Dok Leipzig 2015 „Die Welt genauer sehen“

Leena Pasanen
Leena Pasanen | Foto (Ausschnitt): © Susann Jehnichen

Im Interview zieht Leena Pasanen, die neue Intendantin des Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, Bilanz und erklärt, warum sie politisch rechts orientierten Demonstranten Freikarten für das diesjährige Festival anbieten wollte.

Frau Pasanen, Dok Leipzig 2015 ist vorüber, 316 Dokumentar- und Animationsfilme wurden gezeigt. Es war das erste Festival unter Ihrer Leitung. Was ist Ihr persönliches Resümee?

Eines meiner Ziele war es, das Festival in Leipzig noch präsenter zu machen. Dafür haben wir Dok Neuland am Leipziger Marktplatz ins Leben gerufen und das Zeitkino am Hauptbahnhof. Bei Dok Neuland haben wir in zwei Iglus neue interaktive Produktionen, Spiele, Apps und Web-Dokumentarfilme gezeigt. Das Interesse des Publikums an diesen neuen Formen des Erzählens war riesig, das war toll. Die älteste Besucherin war 95 Jahre alt! Ich habe mich aber auch sehr gefreut, dass wir dieses Jahr wieder viele Filme mit einer ausgesprochen hohen künstlerischen Qualität zeigen konnten, sowohl im Wettbewerb als auch im internationalen Programm. Es waren zahlreiche internationale Regisseure und Gäste anwesend, aber auch im Bereich Dok Industry, wo im Grunde hart über die Zukunft des Dokumentarfilms verhandelt wird, gab es einen intensiven Austausch. Das ist wichtig, denn es zählt – neben dem künstlerischen Aspekt – eben immer auch der Markt. Das Festival wurde sehr gut aufgenommen, und wir haben mit 48.000 Besuchern einen neuen Rekord.

Ein Festival mit langer Tradition

Sie kommen ursprünglich aus Finnland, haben dort als Redakteurin für das Fernsehen gearbeitet und sind schließlich nach Ungarn gegangen. Nun sind Sie die neue Festival-Intendantin in Leipzig. Was hat Sie an diesem Posten gereizt?

Nach meinem Studium der Geisteswissenschaften und finnischen Literatur habe ich lange im Film- und Medienbereich gearbeitet, zuletzt habe ich in Budapest das Kulturinstitut Finnagora geleitet. Ich war sehr glücklich dort, aber die politische Situation unter der Orban-Regierung wurde immer bedrückender. Dok Leipzig kenne ich schon lange, habe es immer respektiert und bewundert. Sowohl die Qualität des Festivals mit seinem kompetent kuratierten Programm als auch die Atmosphäre gefielen mir. Es ist eines der wichtigsten Dokumentarfilmfestivals und auf Augenhöhe mit Festivals wie beispielsweise dem IDFA Amsterdam. Dok Leipzig hat eine lange Tradition und einen festen Platz in der osteuropäischen Filmkultur. Es war also eine reizvolle Herausforderung, die Leitung zu übernehmen, etwas Neues zu wagen. Gleichzeitig konnte ich meine Erfahrungen und mein Wissen einbringen, da ich durch meine frühere Arbeit schon vertraut war mit den Anforderungen. Und tatsächlich hat es mich vor allem gefreut, in einer Stadt wie Leipzig zu arbeiten, sie ist sehr lebendig.

Mit Dokumentarfilmen die Ignoranz bekämpfen

Der thematische Fokus des Festivals lag 2015 auf dem 25. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung und auf der Flüchtlingskrise. Parallel zum Festivalauftakt fand ein Aufmarsch der politisch rechts orientierten Bürgerbewegung „Legida“ statt. Warum haben Sie ursprünglich angedacht, Freikarten an „Legida“-Anhänger zu verteilen?

Ich erwarte nicht, dass ein Dokumentarfilm die Welt ändern kann, aber ich denke, dass er etwas in uns ändern kann, Schritt für Schritt. Er kann uns die Augen öffnen. Der Filmemacher hat etwas zu erzählen, und er macht das auf eine Art und Weise, die visuell interessant ist, die künstlerisch überzeugt. Das muss nicht notwendigerweise meine Sicht der Dinge sein, aber es gibt mir etwas zum Nachdenken. Die Ansichten dieser rechten Demonstranten haben etwas mit Ignoranz zu tun. Und ich denke, Dokumentarfilme sind ein hervorragendes Mittel, um Ignoranz und Engstirnigkeit zu bekämpfen. Ein Film kann uns die Gefühle und die Sichtweise eines anderen Menschen für kurze Zeit näherbringen, und wer wirklich will, kann durch Dokumentarfilme lernen, die Welt genauer zu sehen.

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Unter Ihrer Leitung wurden die Sparten Dokumentar- und Animationsfilm 2015 erstmals zusammengelegt. Wird es künftig weitere Neuerungen geben?

Ein guter Film ist ein guter Film, egal ob es sich dabei um eine Animation handelt oder um eine Dokumentation. Wir wollten unbedingt, dass diese beiden Formate in einen Dialog treten. Die Position von Animationsfilmen wurde gestärkt, da sie mit Dokumentarfilmen in den Wettbewerben konkurrierten. Außerdem konnten sie sich so ein neues Publikum erschließen, und ich bin sehr froh, denn das Feedback auf diese Neuerung war sehr gut. Etwas, was uns in den nächsten Jahren allerdings sicherlich noch beschäftigen wird, ist die Situation von Dokumentarfilm-Regisseurinnen. Es sind dieses Jahr nur sehr wenige Filme von Frauen für den deutschen Langfilm-Wettbewerb eingereicht worden. Wir haben auf dem Festival darüber öffentlich diskutiert und versucht, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ich könnte mir vorstellen, Fördertöpfe nur für Regisseurinnen und Produzentinnen zu haben.
 

Die Finnin Leena Pasanen, Jahrgang 1965, arbeitete als Journalistin, Redakteurin und Moderatorin, unter anderem beim öffentlich-rechtlichen Fernsehsender YLE TV 1 in Helsinki und als Programmdirektorin von YLE Teema, einem digitalen Spartenkanal für Kultur, Bildung und Wissenschaft, bevor sie nach Kopenhagen zum European Documentary Network wechselte. Ab 2011 leitete Pasanen das Kulturinstitut Finnagora an der finnischen Botschaft in Budapest. Seit dem 1. Januar 2015 ist sie Nachfolgerin von Claas Danielsen beim Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.