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Mit Inseln denken

kyklada.press
© kyklada.press

kyklàda.press ist ein Verlag in Athen, der von Künstler*innen während der Pandemie gegründet wurde. Stefanie Peter, Programmleiterin des Goethe-Instituts Athen, sprach mit David Bergé und Dimitra Kondylatou, zwei Mitgliedern des Herausgeber*innenteams, über das Projekt.

Sie haben einen Verlag gegründet: wie sind Sie auf die Idee gekommen und wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben?
 
David: Künstlerische Praxis verstehe ich als etwas, das so fließend ist wie ein menschlicher Körper, ein lebender Organismus. Ein Körper kann sich bewegen, reisen, isolieren, fokussieren, lockern, unterschiedlich formen, krank werden, sich erholen, mit anderen Körpern in Beziehung treten, essen und ruhen. Wenn eine Pandemie zuschlägt, wandeln sich auch die künstlerischen Praktiken, in meinem Fall hin zu einem eher regionalen Ansatz. Gleichzeitig habe ich in einigen meiner letzten Arbeiten mit Sprache, Sprechen und Schreiben experimentiert, und, statt diesen Weg allein zu verfolgen, habe ich ihn für eine kleine Gruppe von Menschen in meiner Umgebung geöffnet. Für mich ist die Landschaft der Kykladen sowohl rural als auch urban. Sie findet ihre Fortsetzung in den Stadthügeln von Athen. Hier entstand die Idee für ein Schreibexperiment zur Verbreitung von Wissen über den ägäischen Archipel.
 
Was die Praxis von kyklàda.press angeht, so ist unser Ansatz weder autoren- noch disziplinenzentriert. Das sechsköpfige Team produziert vier Bücher, durch Dialog und gemeinsame Recherche, oft beeinflusst und verstärkt durch bereits laufende Recherchen der beteiligten Teammitglieder. Als Team können wir in etwa neun Sprachen lesen, sind mit Diskursen in verschiedenen Wissensgebieten vertraut und haben Zugang zu einer Menge praktischer Fähigkeiten, die beim Self-Publishing zum Tragen kommen: von der Idee bis zum Lektorat, vom Design bis zum Druck, vom Einrichten eines Webshops und eines Instagram-Accounts bis zum nötigen Know-how, bereits existierende Netzwerke von Logistik und Vertrieb parasitär zu nutzen.
 
Als bildende Künstler*innen sind Sie andere Präsentationsformen gewohnt. Was macht das Verleger-Sein so attraktiv? Und ist das nicht auch der Situation geschuldet, dass Ausstellungseröffnungen als soziale Ereignisse in vielen Weltgegenden zur Zeit unmöglich sind?
 
David: Ich muss zugeben, dass es nicht immer einfach war, die Bücher mittels Videokonferenzen und gemeinsamer Dokumente zu produzieren. Idealerweise hätte das Projekt als physische Schreibwerkstatt begonnen, in der wir die Praktiken der anderen wirklich hätten kennenlernen können, bevor wir uns auf ein solches Unterfangen einließen. 
 
Eine Performance oder auch Installationskunst live zu erleben ist in der Tat anders als Bücher zu machen. In den meisten Fällen ist Lesen ein innerer, ungeselliger Vorgang. Das Taschenformat der kyklàda.press-Publikationen lädt zu einer anderen Art von Intimität ein, aber sie sind keineswegs dazu gedacht, räumliche oder zeitliche Präsentationen zu ersetzen.
 
Dimitra: Als Mitglied des Herausgeber*innenteams und mitten in der Ausgangssperre finde ich auch die Fähigkeit von Büchern wichtig, uns vom Bildschirm wegzuziehen. Da viele unserer Aktivitäten heute online stattfinden, kann die Körperlichkeit des offline-Lesens und die Materialität von Büchern eine beruhigende Wirkung auf unsere alltägliche Erfahrung in Innenräumen während der Sperrstunde haben.
 
David: Bei kyklàda.press arbeiten wir neben der Buchreihe, von der jetzt die ersten vier Titel erschienen sind, auch an dem, was wir vorläufig "Corpoterranea" nennen, Umgebungen: neue Formen des Zusammenseins in einer post-pandemischen Welt, mit Büchern und miteinander, aber das ist für nächstes Jahr!
 
kyklàda.press: ist der Name hier Programm?
 
David: Ich zitiere unser Teammitglied Juan Duque: „Durch die Navigation hat unser verwestlichter Sinn für Perspektive einen gemeinsamen Horizont etabliert, der Inseln zu visuellen Punkten auf der Meeresoberfläche reduziert. Wir von kyklàda.press glauben, dass Inseln keine exotischen Gebilde sind, die allein in den Gewässern liegen. Inseln bleiben mit dem Festland und untereinander verbunden, von den Gipfeln der Berge bis zu den verborgenen Topographien des Meeresbodens: Myriaden von Lebewesen und nicht-organischer Materie in ständiger Symbiose mit dem Wasser; tektonische Platten, Rohre für fossile Brennstoffe und Datenkabel“.
 
Dimitra: Normalerweise verwenden wir das Wort im Plural, wenn wir uns auf die Kykladen beziehen. Kyklàda - im Singular - beschreibt einen Kreis oder etwas, das einen umgibt. Es bezieht sich auf unsere Methodik, Konzepte oder Dinge von den verschiedenen Standorten und intellektuellen Positionen der internationalen und interdisziplinären kyklàda.press-Teammitglieder aus zu reflektieren. 
 
David: Der Name stammt aus einem frühen Gespräch mit Dimitris Theodoropoulos und Nicolas Lakiotakis, in dem wir auf κύκλος die kreisförmige Formation der Kykladen anspielten, deren Zentrum ungefähr die Insel Delos ist. Das Verlags-Logo spaltet diesen Namen in drei verschiedene Laute auf: KY - KLÀ - DA, eine Anspielung auf Pulsar, ein Gedicht aus 1975 des brasilianischen Dichters Augusto de Campos und Lied von Caetano Veloso. Veloso und de Campos waren in den späten 1960er Jahren zentrale Figuren der Tropicália-Bewegung in Brasilien, die versuchte, durch Musik, Theater, konkrete Poesie und Film eine brasilianische Antwort auf den dominierenden amerikanischen und europäischen gradlinigen Kapitalismus und Modernismus zu formulieren.
 
Mit jedem Band der kyklàda.press-Reihe - wir haben gerade die ersten vier veröffentlicht - bilden wir langsam einen Katalog flüssiger Formen der Moderne: körperliche, historische und aktuelle, reale und imaginative.
 
Der Band "Public Health in Crisis. Confined in the Aegean Archipelago " erscheint mit Unterstützung des Goethe-Instituts Athen. Worum geht es kurz gesagt in diesem Band?
 
David: Das ist für Dimitra, die Initiatorin dieses Buches.
 
Dimitra: "Public Health in Crisis. Confined in the Aegean Archipelago " konzentriert sich auf den Begriff des Eingeschlossens eins und versammelt Fragmente des Alltagslebens und des Gesundheitsmanagements während vergangener Pandemien in der Region. Als David mich einlud, an kyklàda.press teilzunehmen, recherchierte ich gerade über das Lazarett auf Syros für den Workshop „Alternate Paths“, den ich auf dem Syros International Film Festival durchführen wollte. Lazarette waren die ersten organisierten Quarantäneeinrichtungen für Reisende und für Waren, die im 15. Jahrhundert im von der Pest heimgesuchten Venedig eingerichtet wurden, und ein historischer Präzedenzfall für Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit Reisen. Während ich mehr über sie lernte, wurde mir klar, dass die Quarantäne jahrhundertelang eine übliche, unangenehme, obligatorische Etappe war, die zum Reisen dazugehörte. Für dieses Buch haben wir das historische Paradigma der Lazarette als Ausgangspunkt gewählt, um den herum sich historische, geopolitische, theoretische und erfahrungsbezogene Aspekte des Raum-, Reise- und Gesundheitsmanagements entfalten. Das Team von kyklàda.press hat sich mir angeschlossen und mir geholfen, dieses reiche Material weiter zu erforschen. In dieser Ausgabe nähern wir uns Manifestationen des Eingeschlossenseins, indem wir über religiöse und medizinische Praktiken gegen die Pest nachdenken, indem wir Erfahrungen und Eindrücke von Reisenden zitieren, die auf Schiffen unter Quarantäne gestellt wurden, und von Gebäuden, die extra für sanitäre Zwecke gebaut wurden, die uns einen Einblick in die Zustände der Kontrolle gaben, die durch Architektur und Gesetzgebung geregelt und gesichert wurden. Die Hungersnot auf Syros während der Besetzung Griechenlands durch die Achsenmächte in den 1940er Jahren, die von Nicolas Lakiotakis beschrieben wird, beleuchtet eine andere wichtige Perspektive, in der die auferlegte Einschließung nicht das Ergebnis, sondern die Ursache einer Gesundheitskrise war. In allen Fällen kursiert Angst. Die Angst, wie sie im Beitrag von Hulya Ertas beschrieben wird, verursacht durch die Erfahrung von Tod, Trauer, Verlust, Isolation, Einschränkung, des Unbekannten. Dieses Buch ist unser Versuch, anhand von Fragmenten und Materialien aus der Vergangenheit über die heutige Situation nachzudenken, die wir, da sie noch im Gange ist, nicht vollständig erfassen können.
 
kyklàda.press Team 2020:
Juan Duque, Dimitra Kondylatou, Nicolas Lakiotakis, Hulya Ertas, Denis Maksimov, Costas Kalogeropoulos (grafik), Roland Brauchli (grafik), Foteini Salvaridi (Soziale Medien Koordinatorin) und Dimitris Katsanis (Website Koordinator)
 
Serienregie: David Bergé
 
Schlüsselwörter: Inseltopografien, Archipelkultur, Erfahrungen in Landschaften, Urbanismus, Architektur, Körperlichkeit, historische (Dis-) Kontinuitäten, queere Kultur, Gleichstellung der Geschlechter, Nicht-patriarchat, Reise- und Tourismuserzählungen, Fotografie, Kunst und Poesie.
 
Public Health in Crisis. Confined in the Aegean Archipelago”
 
Epidemien und Pandemien untergraben Gesellschaften und heben die Verwundbarkeit der Beziehungen hervor, die die Menschen zum Land, zu anderen Arten und untereinander pflegen. Dieses Buch präsentiert Fragmente des Gesundheitsmanagements im Mittelmeerraum ab dem 15. Jahrhundert und im Ägäischen Archipel in den letzten beiden Jahrhunderten. Von religiösen über medizinische Ansätze zur Bekämpfung der Pest über die Einrichtung von Lazaretten, bis hin zur Hungersnot im besetzten Syros und zu Geisterschiffen, die auf dem Mittelmeer treiben: Bürger sind gezwungen, Bürgern auszuweichen. Öffentliche Gesundheit in der Krise: Beschränkung versus Mobilität, Erinnerungen an totalitäre Regime.
 
Mit Unterstützung des Goethe-Instituts Athen.
 
Autoren: Dimitra Kondylatou, Nicolas Lakiotakis, Hulya Ertas, David Bergé
96 Seiten, 120 x 162 mm
Druck: Offset
Abbildungen: Farbe, s / w
ISBN: 97-894-64202-81-6
Sprache: Englisch
Erscheinungstermin: Dezember 2020
Preis: 8 Euro
 
www.kyklada.press
 
 

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