Tschechien Petra Hulovà

Petra Hulovà
Foto: © Literary Agency Pluh

Was bedeutet für Sie der Begriff Flüchtling?

Bei der Diskussion über die Flüchtlingsfrage sollten wir bei einer gemeinsamen Definition bleiben; „persönliche“ Definition, „was der Bgriff für mich bedeutet“, ist nutzlos, denn für die Auseinandersetzung mit dieser neuen europäischen Herausforderung brauchen wir eine gemeinsame Verständigungsgrundlage. Ohne diese sind wir nicht nur unfähig, die jeweiligen Schwierigkeiten zu handhaben, sondern nicht einmal in der Lage, eine Diskussion darüber zu führen. Wir sollten bei dem bleiben, was wir bereits haben: bei der Definition der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, erweitert um die Flüchtlingskonvention und das Protokoll. Darin wird geltend gemacht, dass Flüchtlinge Menschen sind, die sich außerhalb des Landes befinden, dessen Staatsbürger sie sind, da sie gute Gründe dafür haben, aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe oder wegen einer bestimmten politischen Meinung eine Verfolgung befürchten zu müssen, und die nicht in der Lage sind, in ihrem Heimatland Zuflucht zu finden oder aufgrund einer solchen Furcht nicht willens sind, den Schutz dieses Landes in Anspruch zu nehmen.

Ist Flucht vor Armut für Sie weniger legitim als Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung?

Was impliziert der Begriff „Legitimität“? Wenn das die Intensität einer Motivation bedeutet, das Heimatland zu verlassen, die Legitimität, eine ähnlich schwierige Bedingung geltend zu machen, wie die Verfolgten, dann ja. In diesem Sinne kann Armut unter bestimmten Umständen sogar noch als verheerender empfunden werden als die Verfolgung. Wenn man ausreichend zu essen hat, um leben zu können, kann eine Verfolgung erträglicher sei, als extremer Hunger ohne jegliche Verfolgung. Wenn jedoch die „Legitimität“ der Armut das Recht impliziert,  bedingungslos in Europa aufgenommen zu werden, dann muss ich mit „Nein“ antworten, in vollem Bewusstein der tragischen und entmenschlichenden Konsequenzen. Armut als der einzige Grund sollte niemanden automatisch befähigen, in der EU aufgenommen zu werden, da leider nicht genügend Ressourcen vorhanden sind, um eine solche Praxis vorbehaltlos aufrechtzuerhalten.

Und Flucht vor ökologischen Problemen?

Als die einzigen bedingungslosen Gründe für den Flüchlingsstatus würde ich bei einer Verfolgung bleiben, wie zuvor definiert. Die nächste Frage ist eher ein wenig anspruchsvoller: Haben wir überhaupt die Ressourcen, um alle Verfolgten in Empfang zu nehmen, so dass wir ihnen allen eine bedingungslose Aufnahme gewähren können? Da meiner Wahrnehmung zufolge diese grundlegende Frage auf lange Sicht umstritten ist, würde ich kaum befürworten, die möglichen Gründe für eine Aufnahme auf umweltmäßige oder andere Bereiche institutionell auszudehnen. Wenn eine Institutionalisierung zusätzlicher Gründe für die Gewährung von Asyl nicht nur als „Zeichen des guten Willens und Respektes gegenüber der Menschheit“, als bloße Erklärung mit beschränkter Geltung dienen, sondern ernstgenommen werden soll, sollten wir zuerst die folgenden Fragen klären: Was sind unsere Grenzen, und wie können wir das für diejenigen, die Hilfe brauchen, mit maximaler Hilfsbereitschaft umsetzen? Vorausgesagt, dass ich nicht die Absicht habe, das Leid derjenigen, die von Umweltprobleme betroffen sind, zu verharmlosen, sage ich nur, dass wir es uns mit begrenzten Ressourcen nur innerhalb unserer Grenzen leisten können, unsere humanistischen Ideale zu praktizieren, oder wir destabilisieren die EU, mit unvorhersehbare Konsquenzen. Das würde nicht nur eine Gefährdung der europäischen Gemeinschaft bedeuten, sondern auch eine Unfähigkeit, unsere Verpflichtung zu gewährleisten, denjenigen Flüchtlingen zu helfen, die bereits aufgenommen sind.

Wann hört man auf, Flüchtling zu sein?

Sobald sich die Lage im Herkunftsland verbessert. Der Flüchtlingsstatus sollte auch denjenigen abgesprochen werden, die in ihrem Gastland das Gesetz gebrochen haben. Was wir dringend brauchen, sind Instrumente für die Einschätzung der Situation im Land eines Flüchtlings, die uns ermöglichen kann festzustellen, wann sie für eine Rückkehr sicher genug ist.

Gibt es für Sie ein Recht auf Asyl?

Da die Verzwicktheit der Flüchtlingskrise aus dem Zusammenstoß zwischen unseren Idealen der Humanität, die per Definition unbegrenzt sind, und der Begrenztheit unserer Ressourcen erwächst, nehme ich das „natürliche“ Recht auf Asyl als dasjenige wahr, das wir bereits unterzeichnet haben: das Recht auf Asyl für diejenigen, die verfolgt werden.

Wenn ja: ist es bedingungslos, oder kann man es verwirken?

Gründe für die Aufhebung oder Verweigerung des Flüchtlingsstatus können die eingeschränkten Ressourcen des Gastlandes oder illegale Aktivitäten des Flüchtlings sein, einschließlich eines begründeten Verdachts auf eine Sicherheitsbedrohung.

Glauben Sie, dass eine Gesellschaft begrenzt oder unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann?

Ja und nein. Ja, begrenzt, wenn wir wollen, dass die Gesellschaft mehr oder weniger weiterhin so funktionieren, wie wir es kennen, ja, begrenzt, selbst wenn wir gegenüber größeren Veränderungen in ihrer Struktur offen sind. Nein, es ist unbegrenzt, wenn wir alles als Gesellschaft bezeichnen, das eine Gruppe von Leuten darstellt, die zusammenleben. Wenn wir unsere Wahrnehmung der Gesellschaft ändern, dann wird die Kapazität der Gesellschaft grenzenlos. Dann könnte sie jedoch zur Wiege einer anderen Art des Flüchtlings werden, doch das würde ihr nicht notwendigerweise den Charakter einer Gesellschaft nehmen, oder doch? Doch wäre es dennoch so, wenn wir in eine der traditionellen Bedingungen einer Gesellschaft Betracht ziehen: ein gemeinsames Interesse.

Falls begrenzt: worin bestehen diese Grenzen?

Die Grenze hängt von der wirtschaftlichen Lage des Landes und der Offenheit der einheimischen Bevölkerung ab. Die politischen Vertreter sollten sich darum bemühen, die oft unzureichende Bereitschaft ihrer Bevölkerung zum Teilen zu steigern: Es besteht die Notwendigkeit zu helfen, doch kann man sich dem Willen der Bevölkerung nicht komplett widersetzen. Auf lange Sicht hat dies das Misstrauen der Leute gegenüber ihren Vertretern zur Folge, was wiederum durch einen Anstieg der Popularität von Extremisten eine Schwächung der demokratischen Grundsätze und eine Radikalisierung der gesamten Gesellschaft nach sich zieht. Die Gratwanderung zu vollziehen bedeutet daher nicht nur, den Ausgleich zwischen Humanität und den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu finden, sondern auch die Öffentlichkeit mit zu berücksichtigen. Es handelt sich um eine Frage der aufrichtigen Kommunikation, der Erziehung und des Respekts gegenüber denjenigen, die nicht per Definition fremdenfeindlich sind, aber doch Angst vor etwas haben, das sie zuvor noch nicht erlebt haben.

Gibt es in Ihrem Land privilegierte Flüchtlinge, d.h. solche, die Ihr Land eher aufzunehmen bereit ist als andere? Wenn ja, warum?

Flüchtlinge mit einem christlichen Hintergrund sind mehr willkommen als muslimische Flüchtlinge. Die Tschechen glauben, dass christliche Flüchtlinge  besser darauf vorbereitet sind, sich in der tschechischen Kultur zu assimilieren und innerhalb des Regelwerkes der tschechischen Gesellschaft zu agieren.

Werden Flüchtlinge in Ihrem Land aus Ihrer Sicht gerecht behandelt?

Die Tschechische Republik hat sehr wenige Flüchtlinge  –  viel weniger, als wir aufnehmen könnten. Ich glaube, dass im Hinblick auf offizielle Verfahren die Behandlung fair ist, doch wenn es sich darum handelt, wie Flüchtlinge von den Tschechen aufgenommen werden, dann gibt es da Vorurteile.

Wären für Sie Einschnitte im Sozialsystem Ihres Landes akzeptabel, wenn dies helfen würde, mehr Flüchtlinge aufzunehmen?

Im Allgemeinen „nein“, aber dies hängt von einer bestimmten Politik ab.

Was sind für Sie Voraussetzungen für erfolgreiche Integration? Gibt es Mindestanforderungen

- an die Ankommenden?
- an die Aufnehmenden?

Auf Seiten der Flüchtlinge bedeutet das:  den Willen zu arbeiten, die örtliche Sprache zu erlernen und das Gesetz zu befolgen; Bürger sind verpflichtet, sich unbegründeter Vorurteile zu entledigen und die Neuankömmlinge als Einzelpersonen zu behandeln und nicht als eine homogene Gruppe, die leicht ausgegrenzt werden kann.

Kennen Sie persönlich Flüchtlinge?

Nein.

Unterstützen Sie aktiv Flüchtlinge?

Nein.

Wie wird sich die Flüchtlingssituation in Ihrem Land entwickeln?

a) in den nächsten zwei Jahren?
b) in den nächsten zwei Jahrzehnten?

Das kann kaum vorhergesehen werden. Mit einer Verbesserung der Situation in der EU ist die akute Panik abgeklungen. Ich glaube, dass die homogene tschechische Gesellschaft dazu fähig sein wird, sich zu öffnen und lernen wird, wie man Unterschiede ohne Furcht akzeptiert. Von langfristig kritischer Bedeutung wird die Erfahrung des gegenseitigen Zusammenlebens sein.  Sein Charakter wird für die Situation in der Zukunft ausschlaggebend sein.

Können Sie sich eine Welt ohne Flüchtlinge vorstellen?

Als Autorin kann ich mir alles vorstellen. Ich kann mir kaum etwas anderes vorstellen.

Wenn ja: was braucht es dazu?

Wenn wir die Chancen erhöhen wollen, damit das geschieht, sollten wir uns die kritische Rolle der europäischen und westlichen Außen- und Geschäftspolitik vor Augen halten. Unsere Geschäfte und unsere Politik in den Heimatländern der Flüchtlinge sind oft Teil des Grundes oder gehören möglicherweise manchmal zu den hauptsächlichen Gründen für die Verschlimmerung der Situation dort. Wir müssen die Veranwortung akzeptieren und die Politik der EU und übergriffiges Geschäftsverhalten ebenso als Teil des Problems wie als Teil der Lösung betrachten.

Haben Sie oder Ihre Familie in der Vergangenheit Erfahrung mit Flucht gemacht?

Nein.

Glauben Sie, dass Sie in Ihrem Leben jemals zum Flüchtling werden?

Ich könnte es werden, wenn es Krieg in Europa gäbe, oder wenn das politische Regime in der Region unerträglich würde. Da ich an die Kraft und den Mechanismus von sich selbst erfüllenden Prophezeihungen glaube,  will ich nicht anfangen, mich darauf vorzubereiten, nicht einmal in Gedanken. Dennoch konnte ich mich selbst nicht daran hindern, in meiner Vorstellung darüber nachzudenken, aber ich habe keinen klaren Plan. Wenn möglich, würde ich wahrscheinlich in die USA fliegen, wo ich Bekannte habe.

Wie viel Heimat brauchen Sie?*

Mein Zuhause sind meine Kinder und meine Sprache. Ich fühle mich mit meinem Land verbunden und würde es vermissen. Doch steckt meiner Ansicht nach viel Wahrheit in einem lateinischen Sprichwort: Omnia mea mecum porto (Alles, was mein ist, trage ich bei mir).

*Diese Frage ist Max Frischs Fragebogen zu „Heimat“ entnommen.