Aktuelle Literaturszene

Aktuelle Literaturszene © © Goethe-Institut │Foto: Loredana La Rocca  Aktuelle Literaturszene © Goethe-Institut │Foto: Loredana La Rocca


Was gibt es Neues in der deutschen Literaturszene? Wir informieren Sie über aktuelle Ereignisse, zu entdeckende Autoren, Neuerscheinungen und Übersetzungen ins Französische.

Seit 2005 zeichnet der Preis der Leipziger Buchmesse jährlich herausragende Bücher aus, die jüngst in Deutschland erschienen sind. Dieses Jahr hat die Jury erneut aus einer sehr vielschichtigen Shortlist ausgewählt: einen „Roman noir“ des derzeit aufsteigenden Starautors Lukas Bärfuss (Hagard), den letzten Roman von Anne Weber, die beinahe französische Autorin, die all ihre Bücher in beiden Sprachen verfasst (Kirio), einen Gedichtband des jungen unbekannten Poeten Steffen Popp (118), einen Liebesroman der renommierten Autorin Brigitte Kronauer (Der Scheik von Aachen) und, zu guter Letzt, ein Buch am Rande aller Genres, Sie kam aus Mariupol, von Natascha Wodin. Letzteres wurde von der Jury aufgrund seines Genre-sprengenden Charakters und seiner literarischen Kraft ausgewählt: „Dieses Buch trägt auch ausdrücklich nicht die Bezeichnung Roman. Doch an der Grenze von Fiktion und Nichtfiktion, wo es angesiedelt ist, betreibt es autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben auf der Grundlage von Lidias Tagebüchern [Lidia ist die Tante der Autorin; Anm.d.R.]. In diesem genreüberschreitenden Sinn ist es unerhört zeitgenössisch. Erinnerungsarbeit als Widerstand gegen das eigene Zerbrechen: Die Rettung, die sich Natascha Wodin davon erhofft, bleibt aus. Aber die Tapferkeit, mit der sie den Dämonen ins Gesicht sieht, die sie bannen muss, hat auch etwas ungemein Ermutigendes. Davon kann sich jeder Leser von Sie kam aus Mariupol überzeugen.“

In diesem Newsletter erfahren Sie mehr über die Preisträgerin sowie die anderen Finalisten - und  wir stellen Ihnen eine Auswahl an Neuerscheinungen und aktuellen Übersetzungen ins Französische vor.

Fokus: Preis der Leipziger Buchmesse 2017

  • Wodin Natascha © Susanne Schleyer - autorenarchiv.de

    Wodin Natascha

  • Sie kam aus Mariupol © Rowohlt Verlag

    Sie kam aus Mariupol

  • Natascha Wodin © Jens Ulrich

    Natascha Wodin

Natascha Wodin

Natascha Wodin wurde 1945 in Fürth bei Nürnberg geboren. Während des Zweiten Weltkriegs waren ihre Eltern aus der Sowjetunion zwangsverschleppt worden. Sie wuchs in einem Lager für Zwangsarbeiter auf, bevor sie nach dem frühzeitigen Tod ihrer Mutter in einer katholischen Einrichtung für junge Mädchen unterkam. Nach ihrem Sprachstudium arbeitete und lebte sie als Russisch-Übersetzerin zeitweise in Moskau. Ihr erster Roman, Die gläserne Stadt, erscheint 1983. Es folgen zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Einmal lebt ich (1989), Die Ehe (1997), Nachtgeschwister (2009), und Alter, fremdes Land (2014). Ihr Werk Sie kam aus Mariupol wurde bereits 2015 – als Manuskript – mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet, bevor sie dafür 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Heute lebt Natascha Wodin in Berlin und in der Region Mecklenburg.

Ihre Bücher sind bisher nicht ins Französische übersetzt.

Natascha Wodin auf Literaturport

Sie kam aus Mariupol

Rowohlt Verlag, Februar 2017

„Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe“ – Natascha Wodins Mutter sagte diesen Satz immer wieder und nahm doch das, was sie meinte, mit ins Grab. Da war die Tochter zehn und wusste nicht viel mehr, als dass sie zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war. Wieso lebten sie in einem der Lager für Vertriebene, woher kam die Mutter, und was hatte sie erlebt? Erst Jahrzehnte später öffnet sich die Blackbox ihrer Herkunft, erst ein bisschen, dann immer mehr. Dieses Buch ist eine wahre Spurensuche und liefert uns ein erschütterndes Zeugnis des wenig bekannten Schicksals von Millionen von Menschen. Dies macht das Werk zu einem großen literarischen Ereignis.

Preis der Leipziger Buchmesse
Rowohlt Verlag
In der Onleihe als e-Book ausleihbar

Neuerscheinungen

Hagard © Wallenstein Verlag

Hagard

Lukas Bärfuss, Wallstein Verlag, Februar 2017

Ohne erkennbaren Grund entscheidet sich ein Mann, einer jungen Frau auf der Straße zu folgen. Schnell wandelt sich die Verfolgung in Besessenheit und wird zu einer urbanen, beunruhigenden Odyssee, die uns sprichwörtlich den Atem raubt. Der Schweizer Autor zeigt uns einmal mehr, dass er in allen Genres – in diesem Fall dem „Roman noir“ – brilliert.

Der Scheik von Aachen © Klett-Cotta Verlag

Der Scheik von Aachen

Brigitte Kronauer, Klett-Cotta Verlag, März 2017

Für Mario gibt Anita alles auf und kehrt in ihr Heimatdorf zurück. Doch als ihre Tante und Vertraute Emmi ihr eines Tages sagt: „Du liebst Mario nicht“, gerät sie ins Schwanken. Was treibt uns wirklich an, wenn wir lieben oder hassen? Ein scharfsinniger, in brillanter Sprache geschriebener Roman.

118 © Kookbooks

118

Steffen Popp, Kookbooks, Februar 2017

Die Welt besteht in all ihrer Komplexität und Vielfalt nur aus 118 chemischen Elementen. Von dieser Erkenntnis ausgehend kreiert Steffen Popp 118 Gedichte: wunderbare, lustige und originelle Gemälde, die sich durch ihren Klang und Rythmus auszeichnen. Sie schaffen ihrerseits eine Nomenklatur – diesmal poetischer Natur.

Kirio © S. Fischer Verlag

Kirio

Anne Weber, S. Fischer Verlag, Februar 2017

Wer ist Kirio? Ein Wahnsinniger, ein Heiliger, ein Außenseiter? Kirio läuft gern auf den Händen und findet Gefallen daran, die Perspektiven umzukehren. Er spielt Flöte und spricht mit den Steinen. Vor allem vollbringt er Wunder, ohne es zu merken. Dieser Roman ist sowohl Apostelgeschichte als auch philosophisches Märchen.

Kraft © C.H. Beck Verlag

Kraft

Jonas Lüscher, C.H. Beck Verlag, März 2017

Rhetorik-Professor Richard Kraft ist unglücklich in seiner Beziehung und steckt finanziell in der Zwickmühle. Als er eingeladen wird, an einer wissenschaftlichen Preisfrage teilzunehmen, ergreift er seine Gelegenheit. Ein zynischer Roman über einen Mann, der in den Trümmern seines Lebens steht und über eine Elite, die bereit ist, alle Tabus zu brechen.

Die stillen Trabanten © S. Fischer Verlag

Die stillen Trabanten

Clemens Meyer, S. Fischer Verlag, März 2017

Seit langem ist er ein echter Meister der Kurzgeschichte. Einmal mehr beweist es Clemens Meyer in dieser Sammlung, in der er von verlorenen Kämpfen und aufwühlenden Träumen erzählt: Geschichten unserer Zeit, so ambivalent wie unsere Leben, so finster wie unsere Welt, so schön wie unsere Hoffnungen.

Die große Heimkehr © Suhrkamp Verlag

Die große Heimkehr

Anna Kim, Suhrkamp Verlag, Januar 2017

Seoul, 1960: Drei Koreaner flüchten vor den Truppen der südkoreanischen Regierung, die kurz vor dem Zusammenbruch steht, und finden Zuflucht in Japan. Doch bald werden sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Diese Spionage-Geschichte, zugleich politischer und historischer Roman, zeigt die Unmöglichkeit, unter einer Diktatur zu leben.

Die Freiheit der Emma Herwegh © Carl Hanser Verlag

Die Freiheit der Emma Herwegh

Dirk Kurbjuweit, Carl Hanser Verlag, Januar 2017

Die Frau des Dichters Georg Herwegh ist des Öfteren durch Skandale aufgefallen: Die Tochter eines nach Paris ausgewanderten Bankers ist die einzige Frau, die sich 1848 einer militärischen Truppe anschließt, um die Revolution nach Deutschland zu bringen. Das Porträt einer Frau, die für Freiheit und gegen die Vorurteiler ihrer Zeit kämpft.

Übersetzungen ins Französische

Bêtes féroces, bêtes farouches © Actes Sud

Bêtes féroces, bêtes farouches

Karen Köhler, Actes Sud, April 2017
– frz. Übersetzung von Isabelle Liber
Originaltitel: Wir haben Raketen geangelt

Tagebuch, Postkarten und Erzählung in Blöcken: Dieser erste Erzählungsband von Karen Köhler verströmt Freiheit. Viele Prüfungen hält das Leben bereit: Liebe, Krankheit, Tod, Ausgrenzung... Inmitten dieser stürmischen Ereignisse suchen Männer und Frauen ihren (Über-)Lebensweg.

3000 € © Métailié

3000 €

Thomas Melle, Métailié, März 2017
– frz. Übersetzung von Mathilde Sobottke
Originaltitel: 3000 €

Einerseits wartet Antonin auf den Prozess, den ihm die Banken wegen seiner 3000 Euro Schulden angedroht haben. Andererseits wartet Denise nach ihrem Pornodreh auf den Gehaltsscheck - ebenfalls in Höhe von 3000 Euro. Beide begegnen sich an einer Supermarkt-Kasse, kommen sich näher, aber verstehen sehr bald, dass es ein „Happy End“ nur im Märchen gibt...

Greenland © Carnets Nord

Greenland

Heinrich Steinfest, Carnets Nord, März 2017 – frz. Übersetzung von Corinna Gepner
Originaltitel: Das grüne Rollo

Nichts hier war wie im Märchen. Es war die Realität von Greenland. In der Nacht, in der vor seinem Kinderzimmer-Fenster plötzlich ein grünes Rollo hängt, ändert sich für Theo alles. An der Oberfläche dieses Rollos: eine Unterwasserlandschaft, die von zwei Männern mit Ferngläsern überwacht zu werden scheint.

La huitième vie (pour Brilka) © Piranha

La huitième vie (pour Brilka)

Nino Haratischwili, Piranha, Januar 2017 – frz. Übersetzung von Barbara Fontaine und Monique Rival
Originaltitel: Das achte Leben (für Brilka)

Die junge Autorin georgischen Ursprungs feiert ihre Rückkehr mit einer starken, romantischen Saga: von London nach Berlin, von Wien nach Tiflis, von Sankt Petersburg nach Moskau – sie erzählt das romantische, teils tragische Schicksal einer georgischen Familie, das sich geradewegs in die finstere Geschichte des 20. Jahrhunderts verwirrt.

Koala © Zoé

Koala

Lukas Bärfuss, Zoé, Februar 2017
– frz. Übersetzung von Lionel Felchlin
Originaltitel: Koala

Nach dem Selbstmord seines Bruder kehrt Lukas Bärfuss in seine Heimatstadt zurück. Koala – das war der Pfadfindername seines Bruders. Lukas macht sich auf den Weg nach Australien, um mehr über dessen tragische Geschichte und die dort lebenden Koalas zu erfahren. Als ob ein Name ein Schicksal beeinflussen könnte.
 

L’île aux paons © Grasset

L’île aux paons

Thomas Hettche, Grasset, Februar 2017 – frz. Übersetzung von Barbara Fontaine
Originaltitel: Pfaueninsel

Inmitten der Havel, die westlich an Berlin vorbeifließt, ragt die Pfaueninsel hervor. Dort treffen die Besucher dieses mysteriösen Landfleckchens auf Marie und ihren Bruder Christian – zwei Zwerge, die die Höhen und Tiefen des preußische Königreichs miterleben.

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