Aktuelle Literaturszene

Aktuelle Literaturszene © Goethe-Institut │Foto: Loredana La Rocca

Was gibt es Neues in der deutschen Literaturszene? Wir informieren Sie über aktuelle Ereignisse, zu entdeckende Autoren, Neuerscheinungen und Übersetzungen ins Französische.

Wie jedes Jahr zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse diente der prunkvolle Römer als Schauplatz für die Verleihung des besten deutschsprachigen Romans des Jahres. Der Deutsche Buchpreis ging an den in Bosnien geborenen deutschen Schriftsteller Saša Stanišić für seinen Roman Herkunft, der 2019 im Luchterhand Verlag erschien. Eine Entscheidung, die die gesamte deutsche Literaturszene begeisterte und das Bild des talentierten Nachwuchsautors, das er seit der Veröffentlichung seines ersten Buches im Jahr 2006 genießt, nochmals bestätigte.

Aber auch eine Entscheidung, die an den Literaturnobelpreis 2019 anknüpft, der wenige Tage zuvor an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke verliehen wurde. Handkes ehemalige Positionierung zu Zeiten des Jugoslawienkrieges löste in Deutschland, Frankreich und vor allen Dingen in den Balkan-Regionen große Kontroversen aus. Saša Stanišić widmete dieser Angelegenheit einen großen Teil seiner Dankesrede und stellte die immer wiederkehrende Frage, ob Kunst nach den politischen Positionen des Künstlers beurteilt werden solle. Diese Debatten sind es, die uns einmal mehr die Stärke der Literatur und die Bedeutung ihrer Rolle in unserer Gesellschaft vor Augen führen. Und so versammelte sich auch in diesem Jahr die ganze Welt in Frankfurt, um gemeinsam Literatur zu feiern und die Verbreitung der Wortkunst zu fördern.

Wir nehmen dieses jährliche Treffen zum Anlass, Ihnen neben dem Gewinner und den anderen Finalist*innen des Deutschen Buchpreises, einige Neuheiten sowie eine Auswahl der aktuellsten Übersetzungen ins Französische vorzustellen.

Fokus: Deutscher Buchpreis 2019

  • Saša Stanišić erhält den Deutschen Buchpreis 2019 © Sascha Erdmann

    Saša Stanišić erhält den Deutschen Buchpreis 2019

  • Herkunft © Luchterhand

    Herkunft

  • Avant la fête © Stock

    Avant la fête

  • Vor dem Fest © Luchterhand

    Vor dem Fest

  • Pièges et embûches © Stock

    Pièges et embûches

  • Fallensteller © Luchterhand

    Fallensteller

  • Le soldat et le germanophone © Stock

    Le soldat et le germanophone

  • Wie der Soldat © Luchterhand

    Wie der Soldat

  • Saša Stanišić © Katja Saemann

    Saša Stanišić

Saša Stanišić

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert wurde in 31 Sprachen übersetzt. Mit Vor dem Fest gelang Stanišić erneut ein großer Wurf; der Roman war ein SPIEGEL-Bestseller und ist mit dem renommierten Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Für den Erzählungsband Fallensteller erhielt er den Rheingau Literatur Preis sowie den Schubart-Literaturpreis. Saša Stanišić lebt und arbeitet in Hamburg.

Herkunft

Saša Stanišić, Luchterhand, März 2019

Auf verschlungenen Wegen führt Herkunft uns nach Bosnien, in das Dorf der Großeltern und nach Heidelberg, wo der Halbwüchsige als Kriegsflüchtling landete. Ein autobiographischer Roman über die Frage unserer Zeit: über Geschenk und Bürde der Herkunft, über das Finden einer neuen Sprache und über das Werden eines Schriftstellers. Mit Humor und Sprachwitz bleibt der Erzähler stets auf der Hut vor sich selbst, und schafft es auf diese Weise die bleischweren Themen federleicht werden zu lassen – Wundbehandlung mit den Mitteln der Literatur.

Kommentar der Jury:

Saša Stanišić ist ein so guter Erzähler, dass er sogar dem Erzählen misstraut. Unter jedem Satz dieses Romans wartet die unverfügbare Herkunft, die gleichzeitig der Antrieb des Erzählens ist. Verfügbar wird sie nur als Fragment, als Fiktion und als Spiel mit den Möglichkeiten der Geschichte. Der Autor adelt die Leser mit seiner großen Phantasie und entlässt sie aus den Konventionen der Chronologie, des Realismus und der formalen Eindeutigkeit. „Das Zögern hat noch nie eine gute Geschichte erzählt“, lässt er seine Ich-Figur sagen. Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen. Herkunft zeichnet das Bild einer Gegenwart, die sich immer wieder neu erzählt. Ein „Selbstporträt mit Ahnen“ wird so zum Roman eines Europas der Lebenswege.


Deutscher Buchpreis
Verlagsseite Luchterhand
Rezensionen (Perlentaucher)

Onleihe

Neuerscheinungen

Als ich jung war © Hanser

Als ich jung war

Norbert Gstrein, Hanser Verlag, Juli 2019

Am Anfang ist da nur ein Kuss. Franz fotografiert Paare "am schönsten Tag ihres Lebens", bis bei einer Hochzeitsfeier die Braut ums Leben kommt. Und das genau am selben Ort, an dem er Wochen zuvor ein Mädchen geküsst hat. Erschrocken und irritiert von all den aufkommenden Fragen flieht er bis nach Amerika. Doch dann stirbt auch dort jemand. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach Glück findet sich Franz in Norbert Gstreins Roman auf Wegen, bei denen alle Gewissheiten fraglich werden.

Winterbienen © C. H. Beck

Winterbienen

Norbert Scheuer, C.H. Beck, Juli 2019
  
Präzise und spannend entwickelt Scheuer die Geschichte des introvertierten Egidius Arimond, der sich trotz seiner Epilepsie in höchste Gefahr begibt. Als Fluchthelfer schmuggelt er nicht nur Juden in Bienenkörben aus der Eifel über die belgische Grenze, er verstrickt sich darüber hinaus in Frauengeschichten. Winterbienen skizziert den Blick eines Unverstandenen, inmitten einer vom Krieg gezeichneten Gesellschaft, in der nur eine Hoffnung alles überschattet: der Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.

Das flüssige Land © Klett-Cotta

Das flüssige Land

Raphaela Edelbauer, Klett-Cotta, August 2019

Der Unfalltod ihrer Eltern führt die Physikerin Ruth nach Groß-Einland, ein geheimnisvoller Ort, unter dem sich ein riesiger Hohlraum erstreckt. Dieser Hohlraum scheint das Leben der Bewohner auf merkwürdige Weise zu bestimmen, doch niemand möchte darüber sprechen. Nicht einmal als klar ist, dass die Statik des gesamten Ortes bedroht ist. Raphaela Edelbauer kreiert mit ihrem Debütroman eine zutiefst eindrückliche Welt, die uns bis zur letzten Seite fesselt!

Kintsugi © S. Fischer

Kintsugi

Miku Sophie Kühmel, S.Fischer, August 2019

Es ist Wochenende. Ein Haus an einem spätwinterlichen See, Reik und Max feiern hier ihre Liebe, die nun zwanzig ist. Eingeladen sind nur ihr ältester Freund Tonio und seine Tochter Pega, so alt wie die Beziehung von Max und Reik. Sie planen ein ruhiges Wochenende. Doch ruhig bleibt nur der See. Vier Menschen, vier Stimmen, vier Perspektiven. Ein äußerst gegenwärtiger Roman von hohem Lesevergnügen, der nach heutigen Liebes- und Lebenskonzepten fragt.

Brüder © Hanser

Brüder

Jackie Thomae, Hanser Berlin, August 2019

Brüder erzählt die Geschichte von zwei sehr konträren Söhnen eines afrikanischen Vaters, von deren Kindheit in der DDR und ihrem Weg in die weite Welt bis nach London, Paris und Südamerika. Die Fragen, die sich den beiden Männern stellen, sind dieselben, doch ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein. Liebe, Erfolg, Hautfarbe und Schicksal - Jackie Thomae gelingt es nahezu spielerisch existenzielle Fragen mit den individuellen Schicksalen zweier Brüder zu einer spannenden Geschichte zu verweben.

Nicht wie ihr © Kremayr & Scheriau

Nicht wie ihr

Tonio Schachinger, Kremayr & Scheriau, August 2019

Wie plant man eine Affäre, wenn man keine Freizeit hat? Ivo, einer der bestbezahlten Fußballer der Welt, wusste immer, dass er besonders ist. Er fährt einen Bugatti, hat eine Ehefrau und zwei Kinder. Doch als seine Jugendliebe Mirna ins Spiel kommt, gerät das sichere Gerüst ins Wanken. „Nicht wie ihr“ ist mehr als ein Roman über die Welt des Spitzensports: Zugehörigkeit, Angst vor dem Abstieg, Männlichkeitsideale und nicht zuletzt Liebe werden hier stilsicher zwischen Umkleidekabinen, Luxushäusern und teuren Autos völlig unverkrampft verhandelt.

Miroloi © Hanser

Miroloi

Karen Köhler, Carl Hanser, August 2019

Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman katapultiert uns direkt in den Kopf einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gemeinschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Voller Hingabe, Neugier und Wut auf diese Verhältnisse erzählt Miroloi von einer jungen Frau, die gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit kämpft. Eine Geschichte, in der jedes Detail brennt und leuchtet.

Schutzzone © Suhrkamp

Schutzzone

Nora Bossong, Suhrkamp, September 2019

Mira Wendler  ist Diplomatin -und zwar eine mit besonderen Fähigkeiten. Sie kann zuhören und so Menschen zum Sprechen bringen, die sonst nur schweigen. Nach New York und Burundi ist sie in Genf Im Büro der Vereinten Nationen angekommen. Von hier will sie ihren Kampf für den Frieden fortsetzen. Doch als ihre Rolle bei der Aufarbeitung des Völkermords in Burundi hinterfragt wird und sie zudem noch eine Affäre mit einem Freund aus Kindertagen beginnt gerät Miras Leben ins Wanken. Schutzzone ist nicht nur ein Buch, das aufklärt - es ist auch ein Buch, das berührt und unter die Haut geht. (Denis Scheck, WDR)

Übersetzungen ins Französische

Peter Holtz- Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst © Fayard

Peter Holtz- Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Ingo Schulze, Fayard, August 2019
- übers. Alain Lance und Renate Lance-Otterbein

Peter Holtz will das Glück für alle, kämpft für eine christlich-kommunistische Demokratie und glaubt an die Abschaffung des Geldes. Doch er wundert sich, denn seine Selbstlosigkeit belohnt die Marktwirtschaft mit Reichtum. Hat er sich für das Falsche eingesetzt? Und vor allem: Wie wird er das Geld mit Anstand wieder los? Mit Witz und Poesie lässt Ingo Schulze einen Charakter entstehen, wie ihn die Welt von heute bräuchte.

La défense du paradis © L'Atalante

Die Verteidigung des Paradieses

Thomas von Steinaecker, August 2019
- übers. Claire Duval

Thomas von Steinaecker schreibt einen atemberaubenden Roman über die Zukunft unserer Gegenwart: Heinz lebt in einer Welt, die Menschlichkeit nicht mehr zulässt, denn weite Teile Europas sind verseucht. Zusammen mit seinem besten Freund, einem elektrischen Wüstenfuchs, wächst Heinz in einer kleinen Gruppe Überlebender in den Bergen auf. Er nimmt sich vor, die verlorene Zivilisation zu bewahren, sammelt vergessene Wörter und schreibt die Geschichte der letzten Menschen. Doch was nützen Heinz Wissen und Kunst jetzt noch?

La fabrique des salauds © Belfond

Das kalte Blut

Chris Kraus,Belfond, August 2019
- übers. Jean-Luc Triesset

Zwei Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen BRD. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen "Ménage à trois" tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Verwicklungen führen. In seinem Roman Das kalte Blut beschreibt Chris Kraus die Wandlung eines Feingeists zum Nazi, Mörder und Spion, und das aus einem aufregend neuen Blickwinkel.

Le journal du pupille Jean Genet © Verdier

Das Zöglingsheft des Jean Genet

Josef Winkler, Verdier, September 2019
- übers. Bernard Banoun

Josef Winklers Zöglingsheft des Jean Genet ist eine Liebeserklärung des Büchner-Preisträgers an den berühmten Dieb und Schriftsteller und eine persönliche Einführung in Genets Werk. Zwischen einem Besuch an Genets Totenbett und der Suche nach seinem Grab in Marokko berichtet Winkler in mehreren Kapiteln vom Leben und Schreiben Genets. Sein Blick richtet sich insbesondere auf den »Zögling«, das heißt auf Genets Kindheit und Jugend.

Faserland © Hébus

Faserland

Christian Kracht, Phébus, September 2019
- übers. Corinna Gepner

Faserland erzählt die Geschichte einer Reise durch Deutschland in den neunziger Jahren, von Nord nach Süd, und schließlich bis nach Zürich. Der namenlose Ich-Erzähler ist ein Mittzwanziger, der aus einer reichen Familie stammt erlebt, wohin er auch kommt, bloß exzessive Partys und Hoffnungslose junge Menschen. Der Protagonist beobachtet die Dekadenz seiner Generation und registriert, während er gleichzeitig eigene Kindheitserinnerungen reflektiert, auch seinen persönlichen Niedergang.

Nouvel an © Actes Sud

Neujahr

Juli Zeh, Actes Sud, September 2019
- übers. Rose Labourie

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal in Femés. Eine verdrängte Erinnerung, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Eine emotionale "Tour de Force" in die Vergangenheit, ein Ritt, der einen mitreißt und erschöpft, aber bereichert zurücklässt. (Christine Ritzenhoff, emotion)

Le renard et le Dr. Shimamura © Jacqueline Chambon

Der Fuchs und Dr. Shimamura

Christine Wunnicke, Jacqueline Chambon, September 2019
- übers. Stéphanie Lux

Der Fuchs und Dr. Shimamura ist die Geschichte eines jungen japanischen Mediziners, der Ende des 19. Jahrhunderts bei der Behandlung von Anfällen einer Patientin scheitert und nach Europa flieht, um in Paris, Berlin und Wien neurologisch aufschlussreiche Abenteuer erleben. Auf dieser Reise begleitet ihn ein selbst gefangener Fuchs, der ihn auch Jahrzehnte später, zurückgekehrt in Japan, nicht los lässt. – Genial konstruiert und wunderbar absurd!

Les variations de la citerne © Actes Sud

Die Regentonnenvariationen

Jan Wagner, Actes Sud, Oktober 2019
- übers. Julien Lapeyre de Cabane und Alexandre Pateau

In diesem Lyrikband geht es in die Natur mit all ihren kunstvollen Variationen des Lebens. Jan Wagner lässt den Giersch schäumen, dass einem weiß vor Augen wird, nimmt Weidenkätzchen und Würgefeige ins poetische Visier, zoomt ran, überblendet assoziativ, bis der Blick sich weitet und man weiß, für einen Augenblick zum Wesen der Dinge vorgedrungen zu sein – bis längst Vergessenes oder nie Gesehenes vor Augen steht.

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