Kunst oder Wissenschaft? Beides! Alexander von Humboldt als Zeichner

Por Swantje Schütz

Eine nach ihrem Entdecker, Humboldt, benannte weibliche Weidenpflanze. Eine nach ihrem Entdecker, Humboldt, benannte weibliche Weidenpflanze. | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk
Der Wissenschaftler Alexander von Humboldt hat neben seinem umfänglichen wissenschaftlichen Werk, seinen Briefen und Büchern, auch zahlreiche Zeichnungen und Bilder hinterlassen. Seit 2015 kann man diese Werke, die auf beeindruckende Weise die Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst verwischen, gesammelt betrachten. Professor Oliver Lubrich* hat im Lambert Schneider Verlag „Das graphische Gesamtwerk“ Humboldts herausgegeben. Die 800 Seiten starke, hochwertige Sonderausgabe umfasst die Zeichnungen, Graphiken, Bilder und Karten, die dem Naturforscher zugeschrieben werden. Allerdings stammen nicht alle Werke direkt aus Humboldts Feder, manche basieren auf seinen Skizzen, andere auf seinen detaillierten Schilderungen oder seinen nach Europa überführten Exponaten. 1576 Illustrationen sind es insgesamt, die in dem kolossalen Buch zu bestaunen sind. Wer sich für botanische, zoologische, geographische, kartographische oder kulturwissenschaftliche Zeichnungen interessiert, findet in dem opulenten, wunderbaren Band im Großformat jedenfalls viel Faszinierendes.


Woraus besteht „Das graphische Gesamtwerk“?

  • Professor Lubrich hat Zeichnungen und Skizzen zusammengetragen, die Humboldt selbst angefertigt hat und die nicht mehr bearbeitet wurden oder als Grundlage für andere Bilder dienten.
  • Das Buch enthält außerdem Pflanzenzeichnungen, die nicht von Humboldt selbst gezeichnet wurden. Humboldt hat sie von seinem Freund und Begleiter Aimé Bonpland, dem Botaniker zeichnen lassen. Oder von den Pflanzenzeichnern Pierre Jean François Trupin und Pierre Antoine Poiteau. Humboldt selbst machte das getreue Abzeichnen von Pflanzen weniger Spaß. Die Arbeiten entstanden nach der berühmten Amerikareise von 1799 bis 1804, wo die Gräser, Samen und dergleichen gesammelt worden waren. Humboldt hatte eine große Sammlung davon nach Europa schiffen lassen.
  • Dann gibt es noch die Zeichnungen und Bilder, die auf Grundlage von Humboldts Skizzen entstanden sind. Nach seinen Reisen haben viele, teils renommierte Künstler aus Ateliers in Berlin, Rom, Stuttgart und Paris in Humboldts Auftrag gearbeitet. Auch Stecher, Drucker und Kollorateure wurden von ihm beauftragt.
  • Professor Lubrich ordnet Humboldts Gesamtwerk auch einige Werke zu, die nicht in Humboldts Auftrag entstanden, jedoch unmittelbar mit seinen Entdeckungen verbunden sind.
Eine nach ihrem Entdecker, Bonpland, benannte weibliche und männliche Weidenpflanze. Eine nach ihrem Entdecker, Bonpland, benannte weibliche und männliche Weidenpflanze. | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk


Zeichnen für die Forschung
Auf seinen Reisen zeichnete und skizzierte Humboldt wann immer es ihm – auch unter schwierigsten Bedingungen – möglich war. Sein Augenmerk richtete der Reisende in Amerika auf Tiere, die er – im Gegensatz zu den Pflanzen – nicht mit nach Europa nehmen konnte, und auf Szenen, Menschen und Landschaften sowie Städteansichten. Könnte man Alexander von Humboldt im Nachhinein mit einer Fotokamera ausstatten, sein Schatz an Bildern würde vermutlich ins Unermessliche gehen.

Immer ging es darum, mit Hilfe von Zeichnungen zu zeigen, was die fernen, unbekannten Länder – überwiegend Amerika – ausmachte. Schließlich war alles neu und fremd und sollte seinen Weg in die Wissenschaftswelt Europas finden, mit der Humboldt seine Begeisterung für seine Entdeckungen teilen wollte. Den Zeichnungen folgten ausführliche wissenschaftliche Beschreibungen und Auswertungen des Wissenschaftlers.

Ihm war es wichtig, dass in seinen Landschaftsstudien alles naturgetreu ist, die Pflanzenzeichnungen sind stets korrekt. Oftmals finden sich Menschen oder Tiere nur deshalb wieder, damit dem Betrachter die Verhältnismäßigkeit klar wird.


Talent und Schule
Sein Talent konnte sich sehen lassen, wie das von Professor Lubrich ins Gesamtwerk aufgenommene Selbstporträt aus dem Jahr 1814 zeigt. Humboldt hatte als Jugendlicher aber auch Unterrichtsstunden im Malen und Zeichnen erhalten. Seine Lehrer waren der Direktor der Berliner Akademie der Künste, Daniel Chodowiecki, und der Maler François Gérard.

Alexander von Humboldt (Selbstportrait) Alexander von Humboldt (Selbstportrait) | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk

Sein eigener Reisezeichner
Auf großen Reisen in dieser Zeit war in der Regel ein Zeichner dabei – Humboldt hingegen brauchte keinen, der Universalgelehrte mit den vielen Talenten übernahm das Skizzieren selbst und arbeitete später eng mit dem mit der Ausarbeitung beauftragten Künstler zusammen. Was seine Tagebücher betrifft, arbeitete Humboldt auch noch Jahre nach seinen Reisen daran, korrigierte und ergänzte sie um Zeichnungen und Anmerkungen, so dass man sie nicht als klassische Reisetagebücher bezeichnen kann. Darin stellte Humboldt die Skizzen selten in den Vordergrund. Sie waren Teil des großen Ganzen, oftmals nur ganz klein an den Rand gezeichnet und mit vielen Verweisen auf weitere Informationen versehen. Er verwendete fürs Schreiben und Zeichnen die gleiche Feder.


Teamwork
Humboldt und sein Reisebegleiter Bonpland arbeiteten auch schon einmal gemeinsam an einem Bild. Ein Beispiel ist das Porträt des spanischen Botanikers Don José Celestino Mutis, der in Bogotá forschte und Humboldt Einblick in seine Sammlung gewährte. Es ist davon auszugehen, dass Humboldt das Porträt gezeichnet und sich Bonpland den Pflanzenranken gewidmet hat.

Porträt des spanischen Botanikers Don José Celestino Mutis Porträt des spanischen Botanikers Don José Celestino Mutis | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk

Original und Ausarbeitung
Eine Skizze Humboldts aus einem seiner Reisetagebücher und die Fassung von Jean-Baptiste Huet, der Humboldts Original ausarbeitete, zeigen das Zusammenspiel von Auftraggeber und Auftragnehmer:
  Humboldts Skizze führte zu einer Ausarbeitung von Jean-Baptiste Huet Humboldts Skizze | Staatsbibliothek zu Berlin – PK

Ausarbeitung Humboldts Fischskizze (Poisson) durch Jean-Baptiste Huet Ausarbeitung durch Jean-Baptiste Huet | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk

Ein Erythrinus, wie Humboldt notiert. Ein weiteres Beispiel: Humboldts Original-Skizze aus einem seiner Reise-Tagebücher, und die Ausarbeitung von Wilhelm Friedrich Gmelin:

Zeichnung des Berges Quito von A. v. Humboldt Staatsbibliothek zu Berlin – PK

Wilhelm Friedrich Gmelin Ausarbeitung einer Humboldt Skizze Wilhelm Friedrich Gmelin Ausarbeitung einer Humboldt Skizze | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk
Auch der Zeichnung dieses Schwarzgesicht-Uakaris (Cacajao Melanocephalus), ebenfalls aus dem Hause Huet, liegt eine Skizze von Humboldt zugrunde. Humboldt beobachtete die Lebensweise der Schwarzkopfuakari in den Wäldern von Cassiquiare und am Rio Negro, seine ursprüngliche Skizze entstand nach einem toten Tier.
Huets Ausarbeitung eines Schwarzgesicht-Uakaris (Cacajao Melanocephalus), skizziert von Humboldt Die Zeichnung stammt vermutlich von Nicola Huet (1770-1827) und wurde in der von Bouquet – vermutlich Louis Bouquet, Kupferstecher (1765-1814) – gestochenen Fassung publiziert. | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk

Königin Luise und die Puppen
Wie das kommende Beispiel zeigt, basieren Bilder nicht nur auf Skizzen oder Erzählungen Humboldts. Es stammt auch nicht aus seiner Feder. In diesem Fall dienten Puppen als „Models“ für die damaligen Zeichner. Indigene Kunsthandwerker aus Michoacán, Mexiko, hatten diese Holzpuppen geschnitzt und ihnen Kleidung angezogen, die aus dem Mark einer Wasserpflanze gemacht worden waren. Die Puppen schenkte Humboldt der preußischen Königin Luise in Europa, die sie zeichnen ließ. Die Zeichnung wiederum wurde gestochen, gedruckt und koloriert. Humboldt kam erst danach wieder ins Spiel, kommentierte sie und fügte sie seinem Reisewerk hinzu – Grund genug, dass sie Teil der 800-Seiten mächtigen und prächtigen Sonderausgabe des Lambert Schneider Verlages ist.

Costumes des Indiens de Mechoacan Costumes des Indiens de Mechoacan | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk

Nachts am Orinoco
Das Werk „Al. V. Humboldts nächtliche Scene am Orinoco“ beruht auf Skizzen und Schilderungen des Forschers, die dieser dem Künstler Gottlieb Schick gab.

Al. V. Humboldts nächtliche Scene am Orinoco Al. V. Humboldts nächtliche Scene am Orinoco | Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk

Humboldt lobte Schick daraufhin für seine authentische Darstellung. In der Mitte des Bildes liegt ein Affe auf einem Grill. Zwei europäisch gekleidete Männer sind am Rand einer Szene mit zahlreichen Ureinwohnern zu sehen. Humboldt war fasziniert davon – und geschockt darüber – von was sich die indigene Bevölkerung ernährte. Die Zeichnung dient als „Erzählung“ für den europäischen Betrachter. Dazu der Herausgeber, Professor Oliver Lubrich:

„Im Text zu dieser Darstellung vom ‚Affenmahl‘ beschreibt Humboldt lediglich, ‚wie ein Affe gebraten wird, um ihn zu essen‘, denn ‚Affenschinken‘ sind ein Leckerbissen dieser Welt‘. In der Relation historique jedoch führt er aus, was hier verdrängt wird. Als er sich auf Schicks ‚Scene‘ bezieht, gesteht er sein Entsetzen angesichts des Verzehrs so menschenähnlicher Tiere.“

Infografik mit Tiefgang
Das wohl berühmteste Werk Humboldts ist das Naturgemälde von 1807, das wie eine moderne Infografik alle erdenklichen Informationen bereithält. Humboldt hat in diesem „Tableau physique des Andes et Pays voisins“ die Ergebnisse seiner Forschungstour festgehalten. Es zeigt einen Querschnitt durch den Vulkan Chimborazo und den südamerikanischen Kontinent. Zahlreiche Pflanzenarten sind in klimatische Schichten aufgeteilt und die Natur wird als Einheit aus vielfältigen Beziehungen und Verknüpfungen dargestellt. Von ihm selbst stammt allerdings nur eine Skizze, die Lorenz Schönberger und Pierre Turpin als Grundlage für ihre Zeichnung diente. Den kolorierten Kupferstich hat dann Louis Bouquet 1807 angefertigt. Enthalten war das Naturgemälde in seinem auf Französisch und Deutsch erschienenen Buch „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer“ (Essai sur la géographie des plantes, accompagné d’un tableau physique des régions équinoxiales).

Kolorierter Kupferstich von Louis Bouquet nach einer Zeichnung von Lorenz Schönberger und Pierre Turpin. Die Skizze dazu lieferte Alexander von Humboldt. Kolorierter Kupferstich von Louis Bouquet nach einer Zeichnung von Lorenz Schönberger und Pierre Turpin. Die Skizze dazu lieferte Alexander von Humboldt. | Bild: Peter H. Raven Library/Missouri Botanical Garden (CC BY-NC-SA 4.0)


Eine besondere Gabe
Die Kunstkritikerin und Wissenschaftshistorikerin Julia Voss schreibt in ihrem Artikel „Das Unsichtbare sichtbar machen. Alexander von Humboldt als Zeichner“ auf der Website der Kulturstiftung der Länder:

„Humboldt hatte die Gabe entwickelt, Gebirge und Flussläufe wie Spielzeuglandschaften zu übersehen und zu erfassen, in ihr Inneres zu blicken, sie zu analysieren und darzustellen. Er zeichnete Phänomene, die man nicht beobachten kann. Jeder Strich ist eine Theorie darüber, was dem Blick verborgen bleibt. In seinen Skizzen macht er das Unsichtbare sichtbar. Wie sehr Humboldt diese Art des Sehens zur zweiten Natur geworden ist, belegt sein Reisetagebuch.“
Diese Gabe Humboldts wird durch das vorliegende „Graphische Gesamtwerk“ nicht einfach nur sichtbar belegt, sondern erst durch die unglaubliche Anzahl an Skizzen wird sein Talent wirklich deutlich. Dieses Talent war natürlich unglaublich hilfreich für sein wissenschaftliches Arbeiten. Er war dadurch in der Lage, „fotografisch“ zu erfassen und immer im richtigen Gesamtverhältnis zu bleiben. Erprobt hatte das der Wissenschaftler bereits während seines Studiums an der Bergakademie Freiberg, wo er auch schon die Erde in Schichten analysieren musste.


Interpretationsspielraum
Gefragt nach seinem Lieblingsbild, nennt Professor Oliver Lubrich für die Themensaison/für „Humboldt y las Américas“ ein Bild, das Joseph Anton Koch in Rom nach Humboldts Skizze angefertigt hat, „Passage du Quindiu, dans la Cordillère des Andes.

Passage du Quindiu, dans la Cordillère des Andes Lambert Schneider Verlag: Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk

„Mein Lieblingsbild ist die fünfte Tafel der „Ansichten der Kordilleren“: der Übergang über die Anden, „Passage du Quindiu". Hier wird besonders schön deutlich, wie Humboldt die ‚Neue Welt‘ zugleich ästhetisch und wissenschaftlich wahrnimmt – aus diversen Perspektiven zugleich: botanisch, klimatologisch, geologisch sowie als Sozial- und Kulturkritiker. Im Vordergrund sehen wir eine sonderbare Reisegruppe: Menschen in europäischer Kleidung, die sich über die Anden tragen lassen. Aber der Stuhl eines Trägers bleibt leer, und er ist der einzige, der aus dem Bild herausschaut: auf uns Betrachter bzw. auf den Zeichner, Alexander von Humboldt, der sich dieser Art des Reisens verweigerte. Das Bild ist so auch ein indirektes Selbstportrait, in dem der Künstler abwesend anwesend ist. Es ist eine genaue Darstellung der Natur, und es erzählt eine Geschichte.“
Oliver Lubrich

Dieser Liebe zum Detail, dieser bibliophilen Fürsorge von Professor Lubrich ist es zu verdanken, dass das Graphische Gesamtkunstwerk weit mehr ist als ein Katalog von Humboldts Werken. Der auf schönem Papier gedruckte und hochwertig verarbeitete Bildband lädt schon aufgrund seiner Haptik zum Blättern ein. Als „Coffee Table Book“ würde es vermutlich viele interessante, vermutlich auch leidenschaftliche Diskussionen nicht nur unter Humboldt-Kennern auslösen – denn Humboldts Werk fasziniert ganz einfach. Das Buch entführt Leser und Betrachter ab der ersten Zeichnung in ferne Welten und Humboldts Zeiten. Ein außergewöhnliches, empfehlenswertes und zugleich auch erschwingliches Werk, das es verdient, im aktuellen Humboldt-Jahr auf vielen Coffee Tables zu landen.