(Sub)Kultur eines Krieges  Der Frontstadt-Effekt

Trotz des Krieges: Auf den Straßen und Plätzen von Charkiw geht es lebendig zu.
Trotz des Krieges: Auf den Straßen und Plätzen von Charkiw geht es lebendig zu. Foto: © Oleksandr Kotsarev

Der Dichter Oleh Kotsarev fand die Straßen seiner Heimatstadt Charkiw sehr lebendig vor. Abiturient*innen tanzen Walzer zum Klang einer Luftschutzsirene. Und auch ausländische Künstler*innen kommen weiterhin zu Besuch in die Stadt, die nur 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt.

Erst in meiner Heimatstadt Charkiw wurde ich fündig. In allen anderen Städten der Ukraine war das Buch, nach dem ich gesucht hatte, längst vergriffen. Es handelte sich um einen Band ukrainischer Übersetzungen ausgewählter Werke von William Blake mit dem Titel Lieder der Unschuld und Erfahrung. Die Buchhandlung hatte noch zwei Exemplare.

Das eben Geschilderte wäre eine kaum nennenswerte Episode aus dem Leben eines Literaturliebhabers, wäre da nicht der Krieg, die Kämpfe, die er mit sich bringt, und wären da nicht die S-300 Raketen und das andere todbringende Gerümpel, mit dem Russland die Stadt Charkiw beschießt. Charkiw liegt nur rund vierzig Kilometer von der russischen Grenze entfernt, und doch geht das kulturelle Leben weiter, wenn auch mit bitterem Beigeschmack.
 

Das größte Platz Europas

Eine der Hauptstraßen von Charkiw trägt den Namen Sumska. Die Widersprüchlichkeit des ukrainischen Lebens findet hier lebendigen Ausdruck. Zerstörte Häuser mit vernagelten Fenstern wechseln sich ab mit lebensbejahendem Großstadtgefunkel: mal witzige, mal pathetisch-patriotische Aufschriften über den Türen der Kneipen, Straßenmusiker*innen, Scharen von Jugendlichen.

Westlich der Sumska-Straße liegt der Platz der Freiheit, den die Einheimischen gerne als größten Platz Europas bezeichnen. Auf der einen Seite des Platzes steht das Gebäude der Charkiwer Gebietsverwaltung, das während der Angriffe ganz schön in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die andere Seite des Platzes wurde weniger stark beschädigt. Wer zum ersten Mal hierherkommt, wird überrascht: der Platz ist nahezu vollständig mit Autos zugeparkt – und das in der Frontstadt Charkiw. Anders als noch vor dem 24. Februar 2022, scheint die Zahl der Autos nun sogar jene der Fußgänger*innen zu übertreffen.

In weiterer Entfernung ist Musik zu hören. In einem Park, ganz in der Nähe des Derzhprom-Gebäudes, einem Architekturdenkmal des Konstruktivismus, tanzen festlich gekleidete Absolvent*innen ihren Schulabschluss-Walzer. Mit einer traditionellen Walzer-Melodie hat die Musik freilich wenig gemein, aber das ist nebensächlich. Plötzlich stimmt die Luftalarmsirene in die Musik mit ein. Dies stört die Abiturient*innen jedoch nicht; es wird munter weitergetanzt. Das Video von jenem „Luftangriffs-Walzer“ ist bald in den ukrainischen sozialen Netzwerken viral geworden.

Performative Kunst ist jedoch keine Luftabwehr die Gefahr ist immerhin real. Nach einer Weile verlassen die Absolventinnen und Absolventen schließlich doch den Platz. Es werden Außenbezirke weitab des Zentrums beschossen, die nördliche Vorstadt wohl, die näher an der Grenze zu Russland liegt.
Charkiwer Abiturient*innen tanzen vor Ruinen. | © Suspilne Charkiw

Ironisches Puzzle

Ein weiteres Bespiel für die Verbindung des Lebensbejahenden und der schwarzen Ironie in der (Sub)Kultur Charkiws ist ein Puzzle, das jüngst in der Stadt hergestellt wurde. Dessen Sujet ist alles andere als banal: Es handelt sich um die Fotografie eines 16-stöckigen Hochhauses im Bezirk Nordsaltiwka, das nach einem Beschuss teilweise abgebrannt ist. (Nordsaltiwka ist der durch russischen Beschuss am meisten in Mitleidenschaft gezogene Bezirk Charkiws.)

Wer die Sumska-Straße in Richtung Altstadt hinuntergeht, mag einen nachdenklichen Blick auf das Historische Museum werfen. Vor gut zehn Jahren wurde um das Museumsgebäude herum eine Glasfassade errichtet. Erstaunlicherweise (toi, toi, toi) ist diese bisher unversehrt geblieben. Aber was könnte in Kriegszeiten weniger praktisch und kurzlebiger sein als Glasarchitektur?

Ganz in der Nähe beginnt gerade eine Stadtführung, organisiert von einem in Charkiw ansässigen Historiker. Ich schließe mich der Gruppe an. Die Führung wurde anlässlich des Jahrestages der Eröffnung des Charkiwer Konservatoriums konzipiert. Der Rundgang führt durch die Gassen und Straßen der Altstadt und endet mit einem klassischen Konzert im Gebäude des Konservatoriums.

Konzert im Konservatorium Konzert im Konservatorium | Foto: © Oleksandr Kotsarev Tatsächlich, in der Stadt werden immer noch Konzerte veranstaltet. Auf dem Programm stehen klassische und moderne Musik. Es ist jedoch nicht immer einfach einen passenden Veranstaltungssaal zu finden, denn dieser sollte sowohl als Konzerthalle als auch als Schutzkeller nutzbar sein. Trotz aller Schwierigkeiten finden sich immer wieder passende Räume. So findet etwa ein Konzert mit Musik von Charkiwer Komponisten des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts im Rahmen des Kharkiv Music Festivals in einem kleinen Art-Klub statt. Ein anderes Beispiel bieten die Studentinnen und Studenten der örtlichen Musik- und Kunstschulen, die in einem großen Einkaufszentrum auftreten.

„Wir geben nicht auf!“

Ist es möglich, dass nur wir Charkiwer*innen so kulturverrückt sind? Nein. Bald findet in der Stadt eine Tanzperformance der deutschen Choreographin und Tänzerin Sasha Waltz statt. Vor einiger Zeit war außerdem der tschechische Dichter Jaromír Typlt in Charkiw zu Gast. Er besuchte die Stadt auf Einladung des örtlichen Literaturmuseums. Die Eindrücke, die Typlt in der Stadt gewonnen hatte, haben diesen sogar zu einem Gedicht inspiriert. Darüber hinaus hat er die ukrainische literarische Avantgarde der 1910er bis 1930er Jahre für sich entdeckt – eine Literatur, die außerhalb der Ukraine nach wie vor praktisch unbekannt ist.

In Sichtweite vom Slowo-Haus


Schlangenwindung
doppelt gewunden: im Fenster
bleiben graue Streifen kleben
sonst zerbirst bei Explosionen das Glas.

Die Fenster nebenan
sind schon sauber, durchscheinend
obwohl von oben noch immer was kommen kann
alles. Schlangenwindung

die ich vor allem als Zeuge gesehen haben soll
hielt mich auf, ich habe ja Zeit für den wechselnden
Widerstand
von äußerem und innerem Glas
wie er sich von unten durchbohrt
wiederholt
im Abstand
zwischen den Schattenstrichen: gebildeter Abbrüche

Wann hat hier jemand zuletzt hinausgeschaut?
Vielleicht sind sie noch nicht zurück.
Alles in Eile zugeklebt, zugesperrt
inzwischen ist ein Jahr fort.

Festgeklemmt im Ornament
zähle ich die Verse ab, damit auch sie sich winden.
Den Händen, die das alles abreißen und säubern werden
mache ich da wohl noch mehr Arbeit.

Charkiw, März 2023


Jaromír Typlt
(aus dem Tschechischen von Martina Lisa)


Streetart des Künstlers Hamlet Zinkivskyi Streetart des Künstlers Hamlet Zinkivskyi | Foto: © Oleksandr Kotsarev Das rege Kulturleben beherrscht bei Weitem nicht die ganze Stadt. Je weiter man sich vom Zentrum entfernt, desto mehr wird man Menschen gewahr, die vorrangig um ihre Sicherheit besorgt sind, die daran denken, wie sie mehr verdienen und weniger ausgeben können. Nachrichten über den Kriegsverlauf sind hier omnipräsent. Die Leute diskutieren mit ihren geflüchteten Angehörigen und Verwandten, wann es für sie wieder eine Möglichkeit gäbe, in die Stadt zurückzukehren. (Meine Nachbar*innen wollen bereits jetzt aus Deutschland zurück nach Hause kommen. Meine Verwandten hingegen scheinen das Ende des Krieges abwarten zu wollen.) Das Einzige, was in diesen Stadtteilen an Kunst erinnert, ist die zwar spektakuläre, aber doch recht eintönige Street Art…

Und dennoch – die Kultur selbst ist zu einem Symbol der Frontstadt Charkiw geworden, einer verwundeten, aber lebendigen Stadt. In den ersten Kriegsmonaten wurden Konzerte und Ausstellungen in der U-Bahn und selbst in vom Krieg zerstörten Gebäuden organisiert. Damals ging es darum, dem russischen Aggressor zu zeigen: Wir geben nicht auf! Heute ist die Kultur ein Symbol dafür, dass die Stadt überlebt hat, dass sie weiterlebt, dass sie auch am Rande des Abgrundes ihren Spirit bewahrt hat. Hierin liegt die Quelle des besagten Pathos, jener „Trotz-allem“-Ästhetik, jener unheimlichen Ironie.

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