Malé

Roman Ehrlich: Malé. Roman © Verlag S. Fischer Roman Ehrlich: Malé. Roman
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2020, 288 Seiten


In Malé, der Hauptstadt der Malediven, steigt der Wasserspiegel gefährlich an und nichts scheint die Insel vor der bevorstehenden Katastrophe retten zu können. Wir befinden uns ungefähr im Jahr 2040. Auf dem einstigen Urlaubsparadies, das langsam aber sicher versinkt und von einem Professor geführt wird – der seinerseits von den Milizen, die die Kontrolle des Inselstaates übernommen haben geduldet wird – hat eine Menge heimatloser Wanderseelen Zuflucht gefunden: Frances Ford, zum Beispiel, die in den USA Deutsche Literatur studierte und bis Malé reiste, auf der Suche nach dem verschwundenen deutschen Lyriker Judy Frank; oder der Vater der Schauspielerin Mona Bauch, die unter rätselhaften Umständen vermeintlich auf Malé ums Leben gekommen ist und eine Affäre mit Judy Frank gehabt haben könnte. Der Autor Roman Ehrlich (geb. 1983), der trotz seines jungen Alters schon sechs Bücher vorzuweisen hat, lehnt sich im vorliegenden Roman an viele Literaturgenres an: dystopischer Roman, Krimi, Science Fiction, Climate Fiction. Dass das Buch trotzdem weder bloß eine Assemblage von literarischen Stils und Genres noch nur ein Kommentar zu den dringlichen ökologischen Debatten unserer Zeit ist, zeugt von seinem literarischen Wert. In Malé baut der Autor ein dichtes Netz von Geschichten, Metaphern, Zeichen und Symbolen auf. Vor allem sucht er aber Utopiefragmente in der Dystopie. In diesem unwahrscheinlichen Ort, der vor anarchischer Energie pulsiert und an einer Stelle mit Westberlin der 1980er Jahre verglichen wird, sind alle, die sich dort eingefunden haben, früher oder später mit sich selbst konfrontiert, mit ihren Hoffnungen, Ängsten, Erwartungen, und zugleich mit der Möglichkeit, ihren eigenen Individualismus zu überwinden und ein neues Solidaritätsgefühl zu erforschen.

Marina Agathangelidou © Marina Agathangelidou Von Marina Agathangelidou
Marina Agathangelidou, geboren 1984 in Athen, lebt in Berlin. Sie studierte Theaterwissenschaft und literarisches Übersetzen in Athen und promovierte anschließend am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Seit 2006 ist sie als freie Übersetzerin tätig.


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