Mit Schwerkranken angemessen zu sprechen, ist nicht so einfach. Simon Sahner hat selbst als Patient Erfahrungen mit missglückter Kommunikation gemacht – und schreibt über die Fettnäpfchen, in die man als sich sorgendes Familienmitglied, aber auch als Arzt oder Ärztin treten kann.
„Kein Mensch ist eine Insel“, heißt es in einem Text des englischen Dichters John Donne aus dem 17. Jahrhundert. Als kranker Mensch wünscht man sich manchmal jedoch, man wäre eine Insel. Allein, ohne Verantwortung, ohne die soziale Verpflichtung, die Gefühle der anderen mitzudenken. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn andere Menschen versuchen, einem Kranken das Gefühl zu geben, er sei nicht allein. Die Reaktion des Kranken darauf erscheint oft unfair, weil hinter diesen Versuchen die besten Absichten für einen geliebten Menschen stecken oder sogar eigene Verzweiflung und Angst. Aber Krankheiten sind eben Ausnahmezustände – für die erkrankte Person genauso wie für die Menschen, die sich um den Kranken sorgen.Über den richtigen Ton am Krankenbett
Das Problem besteht darin, dass es fast unmöglich scheint, „richtig“ mit kranken Menschen zu sprechen. Aber natürlich ist es möglich, jedoch weiß ich, wie schwer es für Außenstehende ist, den richtigen Ton zu treffen, das richtige Wort zu finden, ja manchmal sogar den richtigen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Ich weiß das, weil ich eine Zeit lang selbst der Mensch war, mit dem man fast unmöglich richtig reden konnte.Das fiel mir damals, als ich selbst betroffen war, schon am ersten Tag im Krankenhaus auf. Zu Beginn meiner Behandlung meinte eine Ärztin „Das wird jetzt sehr schwer“. Was sollte ich damit anfangen? Natürlich würde es schwer werden, dachte ich. Wenn es ein Spaziergang wäre, würden Menschen freiwillig eine Chemotherapie machen. Und gleichzeitig war ich empört, denn woher wollte die Ärztin das wissen? Am selben Tag ließ ein Arzt, der den Verlauf der Therapie beobachtete, wie nebenbei die Floskel „Sie schaffen das“ fallen. Woher konnte er das wissen?
Es gibt eine spezielle Art von Aussagen, auf die ich bis heute mit Abwehr reagiere – das sind Feststellungen über den Verlauf einer Erkrankung, einer Untersuchung oder einer Behandlung, die niemand mit Sicherheit treffen kann: Du schaffst das. Da ist nichts. Das ist harmlos. Würden diese Sätze stimmen, wäre nie jemand krank und niemand würde an einer Krankheit sterben. Die Menschen, die diese Aussagen treffen, sind oft solche, die mir am nächsten stehen. Sie wollen mir Mut zusprechen und Sicherheit geben. Dennoch: Wenn jemand vor einer Untersuchung sagt, dass da nichts sei und es in zwei Stunden vorbei sei, denke ich immer derselbe: Dann muss ich ja nicht hin. Vielleicht sollte man es wie der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf machen, der seinen Freund*innen und seiner Familie einen Leitfaden an die Hand geben wollte, wie man mit ihm während seiner Erkrankung zu reden habe.
Zwei Sprachen zur Beschreibung einer Krankheit
Dass es für nahestehende Menschen schwierig ist, mit Kranken zu reden, ist nachvollziehbar, und es bedarf einer Menge Verständnis von beiden Seiten, um in so einer Extremsituation richtig zu kommunizieren. Von Ärzt*innen aber sollte man erwarten, dass sie das besser können. Nach meinem Verständnis ist es ein Teil ihrer Arbeit, Menschen korrekt zu behandeln – auf der medizinischen wie auf der kommunikativen Ebene.Es müsste Ärzt*innen klar sein, dass die Aussage „Das gefällt mir nicht“ beim Betrachten einer MRT-Aufnahme im Beisein des Patienten eine falsche Art der Kommunikation ist. Dennoch passiert so etwas regelmäßig, was der Soziologe Arthur Frank anhand zweier englischer Begriffe erklärt, die nicht ins Deutsche übersetzbar sind: illness talk und disease talk. Während illness das körperliche (und emotionale) Erleiden und das Durchleben einer Krankheit als Prozess beschreibt, bezieht sich disease auf die Krankheit im medizinischen Sinne. Illnes talk und disease talk sind also zwei unterschiedliche Sprachen, um ein und dieselbe Krankheit zu beschreiben. Es bedarf einer Übersetzung durch die Ärzt*in, um den Erkrankten die Situation auf angemessene Weise zu erklären.
Manchmal hilft auch Schweigen
Was ist also der richtige Weg, mit kranken Menschen zu reden? Manche können das intuitiv, sie finden die richtigen Worte oder – was manchmal noch besser sein kann – sie suchen sie erst gar nicht, sondern schweigen oder reden über etwas ganz anderes. Die besten Worte aber fand in meinem Fall ein Pfleger, der eines Tages, als ich einmal wieder für ein paar Tage das Krankenhaus verlassen konnte, zum Abschied sagte: „Sie machen das gut, Herr Sahner.“Sprechstunde – die Sprachkolumne
In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.
März 2026