Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Berlinale Blogger 2018
Schlechte Laune

Waldheims Walzer
Waldheims Walzer | Filmstill: © Ruth Beckermann Filmproduktion

​Unser Berlinale-Blogger Gerasimos Bekas hat sich, erster Bedenken zum Trotz, Ruth Beckermanns Waldheims Walzer angesehen und empfiehlt den Film sehr, aber in passender Begleitung.

Von Gerasimos Bekas

Dinge, die man an einem eisigen Berliner Wintermorgen lieber nicht tun sollte: aufstehen, rausgehen, Filme über Nazis schauen. Ich versuche es trotzdem und wappne mich mit zwei doppelten Espressi, im mitgebrachten Becher natürlich. Dann ergibt sich ein Schwatz mit einem italienischen Filmteam. Der Kameramann sagt, ich sehe aus wie irgendein berühmter Schauspieler. Ich merke mir den Namen nicht, weil sowas sowieso nie stimmt und dann ist man enttäuscht. Aber es klingt erstmal nett. Ab ins Kino.

Täter und Opfer

Ruth Beckermann, in den 1980er-Jahren selbst als Anti-Waldheim-Aktivistin unterwegs, hat sich die Waldheim-Affäre vorgenommen und mit Archivmaterial sowie eigenen Aufnahmen ein dokumentarisches Essay geschaffen, das nicht nur ein plastisches Bild von Kurt Waldheim hinterlässt, sondern die Mechanismen einer Gesellschaft offenlegt, die allzu leicht bereit ist, die Täter- gegen die Opferrolle einzutauschen.
 
Während der 1940er-Jahre bekämpfte Kurt Waldheim Partisanen auf dem Balkan, bekleidete hochrangige Positionen in Nordgriechenland sowie Athen und war mitverantwortlich für die Deportation griechischer Juden. Waldheim wurde vom NS-Offizier unter anderem zum UN-Generalsekretär und 1986 österreichischer Bundespräsident. Seine NS-Vergangenheit, die er bis dahin weitgehend verheimlichte, wurde in Österreich über vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum Wahlkampfthema, Bundespräsident wurde er trotzdem. Im Dezember 2018 könnte Waldheim seinen hundertsten Geburtstag feiern, wenn er nicht 2007 gestorben wäre.

Faschismus als Tradition

Nein, das war mir nicht neu und ja, ich habe trotzdem schlechte Laune. Das ist ein Dokumentarfilm, der in den 1980ern spielt. Ich kann nicht einfach rausgehen und so tun, als ob die Debatten, die im Film vorkommen, der Vergangenheit angehören. Waldheims wird es immer geben. Es ist die Kombination aus Opportunismus und Dreistigkeit, die solche Figuren ausmacht. „Ich war anständig“, heißt das Mantra, und das wirkt so perfide wie unglaubwürdig.
 
Schließlich offenbart der Film vor allem eines: Menschenfeindliche Ideologien haben Tradition und ihre Denkmuster haben sich nicht in den letzten Jahren neu entwickelt, sondern sie tauchen wieder aus der Versenkung auf. Beckermann nimmt sich im Film weitgehend zurück, ihre Haltung ist dabei trotzdem klar, sie versucht mit 30 Jahren Abstand zu reflektieren, was da eigentlich los war. Waldheims Walzer ist ein starker Film, weil er in stolzen 93 Minuten vermittelt, wie sich Geschichtsvergessenheit anfühlt. Ich kann deshalb nur empfehlen, ihn mit Menschen zu sehen, die man liebt, und sich danach gemeinsam zu betrinken. Currywurst hilft auch.

Top