Welche Bedeutungen stecken hinter dem berühmten Satz von Joseph Beuys?
„Jeder Mensch ist ein Künstler“

In einem acht Meter langen Einbaum überquert Joseph Beuys den Rhein.
In einem acht Meter langen Einbaum überquert Joseph Beuys den Rhein. | Foto (Ausschnitt): ČTK/DPA/Roland Scheidemann

Jean-Philippe Antoine ist Philosoph, bildender Künstler und Professor für Ästhetik an der Universität Paris 8. Er verfasste eine Monografie in französischer Sprache zum Werk Jospeh Beuys‘. Frédéric Atlan ist ebenfalls bildender Künstler, außerdem Maler und Fotograf. Sie beantworten einige Fragen zu Joseph Beuys‘ Behauptung, jeder Mensch sei ein Künstler.

Von Aurélie Le Floch

In welchem Kontext hat Joseph Beuys den berühmten Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ geäußert?
 
Jean-Philippe Antoine: Diese Auffassung vertrat Joseph Beuys zwischen 1966 und 1967 in Deutschland bei verschiedenen Anlässen, zum Beispiel bei Studentenbewegungen oder auch in Interviews. Der Satz entwickelte sich für Beuys zu einer Art Slogan. Schon Novalis drückte  Ende des 18. Jahrhundert denselben Gedanken aus, doch der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg hatten dem romantischen Erbe ein Ende bereitet und es galt zunächst, sich bestimmte Konzepte neu anzueignen.
 
Wie lässt sich dieser Satz interpretieren?
 
J.-P. A.: Beuys‘ Aussage hat zu vielen Missverständnissen geführt … Er meinte damit nicht, dass alle Menschen Maler oder Bildhauer werden sollten. Vielmehr ging es ihm um die jedem Menschen innewohnende schöpferische Kraft und Kreativität. Die Gesellschaft sollte diese Fähigkeit seiner Meinung nach fördern, anstatt sie zu verleugnen und durch ein vereinheitlichtes Verständnis des Individuums zu unterdrücken. Kreativität kann in vielen verschiedenen Bereichen zum Ausdruck kommen, wie beispielsweise in der Medizin, der Landwirtschaft, dem Recht, oder der Wirtschaft.

Im weiten Sinne spiegelt dieser Satz auch Beuys‘ gesellschaftspolitisches Engagement wider: Er forderte eine Umstrukturierung der Gesellschaft und Arbeit, sodass jeder seine Erfindungsgabe frei entfalten könnte.
 
Frédéric Atlan: Hinter diesem Satz verbirgt sich außerdem die Überzeugung, dass jeder Mensch für das Schöne empfänglich ist, dass in jedem die Fähigkeit steckt, kreativ zu werden und sich selbst zu verwirklichen. Ich konnte dieser Idee in einer Art musikalischem Gemeinschaftsprojekt nachgehen, das sich „musique protocolaire“ nennt. Dieses Projekt steht allen offen, auch Nicht-Musikern. Gemeinsam gestalten wir ein Konzert aus Klängen nach einer im Vorhinein festgelegten Reihenfolge.
 
In Paris habe ich einen kollektiven Workshop betreut, an dem ebenfalls alle teilnehmen und eine künstlerische Tätigkeit ausprobieren konnten. Den Workshop besuchten vor allem Personen im Ruhestand, die schon seit langem künstlerisch aktiv werden wollten, denen aber die Zeit fehlte. Diese Personen erreichen in ihrer jeweiligen Technik ein beinahe professionelles Niveau, ohne sich Künstler zu nennen. Meiner Meinung nach zeichnet sich ein Künstler – ob hauptberuflich oder nicht - durch großes Engagement und eine ständige Beschäftigung mit seinem Gegenstand aus, die beinahe an Besessenheit oder Notwendigkeit grenzt. Auch Beuys verspürte diese Dringlichkeit, aber nicht jedem künstlerisch aktiven Menschen ergeht es gleich – schließlich gibt es unzählige verschiedene Herangehensweisen an die Kunst.

Einige offene Kunsträume bieten einen Rahmen für den Ausdruck dieses kreativen Potenzials. Ich denke da zum Beispiel an das Atelier en commun du 100ecs in Paris. An diesem kulturellen, solidarischen Ort treffen wir auf professionelle Künstler, aber auch auf Menschen im Ruhestand, die durch ihr Engagement ein fast professionelles technisches Niveau erreichen können. Sind sie Künstler deshalb gleich?

Für mich ist der Satz von Beuys eine Antwort auf Jean Dubuffet und die Ideen, die er in seinem Buch L'Homme du commun à l'ouvrage entwickelt, wo er für die Spontaneität der Geste in der Kunst plädiert. Aber wenn jeder Mensch "Kunst machen" kann, auch wenn es nur Laienkunst ist, bedeutet ein "Künstler" zu werden, über diese erste Absicht, diese Spontaneität der Geste hinauszugehen. Ob man nun hauptberuflich praktiziert oder nicht, es ist das Engagement, die ständige Beschäftigung mit dem Prozess, eine Art Forschung in Aktion, die den Künstler, so scheint es mir, bis zum Punkt der Besessenheit bringt...
 
Kann man Joseph Beuys‘ Leitsatz auf die heutige französische Gesellschaft beziehen?
 
J.-P. A.: Die Aktualität dieses Satzes ist erst kürzlich in der Gelbwesten-Bewegung zum Ausdruck gekommen: sie hallt in dem Bedürfnis der Menschen nach Anerkennung und danach, in ihrer Arbeit gewürdigt zu werden, wider - vor allem jene Arbeit, die allgemein als menschenunwürdig betrachtet wird, aber von großer Wichtigkeit für die Gesellschaft ist. Um diese Forderung nach Anerkennung ging es auch während des ersten Lockdowns in der Gesundheitskrise von 2020. Die Arbeit der Pflegekräfte und Auslieferungsfahrer von Lebensmitteln rückte in den Vordergrund.

Die Kapitalismuskritik der letzten zwanzig Jahre legt eine weitere Interpretation dieses Satzes nahe, angestoßen durch das Werk Der neue Geist des Kapitalismus (im französischen Original: Le nouvel esprit du capitalisme) von Ève Chiapello und Luc Boltanski. Darin erläutern die beiden Soziologen ihre Beobachtung, dass der prekäre Status des Künstlers, der an einem Projekt nach dem anderen arbeitet und sich ständig neu erfinden muss, zur neuen Form der Beschäftigung wird. Diese Entwicklung lässt sich heute mit dem Begriff „Uberisierung“ der Arbeit übersetzen.

Dies ist eine perverse Interpretation von Beuys' Denken. Dagegen möchte ich Martin Kippenberger zitieren, einen anderen deutschen Künstler, der in den 1980er und 1990er Jahren sehr aktiv war: „Jeder Künstler ist ein Mensch“ ... eine Art, den Mythos des genialen Künstlers in Frage zu stellen und gleichzeitig Beuysianer zu bleiben!

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