Brüssel, zehn Jahre nach der Krise:
„Kein Abschluss, keine Arbeit!“

 „Kein Abschluss, keine Arbeit!“
Brüssel, zehn Jahre nach der Krise: „Kein Abschluss, keine Arbeit!“ | © Colourbox / Poul Carlsen

Überall in Europa zählten Jugendliche zu den ersten Opfern, die die Finanzkrise 2008 forderte. Während Belgien die Krise relativ gut überstanden hat, stellen Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt weiterhin eine der „Risikogruppen“ dar. Vor allem für weniger qualifizierte Arbeitskräfte bleibt der Einstieg ins Erwerbsleben nach Abschluss der Ausbildung schwierig. In Brüssel erhalten Jugendliche Unterstützung durch Initiativen wie „Jump naar werk“.

Von Julie Lamfalussy

In den meisten europäischen Ländern zeigte sich in den Jahren nach der Krise dasselbe Bild: „Die Jugendlichen wurden oft als Variable für Anpassungen herangezogen“. Sie fielen „dem Prinzip‚ wer zuletzt kommt, geht zuerst' zum Opfer und gleichzeitig erfolgten nur sehr wenige Neueinstellungen“, erklärt die Tageszeitung Le Monde[1]. Außerdem „führte die Immobilienkrise dazu, dass die Baubranche kollabierte, die normalerweise zahlreichen Jugendlichen mit niedrigem Ausbildungsniveau Arbeit bietet“, insbesondere in Spanien.
 
In Belgien waren die Auswirkungen der Krise weniger spürbar als in anderen europäischen Ländern: Die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen stieg von 18,8 % im Jahr 2007 auf 23,7 % im Jahr 2013[2]. Und obwohl sich die Situation in den letzten fünf Jahren weiter verbessert hat, sind viele Jugendliche heute auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Zwischen den einzelnen Regionen bestehen zudem erhebliche Unterschiede: Während sich die Jugendarbeitslosigkeit in Wallonien 2017 auf 29 % belief, lag sie in Flandern bei nur 12,8 %. „Spitzenreiter“ ist die Region Brüssel-Hauptstadt, wo im selben Zeitraum fast ein Drittel (33,2 %) der jungen Erwerbstätigen ohne Arbeit waren![3]

Die Jugendlichen brechen ihre Ausbildung zu früh ab

Brüssel befindet sich folglich im Zentrum der Krise, und besonders stark betroffen sind die Brüsseler Jugendlichen mit dem niedrigsten Ausbildungsniveau. „In Brüssel brechen 20 % der Jugendlichen die Schule schon nach Abschluss der Sekundarstufe I oder noch früher ab“, bestätigt Vincent Verrydt, Projektkoordinator „Jump naar werk“, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Schüler der Sekundarschule auf das Berufsleben vorzubereiten.

Er nimmt kein Blatt vor den Mund: „In Brüssel gilt die Devise: Kein Abschluss, keine Arbeit!“ Vor allem, da in der Hauptstadt „zahlreiche große Unternehmen aus der Finanzwirtschaft und dem Verwaltungsbereich tätig sind. Und diese Firmen sind hauptsächlich auf der Suche nach jungen Arbeitnehmern mit einem Bachelor- oder Master-Abschluss.“
 
Doch das niedrige Ausbildungsniveau erklärt nicht alles. Andere Faktoren wie Diskriminierung bei der Einstellung, fehlende Berufserfahrung, persönliche Gründe oder auch die Wirtschaftslage spielen ebenfalls eine Rolle und kommen noch erschwerend hinzu, merkt Bruxelles Formation an. Diese öffentliche Einrichtung, die für die Berufsausbildung der französischsprachigen Brüsseler zuständig ist, weist außerdem darauf hin, dass viele Jugendliche „nicht die nötigen Kompetenzen erworben haben, um den Erfordernissen und Erwartungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden“. Studiengänge in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT-Fächer) erfreuen sich beispielsweise bei Jugendlichen keiner großen Beliebtheit, obwohl Absolventen aus diesen Bereichen auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt wären.

Ein reibungsloser Übergang von der Schule ins Berufsleben

Um die Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen, wurden mehrere Initiativen ins Leben gerufen. Eine davon ist „Jump naar werk“, ein Programm, das darauf abzielt, die Jugendlichen bereits in der Sekundarschule mit Informationen zu versorgen, um ihnen die berufliche Eingliederung zu erleichtern. In verschiedenen Workshops (Treffen mit einem Arbeitgeber, Nutzung der sozialen Netzwerke, Besuch bei Actiris, Informationen über Gewerkschaften) erhalten die Jugendlichen wertvolle Hinweise für die Arbeitssuche.
Es geht auch darum, ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu geben: „Die Schüler, die an unserem Programm teilnehmen, sind sehr interessiert, aber beunruhigt. Sie bewegen sich auf unbekanntem Terrain und wissen nicht, ob sie nach Abschluss ihrer Ausbildung einen Arbeitsplatz finden werden, insbesondere seit der Krise“, erläutert Vincent Verrydt.
 
Zudem haben sich die EU-Mitgliedstaaten im April 2013 zur Umsetzung der „Jugendgarantie“ verpflichtet. Ziel dieser Verpflichtung ist es, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, indem gewährleistet wird, dass alle jungen Menschen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten, nachdem sie arbeitslos geworden sind oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben, ein qualitativ hochwertiges Angebot für einen Arbeitsplatz, eine Fortbildung, ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz erhalten.
In diesem Zusammenhang werden „Jump naar werk“ und sein französischsprachiges Pendant JEEP („Jeunes, Ecole, Emploi… tout un Programme!“) vom Europäischen Sozialfonds unterstützt und sind seit 2015 Teil des Regionalplans für die Jugendgarantie.

Quellen:

[1] https://www.lemonde.fr/emploi/article/2015/11/13/la-crise-de-2008-a-exacerbe-les-desequilibres-des-marches-du-travail-europeens_4809225_1698637.html
[2] Quellen: Statbel (EFT), Eurostat, Berechnungen Steunpunt WSE
[3] Quelle: Belgische Nationalbank: https://www.nbb.be/fr/publications-et-recherche/evolutions-statistiques-de-lemploi/marche-du-travail/taux-de-chomage-par-0 

 

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