Die Umweltorganisation „ClientEarth“ kämpft mithilfe des Rechts für den Schutz unseres Planeten. Wie muss man sich das vorstellen, wenn die Erde die Mandantin ist? Das – und noch viel mehr – haben wir Geschäftsführerin Christiane Gerstetter im Interview gefragt.
„ClientEarth“ – nehmen wir das mal wortwörtlich. Wie muss man sich das vorstellen, die Erde als Ihre Klientin?Auf Deutsch könnte man es übersetzen mit „Mandantin Erde“, Rechtsanwält*innen haben nämlich Mandant*innen. Wir arbeiten allerdings nicht als Rechtsanwält*innen, sondern allgemeiner als Jurist*innen und wir nutzen die Mittel des Rechts für besseren Umweltschutz.
Als globale Umweltrechtsorganisation tun wir drei Dinge: Wir geben erstens unseren juristischen Input in Gesetzgebungsprozesse, setzen uns für starke und gute Umweltgesetze auf nationaler wie auf EU-Ebene ein. Dann führen wir strategische Klagen, vor allen Dingen in Fällen, wo wir Anhaltspunkte dafür haben, dass geltendes Umweltrecht nicht ordentlich umgesetzt wird. Drittens unterstützen wir in einigen Ländern – in Deutschland ist das nicht nötig – zivilgesellschaftliche Organisationen dabei, besser mit dem Recht zu arbeiten. Wir bieten dort Trainings an, helfen Strukturen aufzubauen und geben anderen Organisationen Geld, damit sie juristische Arbeit machen können.
Ihre Mandantin „Erde“ kann aber schlecht bei Ihnen anrufen und sagen: „Meine Rechte werden missbraucht, helfen Sie mir!“– wie entscheiden Sie, wann Sie aktiv werden?
Wir analysieren laufend, was global und in einzelnen Ländern passiert. Wir wissen, wo die größten Missstände sind und wo es rechtliche Hebel gibt. Manchmal werden wir auch von Partner*innen angefragt, ob wir sie in einem Fall unterstützen.
In der Welt draußen gibt es große Probleme und wir als Jurist*innen suchen einen Weg, diese Probleme mithilfe des Rechts zu lösen. Wir haben momentan Büros in neun Ländern auf drei Kontinenten, kommen auch global zusammen und diskutieren.
Und dann ziehen Sie vor Gericht?
Wir ziehen nicht in allen Fällen vor Gericht. Manchmal reichen wir Beschwerden ein, oder erheben zwar eine Klage, erreichen aber einen außergerichtlichen Vergleich. Der Gerichtsprozess steht relativ weit hinten im Verlauf.
Christiane Gerstetter, Geschäftsführerin von „ClientEarth“ Deutschland. | © ClientEarth
Internationales Recht ist wichtig, weil es Verpflichtungen für Länder enthält und weil es Einfluss darauf hat, wie nationale Gesetze vor Gerichten ausgelegt werden. Aber internationales Völkerrecht ist neben seiner eigentlichen rechtlichen Wirkung vor allem politisch wichtig. Wir kennen alle diese sehr großen internationalen Konferenzen, wo es dann zwei Wochen um das Klima geht. Die sind politisch und für die Sichtbarkeit von Themen sehr wichtig - jenseits des eigentlichen Rechtlichen.
In konkreten Fällen unserer Arbeit bewegen wir uns aber meist auf der Ebene von nationalem Recht und EU-Recht, denn das, was das Handeln von Behörden in Deutschland bestimmt, ist hauptsächlich europäisches und nationales Recht.
Und an was arbeiten Sie gerade auf nationaler Ebene?
In Deutschland haben wir verschiedene Themen, zum Beispiel Landwirtschaft. Wir sind auf eine gut funktionierende Landwirtschaft angewiesen, damit wir alle zu essen haben. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Landwirtschaft so funktioniert, dass sie ökologischen Anforderungen gerecht wird. Wir haben zum Beispiel geklagt, um darauf hinzuwirken, dass landwirtschaftliche Aktivitäten in geschützten Gebieten, zum Beispiel in Naturschutzgebieten, vereinbar mit Naturschutzzielen sind.
Ist Klimaschutz gerade „out“?
Wir sehen – nicht nur in Deutschland, sondern auch auf EU-Ebene und in weiteren Ländern – eine Art „Rollback“ in der Umweltpolitik und Gesetzgebung. Es wird versucht, Umweltgesetze, die einmal vereinbart wurden, abzubauen und Standards zu schwächen. Das besorgt uns sehr.
Das betrifft aber nicht nur „Klima“-politik, sondern auch Umwelt generell, was nicht weniger besorgniserregend ist. Wir haben auch eine Biodiversitätskrise und eine Verschmutzungskrise – in all den Bereichen braucht es ambitionierte Maßnahmen und keinen „Rollback“ von einmal erreichten Standards. Deshalb versuchen wir, Gesetze zu erhalten und zu verbessern.
Das sind ganz schön viele Probleme. Was frustriert Sie denn am Allermeisten?
Dieser „Rollback“ ist schon sehr frustrierend und sehr bedrohlich, weil die ökologischen Krisen sich verschärfen. Es ist einfach nicht schlau, diese Gesetze zurückzurollen. Sie schützen menschliches Leben, den Planeten, aber letztlich auch die Wirtschaft. Wenn die Böden ausgelaugt sind, kann ein Agrarunternehmen nicht mehr produzieren. Wenn extreme Wetterereignisse die Fabriken zerstören, dann ist das auch ein ökonomischer Schaden.
Es ist unter keinem Gesichtspunkt schlau, diese Umweltstandards abzubauen.
Ich gehe mal davon aus, dass Sie da unter anderem auf die WELT -Berichterstattung vom letzten Jahr anspielen. Da wurde Ihnen „Klima-Lobbyismus“ vorgeworfen. Sehen Sie sich selbst als Klima-Lobbyist*innen?
Nein, wir setzen uns mit unserer rechtlichen Expertise für bessere Umweltgesetze ein, das ist aber auch das Ziel der EU und das Ziel deutscher Klimaschutzgesetze.
In dem Sinne, dass wir für die Umwelt kämpfen, sind wir vielleicht Lobbyist*innen, aber ich glaube, das Wort hat manchmal einen etwas merkwürdigen Beigeschmack. Wir sind gemeinnützig, denn wir agieren im allgemeinen Interesse und nicht für irgendwelche Privatinteressen – wie es Konzernlobbyist*innen tun.
Apropos Konzerne: Deutschland ist das Land der Autoliebhaber*innen und die Autoindustrie trägt die deutsche Wirtschaft. Schließt dies nicht klimabewusstes Handeln und klimabewusste Politik aus?
Das sollte es zumindest nicht. Aber ja, wir brauchen eine Veränderung der Wirtschaft in vielen Bereichen. Wir müssen unser Verkehrssystem umbauen, möglicherweise ist die Autoindustrie eine der Branchen, wo sich etwas ändern muss. Die Plastikindustrie ist ein anderes Beispiel. Andere Wirtschaftsbereiche müssen ausgebaut werden, wir brauchen zum Beispiel mehr erneuerbare Energien.
Wirtschaft und Klimaschutz gehen also Hand in Hand?
Es wäre falsch zu sagen: Wirtschaft ist nicht vereinbar mit Klimaschutz. Die Kernfrage ist doch: Welche Wirtschaft und wie wird was von wem produziert?
Nicht nur „ClientEarth“ fordert ein Umbauen des Verkehrssystems. | Foto (Detail) © picture alliance / SZ Photo | Christian Mang
Deutschland ist eine der größten Volkswirtschaften der Welt und politisch ein sehr einflussreiches Land – in der EU und global. Deutschland hat zweifelsohne eine Vorbildfunktion weltweit, aber mit seinen vielen Importen und Exporten auch einen wirtschaftlichen Hebel entlang seiner Lieferketten. Was Deutschland im Klimaschutz, Biodiversitätsschutz, allgemein Umweltschutz, macht, das ist sehr wichtig und entwickelt durchaus auch Strahlkraft über Deutschland und Europa hinaus.
Man hört trotzdem oft das Argument: „So lange Industrieriesen wie USA und China nicht mehr für die Umwelt tun, warum sollten wir dann als ‚kleines‘ Deutschland einbüßen?“
Wenn alle mit dem Finger auf die anderen zeigen, dann wird das nichts. Viele Umweltprobleme sind global und die verursacht Deutschland mit. Deswegen muss Deutschland auch zur Lösung beitragen, egal was andere machen. Wir können nicht die Hände in den Schoß legen, bis andere bereit sind, etwas zu tun – so funktioniert Umweltschutz nicht. Wenn mein Nachbar seinen Garten zerstört, bedeutet das nicht, dass ich meinen Garten auch zerstören muss.
Januar 2026