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Oscar Niemeyer und das Bauhaus
Mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede

© Juan Camilo Roa 2018

Während Walter Gropius auf die serielle Fertigung von Gebäuden setzte, verteidigte Oscar Niemeyer die Autorschaft in der Architektur. Dennoch gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Bauhaus und dem brasilianischen Modernismus.

Es ist kaum bekannt, dass die Karriere des deutschen Architekten Walter Gropius (1883-1960) auch von einer Auseinandersetzung mit dem Brasilianer Oscar Niemeyer (1907-2012) geprägt wurde. Es begann 1953, als Gropius als Juror des Architekturpreises der 2. Biennale von São Paulo mit dem Schweizer Bauhausschüler und Mitbegründer der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung, Max Bill (1908-1994), nach Brasilien reiste.

Zu dieser Gelegenheit lud Niemeyer Gropius in sein Casa das Canoas in São Conrado, Rio de Janeiro, ein. Der als eines der bedeutendsten Beispiele für moderne brasilianische Architektur geltende Bau wurde von Niemeyer 1951 als sein privates Wohnhaus entworfen. Mit seiner kurvenreichen Konstruktion folgt es den Unebenheiten des Geländes und lässt die Vegetation regelrecht in die einzelnen Räume dringen.

“Schön, aber nicht zur seriellen Fertigung geeignet”

Nach dem Besuch soll Gropius seinem Gastgeber gegenüber zum Abschied geäußert haben: “Ihr Haus ist schön, aber für die serielle Fertigung nicht geeignet.” Womit er sofort auf den Widerspruch Niemeyers stieß, der entgegnete: „Das Haus ist auf die Formen und Eigenschaften des Geländes abgestimmt, was schon vom Prinzip her einer seriellen Fertigung entgegensteht.“ Der brasilianische Architekt erwähnte die Episode öfter im Lauf seiner Karriere, zum Beispiel im Interview mit der Beilage Mais der brasilianischen Tageszeitung Folha de São Paulo vom Februar 1994 oder in Fabiano Maciels Dokumentarfilm Das Leben ist ein Hauch (2007).

Für Niemeyer soll die Begebenheit im Lauf seiner Karriere öfter noch Grund zum Dissens mit der Architektur des Bauhauses sein, die er als ein „Paradies der Mittelmäßigkeit“ bezeichnete, deren Projekte sich monoton wiederholen würden und die Negation einer baulichen Identität seien. „Niemeyer versuchte die Dimension der Autorschaft wiederherzustellen, deren Dekonstruktion die moderne Architektur angestrebt hatte. Brasília mit seiner betont auktorialen Architektur steht als Beispiel dafür“, fasst Rodrigo Queiroz, Professor an der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universität São Paulo, zusammen.

„Grob gesagt muss man verstehen, dass die vom Bauhaus und ihrem Vordenker Walter Gropius verbreitete Architektur vom Entwurf ausgeht als einem zu folgenden und zu entwickelnden Modell auf der Prämisse der rationalen Form, die alle und jede autorale Abweichung verneint - also das, was die weltweit durch ihre unzweifelhafte Originalität bekannte Architektur Oscar Niemeyers ausmacht und auszeichnet, die dem Diskurs und der formalen Schlichtheit, die das Bauhaus lehrt, genau entgegensteht“, fügt er hinzu.

Das Bauhaus dagegen setzte seine Energien genau anders herum ein: abstrakte, geometrische Formen, klar und elementar wie der Würfel, die sich leicht reproduzieren lassen. „Bei Niemeyer ist die Abstraktion lyrisch: Die Kuppeln des Nationalkongresses, die Kathedrale von Brasília stehen im Gegensatz zur konstruktiven Abstraktion des Bauhauses“, sagt Queiroz.

Inspirationsquelle

Doch trotz Niemeyers erklärter Differenz zu den Prinzipien des Bauhauses, lassen sich für die deutsche Schule entscheidende Konzepte auch in Brasília erkennen. Die  Einbindung der Metallstruktur in den Prozess des Bauens sowie die serielle Errichtung der Bauten an der Esplanada dos Ministérios, die von einem Nullpunkt ausgehende Stadtplanung und die Abstraktion der architektonischen Formen entsprechen Postulaten und Entwürfen, die auf Konzepte des Bauhauses zurückgehen.

Das heißt also, Niemeyer und Bauhaus hatten viel gemeinsam, vor allem in ihrem Anstoß für revolutionäre Prozesse auf dem Gebiet des Entwurfs des urbanen Raums und einem Bruch mit der akademischen Logik, die es durch den modernen Entwurf zu überwinden gilt. In dieser Hinsicht pflegen Bauhaus und Niemeyer einen ähnlichen Begriff von Raum und Zukunft. „Das Umfeld, das in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zur Herausbildung einer Ideologie der Moderne führte, ist entscheidend für die formalen und ideologischen Begrifflichkeiten der modernen brasilianischen Architektur. Ohne Bauhaus gäbe es keine brasilianische, argentinische, chilenische oder sonst eine moderne Architektur“, behauptet Queiroz.

Pädagogische Dimension

Zudem steht Bauhaus für die Verbindung von Architektur und Funktionalismus und schafft neue Arten der Konzeption von gemeinschaftlichem Leben und Räumen. In Niemeyers Werk zeigt sich die soziale Komponente in der Konzeption des Aufbaus von öffentlichem Raum in der Stadt: Während Städte vom Begriff des Grundeigentums und der Immobilienspekulation aus gedacht sind, setzt sich die moderne Architektur dafür ein, den Gedanken der Parzelle, des Bauwerks am Bürgersteig, wo jeder sein eigenes Gelände hat, zu beenden. „Niemeyer deutet die Logik des Eigentums um und demontiert sie, indem er Pfeiler und Freiräume baut. Wenn du die Architektur vom Boden löst, gibst du den Boden der Öffentlichkeit wieder“, resümiert Queiroz.

Was die Lehre angeht, steht Bauhaus unter anderem für kollektive Prozesse des Schaffens, die Kenntnisse der vorindustriellen Zeit in die industrielle Welt überführt. So bewahrte und schätzte das Bauhaus die Arbeit des Handwerks und brachte dies durch die Verbindung von Praxis und Theorie mit dem Künstlerischen in den Alltag seiner Schüler ein. Für Luís Antônio Jorge, ebenfalls von der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universität São Paulo, hatte „die pädagogische Dimension der deutschen Schule großen Einfluss auf die Lehre von Architektur und Industriedesign an der Universität von São Paulo, die sich den Vorgaben des Bauhauses vollständig anschloss, vor allem darin, Projekte von der Rationalität aus zu entwerfen und zu verwirklichen, sowie in dem Gedanken vom Lernen im Schaffensprozess.“

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