Filmkritik | „17“  Schrei nach Aufmerksamkeit

Eva Kostic in „17”. Regie: Kosara Mitic
Eva Kostic in „17”. Regie: Kosara Mitic Foto (Detail): © Black Cat Production

Wie kann ein 17‑jähriges Mädchen schwanger sein, ohne dass es jemand bemerkt? Wie verbirgt man ein so großes Geheimnis? Eine junge Frau, die sich verloren fühlt und Angst hat, verweist auf ein kollektives gesellschaftliches Versagen.

17 – das klingt nach den besten Jahren unseres Lebens, nach einer Zeit voller Spaß, Leichtigkeit und scheinbar grenzenloser Freiheit. Doch in 17, dem Debütfilm von Kosara Mitić, einer Regisseurin aus Nordmazedonien, bekommt diese Zahl eine dunklere Bedeutung. Mitić ließ sich von einem Zeitungsartikel inspirieren, der sie so tief erschütterte, dass sie daraus ein Drehbuch machen musste – eines, das dem Publikum keine ruhige Minute im Kinosessel lässt.

Ich war fast im selben Alter, als ich die wahre Geschichte zum ersten Mal las: ein 17‑jähriges Mädchen, schwanger, das ihr neugeborenes Baby in einen Müllcontainer warf. Dieser Akt ist kein Zufall. Er fährt wie ein gewaltsamer Riss durch eine verängstigte Gesellschaft und ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit.

Die Geschichte auf der Leinwand ist all jenen gewidmet, die nicht sprechen oder für sich selbst einstehen können. Die Verzweiflung, die Angst und der Schmerz der Hauptfigur lassen manche Zuschauer wegsehen, unfähig, diese Realität zu ertragen. Wie kann ein 17‑jähriges Mädchen schwanger sein, ohne dass es jemand bemerkt — weder die Eltern noch die Lehrer, nicht einmal die Freunde? Wie verbirgt man ein Geheimnis, das so groß ist? Ein junges Mädchen, das sich verloren fühlt und Angst vor den Konsequenzen hat – dahinter steht kein individuelles Versagen, sondern ein kollektives.

Schamhaftes Verstecken

Der Film beginnt damit, dass die Protagonistin mit zwei Jungen gleichzeitig Sex hat. Wir erfahren nicht, ob sie das freiwillig getan hat oder ob sie ein Opfer war. Einige Monate später sehen wir Sara (Eva Kostić) auf dem Weg zum Schulausflug. Sie ist zurückgezogen, beschämt, wird gemobbt und verspottet. Gleichzeitig verhält sich die gesamte Klasse respektlos gegenüber der Lehrerin und dem Hotelpersonal. Ich habe meine Jugend in derselben Stadt verbracht und fragte mich während des Films immer wieder: Waren wir genauso? Oder haben wir als Gesellschaft irgendwo auf dem Weg unsere Werte und unser Verständnis füreinander verloren?

Sara wird von ihren Mitschülern verbal angegriffen, während sie ihre Schwangerschaft unter mehreren Kleidungsschichten versteckt – sie wählt das Schweigen, weil es ihr einfacher erscheint, als sich dem Problem zu stellen oder Hilfe zu suchen. Der Film zeigt uns die emotionale Gewalt, der junge Frauen oft ausgesetzt sind. Und in einem repressiven System wird Schweigen zu einer Strategie. Saras Schweigen isoliert sie vollständig, bis sie Zeugin eines sexuellen Übergriffs auf eine Mitschülerin wird.

Diese Mitschülerin ist Lina (Martina Danilovska), ein Mädchen, das von seiner Mutter geliebt wird und ihre Aufmerksamkeit bekommt. Saras Mutter hingegen rät ihrer Tochter für den Ausflug lediglich, Sonnencreme zu benutzen, um Falten zu vermeiden –  als wäre das das Schlimmste, was einer jungen Frau passieren könnte. Doch trotz der mütterlichen Unterstützung betrinkt sich Lina – aus Scham und Angst. In diesem Moment fragen wir uns, ob wir die Einstellungen widerspiegeln, die wir zu Hause lernen, oder ob der Gruppendruck uns dazu bringt, auf eine Weise zu handeln, die wir später bereuen. Wie stark kann ein Individuum sein, wenn es gegen eine konservative, patriarchale Gesellschaft ankämpfen muss, die bereits ein festes Bild davon hat, wie man sich zu verhalten hat?

Geteiltes Trauma – rettende Freundschaft

Ihr geteiltes Trauma bringt Sara und Lina dazu, sich anzufreunden. Diese Verbindung gibt Sara Stärke — die Erkenntnis, dass sie nicht die Einzige ist, die leidet. In diesem Moment des Vertrauens offenbart sie Lina schließlich ihre bis dahin geheim gehaltene Schwangerschaft.

Das Filmende unterscheidet sich von der wahren, einst so erschütternden Geschichte. Kosara Mitić entscheidet sich dafür, Raum für Empathie zu schaffen und uns mit Saras Trauma und ihrem verzweifelten Schrei nach Sichtbarkeit zu konfrontieren. Eva Kostić liefert eine beeindruckende schauspielerische Leistung, stattet ihre Figur mit einer rohen Traurigkeit aus, die im Moment der Geburt ihren Höhepunkt erfährt. Ihr Schrei ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit, er zeigt Schmerz und Mut — vor allem ist er ein Schrei, der uns entlarvt. 17 erzählt nicht einfach die Geschichte eines Mädchens; der Film zeigt eine Gesellschaft, die Schweigen der Konfrontation vorzieht, Scham der Unterstützung und Urteil dem Verständnis. Er zeigt, wie ein repressives System junge Menschen dazu bringt, sich zu verstecken, Angst zu haben, zu verschwinden. Oft werden sie erst dann gesehen, wenn eine Tragödie uns dazu zwingt.

Aus Schweigen resultiert Gewalt

Mitićs Film zeigt auch mit dem Finger auf jene, die Verantwortung tragen: Eltern, Lehrkräfte, Institutionen und ganze Gesellschaft. Er fragt, warum ein Mädchen ihr Trauma allein tragen musste, warum niemand etwas bemerkte, warum niemand fragte, warum niemand zuhörte. Der Film besteht darauf, dass das, was Sara widerfährt, kein Einzelfall ist, sondern ein Symptom einer Gesellschaft, die ihre Verletzlichsten nicht schützt. Im Kern enthüllt 17 eine schmerzhafte Wahrheit: Wenn wir eine Kultur des Schweigens fördern, schaffen wir die Bedingungen für Gewalt. Wenn wir junge Menschen nicht als die sehen, die sie sind, lassen wir ihnen keine andere Wahl, als sich hinter einem gesellschaftlich akzeptierten Bild zu verstecken.

Bei der Q&A‑Session standen drei junge Frauen auf der Bühne — Kosara Mitić, die Regisseurin, und die beiden Hauptdarstellerinnen Eva Kostić und Martina Danilovska. Sie zeigten sehr deutlich, dass weibliche Stimmen lauter denn je sprechen und für sich selbst einstehen werden, trotz aller Stereotype, die sie durchbrechen müssen.

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