Ein Buch über Flucht & Ankunft  Tagebuch einer Geflüchteten

Tagebuch einer Geflüchteten Illustration: © Tetiana Kostyk

Es ist ein Buch, das sie nie schreiben wollte, erklärt Oksana aus Odesa im Klappentext. Oksana war im Frühjahr mit ihrer achtjährigen Tochter nach Prag geflüchtet. In ihrem „Tagebuch einer Geflüchteten“ beschreibt sie ihre Erlebnisse und Gefühle. Oksanas Geschichte steht stellvertretend für Millionen ähnliche.
 

In Tschechien ist vor kurzem das Tagebuch einer Geflüchteten (Deník uprchlice) erschienen, das von der beschwerlichen Reise einer Mutter mit ihrer Tochter aus der kriegsgebeutelten Ukraine in die Tschechische Republik erzählt. Das Buch ist im Frühjahr dieses Jahres entstanden. Die Autorin beschreibt darin detailliert ihre Flucht, verschiedene Zufallsbegegnungen und die Erfahrungen, die sie bei alledem gemacht hat. Sie erzählt auch über das Kulturleben in verschiedenen ukrainischen Städten, geht auf die Ereignisse von 2014 [Annektierung der Krim und die Entfesselung des Krieges im Osten der Ukraine durch Russland, Anm. d. Red.] ein und berührt nicht zuletzt die berühmt berüchtigte „Sprachenfrage“ in der Ukraine. [Ein großer Teil der ukrainischen Staatsbürger*innen spricht Russisch als Erstsprache. Anm. d. Red.]

Illustriert wurde das Buch von der ukrainischen Künstlerin Iryna Potapenko aus Odesa. Einige Buchillustrationen hat sie in dem Luftschutzkeller gezeichnet, in dem sie während der Raketenangriffe Zuflucht gefunden hatte. Iryna Potapenko, geboren in Tschernihiw, lebt seit ihrem achtzehnten Lebensjahr in Odesa. Sie arbeitet für verschiedene ukrainische Verlage. Derzeit befinden sich zwei neue Bücher in Vorbereitung zur Drucklegung: Chronik eines Lebens im Luftschutzkeller beim Verlag Ranok und Rudi und die Milchstraße (Gedichtband von Hryhorij Falkowytsch) beim Verlag Wydawnytstwo Staroho Lewa. Iryna Potapenko hat mit ihren Zeichnungen an Antikriegsausstellungen in Wien, Italien und Amerika teilgenommen.

Von der Autorin des Tagebuchs einer Geflüchteten ist dagegen weniger bekannt. Ihr Name findet sich auch nicht im Buch. Hierbei handelt es sich um eine bewusste Entscheidung der Autorin: „Diese Geschichte ist nicht allein meine eigene Geschichte, sondern die Geschichte von Millionen Ukrainerinnen, die von einem Moment auf den anderen gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen und in andere Länder, ins Ungewisse zu gehen, um ihre Kinder zu schützen. Es ist die Geschichte von Millionen Menschen in der ganzen Welt, die den fremden Frauen, deren Sprache sie nicht verstehen, gastfreundlich die Tür geöffnet haben. Ich möchte, dass diese Geschichte genau in diesem Sinne verstanden wird. Und ich möchte, dass all dies nie wieder geschieht. Darum geht es in diesem Buch.“

Das Tagebuch einer Geflüchteten ist eines der ersten Bücher in der Europäischen Union, das von einer Geflüchteten aus der Ukraine geschrieben wurde, und wahrscheinlich das erste dieser Art, das in der Tschechischen Republik herausgegeben worden ist.

Deník jedné uprchlice - Cover © Nakladatelství Brána | Illustration: Iryna Potapenko Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages Brána veröffentlichen wir einen Auszug aus dem Buch:
 

Wasser? Für euch gibt’s kein Wasser!

Prag machte auf mich einen ungewohnten Eindruck. Es war ein grauer kalter Tag, durchdringender Wind, Graffiti an den Hauswänden. Es war bereits Frühling. Die ganze Zeit musste ich an ein Kapitel aus meinem Schulbuch über den Prager Frühling denken. Ich wollte immer weiter fliehen. Einfach die Sachen packen und fliehen – fliehen, fliehen, fliehen. Aber tief drinnen wusste ich, dass meine Kraft nicht reichen würde. Ich hatte einfach keine Kraft mehr. Meine Tochter und ich fuhren auf den Wenzelsplatz. Unerwartet stießen wir auf eine Ansammlung von Leuten. Es handelte sich um eine Stadtführung, eine kostenlose Stadtführung für Geflüchtete. Wir schlossen uns der Gruppe an.

Sechs Leute nahmen an der Stadtführung teil: außer meiner Tochter und mir waren da noch ein Ehepaar und eine weitere Mutter mit ihrem Kind. Die Stadtführerin wollte unser Augenmerk auf die märchenhaften Gassen von Prag lenken, ich aber sah nur den grauen Himmel und die Graffiti an den Hauswänden. Wir gingen über die Karlsbrücke, vorbei an einem Denkmal, an dem man sich etwas wünschen konnte. Ich blickte auf die Statue, die durch die hoffnungsvolle Berührung von Millionen Handflächen bereits glänzend geworden war, und erinnerte mich. Ich erinnerte mich daran, wie ich vor fünfzehn Jahren schon einmal auf dieser Brücke gestanden hatte. Auch ich habe mir damals etwas gewünscht. Ich habe mir gewünscht, eines Tages mit einem Menschen, der mich liebt und den ich liebe, an diesen Ort zurückzukehren, mit einem Menschen, mit dem ich viele glückliche Jahre verleben würde, vielleicht sogar ein ganzes Leben. Ich hielt die Hand meiner Tochter und schmunzelte sarkastisch. Traf diese Beschreibung nicht genau auf meine Kleine zu? Die Statue auf der Karlsbrücke vermag tatsächlich Wünsche zu erfüllen, man muss freilich präzise formulieren.

Danach standen die Prager Burg und die Goldene Gasse auf dem Programm. Schließlich gingen wir in ein Café, um uns aufzuwärmen. Die Anderen bestellten heiße Getränke, ich aber nur warmes Wasser. Der Mann hinter der Theke, ein bulliger Kerl, sah mich erst erstaunt an, erfüllte dann aber meinen Wunsch.

Meiner Tochter war sehr kalt, trotz der warmen Kleidung. Es war sehr winterlich in Prag, obwohl es bereits Anfang März war. Ich wickelte meine Tochter in eine Decke, die ich auf einem der Stühle gefunden hatte. Der Mann hinter der Theke, der uns beim Reden zugehört hatte, fragte uns schließlich auf Englisch: „Welche Sprache sprechen Sie da? Das ist doch kein Russisch, oder?“ „Das ist Ukrainisch“, antwortete die Stadtführerin eifrig, ohne uns Gelegenheit zu geben, selbst auf die Frage zu antworten. Sie saß am Nebentisch und war damit beschäftigt, Zucker in ihren Kaffee zu rühren. „Das sind Geflüchtete aus der Ukraine. Ich zeige ihnen die Stadt, um sie ein wenig aufzuheitern.“

„Geflüchtete?“ Nachdem der Mann dieses Wort gehört hatte, sprang er mit einem Satz hinter seinem Tresen hervor und schnappte sich unsere Gläser mit warmem Wasser. Ich war bestürzt. Gleich darauf wandte er sich an die Stadtführerin, fragte sie etwas auf Tschechisch, um gleich darauf zu seinem Tresen zurück zu laufen und seine Kaffeemaschine anzuwerfen. Schließlich trat er mit zwei vollgefüllten Tassen an unseren Tisch. „Hot Chocolate! Money njet. All free.“

Die Einladung auf eine heiße Schokolade ließ sich meine Tochter nicht zweimal sagen. Sogleich entschlüpfte sie ihrer Decke, in die ich sie eingewickelt hatte, und griff zur Tasse. „Lecker“, sagte sie.

Der Mann hinter dem Tresen unterhielt sich derweil rege mit der Stadtführerin. Er fragte sie etwas, und sie antwortete. Ich habe von deren Gespräch nichts verstanden, bis auf ein Wort: Ukraine. Der Mann wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und schüttelte den Kopf, als ob er sich von einem Gedanken befreien wollte.

Als meine Tochter ihre Tasse leer getrunken hatte, war auch ich mit der meinen fertig. Ich muss sagen, die Schokolade war nicht nur heiß, sie schmeckte auch hervorragend. Der Mann bestand darauf, kein Geld von uns zu verlangen. Ich wollte mich noch bei ihm bedanken, aber er war plötzlich nirgendwo mehr zu sehen. Ich habe daher meinen Dank in die Luft gesprochen, wollte ich ihn doch nicht für mich behalten.

Unsere Gruppe verließ das Café. Am Eingang traf ich den Mann wieder. Er trat an mich heran und flüsterte mir etwas Unverständliches ins Ohr. Das einzige Wort, das ich verstand, war dítĕ – Kind. Während er mit mir sprach, steckte er seine Hand in meine Manteltasche. Danach verschwand er wieder blitzschnell hinter seinen Tresen und wandte sich, als ob nichts gewesen wäre, seiner Arbeit zu.

In meiner Tasche fand ich 500 Kronen [etwa 20 Euro], die vorher dort nicht gewesen waren. Noch einmal sah ich hinüber zu dem Mann hinter seinem Tresen. Er war damit beschäftigt, Tassen mit einem Küchentuch abzutrocknen. Für einen kurzen Moment trafen sich unsere Blicke. Er lächelte mir zu und reckte mir aufmunternd einen Daumen entgegen.

Sicher, man hätte sich für dieses Geld so manches leisten können. Ich aber habe meiner Tochter erstmal einen Trdelník gekauft. Sie hatte diese süßen Teigröllchen bereits oft gesehen. Deren Duft hatte sie ein ums andere Mal beinahe um den Verstand gebracht. Immer wieder hatte sie gequengelt: „Ich will einen Trdelník! Ich will einen Trdelník!“

Meine Tochter kaute also an ihrem Trdelník, die Backen ganz mit dunkler Schokolade verschmiert, und lächelte. Sie schien in diesem Augenblick vollkommen glücklich.

Ich will lieber arbeiten

Den Weg nach Hause haben wir recht schnell gefunden. Wir hatten ja die Adresse in tschechischer Sprache, Google Maps und obendrein ausreichende Englischkenntnisse. Zum ersten Mal in meinem Leben war die englische Sprache mehr für mich als eine bloße Ansammlung von Grammatikübungen. Ohne Englisch fände ich nicht nach Hause, könnte niemanden begrüßen, könnte keine menschliche Wärme spüren.

Während wir noch versuchten die richtige Klingel zu finden, öffnete Jitkas Mann das Haustor. Er erkannte uns gleich wieder und ließ uns hinein. Jitka wunderte sich, wie wir es alleine nach Hause geschafft hätten. Ich hingegen wunderte mich, was daran hätte verwunderlich sein sollen. Ich war doch schließlich viel herumgekommen in der Welt. Ich war mit Google Maps schon in Vilnius, Krakau, San Francisco, Berlin und Stockholm.

„Weißt du, meine Freundin bittet mich ständig, sie von der U-Bahnstation abzuholen. Es fällt ihr schwer, sich an den Weg zu erinnern“, erklärte Jitka.

„Hast du schon dein Flüchtlingsgeld abgeholt?“, fragte sie beiläufig. „Flüchtlinge aus der Ukraine haben Anspruch auf Flüchtlingsgeld.“

„Nein“, entgegnete ich. „Ich werde auch nicht gehen. Jemand anderer wird das Geld sicher nötiger haben. Sollen sie das Geld bekommen. Ich will lieber arbeiten.“

„Und als was willst du arbeiten?“, fragte Jitka.

In diesem Augenblick wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich zu nichts zu gebrauchen war. All meine Fertigkeiten und Kenntnisse waren hier wertlos. Mein ganzes Leben lang habe ich mich mit Kunstprojekten beschäftigt, habe Ausstellungen organisiert, auf Russisch und Ukrainisch geschrieben, Erzählungen und Drehbücher verfasst. Mein Englisch überstieg die Niveaustufe B2, was freilich nicht bedeutete, dass ich die Niveaustufe C1 ganz erreicht hätte. Mein Deutsch dümpelte irgendwo auf Niveaustufe A1, wenn überhaupt. Tschechisch zu lernen war mir nie ernsthaft in den Sinn gekommen. Jitka, die meinen Bewusstseinsstrom mitangehört hatte, unterbrach mich schließlich mit einer Frage: „Vielleicht könntest du die Geschichte deiner Flucht aufschreiben? Ich kenne da einen Verlag, der sich für so etwas interessieren könnte. Sie würden deinen Text dann übersetzen.“

Ich versuchte mich also als Autorin und schrieb meinen ersten Artikel. Ich schrieb und weinte. Meine Augen waren so voller Tränen, dass ich kaum die Buchstaben vor mir sehen konnte. Immer wieder musste ich unterbrechen. Damals wurde mir klar, dass ich Hilfe benötigte. Ich begann eine Psychotherapie.

Die Psychotherapeutin

„Sie sind so anders, wenn Sie über Geld sprechen, Oksana. Sie scheinen sich zu verschließen“, sagte die Psychotherapeutin auf der anderen Seite des Computerbildschirms, nachdem sie von meinem Gespräch mit Jitka gehört hatte.

Sie war eine nette Frau, älter als ich. Sie lebte bereits lange in Prag und sprach eine der Sprachen, die ich verstand. Jitka hatte sie an jenem Abend für mich ausfindig gemacht. Danach hatte sie mich mit meinem Computer allein gelassen und die Kinder in ein anderes Zimmer gebracht. Ich war also ganz für mich, hatte meine Ruhe und eine Therapeutin auf dem Bildschirm meines Notebooks.

„Aber ich kann dieses Geld nicht annehmen. Ich kann einfach nicht“, erklärte ich das mir Offensichtliche.

„Aber warum denn? Wenn Jitka Ihnen Geld gibt, dann bedeutet das, dass sie sich das leisten kann. Sie hat den Wunsch, Ihnen zu helfen“, insistierte die Therapeutin.

„Aber ich kann einfach nicht. Das ist demütigend für mich“, erwiderte ich.

„Was ist für Sie demütigend? Geld ist demütigend?“

„Sie verstehen nicht. Sie gibt mir das Geld auf der Straße, als wäre ich eine Bettlerin. Ich bin doch keine Obdachlose, dass ich einfach so dieses Geld annehmen könnte!“

„Und was sind Sie, Oksana?“

Mit dieser Frage ergab für mich alles plötzlich Sinn: Solange ich kein Geld annahm, klammerte ich mich an eine Illusion. Ich verschloss meine Augen vor der Wirklichkeit. Wäre ich nicht vor der Realität geflohen, hätte ich nicht den Kopf in den Sand gesteckt, hätte ich die Dinge erkannt, wie sie waren. Ich hätte begriffen, dass ich in dieser Realität nicht nach Hause zurückkehren konnte, dass ich eine Obdachlose war, dass ich Geld brauchte.

Psychotherapeuten nennen diese Dinge insights. In meiner Vorstellung sammelte ich sorgfältig die Splitter, die von meiner rosaroten Brille geblieben waren, zermahlte sie zu Staub und verstreute sie in alle Winde. Danach ging ich zu Jitka und bat sie um Entschuldigung. Ich erklärte ihr, dass nicht sie, sondern ich das Problem gewesen sei. Jitka hörte mir aufmerksam zu, umarmte mich und fragte, was ich morgen machen wolle. Geld hat sie mir nie wieder angeboten.

Der Artikel mit meiner Geschichte wurde ins Tschechische übersetzt. In wenigen Tagen wurde er über dreißigtausend Mal gelesen. Daraufhin erhielt ich das Angebot, einen weiteren Artikel zu schreiben.

Oksana aus der Ukraine: Deník uprchlice (Tagebuch einer Geflüchteten)
Verlag Brána 08/2022
Paperback; 192 Seiten

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