Mord an Ján Kuciak
Trauer, Vorwürfe, Wut

Für eine anständige Slowakei: Der Mord an Ján Kuciak und Martina Kušnírová trieb  ab Februar 2018 zehntausende Menschen auf die Straße. Es handelte sich um die größten Proteste in der Slowakei seit dem November 1989. Foto: © David Ištok | Aktuality.sk

Das Buch „Vlastnou hlavou 2“ („Mit dem eigenem Kopf 2“) ist die Fortsetzung der packenden Geschichte hinter den Kulissen der ehemaligen slowakischen Regierungspartei Smer-SD. Es enthält Aussagen von Personen aus dem Sicherheitsapparat und aus dem engen Umfeld des früheren Premierministers Robert Fico. Es analysiert die Ereignisse, die das bittere Ende des dreimaligen slowakischen Regierungschefs besiegelten und fasst die entscheidenden Affären während dessen dritter Regierungszeit zusammen. Der folgende Text mit dem Titel „Trauer, Vorwürfe, Wut“ ist das persönlichste Kapitel des Buches. Sein Autor, der Investigativjournalist Marek Vagovič, war der direkte Vorgesetzte und Mentor des ermordeten Ján Kuciak. Vagovič beschreibt die Stunden und Tage unmittelbar nach dem Mord an seinem Freund und Kollegen. Das Kapitel veröffentlichen wir mit Genehmigung des Autors als exklusive Vorpremiere vor dem offiziellen Verkaufsstart des Buches „Vlastnou hlavou 2“ („Mit dem eigenem Kopf 2“) am 12. November 2020.

In den ersten Tagen nach dem Mord durchlebte ich gemischte Gefühle. Von den politischen Turbulenzen habe ich nicht sehr viel wahrgenommen: Im Zusammenhang mit dem Tod meines Freundes und Kollegen Ján Kuciak, mit dem ich eng zusammengearbeitet habe, kam mir das unbedeutend, ja sogar banal vor. Das war natürlich Unsinn, denn die Stimmen, die einen historischen Richtungswechsel forderten, waren die logische Folge des Schocks von Veľká Mača [wo der Mord geschah, Anm.d.Red.]. Während dieser Zeit kämpfte ich jedoch mit mir selbst. Die Nachrichten über Ján und Martina habe ich nur nebenbei verfolgt, weil sie mir Angst machten. Als ich am Zeitungskiosk irgendeine Zeitschrift mit ihren Fotos auf dem Titelbild bemerkte, traten mir Tränen in die Augen, als hätte ich jemanden aus der Familie verloren. Ich habe das persönlich genommen, vielleicht zu sehr.
 
Ich weinte auch, als ich bis spät in die Nacht Jáns Artikel über die italienische Mafia in slowakischen Regierungskreisen editierte. Das war nur ein paar Stunden nachdem ich von seiner Ermordung erfahren hatte. An diesem Abend habe ich eine Flasche Wein getrunken, obwohl ich sonst beim Arbeiten nicht trinke. Meine Gefühle überwältigten mich auch am nächsten Tag während eines Interviews für die ARD, das wir schließlich unterbrechen mussten. Schwierig war für mich auch Jáns Beerdigung in Štiavnik, als ich mich mit einer Ansprache im Namen der Redaktion von Aktuality.sk von ihm verabschiedete. Als Chefredakteur Peter Bárdy mir sagte, ich solle eine Trauerrede vorbereiten, schnürten sich mir Kehle und Magen zusammen.
 
Nachdem ich die Schlussworte „Die Wahrheit wird siegen“ ausgesprochen hatte, trat ich beiseite und holte tief Luft. Erst auf dem Weg nach Bratislava kam ich irgendwie wieder zu mir, als meine Kollegen und ich überlegten, ein Buch über Ján und Martina zu schreiben. Als Erinnerung und Vermächtnis für zukünftige Generationen, damit sie nie in Vergessenheit geraten. Die Leere, die ich fühlte, war lähmend. Trotzdem schaffte ich es, mich zumindest soweit aufzuraffen, dass ich in den hektischen Tagen nach dem 26. Februar 2018 begann, mich mit meiner und der Sicherheit meiner Familie zu befassen.
 
Eher präventiv, obwohl am Tatort verstreute Kugeln gefunden wurden. Das war mir damals nicht ganz egal, denn im ersten Moment fragte ich mich, ob das vielleicht eine rituelle Botschaft für weitere Journalisten sein sollte. Glücklicherweise wurde schnell klar, dass diese Kugeln nur aufgrund der ungeschickten Vorgehensweise des Schützen Miroslav Marček dort herumlagen. Nach einem Treffen mit zwei Ermittlern, denen ich vertraute, bat ich die Polizei jedoch für alle Fälle um Schutz. Eine Zeitlang bewachten sie auch mein Auto, 24 Stunden täglich, bei laufenden Überwachungskameras. Die Polizisten begleiteten mich mehrere Wochen, nicht einmal den Müll konnte ich ohne ihre Erlaubnis rausbringen.
 
Sie fuhren mich zur Arbeit und wieder zurück, zu geschäftlichen und privaten Treffen. Wenn ich zu ihnen ins Auto stieg, beobachteten sie ständig genauestens die Umgebung. Sie verhielten sich höchst verantwortungsbewusst und professionell, waren respektvoll und umsichtig. Über Politik aber sprachen sie kurz angebunden und neutral, gaben Acht auf jedes Wort. Dank ihres Auftretens mir gegenüber wurde ich die anfängliche Angst los. Komplizierter wurde es, als es keine offiziellen Gründe für polizeilichen Schutz mehr gab. Jeden Morgen startete ich den Wagen mit krampfhaft angespannten Armen und Beinen und schaute immer unter die Motorhaube, ob dort nicht Sprengstoff versteckt ist. Während der Fahrt schaute ich dauernd in den Rückspiegel und öfter als sonst „scannte“ ich Unbekannte auch bei Spaziergängen oder einem Gespräch auf der Straße.
 
Auch wenn Beklemmungen und Anspannungen weniger geworden sind, begleitet mich die paranoide Angst vor Unbekannten nun bereits seit zwei Jahren. Wenn jemand Fremdes mich ansprechen möchte, halte ich automatisch Abstand. Gott sei Dank wollen die Menschen meist nur reden und ihre Unterstützung ausdrücken. Obwohl ich heute ein relativ normales Leben führe, wirkt der Mord nachts auf mein Unterbewusstsein. Mehrmals schreckte ich aus dem Schlaf hoch und schrie, dass mich jemand töten wolle. Manchmal träume ich auch von [dem als Drahtzieher verdächtigten Mafioso Marian] Kočner [Anm.d.Red.]. Die Alpträume sind jedoch nichts im Vergleich zu den Selbstvorwürfen, mit denen ich zu kämpfen hatte, als ich erfuhr, dass Ján und Martina ermordet wurden. Lange Zeit habe ich mir immer wieder die gleiche Frage gestellt: Haben wir auch wirklich nichts unterschätzt?
Eine Million auf dem Tisch: Für Hinweise, die zur Ergreifung des Mörders an dem Journalisten und seiner Verlobten führen, wurde eine Belohnung von einer Million Euro festgesetzt. Von links: Polizeipräsident Tibor Gašpar, Preminister Robert Fico und Innenminister Robert Kaliňák. Eine Million auf dem Tisch: Für Hinweise, die zur Ergreifung des Mörders an dem Journalisten und seiner Verlobten führen, wurde eine Belohnung von einer Million Euro festgesetzt. Von links: Polizeipräsident Tibor Gašpar, Preminister Robert Fico und Innenminister Robert Kaliňák. | Foto: © Marko Erd | TASR

Nach seinem Tod dachten viele als erstes, dass die Redaktion für den Schutz von Kuciak hätte sorgen müssen. Chefredakteur Bárdy hatte es Ján angeboten, dieser hatte jedoch abgelehnt. Er hielt es nicht für möglich, dass irgendjemand in der Slowakei im 21. Jahrhundert – nach der Ära des grobschlächtigen Mečiar, der Entführung von Michal Kováč, dem Sohn des damaligen slowakischen Staatspräsidenten und der Ermordung des Polizisten Róbert Remiáš [Kriminalfälle der 1990er Jahre mit Verbindungen in die Politik, Anm.d.Red.] – die Liquidation eines Journalisten anordnen könnte. Und er war mit dieser Einschätzung bei weitem nicht allein. Keiner von uns, die wir schon seit Jahren und lange vor Kuciak auf die Machenschaften und Gräueltaten der Mächtigen aufmerksam machten, glaubte das. Und obwohl Ján noch weiter ging, weil er ein scharfsinnigerer Analytiker war, dessen Ermittlungen für die einflussreichsten Menschen im Staate noch sehr viel gefährlicher wurden, hat niemand von uns auch nur im Traum an einen Mord gedacht.
 
Der Februar 2018 zeigte jedoch, dass es möglich war. Warum aber handelte er ohne irgendeine Vorwarnung, Munition im Briefkasten, zerstochene Reifen, Drohbriefe? Warum versuchte er nicht zuerst, Ján mit Strafanzeigen oder Klagen einzuschüchtern? Warum hatte er solche Angst vor seiner Entlarvung, wo er doch bei Polizei, Staatsanwaltschaft, den Gerichten und in der Politik haufenweise korrumpierte Komplizen hatte, die ihm Straffreiheit garantierten? Auch deshalb kam mir irgendwann der Gedanke, dass das Motiv für den Mord ein riesiges Bündel Geldscheine gewesen sein muss. In einer Größenordnung von mehr als 100 Millionen Euro, die der Mafioso Kočner aufgrund der Erkenntnisse aus Jáns Recherchen verlieren konnte. Zum Beispiel die Gewinne aus dem Drogenhandel, die durch Regierungsaufträge, Eurofonds und Mehrwertsteuern gewaschen wurden.
 
Diese Hypothese wirbelte sogar während eines der Verhöre in meinem Kopf herum, als der Ermittler mir eine Zeichnung mit einem Netz von Verbindungen zwischen den Spitzenvertretern der slowakischen Oligarchie, den „Mafiosi mit weißen Kragen“ und dem organisierten Verbrechen zeigte. Jemand hatte das von Hand auf ein großes Stück Papier skizziert und der Polizist fragte mich, ob ich das schon einmal gesehen hätte oder ob ich nicht wüsste, wer der Urheber sei. „Nie gesehen, ich weiß es nicht“, gab ich zu Protokoll. Auf dieser Skizze standen so gut wie alle, die aktuell in der Unterwelt – mit Deckung durch höchste Kreise – etwas zu sagen hatten. Mich überraschten auch das Ausmaß beziehungsweise die Tiefe ihrer gegenseitigen Verstrickungen. Wer konnte die Nuancen dieses Beziehungsgeflechts bis ins kleinste Detail kennen? Und was wusste derjenige eigentlich alles über diese Leute?
 
War es Ján Kuciak, der Schritt für Schritt das slowakische Palermo aufdeckte? Waren die Mafiabosse wirklich unter Druck, nur weil er zig Millionen aus Betrügereien stammende Euro aufgespürt und all dies auch noch in offen zugänglichen Quellen recherchiert hatte? Oder trat ihnen kalter Schweiß auf die Stirn, als sie begriffen, dass er eines Tages auf ein lukratives Drogengeschäft stoßen könnte, das sie selbst ihren ergebensten Äffchen [So sprach Kočner in privaten Chats über die Richterin Jankovská, Anm.d.Red.] in den Strafverfolgungsbehörden nicht würden erklären können? Schließlich wurde der italienische Gangster Antonino Vadala, der mit Vielen bekannt war und über den Ján Kuciak in seinem aktuellsten Artikel geschrieben hatte, im vergangenen Jahr wegen Drogenschmuggels zu neun Jahren Haft verurteilt. Genau der Vadala, mit dem [Model, Unternehmerin und Chefberaterin des ehemaligen slowakischen Regierungschefs Robert Fico, Anm.d.Red.] Maria Trošková und Viliam Jasaň [ehemaliger Abgeordneter der damaligen Regierungspartei Smer-SD, Anm.d.Red.] zusammengearbeitet haben.
 
Paradoxerweise fehlte jedoch auf der besagten Skizze des organisierten Verbrechens, die mir der Ermittler gezeigt hatte, ein wichtiger Name: Marian Kočner. Hieß das, dass er das gezeichnet und sich absichtlich nicht mit aufgeschrieben hatte, um von sich abzulenken? Wenn ja, wozu sollte die Skizze dienen? Damit er den Überblick hatte und sich schnell in der Hierarchie und den Finanzströmen orientieren konnte? Oder hat er nur so aus Langeweile Striche und Pfeile hingekritzelt, die er dann mit bestimmten Bösewichten verband? Natürlich sind das nur Hypothesen, auch wenn die Mafia für gewöhnlich dann tötet, wenn sie unter Druck gerät und es um großes Geld geht. Ähnlich wie auch die Erwägung, dass Kuciak aus dem Weg geräumt wurde, weil er jemandes Drogengeschäften gefährlich werden könnte. Bisher gehen nicht einmal die polizeilichen Ermittlungen in diese Richtung. Trotzdem ist es ein gerechtfertigter Beitrag zur Diskussion über mögliche Mordmotive.
Marian Kočner. Der Hauptakteur der größten Skandale in der jüngeren slowakischen Geschichte. Marian Kočner. Der Hauptakteur der größten Skandale in der jüngeren slowakischen Geschichte. | Foto: © Branislav Wáclav | Aktuality.sk

Im Gegensatz zu oberflächlichen Verschwörungserzählungen, die von den Anhängern „alternativer“ Fakten verbreitet wurden. Die wollten gar nicht wissen, was geschehen ist oder was alles im Hintergrund gewesen sein könnte. Weder kannten sie Jáns Arbeit, noch hatten sie eine Ahnung, was diese eigentlich beinhaltete und wie schwierig es ist, Fakten zu recherchieren und diese zu einem überzeugenden Ganzen zusammenzufügen. Trotzdem verunglimpften sie ihn und stellten ihn als unmündige Marionette dar, die nur das schrieb, was ihr diktiert wurde. Entweder auf Bestellung oder aus jugendlicher Naivität. Dass er sich einfach manipulieren ließ. Alternativ wurde Ján als „heiliges Opfer“ dargestellt, das zum Sturz der Regierung dienen sollte. Natürlich mit missgünstiger Unterstützung aus dem Ausland, wobei das Ganze den Verschwörungserzählungen zufolge der Finanzier George Soros koordiniert hat, der vor kurzem 90 Jahre alt geworden ist.
 
Immer wenn ich derartige Kommentare von „Eingeweihten“ las oder hörte, wurde ich wahnsinnig wütend. Wut war neben Trauer und Selbstvorwürfen noch lange nach dem Mord mein täglicher Begleiter. Obwohl ich auch jetzt noch immer nicht mit völlig kühlem Kopf reagieren kann, habe ich im Laufe der Zeit gelernt, meine Energie nicht dort zu verschwenden, wo es keinen Sinn ergibt. Wenn jemand einen Chip mit Verschwörungserzählungen in seinem Gehirn eingebrannt hat, lässt er sich weder durch Argumente noch durch rationale Erklärungen überzeugen. In den öffentlichen Diskussionen und Gesprächen, die ich damals am laufenden Band führte, versuchte ich jedoch, sachlich und ruhig zu kommunizieren. Ohne überflüssige Emotionen, obwohl ich mir oft fest auf die Zunge beißen musste.
 
Besonders in den ersten Tagen nach dem Mord ging es mir auch ziemlich schlecht, so dass ich nicht nur gegen Trolle und Hater im Internet vorgehen, sondern auch mein körperliches Unwohlsein unterdrücken musste. Kurz vor der Fernsehtalkshow Pod lampou (Unter der Lampe) mit [dem Moderator und Chefredakteur der Wochenzeitschrift .týždeň] Štefan Hríb und [dem Chefredakteur der Tageszeitung Denník N, Anm.d.Red.] Matúš Kostolný war mir so elend zumute, dass ich meine Teilnahme absagen wollte. Ich war müde, gestresst und angewidert. Ich fühlte mich wie von einer Dampfwalze überrollt, wie ein 40-Jähriger im Körper eines 70-Jährigen. Zu vielen Gesprächen überwand ich mich, denn ich wollte nicht, dass die Medien von denjenigen dominiert werden, die eine zweifelhafte Auslegung der Wahrheit betrieben. Ján war unser Kollege, wir wussten am meisten über ihn. Als sie anfingen, sein Andenken zu beschmutzen, mussten wir uns zu Wort melden, auch auf das Risiko hin, dass die Menschen mit der Zeit seiner Geschichte überdrüssig sein würden.
 
Zu den öffentlichen Debatten begleitete mich ein Bodyguard, der nicht so verschlossen war, wie seine Kollegen. Während der Veranstaltungen saß er unauffällig im Zuschauerraum. Danach führten wir bei der einen oder anderen Zigarette lange Gespräche über Polizei, Politik und das Leben. Er hat mich nie zur Eile angetrieben, obwohl die Debatten am späten Abend stattfanden. An viele Interviews habe ich keine Erinnerungen mehr, da ich, besonders in den ersten zwei Wochen nach dem Mord, auch gut und gerne zehn pro Tag absolvierte. An eines erinnere ich mich jedoch ganz genau. Einen Reporter des japanischen Fernsehens interessierte das Diagramm des Beziehungsgeflechts, das wir im Besprechungsraum der Redaktion von Aktuality.sk an die Wand gehangen hatten. Es war nicht das gleiche wie jenes, das mir der Ermittler bei der Anhörung gezeigt hatte, bestimmte Teile deckten sich jedoch. Und wir hatten darauf Namen wie Fico, Kaliňák [ehemaliger Innenminister für die Smer-SD], Počiatek [Politiker der Smer-SD, Anm.d.Red.], Trošková oder Jasaň ergänzt.

Ich habe vergeblich versucht, dem Japaner klar zu machen, dass es in der Slowakei wirklich so war, dass das organisierte Verbrechen seine Tentakel bis ins Büro des Ministerpräsidenten ausgestreckt hat. In seinem Land treten Politiker nämlich bereits wegen wesentlich geringeren Vergehen zurück. Zum Beispiel schon wegen eines kleinen privaten Einkaufs mit der dienstlichen Kreditkarte. Nur waren wir schon völlig abgestumpft und hatten uns nach und nach an die Chamäleons in teuren Anzügen gewöhnt, die uns wie Frösche in heißem Wasser kochten. Ich persönlich hatte nie eine sehr hohe Meinung von ihnen, aber wenn man zwanzig Jahre lang Schmutz aufdeckt, stumpft das Hirn irgendwann ab. In der Folge wird man ein bisschen zynisch und betrachtet die Politiker mit anderen Augen, weil man von ihnen nichts Gutes erwartet. Der Mord an dem Journalisten und seiner Verlobten war jedoch ein Präzedenzfall, der das ganze Land in eine neue Realität versetzte.
 
Von diesem Moment an war es sehr schwierig, professionellen Abstand zu den Leuten im Umfeld von Robert Fico zu wahren. Besonders, als diese sich ausgiebig an Verschwörungserzählungen beteiligten: Als ob es nur darum ginge, wer schließlich die Oberhand behalten würde, und nicht um zwei ausgelöschte Menschenleben. Absurde Konstruktionen wurden auch von anderen hochrangigen Staatsbeamten ersonnen. So vermutete der ehemalige Polizeichef Gašpar kurz nach dem Mord, es könnte sich möglicherweise um Drogenkriminalität handeln. Obwohl er später seine Äußerungen zurücknahm, blieb nach seinem Auftritt ein bitterer Nachgeschmack zurück. Und der Zweifel, ob er sich nur versprochen hat, ob er nur die Fakten nicht ausreichend gecheckt hatte oder ob er die Vermutung mit Absicht geäußert hatte. Unter Mečiar hegten Gegner des Regimes ähnliche Zweifel, wenn dessen systemtreue Anhänger sie in den Augen der Öffentlichkeit diskreditieren wollten. Darüber hinaus wird Gašpar verdächtigt, die Anweisung zu einer Abfrage von Personaldaten Ján Kuciaks aus der Polizeidatenbank erteilt zu haben, sodass bei seiner Bewertung der „Beweise“ von Veľká Mača auch persönliche Beweggründe eine Rolle gespielt haben könnten. Außerdem pflegte er nie eine besonders große Distanz zu Verschwörungserzählungen, was sich nach seinem Ausscheiden aus dem Amt in sozialen Netzwerken bestätigt.
 
Es wurden auch völlig an den Haaren herbeigezogene Vermutungen über Eifersucht als Mordmotiv laut. Oder über Vergeltung eines Developers, dem Kuciaks Verlobte Martina Kušnírová angeblich durch archäologische Forschungen das Geschäft vereitelt hat. Mehrere Tage lang waren auch unbegründete Annahmen im Umlauf, dass der Mord von der sogenannten Justizmafia angeordnet wurde. In diesem Fall war jedoch wohl eher der Wunsch des „Analytikers“ der Vater des Gedanken. Trotz meiner Wut forderte ich unmittelbar nach der Tragödie keine Rache, vorgezogene Wahlen oder Rücktritte von hochrangigen Mitarbeitern bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Zu diesem Zeitpunkt war ich überzeugt, dass sich die Strafverfolgungsbehörden auf ihre Arbeit konzentrieren sollten. Radikale Veränderungen könnten die Suche nach den Mördern und Auftraggebern verzögern oder sogar unmöglich machen. Und wenn die heißen Spuren abkühlen, wären die Erfolgschancen noch viel geringer.
 
Es wurde jedoch schnell klar, dass weder Gašpar, noch Hraško oder Krajmer die Ermittlungen federführend leiten konnten. Und dass ein internationales Team gebildet werden muss, das die Untersuchungen beaufsichtigt. Als das geschehen war, konnte die Ermittlungskommission in Rekordgeschwindigkeit – angesichts der Sensibilität und der gesellschaftlichen Tragweite des Falls –zufriedenstellende Ergebnisse vermelden. Mehrere Monate lang folgte sie jedoch einer falschen Spur, die vielen, mich eingeschlossen, plausibel erschien. Da Ján kurz vor seinem Tod über die italienischen Mafia gearbeitet hatte, hielt ich die Version, dass ihn die ‘Ndrangheta aus dem Weg räumen ließ, für am wahrscheinlichsten. Am zweitwahrscheinlichsten erschien mir ein Auftragsmord der albanischen Mafia, über die Kuciak auch alles Mögliche wusste und plante, darüber zu schreiben. Kočner kam auf meiner Liste erst an dritter Stelle, da ich nicht erwartet hätte, dass er nach öffentlichen Drohungen gegen meinen Kollegen das Risiko eingehen würde, der Hauptverdächtige zu sein, den man sich als erstes vorknöpfen würde.
 
Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde Ján Kuciak auch gegen seinen Willen Personenschutz erhalten, obwohl sich in erster Linie der Staat hätte darum kümmern müssen. Möglicherweise hätte er den Rest seines Lebens in gepanzerten Autos umherfahren müssen, wie der italienische Investigativ-Journalist Roberto Saviano, der seit Jahren in einem fensterlosen Raum schläft, nirgendwohin geht und niemanden trifft. Das wäre zwar kein Leben, sondern eher ein Gefängnis, aber Ján wäre immer noch lebendig unter uns. Irgendwann hätte er vermutlich ein Buch über die slowakische Mafia im Schafspelz geschrieben, das ein Bestseller geworden wäre. Nach dem gewaltsamen Tod von Ján und Martina bleibt uns nichts anderes übrig, als zu glauben, dass am Ende nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Gerechtigkeit siegt, auch wenn das noch ein langer Kampf wird.

Marek Vagovič: Vlastnou hlavou 2 Im Interview mit JÁDU spricht Marek Vagovič darüber, welche der Affären, die er in seinem Buch beschreibt, ihn bis heute nachts nicht schlafen lassen. Trotzdem glaubt er, dass der slowakischen Polizei nun endlich nicht mehr die Hände gebunden sind und sich die Schlinge auch um den ehemaligen Premierminister Robert Fico zu zieht:

Interview mit Marek Vagovič: „Jeden Tag bin ich gespannt, wen die Kripo als nächstes festnimmt“

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