Simon Sahner über männliche und weibliche Krankheitsprotokolle  Tagebuch oder Rückschau?

Band zur Sensibilisierung für Brustkrebs, umgeben von weißen Gänseblümchen und roten Herzen
Ein Band zur Sensibilisierung für Brustkrebs, wie es auch für Kampagnen genutzt wird Foto (Detail): © picture-alliance/ imageBROKER | Addictive Stock

Woran liegt es, dass an Krebs erkrankte Männer ihr Leiden direkt für die Öffentlichkeit aufzeichnen, während sich Frauen eher erst nach überstandener Krankheit schriftlich äußern? Simon Sahner beschäftigt sich mit diesem Phänomen – und nimmt auch die gesellschaftlichen Umstände in den Blick.

Einige Jahre nach Ende meiner Krebstherapie begann ich, über meine Krankheit zu schreiben. In dieser Zeit, als ich nur noch in länger werdenden Abständen zur Nachsorge musste, fiel mir etwas auf. Ich las damals zu Recherchezwecken sehr viele Krankheitsberichte und stellte irgendwann fest, dass alle Männer, die über ihre Erkrankung geschrieben hatten, auch an ihrer Krankheit gestorben waren. Sich schriftlich damit beschäftigt hatten sie sich nur während ihrer akuten Krankheitsphase. Von Männern, die ihre Krankheit überlebt haben, fand ich kaum Aufzeichnungen.

Frauen hingegen hatten meistens erst nach Ende der Behandlung angefangen zu schreiben, zu einer Zeit, als sie selbst wieder gesund oder zumindest nicht mehr akut in Behandlung waren. Dieses von mir erkannte Muster beruhte zwar nur auf wenigen Beispielen und könnte vielleicht durch andere Beispiele sogar in Zweifel gezogen werden, aber mir stach diese Regelmäßigkeit dennoch ins Auge.

Den Brustkrebs überleben

Wenn Frauen über Krebs schreiben, handelt es sich in den meisten Fällen um Tumorerkrankungen, die vor allem die weiblich gelesene Brust oder primären Geschlechtsmerkmale betreffen. Das mag in erster Linie daran liegen, dass gerade jüngere Frauen diese Krebsarten inzwischen häufig überleben und deshalb anschließend darüber schreiben können. Es geht den erkrankten Frauen oft auch um eine nachlesbare Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und normativen Perspektive auf das Frausein und mit dem eigenen Selbstverständnis. „Es gibt nur wenige Krankheiten mit ähnlich katastrophischen Folgen für Frauen wie Brustkrebs und noch weniger bringen ein vergleichbares Repertoire an Leid mit sich“, stellt Anne Boyer fest. Wenn Frauen über diese Krankheit schreiben, handelt es sich es deswegen auch oft um eine Form der Zeugenschaft und eine Demonstration des Überlebens an sich. Audre Lorde, die eine Krebserkrankung zunächst überstand, schreibt, die Folgen der Krankheit und des Überlebens zu verstecken, hieße zu leugnen, dass etwas geschehen ist und dass sie als Person etwas durchlebt hat, was sie verändert hat.

Auffällig wenig Tagebücher krebskranker Frauen liegen vor, die direkt aus der Zeit der Krankheit berichten. Auch Audre Lordes Werk Auf Leben und Tod. Krebstagebuch setzt sechs Monate nach ihrer Mastektomie ein. Der Gedanke liegt nahe, dass die Pflicht zur Sorgearbeit trotz Krankheit, die Frauen gesellschaftlich auferlegt wird, hier die Kraft und die Kapazitäten aufsaugt, die Männer in der gleichen Lage eher zur Verfügung haben. Männern und Kindern würde das Krankenblatt von Frauen ausgefüllt, Frauen füllten ihr eigenes Krankenblatt aus, schreibt Audre Lorde passend dazu.

Kampf gegen den Feind im eigenen Inneren

Ganz anders bei vielen Männern, die sich über ihren Krebs entäußern. Sie, so scheint es, verstehen ihr Schreiben quasi als Berichte aus dem Feld. Es sind Aufzeichnungen aus den Stunden der Einsamkeit, geprägt von Therapie, Sorge und Verzweiflung, häufig in Form von Tagebüchern. Man könnte sagen, es handele sich um Kriegstagebücher aus einem Feldzug gegen den Feind im eigenen Körper. Entsprechend lesen sich ihre Texte manchmal wie ein Auflehnen gegen das Verschwinden in der Gewissheit des Endes. Wolfgang Herrndorf äußert sogar, er hätte sein Tagebuch nicht begonnen, wenn er an Prostatakrebs erkrankt wäre. Nur der Gehirntumor, insbesondere das Glioblastom – in seinen Worten der Rolls-Royce unter den Krankheiten – hat die ausreichende Dignität, um die Krankheitszeit und ihre Auswirkung in tagebuchartigen Aufzeichnungen festzuhalten. Wenn Männer über ihre Krebserkrankung schreiben, handelt es sich oft direkt um eine Auseinandersetzung mit der Conditio Humana. Es geht ihnen um das große Ganze, bezogen auf das Ich.

Man muss der Beobachtung, dass Männer eher zu Tagebüchern aus der Krankheit und Frauen eher zur reflektierenden Rückschau tendieren, keine übergroße Bedeutung beimessen, aber sie ist doch ein signifikanter Hinweis darauf, dass auch die gesellschaftlichen Umstände eine Rolle dabei spielen, wie und in welcher Form sich Menschen über ihre eigenen Krankheitserfahrungen äußern.

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In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.

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