Raum als Medium:
Im Gespräch mit Künstlerin und Designerin Na Kim

An einem Sommernachmittag treffen wir Na Kim in LOOM, ihrem Projektraum in Berlin. Hier scheint die Zeit etwas langsamer zu vergehen. LOOM ist ein Ort, an dem Ideen, Kunstwerke und Begegnungen auf unerwartete Weise zusammenkommen. Der Besuch von „Have You Seen Amelia?“, dem 14. Kapitel von LOOM des tschechischen Designers Tomáš Hlava, bildet den Ausgangspunkt unser Gespräch über Na Kims eigene Praxis, ihr Leben in Berlin sowie ihre Gedanken zu Zeit, Erinnerung, Sammeln und Kollaboration.

Na Kim © Leslie Klatte

Wie haben Sie Tomáš kennengelernt, und was hat Sie dazu bewegt, diese Ausstellung gemeinsam mit ihm zu entwickeln?
Letztes Jahr war ich als externe Kritikerin an der Yale School of Art eingeladen, wo Tomáš gerade an seinem Abschlussprojekt arbeitete. Interessanterweise war mir seine Arbeit bereits zuvor auf einer Buchmesse begegnet. Als wir uns dann in Yale trafen, kam mir sein Name bekannt vor.

Damals befand sich das Projekt noch in einem frühen Stadium. Mich faszinierte vor allem, dass die Geschichte immer offen für neue Richtungen blieb. Zufälle spielten eine große Rolle: Begegnungen und unerwartete Entdeckungen führten ständig zu neuen Erzählsträngen. Ausgangspunkt war die Schriftart Amelia, doch daraus entwickelte sich nach und nach etwas viel Größeres.

Durch eine Reihe von Zufällen lernte Tomáš immer weitere Menschen kennen, entdeckte neue Geschichten und erweiterte das Projekt kontinuierlich. Ich fühlte mich davon zunehmend angezogen. Als er später die Idee einer Ausstellung ins Spiel brachte, ergab sich die Zusammenarbeit ganz selbstverständlich. Am Ende haben wir fast ein Jahr lang gemeinsam daran gearbeitet.
 

Das Projekt wirkt sehr persönlich, obwohl es mit einer Schrift beginnt.
Absolut. Tomáš ist Typograf und Grafikdesigner, aber diese Ausstellung geht weit über Typografie hinaus. Im Zentrum steht das Leben von Stanley Daivs, dem Gestalter der Schrift Amelia. Gleichzeitig bringen die unterschiedlichsten Personen ihre eigenen Perspektiven in diese Geschichte ein.

In gewisser Weise wird die Schrift dadurch vermenschlicht. Viele Besuchende sind überrascht, dass Amelia sowohl der Name einer Schrift als auch einer Person ist. Tomáš wollte diese Mehrdeutigkeit bewusst erhalten. Der Text gibt Hinweise, verrät aber nie vollständig, was oder wer Amelia eigentlich ist.

Über LOOM und das Schaffen von Räumen

Gibt es Projekte, die den Charakter von LOOM besonders gut beschreiben?
Anstatt auf ein einzelnes Beispiel hinzuweisen, denke ich, dass sich der Charakter von LOOM insgesamt durch die verschiedenen Kapitel herauskristallisiert. Jedes nimmt je nach Kooperationspartner und den untersuchten Ideen eine andere Form an.

Konstant bleibt jedoch das Format: Besuchende betreten den Raum einzeln und verbringen eine Stunde allein mit dem Werk. Für mich sind diese Begegnungen oft wichtiger als die physische Installation selbst. Ich denke, die einstündigen Sitzungen fungieren als wesentliche Ergänzungen, die das Erlebnis vervollständigen. Das aktuellste Kapitel Have You Seen Amelia? ist ein gutes Beispiel dafür. Es vereint Installation, Klang, Erzählung, Typografie und eine speziell zusammengestellte Playlist zu einem einzigen Erlebnis. Im weiteren Sinne geht es bei LOOM weniger darum, Ausstellungen zu präsentieren, als vielmehr darum, Situationen zu schaffen, in denen Ideen, Kunstwerke, Zeit, Raum und Besuchende auf unerwartete Weise miteinander interagieren können.

Was hat Sie zur Gründung von LOOM bewegt, und wie beeinflusst der Raum Ihre eigene Praxis?
In gewisser Weise ist LOOM eher zufällig entstanden, auch wenn der Wunsch dahinter schon lange vorhanden war. Vor LOOM hatte ich bereits Erfahrung darin gesammelt, gemeinsam mit Freund*innen Künstlerräume zu betreiben und Projekte zu kuratieren. Eine klassische Galerie zu betreiben, hat mich allerdings nie interessiert.

Irgendwann verspürte ich das Bedürfnis, mehr Raum für meine eigenen Fragen und Interessen zu schaffen. Über viele Jahre habe ich innerhalb von Strukturen gearbeitet, die andere vorgegeben haben, und Ausstellungen häufig als Erweiterung meiner Designpraxis verstanden. Irgendwann wollte ich Situationen entwickeln, die aus meinen eigenen Interessen heraus entstehen.

LOOM ist aus diesem Wunsch entstanden. Ich begreife den Raum nicht als Galerie oder Projektraum im herkömmlichen Sinn, sondern eher als ein Medium. Er ermöglicht Formate, die in klassischen Ausstellungssituationen nur schwer umsetzbar wären. Die einstündigen Begegnungen, die intime Atmosphäre, die Überlagerung von öffentlichem und privatem Raum sowie die aktive Rolle der Besuchenden sind zentrale Bestandteile von LOOM. Gleichzeitig verändert LOOM auch meine eigene künstlerische Praxis fortlaufend.

Wie Sie bereits erwähnten folgt LOOM nicht dem Rhythmus einer klassischen Galerie. Wie gestalten Sie die Ausstellungen?
Das entwickelt sich sehr organisch. Vielleicht zwei Mal im Jahr lade ich Kollaborateur*innen ein oder organisiere eine größere Ausstellung. Ansonsten nutze ich den Raum für eigene Gedanken, Experimente oder Installationen. Mir ist wichtig, dass er offen und flexibel bleibt.

Die größeren Ausstellungen bezeichne ich als Kapitel. Ehrlich gesagt sind jedoch die Freitagssitzungen, bei denen Besuchende eine Stunde allein mit einem Kapitel verbringen, oft wichtiger als die Ausstellung selbst. LOOM dient nicht nur der Präsentation von Arbeiten, sondern vor allem der Schaffung von Bedingungen, unter denen individuelle Erfahrungen entstehen können.
 
LOOM Visitors

LOOM Visitors | © privat

Wie entstand die Idee des einstündigen Eins-zu-eins-Formats? Und wie reagieren die Besuchenden in der Regel darauf?
Die Idee war eigentlich sehr einfach, vielleicht sogar naiv. Wenn ich Ausstellungen besuche, schätze ich jene seltenen Momente besonders, in denen ich allein mit einem Kunstwerk bin. Ich wollte einen Raum schaffen, in dem genau diese Erfahrung im Mittelpunkt steht.

Viele Besuchende kommen als Fremde hierher und fühlen sich zunächst etwas unsicher. Sie befinden sich in einem Raum, der gleichzeitig öffentlich und privat wirkt, und wissen nicht genau, wie sie sich verhalten sollen. Mit der Zeit entspannen sie sich. Man hört Schritte, umblätternde Seiten oder Menschen, die den Raum erkunden. Allmählich verändert sich die Atmosphäre.

Für mich hat das fast etwas Performatives. Vielleicht bin ich hinter der Bühne und die Besuchenden auf der Bühne oder umgekehrt. Wir teilen denselben Moment, ohne direkt miteinander zu interagieren. Daraus entsteht eine besondere Form von Aufmerksamkeit und Präsenz.

Musik spielt dabei eine wichtige Rolle. Wie sind die Playlists Teil von LOOM geworden?
Ich habe lange darüber nachgedacht, wie sich eine Stunde strukturieren lässt. Ein akustisches Signal zum Anfang oder Ende erschien mir zu künstlich. Musik hingegen schien ein natürlicher Weg zu sein, Zeit erfahrbar zu machen.

Ich stelle sehr gerne Playlists zusammen, und mit der Zeit wurden sie zu einem prägenden Element von LOOM. Sie begleiten die Besuchenden durch die Stunde und formen deren Rhythmus und Atmosphäre.

Für jedes Kapitel wird die Musik eng mit der jeweiligen Ausstellung verknüpft. Für Have You Seen Amelia? bat ich Tomáš, eine einstündige Playlist auf Basis von Albumcovern zu erstellen, die die Amelia-Schrift verwenden. Viele Stücke stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren und fügen der Geschichte eine weitere historische Ebene hinzu.

Zwischen Europa und Korea

Sie arbeiten zwischen Berlin und Seoul. Welche Unterschiede nehmen Sie wahr?
Der größte Unterschied liegt im Umgang mit Zeit. Jedes Mal, wenn ich nach Korea zurückkehre, merke ich, wie schnell und anspruchsvoll das Leben dort sein kann. Diese Dynamik und Effizienz können sehr inspirierend sein, aber auch überwältigend wirken.

Berlin folgt einem anderen Rhythmus. Menschen haben mehr Freiheit, Dinge langsamer anzugehen, Abstand zu gewinnen und selbst zu entscheiden, woran sie teilnehmen möchten. Dadurch entsteht Raum für Reflexion und langfristige Entwicklungen.

Gleichzeitig halte ich keines der beiden Modelle für ideal. Die Geschwindigkeit und Pragmatik Koreas schätze ich ebenso wie die sorgfältige und kritische Herangehensweise in Deutschland. Heute interessiert mich vor allem das Gleichgewicht zwischen diesen Perspektiven. Sie haben in verschiedenen Städten gelebt und gearbeitet, darunter Amsterdam und Seoul. Welche Rolle spielte Berlin für die Entstehung von LOOM?
LOOM ist zum Teil zufällig entstanden, einfach weil ich zu dieser Zeit in Berlin lebte.  Der Wunsch nach einem eigenen Raum bestand jedoch schon lange.

Berlin bot mir die Möglichkeit, meine eigene Arbeit weiterzuentwickeln und einen Ort zu schaffen, an dem unterschiedliche Erfahrungen, Ideen und Menschen zusammenkommen können. Die Stadt brachte mich außerdem mit Einflüssen jenseits des Grafikdesigns in Kontakt, insbesondere mit Performance, Choreografie und körperbezogenen künstlerischen Praktiken.

Ebenso wichtig ist die Gemeinschaft. Berlin erleichtert den Austausch zwischen Menschen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen. Diese Begegnungen haben die Entwicklung von LOOM stark geprägt.  

Zwischen Design und Kunst

Ihre Arbeit bewegt sich fließend zwischen Design und Kunst. Wie navigieren Sie diesen Zwischenraum, und wie beeinflussen sich beide Bereiche gegenseitig?
Ich tue mich ehrlich gesagt schwer damit, Design und Kunst klar voneinander zu trennen. Mein Hintergrund liegt im Grafikdesign, und lange Zeit habe ich Ausstellungen fast wie Auftragsarbeiten betrachtet. Kurator*innen konnten dabei zu Auftraggeber*innen werden, die Ausstellung selbst zu einem Rahmen, auf den ich gestalterisch reagiere.

Mit der Zeit begann ich jedoch, mir andere Fragen zu stellen: Was passiert, wenn ich nicht für andere arbeite, sondern für mich selbst? Design wird oft als dienstleistungsorientierte Praxis beschrieben. Auch wenn das eine Vereinfachung ist, interessierte mich die Vorstellung, selbst zur Auftraggeberin meiner eigenen Arbeit zu werden und Projekte aus meinen persönlichen Fragen und Interessen heraus zu entwickeln.

Bis heute nutze ich viele Aufträge auf diese Weise. Selbst Projekte, die äußerlich wie klassische Auftragsarbeiten wirken, erlauben mir häufig, Themen weiterzuverfolgen, die mich ohnehin beschäftigen. Sie werden zu Plattformen für meine eigenen Untersuchungen.

Gleichzeitig fühle ich mich immer noch etwas unwohl dabei, mich ausschließlich als Künstlerin zu bezeichnen. Der Begriff bringt bestimmte Erwartungen mit sich. Design bleibt für mich wichtig, weil es Strukturen für Kommunikation, Organisation und Produktion bietet. Viele der Fragen, die mich heute beschäftigen, drehen sich jedoch um Erfahrung, Zeit, Erinnerung und Wahrnehmung.

Anstatt mich für die eine oder andere Seite zu entscheiden, bewege ich mich bewusst dazwischen. Ich verstehe meine Arbeit als künstlerische Praxis, die Grafikdesign als Werkzeug nutzt. Ihr frühes Interesse am Grafikdesign wurde von der deutschen visuellen Kultur geprägt, später auch von der niederländischen Designausbildung. Wie haben sich diese Einflüsse verändert, und was inspiriert Sie heute?
Als ich in Seoul mein Grafikdesign-Studium begann, fühlte ich mich stark von deutscher visueller Kultur und Typografie angezogen. Mich faszinierten ihre Klarheit und Struktur, die visuelle Sprache von Leitsystemen, Schriftgestaltung und grafischen Ordnungen. Alles wirkte sehr systematisch und präzise.

Das Studium in den Niederlanden eröffnete mir später nicht nur eine andere visuelle Herangehensweise, sondern auch eine andere Denkweise über Design. Die Frage nach Funktionalität, Effizienz und den Beweggründen hinter gestalterischen Entscheidungen wurde für mich zunehmend wichtig.

Heute inspirieren mich weniger einzelne Designer*innen oder Künstler*innen als vielmehr die Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Disziplinen und dem alltäglichen Leben. Mich interessiert, wie Menschen sich durch Räume bewegen, wie sie Zeit wahrnehmen und wie kulturelle Praktiken unser Verständnis von uns selbst und der Welt prägen.

Das Leben in Berlin hat meinen Blick in dieser Hinsicht besonders erweitert, weil ich dort mit sehr unterschiedlichen kulturellen und sozialen Perspektiven in Berührung komme.

Über Sammeln, Erinnerung und Gestaltung

Das Sammeln scheint eine zentrale Rolle in Ihrer Arbeit zu spielen. Was zieht Sie an bestimmten Objekten an, und wie finden diese später ihren Weg in Ihre Projekte?
Ich glaube, das Sammeln war schon immer Teil meines Lebens, ohne dass ich es bemerkt habe – wahrscheinlich schon seit meiner Kindheit. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass jeder auf irgendeine Weise ein Sammler ist, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist.

Bei mir beginnt es oft in ganz alltäglichen Situationen. Mich ziehen einfache visuelle Sprachen an – Aufkleber, Verpackungen, Drucksachen, Zettel oder andere Dinge, die man leicht übersehen könnte.

Sticker Collection Na Kim © Na Kim

Zunächst sammelte ich solche Materialien vor allem aufgrund ihrer grafischen Qualitäten. Später wurde mir bewusst, dass jedes Objekt die Erinnerung an einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit oder Situation in sich trägt. In diesem Sinne sammle ich nicht nur Dinge, sondern auch Erfahrungen.

Viele dieser Fundstücke fließen schließlich in mein fortlaufendes Projekt Found Composition ein. Mit Aufklebern, Druckerzeugnissen und gefundenen Objekten entwickle ich neue Kompositionen, indem ich Materialien anordne, befestige, wieder löse oder zerschneide. Der Prozess hat für mich etwas Meditatives. Meistens beginne ich ohne ein festes Bild im Kopf. Ich arbeite mit den vorhandenen Materialien, bis sich eine Komposition vollständig anfühlt.

Ausblick

Zum Abschluss: Was steht als Nächstes für LOOM und Ihre eigene Praxis an?
Wie immer habe ich viele Ideen. Ich bin voller Neugier, und vieles hängt davon ab, ob eine Idee schon reif für die Umsetzung ist oder noch Zeit braucht, um zu reifen.

Für LOOM habe ich kein festes Ziel vor Augen. Wichtig ist, den Prozess fortzusetzen, neugierig zu bleiben und zu beobachten, wie er sich durch neue Begegnungen und Kooperationen weiterentwickelt.

Ein Aspekt, den ich besonders gerne weiter erforschen möchte, ist der Austausch, der nach jeder Sitzung stattfindet, wenn die Besuchenden ihre Erfahrungen und unerwarteten Beobachtungen miteinander teilen.

Außerdem interessiere ich mich zunehmend dafür, welche Arten von Erfahrungen durch erweiterte Formate entstehen können, darunter Filmvorführungen, Hörrunden, gemeinsames Essen und Workshops mit der Gemeinschaft.
 
Logomotion Lab

Logomotion Lab | © Na Kim

Neben diesen Fragen nach Zeit und Erfahrung denke ich auch viel über das „De-Archivieren“ nach. Wie können Materialien wiederverwendet, umgewandelt, recycelt oder sogar verschwinden gelassen werden? Anstatt ständig etwas Neues zu produzieren, interessiert mich, wie bestehende Dinge neue Bedeutungen annehmen und weiter im Umlauf bleiben können.

Interview & Konzept: Leslie Klatte, Sohee Shin
Deutsche Übersetzung: Leslie Klatte
Koreanische Übersetzung: Sohee Shin