Hotel City Plaza
Integration auf Augenhöhe

Das Hotel City Plaza
Das Hotel City Plaza | Goethe-Institut Athen/Florian Schmitz

Während in Europa heftig über Integration gestritten wird, gibt es Orte, an denen man sie einfach lebt. Einer dieser Orte befindet sich mitten in Athen. In einem stillgelegten Hotel leben rund 400 Geflüchtete gemeinsam mit freiwilligen Helfern. Ihre Devise: Gelebter Alltag, in Wertschätzung, auf Augenhöhe.

Der Viktoria-Platz im Herzen Athens hat keinen guten Ruf. „Hier gibt es zu viele Ausländer. Es wird mit Drogen gehandelt, geklaut und es gibt Prostitution an jeder Ecke“, berichtet ein Taxifahrer auf dem Weg in den vermeintlichen Problembezirk. Früher sei es hier besser gewesen, behauptet er.
 
Etwa zwei Minuten Fußmarsch vom Platz entfernt befindet sich ein eher unansehnlicher 60er Jahre Bau. Hotel City Plaza steht in abgeblätterten, roten Buchstaben an der Wand. Sieben Jahre lang stand das Gebäude leer. Seit einigen Monaten jedoch sind die Zimmer wieder ausgebucht. Nicht etwa von Touristen oder Geschäftsleuten, sondern von rund 400 Geflüchteten. Gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus Griechenland und ganz Europa halten sie das Gebäude besetzt. Die Verantwortung für das gemeinsame Leben wird geteilt. Dabei zeigt sich, dass Integration nicht zuletzt eine Frage von Augenhöhe ist.

Gemeinschaft und Zusammenarbeit

An der Rezeption sitzt Anastasia, eine 20-jährige Studentin aus Athen. „Dieses Projekt soll den Geflüchteten ein Dasein in Würde bereiten. Gleichzeitig ist es ein politisches Statement dahingehend, wie man mit Integration umgehen sollte“, erzählt sie. Als ein etwa 5-jähriges Mädchen aus Syrien die Treppe herunterrennt und ihr um den Hals fällt, unterbricht sie das Interview für einen kurzen Augenblick. Auch mit den Nachbarn habe es keinen großen Problemen gegeben, berichtet sie später. „Einige helfen sogar mit. Natürlich gab es zuerst Vorbehalte, aber wenn man mit 400 Geflüchteten Tür an Tür wohnt und merkt, dass nichts negatives passiert, dann hat man auch keine Angst mehr.“
 
Es herrscht ein munteres Kommen und Gehen. Angst muss hier niemand haben. „Hier haben die Familien ein Zimmer und können die Tür auch mal zumachen“, erklärt Cristian, ebenfalls freiwilliger Helfer aus Athen und diese Woche für das Essen zuständig. Etwa zehn Leute tummeln sich in der ehemaligen Hotelküche, formen Kichererbsenteig zu runden Falafeln, frittieren, pürieren und schmecken Soßen ab. Ein Franzose ist zu Besuch, beteiligt sich an den Arbeiten und filmt nebenher das, was eigentlich überall Normalität sein sollte: Gemeinschaft und Zusammenarbeit. Ein Engländer rührt Kräuter in einen Riesenkübel mit Joghurtsauce, während eine syrische Frau ihm mit Rat und Tat zur Seite steht.

Auch für den täglichen Dienst in der Küche steht Gleichberechtigung an erster Stelle. Auch für den täglichen Dienst in der Küche steht Gleichberechtigung an erster Stelle. | Goethe-Institut Athen/Florian Schmitz „Wer hier wohnt, muss fünf Stunden die Woche arbeiten“, kommentiert Cristian die Grundbedingung für den Aufenthalt im City Plaza. Dabei ginge es um alle Aufgaben, die im Zusammenleben anfallen: Putzen, Rezeption, Bardienst, Küche. Als Belastung versteht das hier niemand. Vielmehr scheint das Prinzip der Selbstverwaltung und die Verantwortung, die damit einhergeht, einen Sinn von Gemeinschaft zu stiften; nicht nur zwischen den Geflüchteten und den Freiwilligen, sondern auch zwischen den vielen ethnischen Gruppen und Nationalitäten, aus denen sich die Gemeinschaft zusammensetzt. 

Diplomatie gegen Eskalation

Natürlich gibt es auch Herausforderungen. „Es gab ein paar Probleme zwischen Afghanen und Syrern“, erklärt Dawood, 28 Jahre alt, selbst Afghane und vor seiner Flucht als Reporter und Übersetzer für die BBC und die New York Times tätig.
Wie die meisten Flüchtenden wollte auch er sein Land nicht verlassen. Doch vielen in der Heimat sei seine Arbeit mit den Ausländern ein Dorn im Auge gewesen. „Ständig hat man mir mit dem Tod und mit Gewalt gedroht. Ich habe nur noch mit einem Gewehr im Arm geschlafen. Diese ständige Angst habe ich auf Dauer nicht mehr ausgehalten und bin dann doch gegangen, schweren Herzens“, berichtet er traurig. Als es dann im Hotel City Plaza zu Konflikten zwischen einigen Geflüchteten gekommen sei, habe er zwischen den Parteien vermittelt und dem Streit entgegengewirkt, bevor die Situation eskalieren konnte. Nicht nur in solchen Situationen zeigt sich, wie fruchtbar die Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist. Eine junge griechische Ärztin, die zweimal die Woche im City Plaza Patienten versorgt, kommt zu uns an den Tisch und bittet Dawood, einem über 80-jährigen Mann aus der Nähe von Kabul, dem ein schwerer Leistenbruch zu schaffen macht, das weitere Vorgehen zu erklären.
 
„Das Problem ist, dass er zwar in die Notaufnahme kann, als Afghane aber keine griechische Meldenummer erhält, die wiederum nötig ist, um einen Termin zur Behandlung zu bekommen“, erklärt sie, während sie dem Mann die Adresse eines Krankenhauses aufschreibt. „Wenn man nicht aus Syrien kommt, ist es sehr schwierig Asyl und entsprechende Leistungen zu erhalten“, ergänzt Dawood. In der Tat kommt es in anderen Camps, nicht nur in Griechenland sondern auch in Deutschland, häufig zu Streitigkeiten unter Geflüchteten. Die zunehmend abschiebefreudige Stimmung in Europa hat einen Konkurrenzkampf unter ihnen ausgelöst. Die Angst, in ein sicheres Herkunftsland zurückgeschickt zu werden, wiegt schwer. Dabei zeigen Fälle wie die von Dawood, dass politische Einschätzungen über die Sicherheit in einem Land und die Realität nicht selten auseinanderklaffen.

Selbstverwaltung als Dauerlösung?

Gerade nach den Anschlägen in Berlin, Nizza oder Paris, der Silvesternacht 2015 auf der Kölner Domplatte oder der Vergewaltigung und dem Mord an einer jungen Freiburgerin, wächst die Angst unter den Europäern vor den Herausforderungen, die mit Integration einhergehen. Wie soll man umgehen mit Problemen wie der Unterdrückung von Frauen oder sexueller Gewalt? Auch in solchen Fällen setzt man im Hotel City Plaza auf Dialog. „Bei uns werden Männer und Frauen gleichberechtigt behandelt. Wir reden miteinander und wer seine Frau schlägt, fliegt raus“, erklärt Cristian. Auf diese Weise würden immer mehr Frauen aus sich heraus kommen und anfangen, mehr von sich zu erzählen. In der Gemeinschaft entstehe ein Gefühl von Schutz und Sicherheit für alle.
 
Dass es auch im Hotel City Plaza vereinzelt zu Gewalt und Konflikten kommt sei dabei nicht allein den kulturellen Unterschieden geschuldet. „Wenn man auf engstem Raum zusammenlebt, dann steigt die Spannung erheblich“, sagt Cristian und macht so deutlich, dass auch die Situation im Hotel City Plaza keine Lösung auf Dauer ist. Denn auch wenn Selbstverwaltung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu einer besonderen Wertschätzung des gemeinsamen Lebens führen können, sind Projekte wie das Hotel City Plaza rar. Offiziell gelten die Bewohner des Hotels als Hausbesetzer und werden von Polizei und Regierung nur geduldet, jedoch keineswegs offiziell anerkannt. Auch die Besitzerin ist nicht einverstanden mit der derzeitigen Nutzung ihres Hotels.
 
Dass das Hotel bisher nicht geräumt wurde, liegt wohl nicht nur daran, dass es, auch aufgrund der Beschaffenheit des Projektes, bis jetzt nur zu wenigen Problemen gekommen ist. Vielmehr mangelt es in der öffentlichen Verwaltung der Stadt an eigenen Strategien dafür, wie ein friedliches Zusammenleben auf lange Sicht zu Stande kommen könnte.
Dabei zeigt das Hotelprojekt am Viktoria-Platz zum einen, dass Integration ein situativer Prozess ist, der sich im Mikrokosmos des gelebten Zusammenseins abspielt, und zum anderen, dass die Konflikte und Probleme, die nun auf Europa zukommen, am effektivsten in der direkten Zusammenarbeit mit den Geflüchteten und der Zivilgesellschaft gelöst werden können.