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Materialien für Kinder und Jugendliche

Deutschunterricht positiv gedacht
Erkenntnisse nutzen, Impulse entdecken: die Positive Fremdsprachendidaktik

Ein gelber Smiley, umgeben von blauen, zerknüllten Haftnotizen mit traurigen Smileys darauf. © Colourbox

Diejenigen, die Kinder oder Jugendliche unterrichten, können sicher mehrere Nennungen aus dieser Aufzählung bestätigen und sie wohl auch noch ergänzen. Aber auch Lehrkräfte in der Erwachsenenbildung und wir selbst als Lernende wissen, dass Sprachenlernen nicht immer einfach ist. Das Gehirn muss lernen können, sonst geht es uns schlecht!

Von Michaela Sambanis

Kennen Sie das?

10 Sprechblasen mit verschiedenen kurzen Äußerungen von Lehrkräften. © Michaela Sambanis & Paul Scheffler

Herausfordernde Zeiten

Die aktuelle Zeit ist geprägt von Polykrisen und rasanten Entwicklungen im Bereich von Digitalisierung und KI – beides globale Phänomene, die großen Einfluss auf Menschen aller Altersgruppen haben, besonders aber auf junge Menschen. Die physische und psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften ist, wie zahlreiche Studien aus Deutschland und anderen Ländern belegen, angeschlagen und sogar besorgniserregend (vgl. Sambanis/Ludwig 2024, 2025, 2026). Es kommt vermehrt zu Belastungserleben, chronischem Stress, Antriebslosigkeit, fragmentierter Aufmerksamkeit und Einsamkeit, um nur einige nachgewiesene Folgen zu nennen. Wenn Sie also oben in der Aufzählung Phänomene wiedererkannt haben, dann bestätigt Ihre Erfahrung das, was auch aktuelle Studien belegen.

Wie kann Deutschunterricht positiv gedacht werden?

Diese Herausforderungen werden uns als Lehrende und Lernende begleiten und auch weiterhin den Kontext bilden, in dem sich das Deutschlernen verortet. Ziel ist es, gerade jetzt das Sprachenlernen als lohnende Investition und gute Herausforderung erlebbar zu machen, zumal Herausforderungen für Menschen und deren Gesundheit unverzichtbar sind. Es ist wichtig, die Gegebenheiten ernst zu nehmen und didaktisch wie methodisch angemessen zu reagieren. Um dies fundiert tun zu können, wurde an der FU Berlin mit der Positiven Didaktik ein Unterrichtsansatz begründet, der Lehrende und Lernende handlungsfähig macht, und mit dem Happy Learning-Ansatz Lehrkräften, Lernenden und auch Eltern erprobte und anwendbare Übungen zur Verfügung stellt. Wesentlicher Bestandteil eines positivdidaktischen Unterrichts ist das Entdecken von Stärken und das Wahrnehmen des Positiven.

Positive Didaktik ist mehr als Theorie

Die Positive Fremdsprachendidaktik (Sambanis/Ludwig 2025) ist ein Ansatz, der Erkenntnisse der Positiven Psychologie und der Hirnforschung nutzt sowie Befunde aus der Stressforschung und zur gesunden Medienbildung. Sprachenlernen soll angemessen herausfordern, Menschen stärken, zur Wahrnehmung von Positivem anregen und einen guten Umgang mit negativen Emotionen, Stagnationen und Rückschlägen sowie mit Stress vermitteln. Als innovativer Ansatz trägt die Positive Didaktik den Herausforderungen unserer Zeit Rechnung und zeigt, wie auch heute Lernfreude und Lernbereitschaft aufgebaut, wie erfolgreich und auf gesunde Weise gelernt werden kann.

Stärkefaktoren ausbauen, Lernen ermöglichen

Um das Lehren und Lernen einer Sprache auch heute gut und erfolgreich gestalten zu können, ist es wichtig, an den positiven Ressourcen anzusetzen, die Menschen in sich tragen. Eine zentrale Säule der Positiven Didaktik ist das Psychologische Kapital (PsyCap). Es bezeichnet vier zentrale Stärkefaktoren, die weiterentwickelt werden können: hope, efficacy, resilience, optimism (Sambanis/Ludwig 2024, 2025). Gelingt es, die Hoffnung, Selbstwirksamkeit, Resilienz und den Optimismus zu steigern, ermöglicht das eine Steigerung von Lernertrag, Zufriedenheit, Wohlbefinden und Motivation. „Studien zeigen, dass Menschen mit hohem PsyCap nicht nur psychisch widerstandsfähiger sind, sondern auch physisch gesünder. Sie leiden seltener unter stressbedingten Erkrankungen“ (Sambanis/Ludwig 2025: 43). Aus (fremd)sprachendidaktischer Sicht ist es besonders ermutigend, dass sich viele der Übungen, die zur Stärkung des Psychologischen Kapitals beitragen, direkt mit sprachlichen Lernzielen verbinden lassen (im Ratgeber Happy Learning (2024, 2026) finden sich dazu zahleiche Unterrichtsaktivitäten). So kann es gelingen, beim Sprachenlernen und dank des Sprachenlernens Menschen zu stärken und damit nicht nur die Weichen für erfolgreiches und freudvolles Lernen zu stellen, sondern auch einen Beitrag zur Fürsorge für Lehrende und Lernende zu leisten.

Wie kann Sprachenlernen mit Resilienzförderung zusammengebracht werden?

Um zu zeigen, wie Stärkefaktoren und Sprachenlernen zusammengebracht werden können, werden im Folgenden Impulse zur Steigerung von Resilienz vorgestellt. Resilienz als die psychische Widerstandskraft erlaubt es uns, nach Schwierigkeiten und Stressepisoden wieder auf die Beine zu kommen und zu wachsen. Die Erfahrung, eine schwierige Herausforderung gemeistert zu haben kann als Antrieb dienen, neue Herausforderungen anzunehmen. Ein gutes Maß an Resilienz ist für das Sprachenlernen wichtig, z.B. wenn es gilt, Phasen auszuhalten, in denen keine Progression spürbar ist. Das Erreichen eines Lernplateaus zeigt uns, dass viel aufgenommen wurde. Das Gehirn sortiert nun, festigt und bereitet nach, um nichts Wertvolles zu verlieren. Resilienz, gepaart mit dem Wissen um solche Hintergründe, schützt davor, diese Phasen als psychisch belastend zu erleben oder sogar den Leistungswillen zu verlieren.

Im Folgenden werden aus der Fülle der Möglichkeiten drei herausgegriffen:

Atemübung
In Stress- oder Angstsituationen wird die Atmung flacher, das System kommt in einen Modus, der eigentlich nur bei der Gefahrenabwehr benötigt wird. Es ist wichtig, diesen Mechanismus zu verstehen und Strategien kennenzulernen, um die innere Widerstandskraft zu aktivieren. Grundlegend ist zunächst eine tiefe Atmung. Bei der Atemübung Vier zu Sieben wird durch die Lehrkraft zu einer ruhigen Atmung angeleitet, wobei die Lernenden ihr Hörverstehen trainieren (Zahlen und Anweisungen). Die Lehrkraft zählt von 1 bis 4. Alle atmen dabei tief ein. Die Lehrkraft zählt weiter bis 7. Alle halten so lange die Luft an. Die Lehrkraft zählt von 7 bis 1 rückwärts. Alle atmen aus.

Schwierige Gesprächssituationen meistern
Es gibt Situationen, die ein besonderes kommunikatives Feingefühl verlangen, z.B. ein Missverständnis aufzuklären oder etwas abzulehnen. Oft fällt es uns nicht leicht, dies sprachlich und zwischenmenschlich angemessen zu gestalten und uns dabei nicht unwohl zu fühlen. Solche Situationen in einer Fremdsprache zu meistern, ist ganz besonders herausfordernd. Für die Resilienz der Lernenden ist es wichtig, dass sie mit kommunikativen Herausforderungen dieser Art umgehen können. Daher sieht ein positivdidaktischer Unterricht die Auseinandersetzung mit entsprechenden Modellsituationen vor. Ein Chatbot (z. B. ChatGPT, Gemini, Claude) kann Formulierungsvorschläge liefern (Ludwig et al. 2025), mit denen die Lernenden weiterarbeiten und sie z.B. in Rollenspielen erproben und bewerten.

Positive Resonanz in der Gruppe
Gute Beziehungen in der Lerngruppe und Gemeinschaftserlebnisse geben soziale Sicherheit, was die Sprechbereitschaft stützen kann. Die Resonanz in der Gruppe verstärkt positive Emotionen, schenkt Kohärenzgefühle und puffert Stress ab. Aktivitäten, bei denen Sprachliches geübt wird und zugleich die zwischenmenschliche Verbindung zentral ist, bei denen gemeinsam gelacht werden darf, bilden eine wichtige Säule der Positiven Fremdsprachendidaktik.

Eine Auswahl solcher Aktivitäten wurde im Rahmen eines Projekts der Professur Sambanis an der FU Berlin und der Gilberto-Bosques-Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg in kurzen Videos verfilmt, die Sie hier kostenfrei ansehen können.
 
Literatur 

Ludwig, C., Sambanis, M., Ding, L. & von Reppert, A. (2025): Positive Psychologie und Künstliche Intelligenz – Konvergenzen, Unterschiede und Herausforderungen am Beispiel Resilienz. In: Sambanis, M. & Ludwig, C. (Hrsg.). Positive Fremdsprachendidaktik. Tübingen: Narr, 216–236. 

Sambanis, M. & Ludwig, C. (2024): Happy Learning – Glücklich und erfolgreich Sprachen lernen. München: Hueber.

Sambanis, M. & Ludwig, C. (Hrsg.) (2025): Positive Fremdsprachendidaktik. Tübingen: Narr.

Sambanis, M. & Ludwig, C. (2026): Happy Learning – How to Learn Languages. München: Hueber.