Filmkritik | „A voix basse“ und „Der Heimatlose“   Lügen, Lügen, Lügen

Hiam Abbass und Eya Bouteraa in „À voix basse”. Regie: Leyla Bouzid
Hiam Abbass und Eya Bouteraa in „À voix basse”. Regie: Leyla Bouzid Foto (Detail): © 2025 - UNITE

Zwei Filme, zwei Rückkehrgeschichten – und die Erkenntnis, dass Lügen nicht laut ausgesprochen werden müssen. Manchmal liegen sie im Schweigen. Manchmal in der Erinnerung. Und manchmal in dem, was eine Gemeinschaft bereit ist zu glauben.

Die zwei Rückkehrenden aus den Berlinale-Filmen À voix basse (2026) und Der Heimatlose (2026), Lilia und Hein, kämpfen auf unterschiedliche Weise mit einer bedeutsamen Frage: Wer bin ich, wenn meine eigenen Leute mich nicht (mehr) erkennen?

Familiengeheimnisse

Im tunesischen Film À voix basse (Im Flüsterton) wird die Zerissenheit der Hauptfigur Lilia zwischen ihrem selbst gewählten Lebensweg und den familiären Erwartungen bereits in der ersten Szene klar. Lilia fliegt von Paris nach Tunis. Kurz nachdem das Flugzeug in Tunis-Carthage landet, sieht sie bereits angestrengt und skeptisch aus dem Fenster, während ihre Partnerin sie unbeschwert anlächelt. Grund der Reise nach Tunesien ist die Beerdigung von Lilias Onkel. Schon bei der Ankunft steigen zahlreiche Kindheitserinnerungen aus ihrem Gedächtnis auf. Und sie trennt ihre zwei Leben – hier Tunesien, dort Paris – streng voneinander ab: Lilias Partnerin zieht während des Aufenthalts ins Hotel. 

Im Laufe des Films findet Lilia heraus, dass ihr verstorbener Onkel einen Mann geliebt, aber seine Homosexualität aus Angst geheim gehalten hat. In Tunesien steht Homosexualität gemäß Paragraph 230 des Code pénal (Strafgesetzbuch) unter Strafe. Die Erkenntnis, wie verängstigt und eingeschüchtert ihr Onkel gewesen ist, bringt Lilia irgendwann dazu, nach der Wahrhaftigkeit ihres Verhaltens zu fragen und sich offen zu ihrer Liebe zu bekennen und auch in ihrem Geburtsland für diese einzustehen. Dies zeigt sch unter anderem in der Szene, in der Lilia einen Polizeibeamten darum bittet, sie zu verhaften, weil sie lesbisch sei. Der Beamte ist irritiert und erwidert, dass das Gesetz nicht für Frauen gelte.

Lilia wird mit den Gründen konfrontiert, aus denen sie Tunesien verließ: geschlossene Gesellschaften, patriarchale Strukturen, Homophobie. Ihr Umfeld in Tunesien interssiert sich vor allem dafür, wann die 32-jährige Frau endlich heiratet und Mutter wird. Dass sie eine erfolgreiche Ingenieurin ist, wird im Kontext der Familienplanung von den anderen Familienmitgliedern eher belächelt.

Die Regisseurin und Drehbuchautorin Leyla Bouzid erzählt mit warmen Farben und atmosphärischen Bildern aus dem Alltag in Tunis. In À voix basse präsentiert sie eine Familiengeschichte über unterdrückte Wahrheiten und hinterfragt das traditionelle Rollenbild der Frau, ohne harsche Aburteilungen. Vielmehr ergänzt die Figur der Lilia die Frauenrollen in den verschiedenen Generationen ihrer Familie.

Aus dem Gedächtnis getilgt

Auch in Der Heimatlose (2026) kehrt die Hauptfigur namens Hein nach 14 Jahren in seine Heimat zurück – in diesem Fall eine kleine Insel mit einer überschaubaren Einwohnerzahl. Hein wird jedoch nach seiner Rückkehr von der Gemeinschaft angeblich nicht erkannt. Man beruft ein Dorfgericht ein, um seine Identität bestätigen zu können. 
Szene aus „Der Heimatlose“. Regie: Kai Stänicke

Szene aus „Der Heimatlose“. Regie: Kai Stänicke | Foto: © Florian Mag


Der Heimatlose, das Langfilmdebüt von Kai Stänicke, erinnert im Aufbau und Stil an ein Theaterstück, ein Drama über Identität und kollektive Erinnerung. Dieser Eindruck stellt sich nicht nur wegen der  ungewöhnlichen, aufgesagt klingenden Sprache ein. Sondern es sind auch ausnahmslos dächerlose Häuser zu sehen, in denen nur das Nötigste steht und die an Theaterrequisiten erinnern. Ein Konzept, das man bereits aus Dogville kennt, dem Film von Lars von Trier aus dem Jahr 2003. Die Farben in Der Heimatlose sind rau und dunkel, es wird einem fast ein wenig kalt beim Zusehen.

Die Rolle der Mutter 

Die jeweilige Mutter als emotionaler Anker und erste Instanz und Anlaufstelle nach der Rückkehr spielen sowohl für Lilia als auch für Hein eine zentrale Rolle. Sind es aber die, die uns am meisten lieben, auch jene, die uns an stärksten prüfen? Lilia kostet das Eingeständnis ihrer Mutter gegenüber, dass sie lesbisch ist, besonders viel Überwindung. „Ich bin immer noch deine Tochter”, versichert sie ihrer Mutter nach dem Coming-out. 

Auch Hein sucht zunächst seine Mutter auf, um seine Identität zu beweisen und eine Verbündete auf seiner Seite zu haben. Als diese jedoch verstirbt, steht er nahezu alleine da. Er braucht eine Weile, um zu einem Perspektivwechsel zu kommen, das ganze Gerichts-Szenario mit den Augen des Gegenübers zu sehen und so den Prozess gegen ihn zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Der Film hält noch einen Wendepunkt bereit, als Hein sich in seiner Erinnerung selbst, seine Homosexualität und somit seine eigene Wahrheit erkennt. 

Regisseur Kai Stänicke wuchs in den 90ern in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen auf. In seiner Jugend habe er oft das Gefühl gehabt, nicht er selbst sein zu können, bekannte er. Erst als er nach Berlin zog, änderte sich das. Im Q&A nach der Weltpremiere des Films auf der Berlinale äußert sich Stänickes Mutter aus dem Publikum: „Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe, egal was du machst.” Es wird warm im Saal. 

In der Heimat sich selbst erkennen

Zwei Filme, die leise und eindrucksvoll über Herkunft und Selbstbestimmung sprechen, über Erinnerung, aber auch den Mut, die eigene Identität zu behaupten, selbst wenn alle um einen herum diese anzweifeln. In die Heimat zurückzukehren heißt oft, sich einen Spiegel vorzuhalten, der das vergangene mit dem gegenwärtigen Ich verbindet. Wahrheit kommt ans Licht, wenn vorher Distanz hergestellt wurde. Denn die entstandene Spannung übt Druck aus. Das Gefühl, das bleibt: Katharsis.