrichenen Flur, es riecht nach Katzen und Feuerwerk. An der Wand hängt ein Kalender, in dem die Daten zerkratzt sind, doch ich weiß, es ist kein guter Tag, um nach der Zukunft zu fragen. [...]"

Nora Bossong: Ernst Stadler - Aufzeichnungen 1914-1915 (Auszüge)

Nora Bossong | Ernst Stadler © Hassiepen | DLA/Thea Sternheim mit Genehmigung der Heinrich Enrique Beck-Stiftung, Basel

Nora Bossong

Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, hat in Leipzig und Berlin Kulturwissenschaft, Philosophie und Komparatistik studiert. Sie wurde mehrfach für ihr literarisches Werk ausgezeichnet, darunter 2012 den Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik, 2007 den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis und den Berliner Kunstpreis 2011. Außerdem war sie writer in residence an den Universitäten von New York und Nanjing (Volksrepublik China). Nora Bossong veröffentlichte bisher die Romane Gegend (2006), Webers Protokoll (2009) und Gesellschaft mit beschränkter Haftung (2012) sowie die Gedichtbände Reglose Jagd (2007) und Sommer vor den Mauern (2011).

(Quelle: Villa Gillet)

Ernst Stadler

Der 1883 in Colmar im Elsass geborene deutschsprachige Schriftsteller setzte sich für die deutsch-französische Verständigung ein. In der Absicht, eine Verbindung zwischen der französischen und der deutschen Kultur herzustellen, übersetzte er – zusammen mit René Schickele und Otto Flake – Balzac, Henri de Régnier, Péguy und Francis James ins Deutsche. Vom Werk Stefan Georges und Hugo von Hofmannsthals  beeinflusst, arbeitete er in Oxford an einer Doktorarbeit über Wieland und Shakespeare (Wieland et Shakespeare). Kurz vor seinem Antritt einer Lehrstelle an der Universität Toronto brach jedoch der Krieg aus. Ernst Stadler fiel 1914 in der Nähe von Zandvoorde im heutigen Belgien und liegt in Straßburg begraben. Er hinterließ Le Départ, einen Gedichtband im Stil des Expressionismus (1904). Ernst Stadler ließ sich nicht durch von unheilvollen Vorahnungen abschrecken, sondern rief seine Leser zum Aufbruch in ein besseres Leben auf. Zehn seiner Gedichte sind Bestandteil der Menschheitsdämmerung, der bekanntesten Lyrikanthologie des Expressionismus.

(Quellen: Larousse, Rhodes Travels Deutschland)