Israel Ayelet Gundar Goshen

Ayelet Gundar Goshen
Foto: Alon Sigavi

Was bedeutet für Sie der Begriff Flüchtling?

Es gibt ein Telefonat mit meinem Großvater, das ich nie vergessen werde. Er ist ein kahlköpfiger Mann von neunzig Jahren, und die Zahl seiner unausgesprochenen Worte übersteigt bei weitem die Zahl der ausgesprochenen. Aber an dem Abend, bevor er sein Haus in Tel Aviv verließ um ins Altersheim zu ziehen, bestand ich darauf, dass wir miteinander redeten. Ich fragte: „Hast Du alles gepackt?“ Er antwortete: „Ich habe alles gepackt.“ Ich fragte: „Wie ist es, ein Haus nach 30 Jahren zu verlassen?“ Ich war mir sicher, dass es ihm schwerfiel, vielleicht deswegen, weil es mir so schwerfiel. Meine Großeltern lebten in diesem Haus, seit ich geboren wurde. Ich erkenne die Wände mit der Berührung meiner Hände, so wie man die Berührung eines nahen Menschen erkennt. Aber mein Großvater überraschte mich. Anstatt über die Beschwernis zu sprechen, lächelte er durch die Leitung herüber: „Ich habe schon so viele Häuser verlassen müssen, manchmal musste ich mitten in der Nacht herausrennen, so dass das Verlassen eines weiteren Zuhauses wirklich keinen Unterschied macht.“

Mein Großvater war ein Flüchtling. In den Jahren des Krieges und danach trieb es ihn kreuz und quer durch Europa. Aus Pinsk nach Russland. Von Russland nach Sibirien. Von Sibirien nach Russland. Von Russland nach Polen. Aus Polen nach Italien. Von Italien nach Palästina. Er wurde vertrieben und kehrte zurück und ging erneut. Zunächst gebeutelt von Mächten, die stärker waren als er und zuletzt durch die eigene Willenskraft, kam er nach Israel. Ich denke an all die Kilometer, die diese Füße zurücklegen mussten. Auch die längste Reise hat einen Sinn, solange am Ende irgendein Zuhause wartet. Odysseus segelte viele Jahre, um zu seiner Insel zu gelangen. Die Kinder Israels durchquerten eine ganze Wüste, um ihr Land zu erreichen. Aber was geschieht, wenn am Ende aller dieser Kilometer kein Zuhause wartet? Wenn man die ganze Wüste durchquert, nur um festzustellen, dass am Ende des Weges nichts anderes als noch mehr Wüste wartet? Das ist die Tragödie der gegenwärtigen Flüchtlingswelle.

Ist Flucht vor Armut für Sie weniger legitim als Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung?

Wenn ein Mensch vor dem Krieg flüchtet, flieht er/sie vor einer Ungerechtigkeit, die von anderen Menschen verursacht wurde. Wenn jemand vor politischer Unterdrückung flieht, flüchtet er/sie vor einer Ungerechtigkeit, die andere Menschen verursachten. Als Menschen rührt unser Verantwortungsgefühl gegenüber Menschen, die der Verfolgung entkommen, aus einem kollektiven Verantwortungsgefühl dieser Ungerechtigkeit gegenüber her, die von uns, den Menschen, geschaffen wurde. Wir sind Zeugen des Bösen, der Sünden von Menschen anderen Menschen gegenüber. Durch einen Akt des Mitgefühls wollen wir uns von dieser Sünde reinwaschen und beweisen, dass wir anders sind.

Und Flucht vor ökologischen Problemen?

Wenn demgegenüber ein Mensch vor dem Schrecken der Dürre flieht, dann flieht er/sie vor den Mächten der Natur. Hier verringert sich unser Gefühl der kollektiven Verantwortung, da die Not nicht verursacht, sondern Schicksal ist. Wir empfinden keine moralische Entrüstung, und wir beeilen uns nicht, uns von der kollektiven Sünde mit Hilfe des Beweises reinzuwaschen, dass wir anders sind als diejenigen, welche die Verbrechen begangen haben.

Darüber hinaus ist es seit den Anfängen der Menschheit üblich, Naturgewalten als den Ausdruck für den Willen der Götter zu betrachten. Die Sintflut ist die Konsequenz des Zorns Gottes über die Sünder. Die Dürre ist die Strafe für die Sünden des Volkes. Das ist natürlich magisches Denken, aber dieses ist nicht mit der Antike verschwunden. Die protestantische Sichtweise, der zufolge Überfluss das Resultat der Liebe Gottes und Armut die Strafe der Erbsünde ist, ist bis heute Teil unseres kulturellen Ethos. Wenn jemand vor der Verletzung durch einen anderen Menschen flieht, dann setzen wir uns für ihn/sie ein. Wenn er jedoch der Armut entflieht, die als „Strafe des Himmels“ angesehen wird, wird etwas in unserer abergläubischen Denkweise erweckt. Wenn der Himmel ihm die Dürre geschickt hat – vielleicht hat er/ sie diese verdient?

Wann hört man auf, Flüchtling zu sein?

Exil wird von denjenigen, die es erleben, als etwas Vorübergehendes verstanden: Sie sind gezwungen, wegzugehen – und sie warten auf eine Gelegenheit zu Rückkehr. Dem gegenüber ist die Immigration etwas Endgültiges: Es handelt sich um eine bewusste Entscheidung, der zufolge es richtig ist, den Mittelpunkt des Lebens an einen anderen Ort auf den Globus zu verlegen, und es schließt ein methodisches Vorgehen mit ein, das darauf ausgerichtet ist, den größtmöglichen Gewinn aus dem Prozess des Übergangs zu ziehen . Die hebräische Sprache hat sogar ein Wort für die Immigration von Juden nach Israel – „Aliya“, („Aufstieg“), nicht einfach Immigration. Da jedoch Flucht zuallererst eine Sache des inneren Empfindens ist, empfinden sich wahrscheinlich selbst freiwillige Immigranten unter gewissen Umständen als Flüchtlinge.

Auf der praktischen Ebene hört ein Mensch auf, Flüchtling zu sein, wenn von dem Land, aus dem er/sie geflohen ist, keine Gefahr mehr droht. Den internationalen Gesetzen zufolge können Flüchtlinge deswegen werden  nicht gezwungen werden, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren, solange dort eine konkrete Gefahr ihrer Freiheit bezogen auf Rasse, Religion, Meinung oder sozialer Zugehörigkeit besteht.

Abgesehen von dem gesetzlichen Aspekt, gibt es natürlich den emotionalen Aspekt, denjenigen, wann ein Mensch aufhört, sich als Flüchtling zu empfinden. So schreibt zum Beispiel die Dichterin Riri Manor, die im Alter von 9 Jahren aus Rumänien nach Israel kam: „Wie ein Flüchtling in dem Zelt einer anderen Sprache leben.“ Manor ist eine israelische Poetin. Sie schreibt hervorragende Poesie/Lyrik auf Hebräisch, doch existiert in ihr immer noch das vertriebene 9 Jahre alte Mädchen: die Person, die als Flüchtling in dem Zelt einer fremden Sprache lebt, die nicht die eigene ist.

Mein Großvater wurde 1926 geboren. Landkarten mit den Namen von Ländern, die im Jahr seiner Geburt gezeichnet wurden, sind nicht mehr relevant. Er ist ein 90-jähriger Mann, der aus der Sowjetunion geflohen ist, die es nun nicht mehr gibt, und auf seiner Flucht durchquerte er weitere Länder und Imperien, die nun ebenfalls nicht mehr existieren. Löscht die Tatsache, dass die Staaten oder die Städte, aus denen man geflohen ist, komplett zerstört wurden und nicht mehr auf den Landkarten erscheinen, auch das Flüchtlingsdasein aus? Natürlich nicht. Ein Mensch kann in einem netten Haus sitzen, durch das Fenster auf einen schönen Garten blicken und sich trotzdem noch fremd fühlen. Denn dieses Haus hat nicht den Geruch jenes Hauses, jenes Gartens. Es gibt Gerüche und Orte, die man bis zum Tod vermisst.

Die Flüchtlingsfrage wird besonders wesentlich, wenn wir über die palästinensischen Flüchtlinge sprechen. Als Israel gegründet wurde, verließen zwischen 300.000 und 500.000 Palästinenser das Land oder wurden vertrieben, das damals den Namen des „jüdischen Staates“ erhielt. Sie bewahrten die Schlüssel zu ihren Häusern auf. Gegenwärtig handelt es sich um fünf Millionen Palästinenser, Nachkommen dieser Flüchtlinge, die an diesen Schlüsseln festhalten. Das ist einer der Zankäpfel zwischen Israel und den Palästinensern.

Gibt es für Sie ein Recht auf Asyl?

Wenn wir die Antike betrachten, werden wir sehen, dass das Zufluchtsrecht in zahlreichen Kulturen auftritt, und dass die verschiedensten Völker es schon ganz am Anfang anerkannten. In der Bibel werden Zufluchtsstädte als Städte genannt, in die eine Person nach der versehentlichen Tötung eines Anderen floh, doch unterscheidet sich die Bedeutung nicht wesentlich von der heutigen – es handelt sich um einen Ort, an den jemand flieht, wenn sein Geburtsort nicht sicher ist und dort Lebensgefahr besteht.

Wenn wir die liberale Grundvoraussetzung akzeptieren, dass bestimmte Freiheiten das grundsätzliche Recht Aller als Personen ist, dann fällt es schwer, unbeteiligt zu bleiben, wenn Jemand vor den Toren der Stadt erscheint, der dieser Freiheiten beraubt worden ist. Die Komplexität beginnt, wenn wir fragen: Wem obliegt die Verantwortung, diese Rechte aufrecht zu erhalten? Wenn das Regime in Syrien die natürlichen Rechte seiner Bürger verletzt, obliegt es dann einer anderen Regierung die Verantwortung diese Rechte zu schützen, indem sie eben diesen Bürgern den Flüchtlingsstatus gewährt?

Wenn ja: ist es bedingungslos, oder kann man es verwirken?

In meinen Augen lautet die Antwort: „Ja, in gewissem Maße.“ Die Frage des Maßes ist von Bedeutung, da sie die Grenzen der menschlichen Gutherzigkeit mit in Betracht zieht. Während die Güte Gottes unendlich ist, gleicht die menschliche Güte eher einem Joghurt: Sie hat ein Verfallsdatum. Menschen sind keine Engel, und wenn wir eine gesellschaftliche Veränderung erreichen wollen, dann müssen wir das mit in Betracht ziehen. Wenn der Mensch fragt: „Bin ich meines Bruders Hüter?“, dann heißt die Antwort: „Ja“, aber dieses „Ja“ bedeutet nicht, dass jeder Mensch alles, was er hat, mit seinem Bruder gerecht teilen kann oder muss. Es wäre toll, wenn das so funktionieren würde, und vielleicht würde eine marxistische Erziehung eines Tages dabei Erfolg haben es genauso so zu machen, aber in der Zwischenzeit bin ich bereit, mich mit einer weniger gleichmäßigen Teilung zufriedenzugeben,– solange Leute wenigstens teilen und sich nicht abwenden.

Die Frage besteht darin, welche moralische Verpflichtung wir angesichts des Leids Anderer haben. Bis zu welchem Maße sind wir bereit unsere Bequemlichkeit, unsere Wirtschaft und unseren Luxus einzuschränken, um denen zu helfen, die nichts haben? Es ist klar, dass Israel nicht die ganze Bevölkerung Eritreas aufnehmen wird, aber den Flüchtlingsstatus nur einem Prozent der Asylbewerber zu gewähren, so wie es gegenwärtig geschieht, das ist menschliche Verbohrtheit.

Glauben Sie, dass eine Gesellschaft begrenzt oder unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann?

Ja, aus denselben Gründen, die ich zuvor angeführt hatte. Menschen fürchten um ihre Wirtschaft und um ihre politische Stabilität, und diese Befürchtungen sind gerechtfertigt. Die Frage ist, inwieweit man zulässt, von diesen Befürchtungen bestimmt zu werden, und inwieweit man sie objektiv betrachtet. Die gegenwärtige Regierung in Israel lehnt ihre Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen ab – Fakt ist, dass wir kaum einem Asylbewerber den Flüchtlingsstatus gewähren. Wir können nicht alle aufnehmen, aber bedeutet das, dass wir niemanden aufnehmen können?

Falls begrenzt: worin bestehen diese Grenzen?

Die Unterstützung der Flüchtlinge ist eine gemeinsame Aufgabe der westlichen Länder, und wenn sich alle daran beteiligt hätten, dann hätten wir gemeinsam einen Entwurf zeichnen können, der die Menschenrechte ebenso schützt, wie die Wirtschaft und Stabilität der Länder, die Hilfe leisten. Vielleicht wäre dieser nicht ideal, aber es würden viel weniger Menschen verletzt werden. Zurzeit ist die Diskussion sehr dichotom – entweder ist man für unbedingte und grenzenlose Hilfe, oder man ist absolut gegen jegliche Hilfe und voller Fremdenhass. Ich denke, dass diese Dichotomie nicht die Realität widerspiegelt. Sie beeinträchtigt unsere Fähigkeit, auf informierte und effiziente Weise zu handeln.

Die Grenze muss gezogen werden, lange bevor die Flüchtlinge an die Tore Europas klopfen, an die Grenze Israels oder die Grenzübergänge der Türkei gelangen. Die Grenzziehung muss in den Herkunftsländern dieser Flüchtlinge vorgenommen werden.
Was wäre zum Beispiel passiert, wenn wir vor zehn oder fünfzehn Jahren aufgewacht und in der Lage gewesen wären, die gegenwärtige Flüchtlingswelle vorauszusehen? Was wäre geschehen, wenn die Länder des Westens – die heute Milliarden in Zäune und in medizinische Infrastrukturen, in Flüchtlingslager und die Verbrechensbekämpfung investieren – ein Zehntel dieser Summen in die Unterstützung der Wirtschaft und Landwirtschaft in Afrika investiert hätten? Wie viele Flüchtlinge würden es jetzt nicht mehr nötig haben, zu dem etablierten und reichen Westen zu kommen, wenn wir bereit gewesen wären, tiefergehend daran beteiligt zu sein, die Massenmorde, das Abschlachten und die Massenvergewaltigungen der Kriege in Syrien, im Sudan oder in Eritrea einzudämmen?

Die wichtigste Unterstützung der Flüchtlinge beginnt mit dem Beenden der Gründe, die sie zu Flüchtlingen werden lassen.

Gibt es in Ihrem Land privilegierte Flüchtlinge, d.h. solche, die Ihr Land eher aufzunehmen bereit ist als andere? Wenn ja, warum?

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Israel die überlebenden Flüchtlinge des jüdischen Volkes mit offenen Armen auf. Das Land wurde ins Leben gerufen, um allen Juden dieser Welt als Zuflucht zu dienen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden, und dieses Ziel hat das Land weitgehend erreicht. Natürlich gab es auch hier Abstufungen. Es gab solche, die freundlicher als andere empfangen wurden. Es gab sogar solche, die unter Diskriminierung gelitten haben. So zum Beispiel brachte Israel die Juden Äthiopiens ins Land, im Verlauf einer Operation der israelischen Luftwaffe und des Geheimdienstes. Mehr als 6000 Menschen kamen auf diese Weise in den 1980er Jahren nach Israel, nachdem sie einen langen und beschwerlichen Weg zurückgelegt hatten. Viele Äthiopier erfahren jedoch Diskriminierung in Israel, vor allem im Vergleich zu denjenigen, die aus europäischen Ländern kommen, wie etwa die Juden, die im gleichen Zeitraum der Verfolgung durch das kommunistische Regime entflohen.

Die Kluft wird größer, wenn die Flüchtlinge nicht jüdisch sind. Während das „Rückkehrgesetz“ jedem Juden das Recht einräumt, nach Israel einzuwandern, sei er Flüchtling oder nicht, einfach weil es das Land des jüdischen Volkes ist, bleiben die Tore anderen gegenüber verschlossen. Der Großteil der heutigen israelischen Flüchtlinge sind Eritreer und Sudanesen, die die Mehrheit der Flüchtlinge in Israel ausmachen, werden gänzlich anders behandelt, als die jüdischen Flüchtlinge, die als Teil von uns wahrgenommen werden. Dennoch ist die Einstellung gegenüber den Eritreern und Sudanesen immer noch positiver als die Einstellung der israelischen Regierung gegenüber den palästinensischen Flüchtlingen des Jahres 1948. Hier lautet die Antwort: „Auf gar keinen Fall.“ Sie werden als existenzielle Bedrohung der wesentlichen Essenz des Landes als jüdischer Staat wahrgenommen.

Werden Flüchtlinge in Ihrem Land aus Ihrer Sicht gerecht behandelt?

Bis Juni 2016 gab es in Israel etwa 41.477 Asylbewerber, die meisten aus Eritrea und dem Sudan. Sie erhalten keinen Flüchtlingsstatus und werden nicht als „Asylbewerber“ eingestuft. Der Staat Israel betrachtet sie als „Eindringlinge“ und erkennt nur ein Prozent von ihnen als Flüchtlinge an. Sie bleiben in Israel also ohne geregelten Status, ohne eine Arbeitserlaubnis und ohne Zugang zu wichtigen Dienstleistungen. Momentan sind etwa  3.600 Menschen unter schweren Bedingungen im Negev in der Einrichtung „Cholot“ inhaftiert, wo sie unter Druck gesetzt werden, Israel „freiwillig“ zu verlassen.

Wären für Sie Einschnitte im Sozialsystem Ihres Landes akzeptabel, wenn dies helfen würde, mehr Flüchtlinge aufzunehmen?

Ja. Aber ich denke nicht, dass es dazu kommen muss: Das Geld, das Israel in Siedlungen investiert, könnte zu diesem Ziel, wie auch anderen wertvollen Zwecken gelenkt werden.

Was sind für Sie Voraussetzungen für erfolgreiche Integration? Gibt es Mindestanforderungen

- an die Ankommenden?
- an die Aufnehmenden?

Ein Flüchtling ist ein Gast. Wenn man in eines Anderen Heim aufgenommen wird, bemüht man sich, die Verhaltensregeln dieses Hauses aufrechtzuerhalten. Das bedeutet nicht, dass man seine eigene Identität auflösen oder sich selbst als Mensch oder Subjekt widerrufen muss, dennoch besteht die Notwendigkeit kultureller Sensibilität. Das Gleiche gilt für die andere Seite, die der Bürger – hier ist kulturelle Empfindsamkeit erforderlich, da kein Gastgeber es seinen Gästen ungemütlich machen sollte.

Als ich durch Südamerika wanderte, zerstörte ein Sturm das Zelt von zwei Kumpeln, die neben uns übernachteten. Es war eiskalt draußen, und wir luden sie ein, hereinzukommen. Es war ihnen klar, dass es ihnen unmöglich sein würde, die Beine auszustrecken, und uns war klar, dass wir unsere nicht austrecken werden können. Für uns alle war es unbequem, aber am Morgen waren wir alle trocken.

Wenn man von den Zelten in Südamerika auf eine praktischere Ebene übergeht: Integration von Flüchtlingen in Israel erfordert Arbeitserlaubnisse. Die Menschen müssen in der Lage sein, sich zu ernähren, damit sie dem Sozialsystem nicht zur Last zu fallen, und damit sie auch für sich selbst ein Gefühl der Befähigung und Autonomie aufrechterhalten können. Heute beeinträchtigt das Fehlen von Arbeitserlaubnissen für Asylsuchende in Israel ihre Fähigkeit, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Integration erfordert auch den Zugang zu Bildung. Es ist richtig, dass dies von wirtschaftlicher Bedeutung ist, doch die wirtschaftliche Bedeutung einer fehlenden Bildung ist langfristig gesehen sehr viel größer.

Kennen Sie persönlich Flüchtlinge?

Während meiner Arbeit in der Vereinigung für Bürgerrechte (ACRI) in Israel habe ich für eine kurze Zeit mit dem Hilfszentrum für Flüchtlinge und Gastarbeiter zusammengearbeitet. Ich unterrichtete studentische Gruppen auf dem Gebiet der Menschenrechte und führte Rundgänge und Zusammentreffen mit Flüchtlingen und Asylbewerbern durch. Als Psychologin kam ich einige Male in die provisorischen Kindergärten der Flüchtlinge, um die Kinder zu treffen und mit ihnen zu spielen. Diese vereinzelten Zusammentreffen hinterließen bei mir einen tiefen Eindruck.

Unterstützen Sie aktiv Flüchtlinge?

Als ich den Roman „Löwen aufwecken“ schrieb, der die Geschichte eines israelischen Arztes erzählt, der einen eritreischen Flüchtling verletzt, arbeitete ich mit Ärzte für Menschrechte zusammen. Sie unterstützten mich bei der Recherche zum Gesundheitszustand der in Israel ankommenden Flüchtlinge. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das der Akt des Schreibens über Flüchtlinge in Israel eine bedeutungsvolle Aktion in der Welt darstellt, da das Schreiben das Bewusstsein für das verstärkt, was normalerweise im israelischen Diskurs verdrängt wird. Aber meistens empfinde ich, dass das Schreiben die Realität nicht verändert, sondern diese lediglich dokumentiert, und dass wirkliches Handeln in der Welt gebraucht wird, nicht vor einer Tastatur.

Wie wird sich die Flüchtlingssituation in Ihrem Land entwickeln?

a) in den nächsten zwei Jahren?
b) in den nächsten zwei Jahrzehnten?

Das hängt von den geopolitischen Entwicklungen in den kommenden Jahren ab. Das hier ist der Nahe Osten, und im Nahen Osten kann alles passieren. Zurzeit tut Israel alles, um afrikanische Flüchtlinge dazu zu bringen, aufzugeben und nicht hier her zu kommen. Die Regierung berichtet mit großer Zufriedenheit, dass es funktioniert.

Können Sie sich eine Welt ohne Flüchtlinge vorstellen?

Das ist so, als würde man fragen: “Können Sie sich eine Welt ohne Böses oder menschliche Ungerechtigkeit vorstellen?“ Ich kann mir eine solche Welt vorstellen, aber ich würde nicht darauf wetten. Wo immer es Menschen gibt, wird es auch Verfolgung und Ungerechtigkeit geben. Aber wo immer es Menschen gibt, wird es auch Mitgefühl und Güte geben. Menschen sind fähig zu beidem, beides ist in uns angelegt. Ungerechtigkeit und Mitgefühl streiten sich die ganze Zeit in uns, sowohl in der Gesellschaft als auch als Individuen, und es ist der menschliche Kampf, sich zwischen ihnen zu entscheiden.

Glauben Sie, dass Sie in Ihrem Leben jemals zum Flüchtling werden?

Ich gehöre zu einer Nation, für die das das Flüchtlingsdasein Teil ihrer Essenz ist. Menschen, die jahrhundertelang von Land zu Land wanderten. Ich wurde in Israel geboren, dafür danke ich meinem historischen Glück, denn wäre ich drei Generationen zuvor geboren (worden), wäre meine Situation als Jüdin sehr viel schlechter. Als Israelin, die in eine bestehende Situation hineingeboren wurde, erscheint mir dieser Staat als selbstverständlich. Aber ich vergesse keinen Augenblick, dass sich das ändern kann – es hat sich schon in der Vergangenheit geändert. Es gab hier bereits einmal einen jüdischen Staat, und dieser wurde zerstört. Diese historische Lektion ist in jeden Juden eingraviert.

Heute dreht sich die Diskussion in Israel darum, was die Bedeutung dieser historischen Lektion ist – veranlasst uns die Angst davor, selbst wieder zu Flüchtlingen zu werden, dazu, unsere Herzen zu verschließen vor den Flüchtlingen, die heute bei uns ankommen? Oder ist vielleicht umgekehrt, dass wir eine moralische Verpflichtung haben, die sich aus unserem historischen Gedächtnis ergibt, und aus der Einsicht, dass die Zukunft sich stets ändert?

Wie viel Heimat brauchen Sie?*

Viel, aber nicht zu viel. Ich bin tief in der hebräischen Sprache verwurzelt und sehr an Gerüche, Geschmäcker und Orte gebunden, die für mich Heimat darstellen. Auf der anderen Seite ist es nötig, dass ich mich bis zu einem gewissen Grad fremd fühle. Freud schrieb über das Unheimliche, über den Moment, in dem selbst der vertrauteste Ort fremd und bedrohlich wird. Ich denke, dass diese verfremdete Beobachtung den Freiraum darstellt, in dem sich das Schreiben entwickelt.

*Diese Frage ist Max Frischs Fragebogen zu „Heimat“ entnommen.