Die koreanische Gesellschaft und die politische
Ästhetik von Hannah Arendt

Hannah Arendt Interview Pt I © Eléonore Roedel

2025 rückte Hannah Arendts Denken erneut ins internationale Rampenlicht: Zum 50. Todestag der politischen Theoretikerin intensivierten sich weltweit die wissenschaftlichen Debatten. Gleichzeitig veröffentlichte Professorin You‑Kyung Suh ihr lang erwartetes Buch „The Political Aesthetics of Hannah Arendt“, an dem sie über zehn Jahre gearbeitet hat – in Korea ausgezeichnet mit dem Wissenschaftspreis der Political Science Association.

Welche neue Perspektiven bieten Sie in ihrem Buch „The Political Aesthetics of Hannah Arendt“ auf die nationale und internationale Arendt-Debatte? Und wie lautet Ihre zentrale These? 
Hannah Arendt ist vor allem eine sehr unabhängige politische Denkerin. In ihrem Gespräch mit Günter Gaus hat sie sich 1964 selbst als politische Theoretikerin bezeichnet. Heute gilt sie für viele allerdings als eine der größten politischen Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. In meinem Buch gebe ich Arendt den neuen Titel einer „politischen Ästhetin“, denn als politische Philosophin hat sie einen neuen akademischen Horizont für die „politische Ästhetik“, eine Unterdisziplin der politischen Philosophie, eröffnet.

Konkret beziehe ich mich mit meiner These auf Arendts Ankündigung von 1972 im Rahmen einer Konferenz, eine neue politische Philosophie verfassen zu wollen. Teile dieser „neuen politischen Philosophie“ sind in ihrem Werk Vom Leben des Geistes enthalten. Damals hat Arendt die Kerngedanken und Ziele ihrer neuen politischen Philosophie erläutert: „Entscheidend für eine neue politische Philosophie wird eine Untersuchung der politischen Bedeutung des Denkens sein, das heißt der Sinnhaftigkeit und der Bedingungen des Denkens für ein Wesen, das niemals im Singular existiert und dessen wesentliche Pluralität bei weitem nicht dadurch erfasst ist, dass man zur traditionellen Auffassung von der menschlichen Natur eine Ich‑Du‑Beziehung hinzufügt.“ (Quelle: Concern with Politics in Recent European Philosophical Thought, in Hannah Arendt, Essays in Understanding 1930-54, S. 445)

Mit The Political Aesthetics of Hannah Arendt wollte ich für Arendt-Forscher*innen in Korea und aller Welt eine umfassende Form dieser „neuen politischen Philosophie“ bereitstellen, die Arendt zu Lebzeiten entwickelt hat. Als Arendt am 4. Dezember 1975 starb, hinterließ sie in ihrer Schreibmaschine ein Stück Papier, auf dem nur ein Wort stand: „Judging“, Urteilen. „Denken, Wollen und Urteilen“ lautet das letzte Kapitel ihres Buchs Vom Leben des Geistes, das ursprünglich als Trilogie geplant war. Kurz gesagt stellt uns die endgültige Fassung ihrer neuen politischen Philosophie also bis heute vor ein Rätsel. Doch ich war fest entschlossen, dieses Rätsel eines Tages zu lösen, und mit The Political Aesthetics of Hannah Arendt habe ich dieses Ziel nun erreicht.

Ich gehe davon aus, dass Arendts neue politische Philosophie ihrem Wesen nach eine „politische Ästhetik“ ist. Diese Behauptung stütze ich auf drei Punkte. Erstens, wenn die Ästhetik formal betrachtet eine Unterdisziplin der Philosophie ist, dann kann die politische Ästhetik als Unterdisziplin der politischen Philosophie betrachtet werden. Zweitens, wenn sich die Ästhetik mit der „Schönheit“ und „Hässlichkeit“ von Objekten wie Kunstwerken auseinandersetzt, dann kann die politische Ästhetik als Auseinandersetzung mit der Schönheit und Hässlichkeit unserer „Worte“ und „Taten“ und damit unseres „politischen Handeln“ definiert werden. Drittens lässt sie sich unmittelbarer auf Kants dritte Kritik zurückführen, die Kritik der Urteilskraft, die das Ästhetische und das Teleologische in den Blick nimmt. Es gibt Hinweise darauf, dass Arendt ihre eigene neue politische Philosophie auf ihre theoretischen Erkenntnisse von der politischen Bedeutung der „Urteilskraft“ gestützt hat. Entsprechend erläutere ich in The Political Aesthetics of Hannah Arendt systematisch, wie der Kant’sche Ästhetikbegriff bei Arendt zu einer politischen Ästhetik entwickelt hat. Zu diesem Zweck führe ich für Korea neue Begriffe wie „Arendtianismus“, „Arendts Polis“, „Arendts archimedischer Punkt“, „die Phänomenologie des Denkens“ und „das umgekehrte Cogito“ ein.

Dabei folge ich in The Political Aesthetics of Hannah Arendt im Großen und Ganzen zwei Hauptargumenten. Arendts „neue Philosophie“ ist vor allem eine Umkehrung der westlichen Trennung von Philosophie und Politik oder Denken und Handeln und damit der theoretische Versuch, mit der platonistischen Tradition der Philosophie zu brechen. Es ist im Grunde eine theoretische Anleitung gegen die Katastrophen, die sich aus einer Trennung von Denken und Handeln ergeben können, wie Eichmanns Verbrechen gegen die Menschlichkeit gezeigt haben. Die Überzeugungskraft ihrer Anleitung weise ich anhand der Phänomenologie des Denkens nach. Als zweites Argument führe ich an, dass Arendts Neuinterpretation der Athener Demokratie der Antike aus einer deutschen existentialistischen Perspektive eine Bereicherung für unser Verstehen und Erfassen der partizipativen Demokratie, deliberativen Demokratie und demokratischer Neuerungen in der Gegenwart ist. Denn Arendts politische Ästhetik verlangt ästhetische Überlegungen zur Bedeutung und zu den Methoden unserer politischen Partizipation im 21. Jahrhundert aus der Perspektive einer existenziellen politischen Ontologie.

The Political Aesthetics of Hannah Arendt soll in diesem Jahr in englischer Sprache erscheinen. Als Wissenschaftlerin und Verfasserin dieses Buchs sowie als Übersetzerin der wichtigsten Werke Hannah Arendts haben Sie einen Beitrag zur Vermittlung ihres Denkens geleistet. Auf welche Herausforderungen sind Sie bei der Übersetzung von Arendts komplexen Konzepten und Begriffswelten ins Koreanische gestoßen? Könnten Sie einige Schlüsselkonzepte oder Begriffe benennen, die sich in der anderen Sprache besonders schwer darstellen ließen? Und denken Sie, dass Arendts Denken im kulturellen und sprachlichen Kontext Koreas eine andere Bedeutung erhalten könnte?
Eine Schwierigkeit bei der Übertragung von Arendts komplexen Konzepten und Begriffswelten in die koreanische Sprache besteht darin, dass viele ihrer Konzepte oft mehr als eine Bedeutung haben. Beispielsweise der Begriff des „öffentlichen Raums“, der sich auf theoretische Erkenntnisse von der Athener Polis stützt. Damit bezieht sie sich auf den physischen Raum der Welt des Menschen oder die Welt, aber auch auf den geistigen Raum des „Bezugsgewebes menschlicher Angelegenheiten“ oder den „Zwischenraum zwischen Menschen“. [1]

Weniger eindeutig ist der Begriff der „Pluralität“ als wichtigster Grundbegriff in Arendts politischem Denken mit seinen vielen Überschneidungen. Er wird häufig synonym mit „menschlicher Pluralität“ verwendet, und ich behaupte, dass er mindestens drei verschiedene Bedeutungen hat, nämlich „Pluralität“, „Pluralität der Perspektive“ und „menschliche Pluralität“. [2]

Im Übrigen deuten viele Arendt-Forscher*innen „Pluralität“ im Sinne von „Plural“ und laufen damit Gefahr, den tieferen Sinn von Arendts politischer Philosophie nicht richtig wiederzugeben. Es ist wichtig zu verstehen, dass Arendt nicht einfach nur eine Philosophin, sondern eine „politische“ Philosophin war. Wie politische Begriffe wie „Herrschaft der Mehrheit“, „Mehrheitsmeinung“ und „Mehrheits- und Minderheitengruppen“ zeigen, darf nicht vergessen werden, dass in der Politik der Begriff der „Mehrheit“ und nicht der Pluralität von Bedeutung ist. [3]

Die Frage, ob Arendts Denken im Kontext der koreanischen Kultur und Sprache eine andere Bedeutung haben könnte, würde ich verneinen. Korea hat seit 1948 als Verbündeter des Westens und insbesondere der USA eine rasche Verwestlichung durchlaufen. Die so genannten „westlich Gebildeten“ haben eine zentrale Rolle als Verfechter*innen der westlichen Kultur in allen Bereichen gespielt: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Bildung. In diesem Zusammenhang ergeben sich einige Schwierigkeiten bei der Vermittlung des wahren Sinns von Arendts Denken. Doch wie ich bereits angemerkt habe, gibt es klare Unterschiede zwischen Forscher*innen und Übersetzer*innen, was das korrekte Verstehen und Übertragen von Arendts einzigartigen Begriffswelten und Argumenten ins Koreanische betrifft.

Sie haben gesagt, Sie hoffen, in Ihrem Buch Hannah Arendts komplexe Philosophie so zu erläutern, dass sie einer breiteren Leserschaft zugänglich wird, und ihre Theorien auf die demokratische Entwicklung in Korea anzuwenden. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen Arendts Konzept der Zivilgesellschaft und der gesellschaftlichen Realität und historischen Erfahrung in Korea? Was hat sie außerdem aus wissenschaftlicher Sicht motiviert, Arendts Denken einem koreanischen Publikum vermitteln zu wollen?
Arendt hat die realen Bedingungen einer totalitären Politik nach Hitlers Machtübernahme 1933 am eigenen Leib erfahren. Ohne diese Erfahrungen wäre sie womöglich keine politische Theoretikerin geworden. Sie wollte verstehen, wie sich eine totalitäre Herrschaft überwinden lässt. Dafür hat sie sich mit der klassischen Athener Demokratie auseinandergesetzt, die wir Menschen als Ideal aller Staatsformen betrachten. Nach ihrer Emigration in die Vereinigten Staaten 1941 hat sie aus erster Hand die Massen-Demokratie im amerikanischen Stil erlebt, von der Alexis de Tocqueville gesprochen hatte. In diesem Prozess hat sie die Probleme der modernen Demokratie durch eine Gegenüberstellung mit dem antiken Ideal ermittelt und Verbesserungsmöglichkeiten entwickelt. Ich denke, es gibt Parallelen zwischen Arendts persönlichen Erfahrungen und ihrem kritischen Bewusstsein einerseits und den Totalitarismus-Erfahrungen einer Militärdiktatur und dem Kampf für Demokratie der Koreaner*innen im vergangenen Jahrhundert andererseits. Denn auch die Menschen in Korea haben nach nahezu 26 Jahren Militärdiktatur den Übergang in eine demokratische Gesellschaft vollzogen.

Meine wissenschaftliche Motivation ist darauf zurückzuführen, dass Arendts politische Theorie und Philosophie so große Relevanz für das Verständnis und die Erläuterung unserer aktuellen Lebensumstände haben. Beispielsweise denke ich, um die Entwicklung der koreanischen Demokratiebewegung zu verstehen, bieten Arendts Thesen vom politischen Handeln, dass nämlich „[d]er Sinn von Politik […] Freiheit, und der Raum ihrer Verwirklichung das Handeln [ist]“ und von der partizipativen Demokratie, laut der unsere Bürger*innen über politische Beteiligung nach dem „Glück des Öffentlichen“ streben, ausgesprochen überzeugende Erklärungsmuster. Beispielsweise können die Kerzenlicht-Revolution von 2016-17 und die „Proteste mit Leuchtstäben“ von 2024, die auf eine Amtsenthebung des Ex-Präsidenten zielten, als politisches Handeln in Form friedlicher Bewegungen des zivilen Ungehorsams betrachtet werden. Um es mit Arendts Worten zu sagen, war dies ein politisches Handeln von Bürger*innen in ihrem Streben nach Freiheit und öffentlichem Glück.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Wahrnehmung von Hannah Arendt in Korea durch Ihre Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen geändert? Und wie sind Arendt-Forscher*innen miteinander vernetzt? Mich würde interessieren, ob es in Korea einen regelmäßigen Austausch gibt oder die Zusammenarbeit mit internationalen Forscher*innen mehr Gewicht hat. Außerdem würde ich gern wissen, ob es offizielle Austausch- oder Kooperationsformate mit deutschen Forschungseinrichtungen oder Expert*innen gibt.
Ich gehe davon aus, dass es mindestens ein oder zwei Jahre dauern wird, bis sich eine akademische Wirkung von The Political Aesthetics of Hannah Arendt nachvollziehen lässt. So viel Zeit wird nötig sein, damit die Inhalte des Buchs einem größeren Publikum bekannt werden und sich anschließend ein Diskurs in der Wissenschaft entwickeln kann. Im Gegensatz dazu hoffe ich vorsichtig darauf, dass Forscher*innen und Leser*innen in aller Welt nach der Veröffentlichung der englischen Ausgabe 2026 eine neue Perspektive auf Hannah Arendts einnehmen.

Soweit ich informiert bin, sind Arendt-Forscherinnen in Korea an Aktivitäten der koreanischen Hannah-Arendt-Gesellschaft und der koreanischen Gesellschaft für politisches Denken beteiligt und arbeiten von Zeit zu Zeit mit Arendt-Spezialist*innen in Japan und Deutschland zusammen. Mit der Veröffentlichung dieses Specials anlässlich des 50. Todestags von Hannah Arendt wollen wir beim Goethe-Institut dazu beitragen, dass sich mehr und unterschiedlichere Gelegenheiten für einen offiziellen Austausch und eine Zusammenarbeit zwischen deutschen Forschungseinrichtungen und Expert*innen und koreanischen Arendt-Forscherinnen bieten.

Arendts Werk deckt eine Vielzahl von Genres ab, darunter wissenschaftliche Bücher, Essays, Artikel und Interviews. Welches dieser Werke hat bei Ihnen den größten Eindruck hinterlassen? Und welches würden Sie Leser*innen empfehlen, die noch nicht mit Arendt vertraut sind?
Von Arendts Gesamtwerk hat mich Vita activa oder Vom tätigen Leben am meisten beeindruckt. Nach meiner ersten Begegnung mit diesem Buch 1996 habe ich beschlossen, mich in meinem Studium mit Arendts politischer Philosophie auseinanderzusetzen. Von Arendts Interviews hat sich das mit Gaus, in dem Arendt ihre akademische Identität offenlegt, am meisten in meine Erinnerung eingebrannt.

Arendt ist eine unglaublich vielseitige politische Philosophin und Schriftstellerin. Für Studierende, die sie noch nicht kennen, könnte Zwischen Vergangenheit und Zukunft eine gute Wahl sein. Es ist eine Art Glossar, das die Unterschiede zwischen den konzeptionellen Kategorien von Arendts politischem Denken – Freiheit, Herrschaft, Geschichte, Tradition und Kultur – und den traditionellen konzeptionellen Kategorien der westlichen Philosophie erläutert. Für erwachsene nicht-akademische Leser*innen würden Bücher wie Menschen in finsteren Zeiten, Die Krise der Republik oder Verantwortung und Urteilen vermutlich einen besseren Zugang bieten. Diese Bücher illustrieren komplexe Konzepte anhand bekannter Persönlichkeiten und realer Ereignisse.

In unserem Gespräch konnte ich mich davon überzeugen, welchen Stellenwert Hannah Arendts Denken für den koreanischen Kontext hat und wie wichtig es ist, diese Gedanken zu übersetzen und zu vermitteln. Frau Professor You-Kyung Suh, ich danke Ihnen sehr für diesen tiefen Einblick und unser informatives Gespräch.
Mein Buch ist Hannah Arendt gewidmet. Ohne ihr herausragendes politisches Denken und ihre wissenschaftlichen Leistungen hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Außerdem möchte ich zum Ausdruck bringen, wie zutiefst dankbar und geehrt ich mich fühle, Arendts „neue“ politische Philosophie“ einer „politischen Ästhetikerin“ in diesem anlässlich ihres 50. Todestags vom Goethe Institut organisierten Interview vorstellen zu können. Ich danke Ihnen erneut herzlich für Ihre Einladung.

Interview: Leslie Klatte
Lektorat: Young-rong 
Choo
Englische Übersetzung: STAR Korea AG
Deutsche Übersetzung: Kathrin Hadeler

You-Kyung Suh
Professor You-Kyung Suh ist als politische Philosophin auf das politische Denken und die politischen Theorien von Hannah Arendt spezialisiert. Derzeit ist sie Dekanin an der Graduate School der Kyung Hee Cyber University. Sie studierte an der University of Kent und der University of Oxford in Großbritannien und schrieb ihre Doktorarbeit an der Kyung Hee University in Seoul über Arendts politische Philosophie. Sie war in unterschiedlichen akademischen Positionen tätig, darunter bei der Korean Political Science Association und der Korean Association for Political Thought. Sowohl national als auch international veröffentlichte sie zahlreiche Aufsätze zu Arendt und übersetzte Werke von Arendt und anderen ins Koreanische, darunter Love and Saint Augustine, Between Past and Future and Responsibility and Judgement sowie Donna Villars Arendt and Heidegger und Elisabeth Young-Bruehls Why Arendt Matters. Im Jahre 2025 veröffentlichte sie The Political Aesthetics of Hannah Arendt, 2026 soll das Buch bei Springer Nature in englischer Sprache erscheinen.
 

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