Jetzt NEU

BOTO

BOTO

Materialien für Kinder und Jugendliche

Mehrsprachigkeit
Warum jede Sprache zählt!

Zwei Schülerinnen lösen gemeinsam konzentriert Aufgaben auf einem Arbeitsblatt. © Goethe-Institut

Was geschieht, wenn Sprachen, die Kinder bereits sprechen, in der Schule nicht berücksichtigt werden? Und welche Chancen lassen wir uns dadurch entgehen?
Im Rahmen des Erasmus+-Projekts Your Language Counts! entwickelten Partner*innen aus fünf Ländern neue Ansätze für den Herkunftssprachenunterricht (HSU). Dieser Artikel beschreibt die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt – und macht deutlich, warum das Verständnis und die Förderung von Herkunftssprachen heute eine Priorität für alle Pädagog*innen sein sollte.

Von Anne Reath Warren

Was ist Herkunftssprachenunterricht (HSU)?

Schüler*innen an europäischen Schulen nehmen täglich an unterschiedlichen Formen des Sprachunterrichts teil. Das Erlernen der Landessprache als Erst- oder Zweitsprache (zum Beispiel wenn sie Schwedisch oder Schwedisch als Zweitsprache in Schweden lernen) hat in der Regel Priorität. Dazu kommen in der Schule, die sie besuchen, normalerweise ein bis zwei weitere Sprachen (zum Beispiel Englisch und Deutsch in Frankreich oder Schwedisch und Französisch in Finnland). Als Herkunftssprachen werden in diesem Text die Sprachen bezeichnet, die in mehrsprachigen Familien gesprochen werden, allerdings im regulären Schulsystem selten als Sprachfächer angeboten werden. Zum Beispiel ist Griechisch die Herkunftssprache von Familien aus Griechenland, die in anderen Ländern leben.

Herkunftssprachenunterricht (HSU) soll mehrsprachigen Familien dabei helfen, ihre sprachlichen und kulturellen Traditionen an die nächste Generation weiterzugeben. Diese Form des Sprachenlernens wird in den meisten Ländern der Welt schon vor der formalen Bildung (Cruickshank & Wahlin 2024) angeboten. Im regulären Unterricht findet man HSU dagegen nur selten. Eine Ausnahme bilden die Nordischen Länder, wo das reguläre Schulsysteme verschiedene Modelle für den Unterricht in der Muttersprache vorsieht (Alisaari et al. 2024). Hier findet HSU normalerweise an Wochenenden oder am Abend in angemieteten Räumlichkeiten statt, die als „Ergänzungsschulen“ oder Schulen für „Gemeinschaftssprachen“ oder „Herkunftssprachen“ bezeichnet werden.

Warum ist HSU wichtig?

Die UN-Kinderrechtskonvention betont das Recht auf Verwendung der eigenen Sprache, und wie wir wissen, ist Bildung ein wichtiger Schlüssel für die aktive Nutzung einer Sprache. Es gibt viele Gründe, in HSU zu investieren. Laut Jim Cummins geht der potenzielle Nutzen mehrsprachlicher Kompetenzen für Gesellschaften und Familien verloren, wenn das formale Bildungssystem keinen Unterricht in den Sprachen anbietet, die mehrsprachige Kinder bereits beherrschen (Cummins 2005). Mehrsprachige Kinder erwerben nach ihrer Einschulung an einer Regelschule innerhalb kürzester Zeit Kenntnisse der Mehrheitssprache und -kultur einer Gesellschaft. Allerdings können ohne HSU-Angebote die Kenntnisse und manchmal auch das Interesse der Schüler*innen an ihrer Herkunftssprache abnehmen. Insbesondere in Familien, in denen die Eltern die Mehrheitssprache nur begrenzt beherrschen, kann eine umfassende Kommunikation in der Herkunftssprache zur Herausforderung werden, und es besteht die akute Gefahr, dass die Kommunikation zusammenbricht (Wong Fillmore 2000). HSU kann daher einen wichtigen Beitrag zum Wohlergehen mehrsprachiger Familien leisten. Darüber hinaus unterstützt HSU nachweislich den allgemeinen schulischen Erfolg (Ganuza & Hedman 2017). Allerdings stößt diese Unterrichtsform sowohl in ideologischer als auch in organisatorischer Hinsicht auf zahlreiche Hindernisse.

Ideologische und organisatorische Hindernisse

Wir alle haben bestimmte Vorstellungen von Sprachen; davon, wie sie verwendet werden „sollten“, und sogar davon, welchen Wert sie für eine Gesellschaft und auf persönlicher Ebene haben. Obwohl sich diese Vorstellungen nicht immer auf Fakten stützen, sind sie in einigen Fällen weit verbreitet und geben Anlass zu Mythen, die im schlimmsten Fall zum Sprachverlust führen können. Beispielsweise glauben einige mehrsprachige Kinder, insbesondere wenn sie erst vor Kurzem neu in ein Land zugewandert sind, dass sie nur wenig oder gar keinen Unterricht in den Sprachen benötigen, die sie bereits beherrschen (HSU). Sie bedenken dabei nicht, dass die Mehrheitssprache, die ebenfalls von Kindern „beherrscht“ wird, die in dem jeweiligen Land geboren und aufgewachsen sind, an den Schulen als Hauptfach unterrichtet wird! Denn natürlich ist das formale Lernen und Verwenden einer Sprache unerlässlich, um die Kompetenzen in dieser Sprache zu verbessern.

In organisatorischer Hinsicht gibt es große Unterschiede beim HSU-Angebot. Nicht alle Kinder, die andere Sprachen als die Mehrheitssprache sprechen, haben Zugang zu Ergänzungsschulen, die sich häufig in Stadtzentren befinden (Reath Warren 2017). Darüber hinaus werden Kenntnisse von Herkunftssprachen in Schulzeugnissen nur selten formal anerkannt, was die Motivation der Schüler*innen für eine Teilnahme an diesen Unterrichtsangeboten senkt.

Eine marginalisierte Form des Sprachunterrichts

Obwohl keine Sprache von sich aus „besser“ als eine andere ist: Allein die Tatsache, dass HSU häufig vernachlässigt wird, wirkt sich negativ auf seinen Status aus. Schüler*innen könnten dadurch den Eindruck gewinnen, dass die in ihren Familien und Gemeinschaften gesprochenen Sprachen nicht wichtig sind und es sich nicht lohnt, sie zu lernen. Insbesondere in Familien, die gerade erst neu in ein Land zugewandert sind, liegt der Fokus vor allem auf dem Erlernen der Mehrheitssprache. Dagegen wird das Lernen einer Sprache, die sie bereits beherrschen, als Zeitverschwendung wahrgenommen.

Wissen, Zugang und Entwicklung fördern

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurden im Rahmen des Projekts Your Language Counts! verschiedene Materialien erstellt, die sowohl Bildungsakteur*innen über HSU informieren als auch im herkunftssprachlichen Unterricht genutzt werden sollen. Diese Materialien bieten Eltern, Lehrkräften, Schulleiter*innen oder interessierten Community-Mitgliedern eine Argumentationshilfe, um sich für die Bedeutung und Berücksichtigung von Herkunftssprachen und HSU in Regelschulen einzusetzen (Goethe-Institut 2026a).

In einem hell beleuchteten Raum stehen zwei weiblich gelesene Personen vor einer Glaswand, die mit acht gelben Haftnotizen beklebt ist. © Moa Karlberg, imagebank.sweden.se

Kommunikationsfähigkeiten und -kompetenzen in einer globalisierten Welt

Um das Interesse und Verständnis für HSU zu fördern, sind (soziolinguistische) Kenntnisse über die alltägliche Sprachpraxis der Lernenden erforderlich. Dies beinhaltet auch ein kritisches Sprachbewusstsein hinsichtlich der Frage, inwiefern das Wissen über den Sprachgebrauch durch Machtverhältnisse im jeweiligen Kontext geprägt wird bzw. diese Verhältnisse selbst prägt. Ein solches Wissen kann sowohl in Lernaktivitäten zu HSU als auch in den herkunftssprachlichen Unterricht selbst einfließen. Ein Hauptziel des Sprachunterrichts ist auch die kommunikative Kompetenz. Gemäß dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen beinhaltet der im Projekt Your Language Counts! entwickelte HSU-Rahmen Aktivitäten zur Förderung der Lese-, Schreib-, Sprach- und Interaktionskompetenzen der Herkunftssprachenlernenden.

Vier Perspektiven für das Lehren und Lernen von Herkunftssprachen

Der Rahmen enthält hilfreiche Erkenntnisse aus den einzelnen Projektarbeitsgruppen zu familiären Perspektiven, zur Organisation, zu Lehrmaterialien und zur Arbeit von Lehrkräften für Herkunftssprachen. Das fertige Modell bietet einen kontextuellen Hintergrund, theoretische Perspektiven auf HSU und zwölf Unterrichtsaktivitäten auf der Grundlage von vier ineinander übergehenden Perspektiven, die für den HSU wesentlich sind: Sprache, Identität, Interkulturalität und Wissen. Ein Beispiel für eine Aufgabe zur Identität ist das Sprachenporträt, bei dem Schüler*innen die Sprachen, die sie sprechen, visuell auf einer menschlichen Silhouette darstellen. Anschließend schreiben sie auf Grundlage ihrer Zeichnung einen Text oder führen eine Diskussion über ihre sprachliche Identität (Ackermann-Boström et al. 2024: 31).

Das gesamte Modell wurde von 18 Lehrkräften für Arabisch, Persisch, Russisch, Somali, Türkisch und Ukrainisch in drei europäischen Ländern umgesetzt. Eine formale Evaluierung des vollständigen Projekts Your Language Counts! führte zu folgenden Ergebnissen: Der Rahmen und die Unterrichtsaktivitäten wurden von den Lehrkräften für Herkunftssprachen begrüßt, denen in vielen Fällen kein Unterrichtsmaterial zur Verfügung steht. Der Lernprozess über Umsetzung und Wissensaustausch in mehreren europäischen Ländern wurde ebenfalls als ausgesprochen wirksam erachtet und habe zudem die Kommunikation in den beteiligten Familien gestärkt (Schroeder et al. 2026: 30). Doch es bleibt noch viel zu tun, in anderen Ländern und Kontexten und mit anderen Altersgruppen (Your Language Counts! befasste sich hauptsächlich mit Herkunftssprachenlernenden im Alter von 12 bis 16 Jahren).

Fazit

HSU wird weiterhin eine wesentliche Rolle im Leben transnationaler Familien spielen. Denn auch wenn jeder – nationale, regionale und lokale – Kontext seine eigenen Anforderungen und Beschränkungen mit sich bringt, besteht keinerlei Zweifel an der Wichtigkeit, mehrsprachigen Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Muttersprache zu nutzen und zu entwickeln. HSU bietet Schulen und Bildungsbehörden Möglichkeiten und Chancen, Verantwortung für den schulischen Erfolg und das Wohlergehen mehrsprachiger Kinder zu übernehmen, denn es kommt wirklich auf jede Sprache an!

Literatur

Ackermann-Boström, Constanze, Simeon Oxley und Anne Reath Warren (2024): Your Language Counts! Erasmus + Pilot Model for HLE Teachers. Goethe-Institut.

Alisaari, Jenni, Line Møller Daugaard, Joke Dewilde, Raisa Harju-Autti, Leena Maria Heikkola, Jonas Yassin Iversen, Niina Kekki, Sari Pesonen, Anne Reath Warren, Boglárka Straszer und Maija Yli-Jokipii (2023): Mother Tongue Education in Four Nordic Countries – Problem, Right or Resource? Apples – Journal of Applied Language Studies, Bd. 17 (2), 52–72.

Cruickshank, Ken und Merryl Wahlin (2024): Preface. In: Ken Cruickshank, Joseph Lo Bianco, und Merryl Wahlin (Hrsg.), Community and Heritage Languages Schools Transforming Education. New York: Routledge, XV–XIX.

Cummins, Jim (2005): A Proposal for Action: Strategies for Recognizing Heritage Language Competence as a Learning Resource Within the Mainstream Classroom. The Modern Language Journal, Bd. 89 (4), 582–617.

Ganuza, Natalie und Christina Hedman (2019): The Impact of Mother Tongue Instruction on the Development of Biliteracy – Evidence from Somali-Swedish Bilinguals. Applied Linguistics, Bd. 40 (1), 108–131.

Goethe-Institut (2026a): YLC! Handbuch für Bildungsakteurinnen und -akteure.

Goethe-Institut (2026b): Your Language Counts! – Konferenz.

Reath Warren, Anne (2017): Developing Multilingual Literacies in Sweden and Australia: Opportunities and Challenges in Mother Tongue Instruction and Multilingual Study Guidance in Sweden and Community Language Education in Australia.

Schroedler, Tobias, Clarissa Diekmann, Tatjana Atanasoska und Erkan Gürsoy (2025): An Evaluation Report of the Your Language Counts Project: Findings and Implications. Universität Duisburg-Essen.

Wong Fillmore, Lily (2000): Loss of Family Languages: Should Educators be Concerned? Theory into Practice, Bd. 39 (4), 203–210.